{"id":1694,"date":"2024-02-17T22:04:48","date_gmt":"2024-02-17T20:04:48","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=1694"},"modified":"2024-02-17T22:04:48","modified_gmt":"2024-02-17T20:04:48","slug":"kein-froschkoenig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/2024\/02\/kein-froschkoenig\/","title":{"rendered":"Kein Froschk\u00f6nig"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Typ stalkt mich. Seit Jahren macht er das. Oder ist das kein Stalking, wenn man sich jeden Tag sieht? Wir sehen uns jeden Tag, au\u00dfer in den Ferien und wenn einer von uns krank ist oder krank zu sein behauptet. Wir gehen bis zum Abitur in dieselbe Klasse in derselben Schule.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wahrscheinlich meint er es nicht mal b\u00f6se, aber er nervt. Er glaubt, er muss mich besch\u00fctzen. Er hat mich schon mal besch\u00fctzt, das denkt er jedenfalls. Da waren wir beide in der f\u00fcnften Klasse. Und seitdem werde ich ihn nicht mehr los.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Grundschule waren in meiner Klasse nur 18 Kinder, und nach dem Wechsel zum Gymnasium waren es ungef\u00e4hr doppelt so viele. Wie sollte man da lernen k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sa\u00df in der ersten Reihe neben meiner besten Freundin und war fest entschlossen, immer gut aufzupassen, aber das war nicht leicht. Sobald der Lehrer&nbsp; in Mathe oder die Lehrerin in Deutsch sich zur Tafel wendete und etwas anschrieb, flogen Papierk\u00fcgelchen in mein Haar.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie hasst mich. Vielleicht hasst sie mich noch nicht mal, denn sie gibt mir immer das Gef\u00fchl, dass ich gar nicht da bin. Wen man hasst, den nimmt man wenigstens wahr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon am ersten Tag in der neuen Schule fand ich sie klasse. Wir waren 20 M\u00e4dchen und 15 Jungen in der 5a im Gymnasium. Viel zu viele Kinder, viel mehr als in der Grundschule, aber wir Jungen konnten uns die M\u00e4dchen aussuchen. Dachte ich. Auf drei Jungen kamen vier M\u00e4dchen, soviel rechnen konnte ich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber sie lie\u00df mich nicht an sich ran. Schon die Sitzordnung bremste mich aus. Der Klassenlehrerdrachen kannte keine Diskussion: Die M\u00e4dchen sa\u00dfen vorne, die Jungen hinten. Also waren die M\u00e4dchen in den vorderen Reihen brav und passten auf, und wir machten hinten Quatsch und lernten wenig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Papierflieger basteln und mitten in der Sunde lossegeln lassen, wenn der Lehrer was an die Tafel schrieb, das wurde zu unserer beliebtesten Mutprobe. Man durfte sich nicht erwischen lassen, und wessen Flieger am weitesten kam, der hatte gewonnen. Und wer es sogar wagte, seine Segler aus Arbeitsbl\u00e4ttern herzustellen, statt damit zu lernen, war in unseren Augen K\u00f6nig der Klasse.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe lieber meine Prinzessin mit Papierkugeln beworfen. F\u00fcr mich habe ich sie immer Prinzessin genannt. Die K\u00fcgelchen waren aus kleinen Zetteln gemacht, die ich vorher beschriftet hatte. Kleine Liebesbriefe habe ich geschrieben. Sehnsuchtsbriefe. Dass ich sie gerne treffen m\u00f6chte. Sie zu einem Eis einladen oder zu einer Cola. Dass ich sie zu Hause besuchen m\u00f6chte. Dass sie mich in ihr Zimmer einl\u00e4dt. Dass wir knutschen. Die Zettel habe ich so zerrissen, dass man die Texte kaum noch lesen konnte. Es w\u00e4re mir peinlich gewesen, wenn sie mitgekriegt h\u00e4tte, was ich geschrieben habe. Aber nat\u00fcrlich hat sie nicht im Traum daran gedacht, meine Liebesgeschosse aufzudr\u00f6seln. Sie hat sie aus ihren Haaren rausgepult und auf den Boden geworfen. Und sie hat sich w\u00fctend umgesehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich glaube nicht, dass sie gemerkt hat, dass ich sie ge\u00e4rgert habe. Sie hat alle Jungen der Reihe nach angestarrt. Als ich dran war, bin ich