Krieg, Natur, Mensch

PD Dr. Kulle
PD Kulle

Krieg liegt in der Natur des Menschen

Überlegungen von PD. Kulle

Jede Art hat ihre Eigenart. Jede Art ist stolz auf sich. Aber nicht jede Art ist stolz auf jede Eigenart.

Homo sapiens sapiens zum Beispiel unternimmt alles, um zu verbergen, dass Krieg zu seiner Natur gehört. Er versteckt diese destruktive Anlage nicht nur vor seinen Artgenossen, sondern auch vor sich selbst. Das gelingt mitunter sogar, obwohl der Mensch einen großen, wenn nicht den größten Teil seiner Intelligenz und seiner Gefühle auf die Beschäftigung mit kriegerischem Verhalten verwendet.

Was ist hier unter Krieg zu verstehen?

Zunächst das Naheliegende: Krieg gegen Artgenossen mit dem Ziel, sie physisch zu vernichten und /oder ihnen ihren Besitz zu nehmen, um diesen sich selbst anzueignen.

Aber damit nicht genug. Zum Krieg im weiteren Sinne gehört auch die räuberische Aneignung des Reichtums, den die Erde  meist kostenlos bereitstellt: Nahrung und Bodenschätze1.

Sehr wenigen Menschen ist dieser zerstörerische Wesenszug bewusst geworden. Nur einige von ihnen haben versucht, gegenzusteuern. Dazu mussten sie viele Anhänger für ihre Idee gewinnen. Wenn man sehr große Gruppen, wenn man Massen erreichen will, muss man den Menschen eine Geschichte erzählen, die zur Grundlage einer bestimmten Weltsicht und des daraus folgenden Handelns gemacht werden kann. Es geht also um Religionen oder Ideologien.

Alle Religionen sind Ideologien, aber nicht alle Ideologien sind Religionen.

Betrachten wir den jüdisch-christlichen Bereich2. Hier ist eine völlige Kehrtwendung von einer aggressiven zu einer pazifistischen Lehre zu beobachten.

Im Buch Genesis des Alten Testaments werden die gerade erschaffenen Menschen von ihrem persönlichen Gott dazu aufgefordert, sich zu vermehren und sich die Erde untertan zu machen – eine angesichts „paradiesischer“ Lebensverhältnisse unsinnige Forderung, die aber von den bald aus dem Garten Eden Vertriebenen sicher dankbar aufgegriffen wird. Später wird göttlicherseits zwischen eigenen und fremden Menschen unterschieden. Die Fremden gilt es zu vernichten. Zur Bekräftigung seiner Siegesabsichten führt der Gott des Alten Testaments sein auserwähltes Volk höchstpersönlich in blutige Kämpfe gegen andere Stämme, die den Primat des Judengottes nicht anerkennen wollen.

Einige hundert Jahre später, im dicht bevölkerten Römischen Reich in seiner Blütephase, ist für einen Angehörigen der jüdischen Minderheit in einer unbedeutenden Provinz ein solches Hau-drauf-Verhalten fehl am Platz. Er ist gut beraten, wenn er seine Anhänger nicht dazu auffordert, sich die Erde untertan zu machen, denn das bedeutete, gegen die herrschenden Eliten vorzugehen.

Was also tun? Was ist opportun?. Jesus von Nazareth3 findet einen Ausweg, der der kriegerischen Natur des Menschen entgegengestellt wird: Er predigt Liebe, Demut und Verzicht. Und er weckt Hoffnung: Keine Hoffnung auf ein irdisches Leben in einem Land, in dem Milch und Honig fließen, sondern Hoffnung auf die ewige Seligkeit an der Seite des himmlischen Vaters.

Eine solche Lehre kann auf fruchtbaren Boden fallen, wenn sie Anhänger überwiegend bei den Unterdrückten der Gesellschaft findet. Was aber tun, wenn eine Pazifismus und Verzicht propagierende Lehre zur Staatsreligion in Reichen erklärt wird, deren herrschende Klassen ganz andere Ziele verfolgen?

Da gilt es, flexibel zu sein. Neue Deutungen zu suchen. Sich an Altes zu erinnern. Selektiv mit Aussagen umzugehen. Alles das, um der Kriegslüsternheit ein Gott wohlgefälliges Mäntelchen umzuhängen.

Und so finden die Eroberungszüge in den Nahen Osten im Zeichen des Kreuzes und unter dem Motto „Deus vult!“ statt. So gibt die mörderische Ausplünderung Lateinamerikas der Kirche Gelegenheit, die Rettung der Seelen der Heiden zu propagieren4..

Die schwindende Macht der traditionellen christlichen Kirchen in Europa, die einhergeht mit den vielfältigen und sich rasch wandelnden Anforderungen des entfesselten Kapitalismus, hat nicht zum Verschwinden ideologischer Narrative geführt, wohl aber zu ihrer Vervielfältigung5. In islamisch geprägten Ländern gewinnen religiöse Überzeugungen und Bindungen dagegen an Gewicht.

Welches ideologische Konstrukt auch immer sich Menschen auswählen – und viele haben nicht die Wahl, sondern werden in eine Weltanschauung hineingezwungen – sie müssen ihren sehr wohl vorhandenen persönlichen Wunsch nach einem Leben in Frieden, das ihnen Raum zur Weitergabe ihrer Gene lässt, mit ihrer Kriegslüsternheit zu vereinen suchen.

