{"id":1707,"date":"2024-05-11T18:50:59","date_gmt":"2024-05-11T16:50:59","guid":{"rendered":"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/?p=1707"},"modified":"2024-05-23T10:55:57","modified_gmt":"2024-05-23T08:55:57","slug":"vormuender","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/2024\/05\/vormuender\/","title":{"rendered":"Vorm\u00fcnder"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/P1120434-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"691\" src=\"https:\/\/baerdel.de\/maerchen\/wp-content\/uploads\/P1120434-1024x691.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1185\" srcset=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/P1120434-1024x691.jpg 1024w, https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/P1120434-300x202.jpg 300w, https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/P1120434-768x518.jpg 768w, https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/P1120434-1536x1037.jpg 1536w, https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/P1120434-2048x1382.jpg 2048w, https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/P1120434-1200x810.jpg 1200w, https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/P1120434-1980x1336.jpg 1980w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">P. D. Kulle<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">mit Bedauern: Zum 300. Geburtstag von Immanuel Kant<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Vorwort<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Legitimit\u00e4t von Herrschaft:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Religion<\/li>\n\n\n\n<li>Despotismus<\/li>\n\n\n\n<li>Demokratie<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gesellschaftliche Sozialisation<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Conclusio<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Vorwort<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir B\u00e4ren sind keine Freunde institutionalisierter Hierarchien. Nat\u00fcrlich gibt es situationsbedingte Dominanzen: Wenn ein Mann feststellt, dass ein von ihm gezeugtes Kind seinen Interessen im Weg stehen k\u00f6nnte, mag er es in seine Nahrungskette aufnehmen \u2013 obwohl wir solche Fakten ungern eingestehen. Derselbe oder ein anderer Mann kann auch von der Mutter seines leiblichen Kindes&nbsp; bis zur Bewusstlosigkeit verpr\u00fcgelt werden \u2013 was wir nat\u00fcrlich ebenso gerne leugnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Homo sagt unserer Spezies nach, Einzelg\u00e4nger zu sein. Das trifft durchaus zum Teil zu. Wo wir uns aber dazu entschlossen haben, gemeinschaftlich zu leben, treffen wir notwendige Entscheidungen gemeinsam und, wenn m\u00f6glich, einvernehmlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei der Spezies HSS stellt sich das ganz anders dar. Diese Tiere bed\u00fcrfen sogenannter Regierungen, denen das Recht zugestanden wird, \u00fcber das Wohl und Wehe ihrer Gruppe zu entscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Legitimit\u00e4t<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Regierung braucht ein Narrativ, um ihren Anspruch auf Herrschaft zu unterf\u00fcttern. Dieses Narrativ kann vielerlei Formen annehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Religion<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Berufung auf m\u00f6glichst enge Beziehungen zu einem oder mehreren vom Volk akzeptierten g\u00f6ttlichen Wesen ist zwar ein Nicht-Argument, aber eines, das schwer zu entkr\u00e4ften und dessen Infragestellung leicht zu sanktionieren ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ideal ist die Behauptung einer Personalunion: Der Regent ist die Inkarnation eines g\u00f6ttlichen Wesens. Dieser Erz\u00e4hlung bedienten sich die antiken K\u00f6nige Ober- und Unter\u00e4gyptens. Seit der fr\u00fchdynastischen Zeit verstand sich der K\u00f6nig (Pharao) als Sohn der Himmelsgottheiten<sup class=\"modern-footnotes-footnote \" data-mfn=\"1\" data-mfn-post-scope=\"00000000000002710000000000000000_1707\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-1\">1<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-1\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"1\">\u201aSich verstehen als\u2018 ist hier gleichzusetzen mit: \u201aSich darstellen als\u2018. Ob die \u00e4gyptischen K\u00f6nige tats\u00e4chlich von ihrer G\u00f6ttlichkeit ausgingen oder sich nur so inszenierten, wird ebenso unbeantwortet bleiben m\u00fcssen wie die Frage, ob der Papst an Gott glaubt.