mit meinem Stuhl voll nach hinten gekracht. Nat\u00fcrlich haben wir Jungen alle gekippelt, obwohl das streng verboten war: Mobiliar schonen und so. Wer cool war, kippte dabei auch nicht um. Aber wenn einen so ein Granatenblick trifft\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den Stunden also: keine Chance. Auch nicht in den Pausen. Da steckten die M\u00e4dchen auf dem Hof in Gruppen die K\u00f6pfe zusammen und kicherten, w\u00e4hrend wir Jungen wie die Bl\u00f6den um eine Tischtennisplatte hetzten. Jeder hatte einen Schlag. Wer patzte, war raus. Wer \u00fcbrig blieb, war Champion. Bis zur n\u00e4chsten gro\u00dfen Pause.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deshalb habe ich mich auf den Wandertag gefreut. Ja. Wirklich. Trotz des schrecklichen Namens: Wandertag. Nat\u00fcrlich hat unser Klassenlehrerdrachen das mit dem Wandern w\u00f6rtlich genommen. Sie hat gel\u00e4chelt, aber gequ\u00e4lt, als sie uns erkl\u00e4rt hat, dass wir auf diesen Tag Anspruch h\u00e4tten. Er diene der St\u00e4rkung der Klassengemeinschaft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aha, dachte ich. Klassengemeinschaft ist also, wenn die M\u00e4dchen vorne sitzen und die Jungen hinten und m\u00f6glichst wenig miteinander zu tun haben? Und das soll gest\u00e4rkt werden?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich bestimmte der Drachen, wo es lang ging. Wir w\u00fcrden mit der Bahn in eine Stadt fahren und dann nochmal mit der Bahn in irgend ein Kaff, und von da aus zu Fu\u00df zu irgend welchen Klippen. Dort w\u00fcrden wir rasten und picknicken, bevor alles auf demselben Weg zur\u00fcck nach Hause ging. Was wir alles mitbringen m\u00fcssten. Wann wir uns wo treffen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe kaum zugeh\u00f6rt. Das einzig wichtige war der Treffpunkt. Den wollte ich auf keinen Fall verpassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meist kam ich auf den letzten Dr\u00fccker zur Schule, manchmal auch zu sp\u00e4t, aber an dem Tag war ich mindestens eine Viertelstunde zu fr\u00fch am Bahnhof. Wer nicht kam, war sie. Sie tauchte erst in der letzten Minute auf und wurde nat\u00fcrlich sofort von ihren Freundinnen in die Mitte genommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Klassenlehrerdrachen hatte Sitzpl\u00e4tze reserviert: 20 in einem Waggon, 16 in einem anderen. Das verk\u00fcndete sie, als wir auf dem Bahnsteig standen. Es war dann keine \u00dcberraschung, wo die M\u00e4dchen und wo die Jungen sich wiederfanden. Und wo der Klassenlehrerdrachen sa\u00df.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In dem zweiten Zug gab es keine reservierten Pl\u00e4tze mehr. Wir stiegen ein und setzten uns, wo frei war. Ich verlor meine Prinzessin wieder aus den Augen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann kam der Wanderteil des Wandertages. Die M\u00e4dchen taten so, als w\u00fcrden sie gerne durch Pf\u00fctzen und \u00fcber Wurzeln bergauf steigen. Vielleicht machte es ihnen tats\u00e4chlich Spa\u00df. Sie sangen sogar dazu: \u201aEin belegtes Brot mit Schinken, ein belegtes Brot mit Ei\u2026\u2018 Woher kannten sie blo\u00df einen so bescheuerten Text?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir Jungen schlenderten cool hinterher und fanden die ganze Veranstaltung doof. Bis wir an die Klippen kamen \u2013 ja, das war schon was, das mussten wir zugeben. Schroffe Felsplatten, \u00fcbereinander gekippt, ineinander verschachtelt. Hoch in den Himmel. Nat\u00fcrlich wollten wir da raufklettern. Nat\u00fcrlich verbot das der Klassenlehrerdrachen, kaum dass wir angekommen waren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich wei\u00df nicht, warum wir gehorchten. Vielleicht dachten wir an unsere miserablen Leistungen in der Schule und dass wir uns keinen \u00c4rger einhandeln durften. Brav hockten wir uns hin und packten unsere \u00c4pfel und hartgekochten Eier und Thermosflaschen aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann h\u00f6rten wir den Schrei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eHilfe!