Die Zauberformel, die sie dazu erfunden haben und mit der sie sich selbst betrügen, lässt sich kurz fassen: Sie führen keinen Aggressionskrieg, sondern werden zur Verteidigung gezwungen. Verteidigung gegen Angriffe und auch Verteidigung eigener Interessen.

Nun ist nicht jeder in einer argumentativ so komfortablen Situation wie etwa die Ukraine6, die in der Tat gezwungen ist, sich gegen die russischen Annexionsversuche zu verteidigen, will sie nicht ihrer Existenz beraubt werden. Aber auch Aggressoren entblöden sich nicht, sich dieser Rhetorik zu bedienen. Der Überfall der deutschen Wehrmacht auf die formal verbündete Sowjetunion7 wurde mit der Notwendigkeit begründet, dem deutschen Volk dringend benötigten „Lebensraum im Osten“ zu verschaffen.

Der US-Präsident George Walker Bush verstieg sich dazu, einen „präemptiven“ Krieg gegen den Irak zu führen, dem er den – erlogenen – Besitz von Massenvernichtungswaffen unterstellte.

Der nordkoreanische Diktator Kim Jong-Un erklärt den Nachbarstaat Südkorea zum gefährlichen Aggressor, um sein in Angst und Armut gehaltenes Volk mit einem ambitionierten Programm atomarer Aufrüstung zu quälen.

Solche Mechanismen erklären die permanente Existenz von Kriegen auf der Erde. Mag der Wille des Einzelnen, in Kampfhandlungen hineingezogen zu werden, auch nicht stark sein: Die Phantasie – „Stell Dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin“ – bleibt weitgehend Wunschdenken.

Was aber ist mit denen, die in dem Zustand leben, der gemeinhin als Frieden bezeichnet wird? Den braven Bürgern? Oder auch denjenigen, die bewusst die Ressourcen der Erde übernutzen, die vielleicht häusliche Gewalt ausüben, bei Gelegenheit die öffentliche Hand hintergehen, auch kriminelle Taten begehen? Reicht dergleichen aus, um die kriegerische Anlage in ihrer Natur zu befriedigen? Die Hormone zu produzieren, die der Körper eines Siegers ausschüttet – auch wenn der Sieg nur vorgestellt ist?

Dergleichen reicht natürlich nicht aus, zumal dann nicht, wenn alle nicht in kriegerische Aktionen involvierte Individuen keine kriminelle Energie entwickeln sollen. Ersatzhandlungen müssen her, die stets zur Verfügung stehen, nicht nur zu Silvester.

Die Industrie der Bewusstseinsbildung hat dazu einiges im Angebot.

Im Katastrophenfilm stellt ein großes Unglück die Rahmenhandlung dar. Als ein solches Desaster eignen sich Erdbeben, Überschwemmungen, Vulkanausbrüche, Bedrohungen durch Meteoriten oder Aliens, neue gefährliche Krankheiten, Stürme, Flugzeugabstürze oder Schiffshavarien. Diesem anfänglich übermächtig erscheinenden Ereignis stellen sich aber ein einzelner Mensch oder eine Gruppe von Menschen entgegen, der oder die über sich hinauswachsen und letztlich den Sieg davontragen8

Eng verwandt mit dem Katastrophenfilm sind die Superhelden-Cartoons.

Der Konsument – und in geringerem Maße die Konsumentin – identifiziert sich mit dem oder den Helden, baut dabei Stress ab und Spannung auf, um schließlich zusammen mit den Siegern Testosteron auszuschütten: Schon ist dem Körper Genüge getan. Und dem Gehirn dämmert: Das Gute hat wieder einmal über das Böse gesiegt. Die Menschen sind gut. Ich bin ein Mensch, also bin ich gut. Dem Bewusstsein wird nicht klar: Krieg liegt in meiner Natur als Mensch. 

„Schaust Du hin, so sind die Menschen insgesamt vielleicht  – blöde.“

(sagt das Känguru in dem Film „Die Känguru-Verschwörung“)

Januar 2023

  1.  Schon der Begriff „Bodenschätze“ ist verräterisch: Ein „Schatz“ darf vom Schatzsucher gehoben werden, er geht in das Eigentum des Finders über. Ein Entgelt wird nicht erhoben.
  2.   Den Begriff „Kulturkreis“ mögen wir in Bezug auf diesen Gegenstand nicht verwenden.
  3.  Oder der Protagonist, den die Evangelisten aus ihm gemacht haben.
  4.   Der wichtigsten nicht transzendenten Ideologie, der Idee des Kommunismus, war übrigens kein besseres Schicksal beschieden. Aus dem Ziel der Befreiung der Arbeiterklasse von ihren Ketten wurde binnen weniger Jahre die Diktatur der Parteispitze über das Proletariat.
  5.  Fortschritt, Individualismus, Esoterik, Veganismus, political correctness – um nur einige Beispiele zu nennen.
  6.  Selbstverständlich ist die Lage der Ukraine in allen anderen Aspekten höchst unkomfortabel.
  7.  vgl. den Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939
  8.   Auch in Kriegsfilmen, die realen Kampfhandlungen nachempfunden sind, siegen immer die „Guten“.

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