<\/span>. Er war zugleich ihr Bevollm\u00e4chtigter, Abgesandter, Partner und Nachfolger.<sup class=\"modern-footnotes-footnote \" data-mfn=\"2\" data-mfn-post-scope=\"00000000000002710000000000000000_1707\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-2\">2<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-2\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"2\">Die letztgenannte Gleichsetzung bezieht sich auf die Regierungszeit der G\u00f6tter, die nach alt\u00e4gyptischer Mythologie zuvor auf der Erde herrschten.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine ein wenig abgeschw\u00e4chte Variante ist die Behauptung, der durchaus menschliche Machthaber regiere in g\u00f6ttlichem Auftrag, er habe von der Gottheit detaillierte Anweisungen erhalten, wie er zu verfahren habe. Diesen Trick nutzte Hammurabi, K\u00f6nig von Sumer und Akkad<sup class=\"modern-footnotes-footnote \" data-mfn=\"3\" data-mfn-post-scope=\"00000000000002710000000000000000_1707\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-3\">3<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-3\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"3\">1792 bis 1750 v.u.Z.<\/span>, der das angebliche Gebot des Sonnengottes wortw\u00f6rtlich in Stein mei\u00dfeln lie\u00df. 282 Gesetzesparagraphen erhielten so G\u00fcltigkeit und wurden nicht in Frage gestellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In christlicher Zeit konnten Regenten sich auf solche Erkl\u00e4rungsmuster nicht mehr berufen. Ihr Gott des Alten Testaments war in seinem Dornbusch oder in seiner Wolkens\u00e4ule geblieben und materialisierte sich nicht mehr, und sein Sohn war nach seiner Himmelfahrt ebenfalls entr\u00fcckt. Sie erfanden etwas anderes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Gottesgnadentum ist eine im sp\u00e4tantiken und mittelalterlichen Europa entwickelte Legitimation der Monarchie, die sich allein auf den vorgeblichen Willen oder die Gnade Gottes st\u00fctzt, nicht auf die Zustimmung menschlicher Einrichtungen oder Institutionen oder gar auf die des Volkes. In dieser Vorstellung gingen Annahmen wie die der g\u00f6ttlichen Natur der r\u00f6mischen Kaiser und der merowingische Glaube an das K\u00f6nigsheil auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das letzte deutsche Staatsoberhaupt, das sich auf das Gottesgnadentum berief, war Kaiser Wilhelm II. Sein imperialer Wahlspruch lautete \u201eGott mit uns\u201c.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Traditionen sind z\u00e4hlebig, auch wenn sie inhaltsleer geworden sind: Die Monarchen von D\u00e4nemark (protestantisch-episkopal), Liechtenstein (katholisch), Monaco (katholisch), der Niederlande (reformiert) und des Vereinigten K\u00f6nigreichs (anglikanisch-episkopal) f\u00fchren in ihrem Titel bis heute den Zusatz \u201evon Gottes Gnaden\u201c. Eine mehr als zeremonielle Rolle spielt dieser Titel allerdings nicht mehr, da die Politik aller dieser L\u00e4nder vorwiegend von gew\u00e4hlten Parlamenten und Regierungen bestimmt wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man gebe sich aber nicht der Illusion hin, dass der Volksglaube in der Gegenwart nicht mehr ausgenutzt wird, um Herrschaft zu legitimieren und zu zementieren. Der Blick nach Thailand r\u00e4umt mit dieser T\u00e4uschung rasch auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neunzig Prozent