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie stand da ganz oben. Ich h\u00e4tte ihr unter die R\u00f6cke gucken k\u00f6nnen, wenn sie keine Hosen angehabt h\u00e4tte. Die n\u00e4chste Trittm\u00f6glichkeit f\u00fcr den Abstieg war weit unten, wie weit, war schwer zu sch\u00e4tzen, ich hatte einen ung\u00fcnstigen Blickwinkel. Sie stand da und schwankte leicht. Ihre F\u00fc\u00dfe standen zu nahe beieinander, das konnte ich sehen. Sie traute sich nicht, sich zu bewegen. Niemand traute sich, sich zu bewegen au\u00dfer mir.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich h\u00e4tte jetzt rufen k\u00f6nnen: \u201eIch komme! Halt still! Beweg Dich nicht!\u201c Aber das war mir zu doof. Ich fing einfach an zu klettern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach ein paar Minuten hatte ich sie unten in Sicherheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann kam dieser Wandertag. Ich gebe es ja zu: ich war viel zu leichtsinnig. In Sport bin ich nun mal gut, und ich hatte einen Riesenspa\u00df daran, in Nullkommanix oben auf den Klippen zu sein. Dummerweise hatte ich mir den Weg hinauf nicht gemerkt, und beim Klettern ist es abw\u00e4rts immer schwieriger als aufw\u00e4rts. Wahrscheinlich w\u00e4re nichts passiert, wenn ich den Nerv gehabt h\u00e4tte, in Ruhe nachzudenken. Stattdessen habe ich um Hilfe gerufen wie eine hysterische Zicke aus dem Bilderbuch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich hab es kaum glauben k\u00f6nnen: Er kam sofort anged\u00fcst. Dabei ist er \u00fcberhaupt nicht der sportliche Typ. Eher eine Art Watschelente. Oder ein Frosch. Ein dicker, beh\u00e4biger Ochsenfrosch. Und er hat meine Hand gegriffen, ganz fest, als sei das selbstverst\u00e4ndlich, und hat mich sicher runtergelotst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unten wurde ich nicht rundgemacht, wie ich es erwartet hatte. Alle konzentrierten sich auf meinen Retter. Meine Freundinnen und die Klassenlehrerin \u00fcbersch\u00fctteten den Frosch mit Lob. Die anderen Jungs pfiffen anerkennend, und er wurde ganz puterrot.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich versuchte, mich f\u00fcr den Rest der Veranstaltung unsichtbar zu machen, was mir aber nicht gelang. Mein Vater holte mich n\u00e4mlich vom Bahnhof ab, und nat\u00fcrlich bekam er br\u00fchwarm aufgetischt, was bei den Klippen passiert war. Sp\u00e4testens jetzt, dachte ich, bl\u00fcht mir B\u00f6ses. Aber Papa nahm mich nur sanft in einen Arm. Mit dem anderen umhalste er den Frosch und dr\u00fcckte ihn kr\u00e4ftig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eJunge,\u201c sagte er ger\u00fchrt, \u201ewas auch immer Du Dir von meiner Tochter w\u00fcnschst, Du sollst es bekommen. Meine Tochter will das auch.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was blieb mir anderes \u00fcbrig, als ja zu sagen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seitdem habe ich den h\u00e4sslichen Kerl an der Backe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir sind beide seit dem Wandertag in der f\u00fcnften Klasse nicht h\u00fcbscher geworden, klar. Die Pubert\u00e4t hat uns erwischt, und die ist nun mal ein Sch\u00f6nheitsvernichtungsprogramm. Mein Arsch ist gewachsen und ist viel zu dick, meine Br\u00fcste nerven und sind l\u00e4stig beim Joggen, wenn ich meine Tage habe, kann ich mich selber nicht riechen. Die Haare werden schneller fettig, als ich sie waschen kann, und Fett ist \u00fcberall auf der Haut. Manchmal habe ich das Gef\u00fchl, nur noch aus Pickeln zu bestehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber das ist alles nichts gegen ihn. Er ist die personifizierte Akne. Er besteht nur noch aus Mitessern und Pickeln und Eiterpusteln. Nicht nur im Gesicht. Alle Menschen in der Pubert\u00e4t haben Akne im Gesicht. Jedenfalls alle, die ich kenne. Er aber hat das Zeug, soweit ich sehen kann, am gesamten Oberk\u00f6rper. Nicht, dass ich das sehen m\u00f6chte. Aber er ist eben st\u00e4ndig in meiner N\u00e4he.