{"id":1700,"date":"2024-03-27T18:19:04","date_gmt":"2024-03-27T16:19:04","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=1700"},"modified":"2024-03-27T18:19:04","modified_gmt":"2024-03-27T16:19:04","slug":"der-dummling-und-der-erpel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/2024\/03\/der-dummling-und-der-erpel\/","title":{"rendered":"Der Dummling und der Erpel"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwei Br\u00fcder suchten Abenteuer und verlie\u00dfen deshalb ihre Heimat, in der es ihnen zu eng war. In einem fernen Land lie\u00dfen sie sich nieder und beschlossen, die Welt einmal so richtig durcheinander zu bringen. Sie selbst, dachten sie, w\u00fcrden dabei viel Spa\u00df haben und reich werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie verlegten sich darauf, Gifte zu machen und zu verkaufen. Kunden fanden sich schnell: Regierungen mussten ihre Soldaten im Krieg gegen Parasiten und Krankheits\u00fcbertr\u00e4ger sch\u00fctzen, Plastikproduzenten waren begierig nach Weichmachern, und Bauern wie Hobbyg\u00e4rtner w\u00fcnschten sich Pestizide.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie wiegten die Kunden in dem Glauben, dass ihre Gifte nur gezielt wirkten, also zum Beispiel gegen L\u00e4use, Malariam\u00fccken oder Unkraut. Oft ging aber etwas schief: V\u00f6gel legten Eier mit d\u00fcnneren Schalen und und bekamen deshalb keinen Nachwuchs mehr, Fabrikarbeiter erkrankten, Fische starben in verseuchtem Wasser, die Zahl der Insekten ging zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich leugneten die Br\u00fcder, dass solche unsch\u00f6nen Entwicklungen etwas mit ihren Giften zu tun hatten, aber mehr als einmal mussten sie z\u00e4hneknirschend akzeptieren, dass ihre Produkte verboten wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach einiger Zeit verloren sie die Lust an ihrem giftigen Spiel und verkauften ihre Fabriken an jemanden, der dumm genug war, ihnen daf\u00fcr viel Geld zu bezahlen. Dumm, weil es niemandem gelang, neue Pestizide zu erfinden, und gegen die alten wurden Pflanzen und Tiere allm\u00e4hlich unempfindlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie reisten wieder nach Hause und fanden dort ihren j\u00fcngsten Bruder, den sie fast vergessen hatten. Er war einf\u00e4ltig, fanden sie, und nannten ihn deshalb den Dummling.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eNa, Kleiner, wie ist es Dir ergangen?\u201c fragte der \u00c4lteste \u00fcberheblich. Eigentlich wollte er gar keine Antwort haben, stattdessen brannte er darauf, mit seinem Reichtum zu prahlen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eMir geht es gut,\u201c antwortete der Dummling. \u201eKommt, ich zeige Euch, wie ich lebe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er f\u00fchrte seine Br\u00fcder in seinen Wald. Bald kamen sie an einen gro\u00dfen Ameisenhaufen. Die zwei \u00e4ltesten wollten ihn aufw\u00fchlen und sehen, wie die kleinen Ameisen in der Angst herumkr\u00f6chen und ihre Eier forttr\u00fcgen. So etwas bereitete ihnen Freude. Mit ihren Giften hatten sie schon vielen Ameisen geschadet. Die kleinen Krabbeltiere waren nur l\u00e4stig und \u00fcberfl\u00fcssig, fanden sie. Aber der Dummling sagte: \u201eLa\u00dft die Tiere in Frieden, ich will nicht, dass Ihr sie st\u00f6rt!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da gingen sie weiter und kamen an einen See, auf dem schwammen viele, viele Enten. Die zwei Br\u00fcder wollten ein paar fangen und braten, aber der Dummling lie\u00df es nicht zu und sprach: \u201eLa\u00dft die Tiere in Frieden, ich will nicht, da\u00df Ihr sie t\u00f6tet!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlie\u00dflich kamen sie an ein Bienennest, darin war so viel Honig, da\u00df er am Stamm herunterlief.