der Thail\u00e4nder bekennen sich zum Buddhismus, einem Glauben, der in Thailand die Autorit\u00e4t des K\u00f6nigs und seine Herrschaft legitimiert. Seit dem 13. Jahrhundert besteht die Vorstellung, dass der Monarch in fr\u00fcheren Existenzen gro\u00dfe spirituelle Verdienste erworben hat und damit zum Sch\u00fctzer des Buddhismus wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das k\u00f6nigliche Charisma<sup class=\"modern-footnotes-footnote \" data-mfn=\"4\" data-mfn-post-scope=\"00000000000002710000000000000000_1707\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-4\">4<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-4\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"4\">Thai: barami<\/span> beruht auf der strikten Einhaltung der \u201ezehn buddhistischen Vollkommenheiten\u201c \u2013 n\u00e4mlich Freigiebigkeit, Sittlichkeit, Entsagung, Weisheit, Willenskraft, Geduld, Wahrhaftigkeit, Entschlussfreude, G\u00fcte und Gleichmut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seit 2016 ist Maha Vajiralongkorn Phra Vajiraklaochaoyuhua K\u00f6nig von Thailand. Von den zehn buddhistischen Vollkommenheiten ist er weit entfernt: Er hat(te) mehrere Geliebte, er erkl\u00e4rte seinen Hund zum Luftwaffengeneral, er eilte mit nacktem t\u00e4towierten Oberk\u00f6rper, bauchfreiem Shirt und in Jeans an seinen livrierten Bediensteten vorbei und rannte die Gangway zum Privatjet hoch. Er lebt gern in Oberbayern. Die Liste ist verl\u00e4ngerbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vajiralongkorn h\u00e4lt sich trotz allem an der Macht, nicht zuletzt dank des L\u00e8se-Majest\u00e9-Gesetzes, das Majest\u00e4tsbeleidigung mit drakonischen Strafen sanktioniert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und damit sind wir bei der n\u00e4chsten Spielart des Narrativs.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Despotismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcberzeugte Europ\u00e4er bezeichnen ihren sogenannten Kontinent<sup class=\"modern-footnotes-footnote \" data-mfn=\"5\" data-mfn-post-scope=\"00000000000002710000000000000000_1707\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-5\">5<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-5\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"5\">der nichts anderes ist als eine asiatische Halbinsel<\/span> gerne als die \u201eWiege der Demokratie.\u201c Sie unterschlagen dabei in der Regel, dass das Kind schwer krank war<sup class=\"modern-footnotes-footnote \" data-mfn=\"6\" data-mfn-post-scope=\"00000000000002710000000000000000_1707\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-6\">6<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-6\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"6\">Die attische Demokratie schloss Frauen und Sklaven von der politischen Partizipation v\u00f6llig aus und wandte f\u00fcr die freien M\u00e4nner ein Zensussystem an.<\/span> und dass seine Eltern alles andere als f\u00fcrsorglich mit ihm verfuhren. Die Demokratie lebte in ihrem Herkunftsland Griechenland bis heute insgesamt weniger als 400 Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viel verf\u00fchrerischer als die Demokratie war f\u00fcr sogenannte Machtmenschen die Despotie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Despot ist im griechischen Wortursprung der \u201aHerr\u2018 \u00fcber Sklaven und seinen Haushalt. Die griechische Polis war durch eine Trennung von Haushalt (oikos) und \u00f6ffentlicher Sph\u00e4re charakterisiert. Wer sich nur f\u00fcr seine \u00d6konomie interessierte, galt den Alten als Idiot. Wenn sich ein Politiker in der \u00f6ffentlichen Sph\u00e4re so verhielt wie im privaten Haushalt, d.