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist nicht nur die Akne, die mich st\u00f6rt. Abgesehen davon, dass alles an ihm mich st\u00f6rt, dass er mich st\u00f6rt. Er ist gewachsen, nat\u00fcrlich. Breiter geworden in den Schultern. Nicht mehr dick und wabbelig, sondern kr\u00e4ftig. Und wenn ich auf seine Hose gucke, was ich nicht vermeiden kann, alle Frauen, glaube ich, gucken M\u00e4nnern zuerst auf die Hose, dann ist da immer diese Beule. Auch wenn er keine Erektion hat. Er muss einen Riesenschwanz haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zugegeben, unsere Zwangsgemeinschaft hat auch praktische Seiten. Er kann besser Mathe und ich kann besser Deutsch, das entspricht dem klassischen Klischee, ist aber so. Wir helfen uns bei dem Schulkram. Aber nat\u00fcrlich reicht ihm das nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er will zusammen mit mir einen Tanzkurs machen \u2013 das mache ich auch, ich habe es ja versprochen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir fahren gemeinsam auf eine Pfingstfreizeit der Naturfreundejugend in einem Zeltlager \u2013 ich hasse Camping, bei den Haarb\u00fcscheln im Gemeinschaftswaschraum muss ich kotzen, es regnet die ganze Zeit und ist saukalt, aber: Ich habe es versprochen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir machen alle Referate und Pr\u00e4sentationen zusammen, bei denen der eine dem anderen helfen kann oder umgekehrt: Das ist gut f\u00fcr die Zensuren, nervt mich aber, weil wir viel Zeit zusammen verbringen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er wird nach dem Abi mit dem Jahrgang zum Feiern an die Costa Brava fahren. Das werde ich nat\u00fcrlich auch, ich habe es versprochen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich mal etwas nicht will, stellt sich mein Vater quer: Versprochen ist versprochen, hei\u00dft es dann. Du schuldest ihm das. Verdammt! Manchmal habe ich das Gef\u00fchl, der Alte will mich verkuppeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie ist da. Jeden Tag. Direkt neben mir. Und trotzdem meilenweit entfernt. Ich glaube, sie hasst mich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das d\u00fcrfte bald vorbei sein. Die Schule ist vorbei. Wir haben die Abi-Pr\u00fcfungen bestanden, haben einen Abi-Scherz organisiert, der unseren ehemaligen Mitsch\u00fclern zu viel Unterrichtsausfall verholfen hat, wie sich das geh\u00f6rt, und bald werden wir auseinanderlaufen \u2013 studieren, eine Ausbildung anfangen, eine Auszeit nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber vorher ist da noch die Abschlussfahrt unseres Jahrgangs. Wir haben abgestimmt, und das Ergebnis ist nicht \u00fcberraschend: Es geht nach Lloret de Mar. Die meisten haben gedacht, das ist bei Barcelona. Falsch, Barcelona ist 75 Kilometer weit weg im S\u00fcdwesten. Aber das hat letztlich kaum jemanden interessiert: Wir wollen ein paar Tage lang saufen, feiern, Drogen einwerfen und Sex haben, und wenn dann noch Zeit bleibt, am Strand liegen oder shoppen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Sommer ist Lloret ein absoluter Partyhotspot. Hunderttausende von jungen Menschen kommen und wollen dasselbe wie wir.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unser Reiseveranstalter verspricht all inclusive: jeden Tag kostenloser Eintritt in die angesagteste Disco, Partyguides, Party-Warm-Up-Programme, Mottoparties und&nbsp; alkoholische Getr\u00e4nke von 11\u201323 Uhr. Daneben sind Kicker, Darts, Billard und Playstations schon fast Kinderkram.