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zwei wollten Feuer unter den Baum legen und die Bienen ersticken, damit sie den Honig wegnehmen k\u00f6nnten. Der Dummling hielt sie aber wieder ab und sprach: \u201eLa\u00dft die Tiere in Frieden, ich will nicht, da\u00df Ihr sie verbrennt!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die beiden \u00e4lteren Br\u00fcder waren sich einig: Bei dem Dummling war es einfach nur langweilig. Nichts dufte man kaputtmachen! Sie beschlossen, wieder in die Welt zu ziehen und ihr Gl\u00fcck in der Ferne ein zweites Mal zu versuchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schnell stellten sie fest, dass die Welt, die sie vergiftet hatten, ein unwirtlicher Ort geworden war. Sie litten Hunger, denn die Pflanzen trugen keine Fr\u00fcchte mehr: Die best\u00e4ubenden Insekten waren verschwunden. Und es stank entsetzlich, wohin sie auch kamen: Die kleinen Tiere, die sich fr\u00fcher von Aas ern\u00e4hrt hatten, waren verschwunden. Sie sch\u00e4mten sich, aber sie wussten keinen anderen Ausweg \u2013 sie kehrten zu ihrem Bruder zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSchau an, schau an!\u201c sagte der Dummling. \u201eJetzt wisst Ihr also, dass Insekten wie Ameisen und Bienen wichtig sind, oder? Dass es dumm und kurzsichtig ist, sie zu vergiften oder sonstwie umzubringen? Zum Gl\u00fcck sind meine Tiere ja noch am Leben, ich kann Euch also zu essen geben. Und bei mir riecht es nach Leben, nicht nach Tod.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die \u00c4lteren bedankten sich kleinlaut und futterten, bis alle Teller und Sch\u00fcsseln leer waren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Danach sagte der eine: \u201eEs ist bei Dir, wie es sein soll.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann der andere: \u201eAber \u00fcberall sonst ist die Welt verdorben. Wir haben sie verdorben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und der eine: \u201eKann man das wieder r\u00fcckg\u00e4ngig machen? Kannst Du das?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eMal sehen,\u201c meinte der Dummling. \u201eEs gibt ja noch die Enten. Die sind aber umgezogen und wohnen jetzt in der Stadt. Wir k\u00f6nnen zu Fu\u00df dahin gehen. Keine Sorge, es ist nicht weit!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die beiden \u00e4lteren Br\u00fcder sch\u00fcttelten den Kopf. Enten, die in der Stadt leben! Er war eben doch der Dummling, ihr kleiner Bruder! Aber weil ihnen nichts besseres einfiel, lie\u00dfen sie sich auf den Vorschlag ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Stadt war wirklich nicht weit weg, aber H\u00e4user, Stra\u00dfen und Parks waren deutlich kleiner, als sie es kannten, n\u00e4mlich in entengerechter Gr\u00f6\u00dfe. Nur ein riesiges w\u00fcrfelf\u00f6rmiges Geb\u00e4ude, das auf einem H\u00fcgel thronte, stach heraus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Dummling zeigte darauf: \u201eDahin m\u00fcssen wir! Ich empfehle Euch, sehr h\u00f6flich zu ihm zu sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eZu ihm? Wer ist er?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDagobert Duck ist die reichste Ente der Welt. Vielleicht das reichste Individuum \u00fcberhaupt. Und er ist ungemein geizig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWas wollen wir dann bei ihm?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Dummling zuckte die Schultern. \u201eAbwarten. Auch eine geizige Ente ist eine Ente.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er dr\u00fcckte auf den Klingelknopf, hielt sein Gesicht in die Kamera, die \u00fcber der T\u00fcr angebracht war, beantwortete die Frage, ob er ein Panzerknacker oder Gundel Gaukeley sei, mit \u201aNein\u2018 und wurde eingelassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drinnen h\u00f6rten sie, wie Metall auf Metall schlug.