&nbsp;h. die freien B\u00fcrger wie Sklaven behandelte, sprach man in der antiken Tradition von Despotie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch in modernen Despotien werden die B\u00fcrger nicht als B\u00fcrger respektiert, sondern wie Sklaven behandelt. Die Untertanen sind ihrem Despoten zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet. Es gibt kein Parlament und keine Parteien, oder diese bestehen nur zum Schein. Eine Opposition wird nicht geduldet. Kritiker und Abweichler werden gnadenlos verfolgt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Despot regiert gern durch G\u00fcnstlinge, oft f\u00e4lschlich als Oligarchen bezeichnet,&nbsp; die nicht selten gro\u00dfe, aber ausschlie\u00dflich von ihm herr\u00fchrende politische Macht besitzen, die ihnen jederzeit entzogen werden kann. Au\u00dferdem kontrolliert der Despot die Macht seiner Lakaien durch das gezielte Sch\u00fcren von Rivalit\u00e4t unter ihnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Herrscher einer Despotie besitzt ein absolutes Machtmonopol, ihm allein unterstehen die Machtorgane Milit\u00e4r und Polizei. In der Regel gibt es eine Geheimpolizei f\u00fcr die organisierte Verfolgung politischer Gegner. Oft orientiert sich die Politik dieser Staaten an einer Ideologie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Personenkult um einen Despoten nimmt h\u00e4ufig religi\u00f6se Z\u00fcge an: Sein Abbild wird beispielsweise auf Medaillen und Porzellantellern dargestellt, man sieht ihn auf Denkm\u00e4lern; Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze sind nach ihm benannt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In neuerer Zeit trat der Despotismus im Dritten Reich (1933 bis 1945) unter Adolf Hitler, in Spanien (1939 bis 1975) unter Francisco Franco, in der Sowjetunion unter Josef Stalin, in Italien (1922 bis 1943) unter Benito Mussolini, in Chile (1973 bis 1990) unter Augusto Pinochet, im damaligen Zaire (heute Demokratische Republik Kongo) unter Mobutu Sese Seko, in Uganda unter Idi Amin oder in der Zentralafrikanischen Republik unter Jean-B\u00e9del Bokassa auf. Auch mehrere heutige Staaten in Asien und Afrika k\u00f6nnen als Despotien betrachtet werden, so etwa Iran, Nordkorea, Turkmenistan oder Simbabwe. Russlands Putin darf sich inzwischen br\u00fcsten, zu den Despoten zu z\u00e4hlen<sup class=\"modern-footnotes-footnote \" data-mfn=\"7\" data-mfn-post-scope=\"00000000000002710000000000000000_1707\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-7\">7<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-7\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"7\">Nat\u00fcrlich ist es ein Vers\u00e4umnis, dass hier \u00fcberwiegend europazentriert argumentiert wurde. Asien, insbesondere China, verdiente viel mehr Aufmerksamkeit. Qin Shi Huang Di \u2013&nbsp;\u201eErster erhabener Gottkaiser von Qin\u201c, eigentlich Ying Zheng; * 259 v. Chr. in Handan; \u2020 10. September 210 v. Chr. in Shaqiu) war der Gr\u00fcnder des chinesischen Kaiserreiches (Einigung: 221 v. Chr.) und der chinesischen Qin-Dynastie (221\u2013207 v. Chr.). Er war der Herr mit der Terrakottaarmee. Die Besch\u00e4ftigung mit seiner Regierung ist \u00e4u\u00dferst bildend.<\/span>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Despoten bedienen sich gern des Terrors, also der systematischen und willk\u00fcrlich erscheinenden Verbreitung von Angst und Schrecken durch ausge\u00fcbte oder angedrohte Gewalt, um Menschen gef\u00fcgig zu machen. Damit k\u00f6nnen sie empirisch ihre Macht lange aufrecht erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Terror als Gegenkonzept von Vernunft, von Tugend, wie Robespierre es vorschwebte, hat sich dagegen in dem einzigen bisherigen historischen Experiment<sup class=\"modern-footnotes-footnote \" data-mfn=\"8\" data-mfn-post-scope=\"00000000000002710000000000000000_1707\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-8\">8<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-8\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"8\">Frankreich 1793 &#8211; 95<\/span> nicht bew\u00e4hrt. Vielleicht waren die Angeh\u00f6rigen der Revolutionstribunale aber auch einfach zu