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4re doch gelacht, wenn ich meine Prinzessin dort nicht in mich verliebt machen k\u00f6nnte. Oder, wenn das nicht klappt, sie wenigstens flachlegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er soll es nur nicht wagen, mich anzufassen! Einmal ist genug, damals auf den Klippen. Das reicht f\u00fcr ein ganzes Leben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich ihn jetzt nicht loswerde, auf dieser Fahrt, wird er mich weiter verfolgen und weiter und weiter. Und mein Vater wird die ewige Leier wiederholen: Du hast es versprochen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gestern, am ersten Abend in der Disco, war es fast schon so weit. Er tanzte auf mich zu mit seinem Frosch-Watschelgang, aber dann rockte eine ausgelassene Horde von besoffenen Briten zwischen uns und trennte uns. Danach war es pl\u00f6tzlich so voll, dass man sich kaum noch bewegen konnte. Wenn ich da umgefallen w\u00e4re, h\u00e4tte das vermutlich keiner bemerkt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eigentlich gef\u00e4llt es mir hier nicht, auch unabh\u00e4ngig von ihm. In den Cocktails ist billiger Fusel, das schmeckt man und merkt es an den Kopfschmerzen am n\u00e4chsten Tag. Und dauernd wird man angemacht, ob man irgendwelche Pillen einwerfen will. Ein Typ wollte mir sogar Liquid Ecstasy andrehen. Als ob ich jemanden vergewaltigen wollte!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach drei Tagen wusste ich, wie der Hase l\u00e4uft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am letzten Abend trafen wir uns um Mitternacht und wurden schnell eingelassen, weil ich dem Typen von der Security sch\u00f6ne Augen machte. Wir fingen an zu tanzen, und ich tat so, als ob. Er hatte schnell zwei von seinen Gratisdrinks intus, ich knauserte dagegen mit meinen Gutscheinen. Er war begeistert, als ich anbot, ihm einen Cocktail auszugeben. Bevor ich zur Bar ging, verabredeten wir, wo ich ihn wiederfinden w\u00fcrde. Ich bugsierte ihn in die Ecke, in der in den letzten N\u00e4chten das gr\u00f6\u00dfte Gedr\u00e4nge geherrscht hatte. Wie bei der Love Parade vor ein paar Jahren in Duisburg war es immer. Wenn hier jemand umf\u00e4llt, dachte ich, merkt es kein Schwein. Wenn hier die Panik ausbricht, wirst Du einfach totgetrampelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich dauerte es eine Ewigkeit, bis ich meine Drinks in der Hand hatte. Mit meinem f\u00fcllte ich sein Glas auf. Von den K.O.-Tropfen sch\u00fcttete ich die vierfache Dosis rein und r\u00fchrte mit dem kleinen Finger um. Dann machte ich mich auf den Weg zu ihm. Es war ganz sch\u00f6n schwierig, nichts zu versch\u00fctten, aber ich schaffte es.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er trank gierig und sah mich gierig an. Bevor es auf der Tanzfl\u00e4che zu eng wurde, konnte ich mich retten. Wenn eine Frau aufs Klo muss, gibt es dagegen keine Einw\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich ging direkt in unsere Unterkunft und packte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als der Bus am n\u00e4chsten Vormittag nach Norden aufbracht, war au\u00dfer dem Busfahrer und mir niemand wach. Also bemerkte niemand au\u00dfer mir, dass der Frosch fehlte. Ich hatte damit gerechnet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Februar 2024<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie Der Typ stalkt mich. Seit Jahren macht er das. Oder ist das kein Stalking, wenn man sich jeden Tag sieht? Wir sehen uns jeden Tag, au\u00dfer in den Ferien und wenn einer von uns krank ist oder krank zu sein behauptet. Wir gehen bis zum Abitur in dieselbe Klasse in derselben Schule. Wahrscheinlich meint [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_crdt_document":"","footnotes":""},"categories":[38],"tags":[],"class_list":["post-1694","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-grimmbaerdel"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1694","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1694"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1694\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1694"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1694"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1694"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}