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDas bedeutet, dass er wieder badet,\u201c meinte der Dummling. \u201eLasst Euch blo\u00df nicht einfallen, \u00fcber ihn zu lachen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie stiegen viele Treppen hoch bis unter das Dach, und dann sahen sie einen Erpel mit Backenbart in einem altmodischen roten Frack, der in Goldtalern herumw\u00fchlte und dabei quakte: \u201eEs ist mir ein Hochgenuss, wie ein Seehund hineinzuspringen! \u2026 Und wie ein Maulwurf darin herumzuw\u00fchlen! \u2026 Und es in die Luft zu schmei\u00dfen, dass es mir auf die Glatze prasselt!\u201c Trotz seiner Ekstase merkte er irgendwann, dass er nicht mehr allein war. Er setzte sich auf, musterte seine Besucher und sagte: \u201eBei mir k\u00f6nnt Ihr alles kaufen. Ich bin der gr\u00f6\u00dfte Kaufmann der Welt und mache die besten Preise. Was darf\u2019s denn sein?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Dummling tat bescheiden. \u201eAch,\u201c nichts Besonderes. Nur ganz gew\u00f6hnliche Lebensmittel: Butter, Eier, Milch, Zucker, Mehl und Maiskolben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eTs, Ts, Ts,\u201c machte Dagobert Duck. \u201eGanz gew\u00f6hnliche Lebensmittel, ja? Zuf\u00e4llig die wichtigsten Zutaten f\u00fcr meine Lieblingsgerichte: Pfannkuchen und Maiskolben mit warmer Butter, ja? Dinge, die gerade auf dem Markt kaum zu bekommen sind, ja?\u201c Er richtete sich zu voller Gr\u00f6\u00dfe auf und trompetete: \u201eWer seid Ihr?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch bin nur der Dummling,\u201c antwortete der Dummling. \u201eDiese beiden sind meine Br\u00fcder. Sie haben die Welt vergiftet. Deshalb gibt es die Zutaten f\u00fcr Deine Lieblingsgerichte kaum noch. Wir sind hier, weil wir Deine Hilfe brauchen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWie das?\u201c fragte der Erpel h\u00f6hnisch. Soll ich etwa Milch schei\u00dfen und Eier legen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eGanz sicher nicht,\u201c sagte der Dummling. \u201eAber Du hast viel Geld. Damit kannst Du die Welt reparieren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eMit meinen 500 Trillionen, 253 Billiarden, 675 Billionen, 123 Milliarden, 934 Millionen, 300&nbsp;500 Talern und 13 Kreuzern soll ich die Welt reparieren? Warum sollte ich das tun?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dem Dummling gingen viele Antworten durch den Kopf, aber er entschied sich f\u00fcr nur eine: \u201eWeil Du dann wieder ohne&nbsp; Probleme Pfannkuchen und Maiskolben mit warmer Butter essen kannst, soviel Du magst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDas leuchtet mir ein,\u201c meinte Duck. \u201eIch mache das, wenn ich nur meinen Gl\u00fcckskreuzer behalten kann. Aber sag mal: Kann man die vergiftete Welt wirklich mit Geld reparieren?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIm M\u00e4rchen geht das. Im M\u00e4rchen geht alles. Aber nur im M\u00e4rchen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und als die drei Br\u00fcder nach Hause gingen, krabbelten \u00fcberall die Ameisen, summten \u00fcberall die Bienen und schwammen auf vielen Teichen die Enten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">M\u00e4rz 2024<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Br\u00fcder suchten Abenteuer und verlie\u00dfen deshalb ihre Heimat, in der es ihnen zu eng war. In einem fernen Land lie\u00dfen sie sich nieder und beschlossen, die Welt einmal so richtig durcheinander zu bringen. Sie selbst, dachten sie, w\u00fcrden dabei viel Spa\u00df haben und reich werden. 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