besoffen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Immanuel Kant hat in seiner Schrift \u201aZum ewigen Frieden\u2018 die Charakterisierung des Despotismus aus der griechischen Antike aufgegriffen: Der \u00f6ffentliche Wille werde von dem Regenten als sein Privatwille gehandhabt, mithin sei die ausf\u00fchrende Gewalt nicht von der gesetzgebenden abgesondert. Insofern k\u00f6nne es Despotismus auch in Demokratien geben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Demokratie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Welch beeindruckende Alternative! Eine Staatsverfassung ohne religi\u00f6se Bindung und ohne Despotie, in der die Herrschaft bzw. die Machtaus\u00fcbung auf der Grundlage politischer Freiheit und Gleichheit sowie weitreichender politischer Beteiligungsrechte der Staatsb\u00fcrger erfolgt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dazu geh\u00f6ren allgemeine, freie, gleiche und geheime Wahlen, die Aufteilung der Staatsgewalt von Legislative, Exekutive und Judikative auf voneinander unabh\u00e4ngige Organe (Gewaltenteilung) sowie die Garantie der Grundrechte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einer repr\u00e4sentativen Demokratie, in der gew\u00e4hlte Repr\u00e4sentanten zentrale politische Entscheidungen treffen, haben oft Parteien ma\u00dfgeblichen Anteil an der politischen Willensbildung und an der durch Wahlen legitimierten Regierung. Die Opposition ist fester Bestandteil eines solchen demokratischen Systems, zu dem auch die freie Meinungs\u00e4u\u00dferung samt Pressefreiheit, die M\u00f6glichkeit friedlicher Regierungswechsel und der Minderheitenschutz geh\u00f6ren.<sup class=\"modern-footnotes-footnote \" data-mfn=\"9\" data-mfn-post-scope=\"00000000000002710000000000000000_1707\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-9\">9<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-9\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"9\">&nbsp;In einer direkten Demokratie trifft das stimmberechtigte Volk politische Entscheidungen unmittelbar. Wir beziehen uns im Folgenden auf die repr\u00e4sentative Demokratie als das deutlich h\u00e4ufiger praktizierte Modell.<\/span> <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Staaten, in denen b\u00fcrgerliche Freiheiten und politische Grundfreiheiten nicht nur respektiert, sondern auch durch eine politische Kultur gest\u00e4rkt werden, die dem Gedeihen demokratischer Prinzipien f\u00f6rderlich ist, gelten als vollst\u00e4ndige Demokratien. Dazu z\u00e4hlen 2023 Norwegen, Neuseeland, Island, Schweden, Finnland, D\u00e4nemark, Irland, Schweiz, Niederlande, Taiwan, Luxemburg, Deutschland, Kanada, Australien, Uruguay, Japan, Costa Rica, Vereinigtes K\u00f6nigreich, \u00d6sterreich, Griechenland, Mauritius, S\u00fcdkorea, Frankreich und Spanien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesen L\u00e4ndern leben weniger als 7,8% der Weltbev\u00f6lkerung. Hingegen lebten 39,4&nbsp;% in einer Diktatur, das bedeutet gegen\u00fcber dem Vorjahr einen Zuwachs von 2,5%.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie ist zu erkl\u00e4ren, dass Menschen ein Leben in relativer Freiheit zugunsten eines Lebens in Unterdr\u00fcckung aufgeben?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gesellschaftliche Sozialisation<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Kind, also der unfertige Mensch, wird in eine Welt hineingeboren, in der er leben muss. Damit er in ihr leben kann, muss er in sie eingepasst werden. Das gesellschaftliche Gef\u00fcge funktioniert um so reibungsloser, je mehr der Mensch \u00fcberzeugt ist, in der besten aller m\u00f6glichen Welten zu leben.&nbsp;<sup class=\"modern-footnotes-footnote \" data-mfn=\"10\" data-mfn-post-scope=\"00000000000002710000000000000000_1707\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-10\">10<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-10\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"10\">Nach Leibniz\u2019 Lehre w\u00e4re Gott nicht das vollkommene Wesen, wenn er etwas anderes als die \u201ebeste aller m\u00f6glichen Welten\u201c f\u00fcr die Menschen erschaffen h\u00e4tte. Man sieht, Leibniz funktioniert in einer politischen Welt, in der die Herrschenden auf das Gottesgnadentum setzen, perfekt.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Agenten dieser Anpassung sind die Menschen im sozialen Umfeld des Kindes, zun\u00e4chst die in seiner unmittelbaren Umgebung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einfach strukturierten Gesellschaften bedarf es in der Regel keiner weiteren Ma\u00dfnahmen. Wo etwa Subsistenzwirtschaft praktiziert wird, arbeitet das Kind, sobald es zu sinnvollen Handgriffen f\u00e4hig ist, zusammen mit der Familie auf dem Feld oder mit dem Vieh. Rituelle Handlungen, an denen die gesamte Dorfgemeinschaft teilnimmt, sorgen f\u00fcr den ideologischen \u00dcberbau.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier ist zweierlei von Bedeutung: Es bedarf nahezu keiner professionellen Sozialisationagenten. Das Kind w\u00e4chst in die Gesellschaft hinein, indem es am gesellschaftlichen Leben teilnimmt, wie beschr\u00e4nkt das auch immer sein mag. Dem Kind wird das, was es als sein Leben erf\u00e4hrt, selbstverst\u00e4ndlich sein. Es wird sich die Anschauungsweisen und Formen der Lebensbew\u00e4ltigung, die ihm durch die Menschen geboten werden, welche ihn unmittelbar umgeben, zu eigen machen. Der junge Mensch lernt, die Welt mit den Augen seiner Mitmenschen zu sehen, sie mit ihren Begriffen zu ordnen und zu gliedern, mit ihren Emotionen und Bewertungen auf ihre Erscheinungen zu reagieren und sich ihre Techniken des Umganges mit den Gegebenheiten dieser Welt anzueignen. Er \u00fcbernimmt also sukzessive eine Welt, in der die ihn unmittelbar umgebenden anderen Menschen schon leben. Ist dieser Prozess vollzogen, ist der junge Mensch enkulturiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Enkulturation ist auch das Ziel der kindlichen Sozialisation in komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaften; allerdings ist der Weg dahin komplizierter. Die Welt, mit der das Kind sich auseinanderzusetzen lernt, ist gepr\u00e4gt durch verschiedene miteinander verzahnte Lebens- und Arbeitswelten, deren jede spezifische Anforderungen stellt und spezielle F\u00e4higkeiten erfordert. Sozialisation hier ist die Verinnerlichung von durch Arbeits- oder Funktionsteiligkeit bedingten institutionalen Subwelten. Es gilt, rollenspezifisches Wissen und K\u00f6nnen zu erwerben und sich ein jeweils rollenangemessenes Vokabular zu eigen zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das kann die Familie allein nicht leisten. Im Rahmen der sekund\u00e4ren Sozialisation \u00fcbernehmen unterschiedliche Lehrer Bildung<sup class=\"modern-footnotes-footnote \" data-mfn=\"11\" data-mfn-post-scope=\"00000000000002710000000000000000_1707\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-11\">11<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-11\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"11\">leider immer weniger<\/span> und Ausbildung<sup class=\"modern-footnotes-footnote \" data-mfn=\"12\" data-mfn-post-scope=\"00000000000002710000000000000000_1707\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-12\">12<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-12\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"12\">leider immer mehr<\/span>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nota bene: Der Begriff der sekund\u00e4ren Sozialisation wird in modernen Industriegesellschaften zusehends obsolet, sie ist Sozialisation schlechthin. Wo Kleinkinder bereits im Alter von sechs Monaten an Erzieherinnen in Kinderkrippen abgegeben werden, damit die Mutter m\u00f6glichst bald nach der Geburt dem Arbeitsmarkt als Humankapital wieder zur Verf\u00fcgung steht, bleibt f\u00fcr Prim\u00e4rsozialisation praktisch kein Platz.&nbsp;<sup class=\"modern-footnotes-footnote \" data-mfn=\"13\" data-mfn-post-scope=\"00000000000002710000000000000000_1707\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-13\">13<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-13\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"13\">B\u00e4renm\u00fctter w\u00fcrden ihre Jungen niemals so schnell aus den Klauen lassen.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Arbeitswelt ist der Lebenswelt nachgeordnet. Wenn die Gesellschaft patriarchalisch strukturiert ist, wie k\u00f6nnen dann Frauen ein Unternehmen leiten? Wenn eine starre St\u00e4ndeordnung existiert, wie kann es dann flache betriebliche&nbsp; Hierarchien geben? Wenn alle Obrigkeit von Gott ist, wer sollte sich anma\u00dfen, Vorgesetzte zu kritisieren?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das gesellschaftliche Sein bestimmt das gesellschaftliche Bewusstsein, aber es bedarf etlicher Anstrengungen, dieses Bewusstsein in die K\u00f6pfe der Individuen zu bekommen. P\u00e4dagogik allein reicht in autorit\u00e4ren Gesellschaften daf\u00fcr nicht aus. Ideologie ist gefragt, und sie kann vielerlei Gestalt annehmen: arische Physik, christliche Heilslehre, Nationalismus\/Chauvinismus, theologische Pseudowissenschaft etc. etc. Und wo die Verankerung der gesellschaftsstabilisierenden Narrative in den K\u00f6pfen nicht hinreicht, treten Institutionen mit ihren Ritualen stabilisierend an ihre Seite: Der Komsomol, die Hitlerjugend, die Partei, die Kirchengemeinde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der so vereinnahmte Mensch wird die Gesellschaft, in der er lebt, in der Regel nicht in Frage stellen. Wenn die Machthaber Indoktrination und Repression geschickt genug handhaben, wird ihm vielleicht sogar verborgen bleiben, dass diese Welt nur eine von unz\u00e4hligen anderen menschlichen Lebenswelten ist.<sup class=\"modern-footnotes-footnote \" data-mfn=\"14\" data-mfn-post-scope=\"00000000000002710000000000000000_1707\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-14\">14<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-14\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"14\">&nbsp;F\u00fcr viele Nordkoreaner d\u00fcrfte das der Fall sein.<\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn aber eine Gesellschaft politische und soziale Wahlm\u00f6glichkeiten bietet, was in vollst\u00e4ndigen Demokratien der Fall ist, dann setzt das Regelwerk lediglich den Rahmen, innerhalb dessen der Einzelne die M\u00f6glichkeit hat, sich zu entfalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber: Ein Rahmen wird gesetzt. Auch in Demokratien stecken die Menschen im G\u00e4ngelwagen, den ihre Vorm\u00fcnder f\u00fcr sie konstruiert haben.<sup class=\"modern-footnotes-footnote \" data-mfn=\"15\" data-mfn-post-scope=\"00000000000002710000000000000000_1707\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-15\">15<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-15\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"15\">&nbsp;vgl. Immanuel Kant, Was ist Aufkl\u00e4rung?<\/span> Sie d\u00fcrfen politische Ma\u00dfnahmen in Frage stellen, nicht aber das politische System. Oft d\u00fcrfen sie noch nicht einmal \u00fcber ihren K\u00f6rper verf\u00fcgen, ohne juristisch oder zumindest moralisch sanktioniert zu werden, wie es bei Schwangerschaftsabbruch und Suizid der Fall ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die den Rahmen setzende politische Instanz, die Legislative, ist in Demokratien&nbsp; nicht durch sich legitimiert, sondern durch das Wahlvolk. Kritik an den Parlamentariern kann sich daran festmachen, dass sie nicht repr\u00e4sentativ f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung sind. Zum Beispiel ergibt sich bei der Betrachtung des Deutschen Bundestages folgendes:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von den im Jahr 2021 gew\u00e4hlten Abgeordneten sind 87 Prozent Akademiker, w\u00e4hrend ihr Anteil in der Bev\u00f6lkerung bei 14 bis 15 Prozent liegt. Laut einem Forschungsbericht im Auftrag des Bundesministeriums f\u00fcr Arbeit und Soziales von 2016 auf Basis der Daten von 1998 bis 2015 werden in Deutschland die Pr\u00e4ferenzen der sozialen Schichten bei politischen Entscheidungen unterschiedlich stark ber\u00fccksichtigt. Es zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang von politischen Entscheidungen mit den Einstellungen von Personen mit h\u00f6herem Einkommen, jedoch keiner oder sogar ein negativer mit denen von Einkommensschwachen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dergleichen bleibt nicht unbemerkt. Der erlaubte Diskussionsrahmen gestattet angesichts einer solchen Sachlage Zweifel an der Richtigkeit politischer Beschl\u00fcsse. <sup class=\"modern-footnotes-footnote \" data-mfn=\"16\" data-mfn-post-scope=\"00000000000002710000000000000000_1707\"><a href=\"javascript:void(0)\"  role=\"button\" aria-pressed=\"false\" aria-describedby=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-16\">16<\/a><\/sup><span id=\"mfn-content-00000000000002710000000000000000_1707-16\" role=\"tooltip\" class=\"modern-footnotes-footnote__note\" tabindex=\"0\" data-mfn=\"16\">&nbsp;Aktuelle weitere deutsche Beispiele f\u00fcr erh\u00f6hte Diskussionsbedarf sind zum Beispiel der Streit um die Unterst\u00fctzung der Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen Russland. Oder der Verzicht auf Atomenergie. Oder der Ausbau alternativer Energien. Oder der Krieg der Hamas gegen Israel und umgekehrt. Oder oder oder\u2026<\/span> Das ist in einer Demokratie legal und legitim.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der erlaubte Diskussionsrahmen hat aber seit einigen Jahren eine neue technische Basis: die sogenannten sozialen Medien im Internet, in denen jeder, gesch\u00fctzt durch gesetzlich garantierte Anonymit\u00e4t, seinen Gedanken und auch seinem Bauchgef\u00fchl uneingeschr\u00e4nkt Ausdruck verleihen und sich mit anderen zusammenschlie\u00dfen kann, was die eigene Haltung verst\u00e4rkt. F\u00fcr diejenigen, die keine Meinung haben, sich aber um so williger einer anderen anschlie\u00dfen, hat das Internet eine neue Spezies des HSS generiert: Influencer. Wer sich dem Einfluss solcher echter oder digitaler \u201eMenschen\u201c ausliefert, hat die Chance auf eigenst\u00e4ndiges Denken vertan. Er ist nur allzu bereit, seine relative Freiheit, die ihm Unzufriedenheit bereitet, zugunsten eines alternativen Systems der Unfreiheit aufzugeben. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Conclusio<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der sehr verehrte Kollege Immanuel Kant hat 1784 die Frage, was Aufkl\u00e4rung sei, beantwortet: der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unm\u00fcndigkeit. Es sei allein wichtig, sich von Vorm\u00fcndern zu befreien und zu wagen, selbst zu denken.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So weit, so einleuchtend, so befreiend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei Betrachtung der Menschenwelt 260 Jahre sp\u00e4ter komme ich zu folgendem Schluss:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dem politischen System der Demokratie hat HSS ein Gesellschaftsmodell entwickelt und praktiziert, das die Macht von Vorm\u00fcndern reduziert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die aktuelle globale Entwicklung zeigt allerdings, dass dieses Gesellschaftsmodell bedroht ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Schlussfolgerung liegt nahe, dass HSS ohne Vorm\u00fcnder nicht auskommen kann, ja, dass er nach mehr Vorm\u00fcndern verlangt, wenn es nur wenige gibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn dem so ist, muss ich der Schlussfolgerung des gesch\u00e4tzten Kollegen Kant zu meinem Bedauern widersprechen. Denn: Nat\u00fcrlich leben wir nicht in einem aufgekl\u00e4rten Zeitalter, wie er richtig erkennt. Aber auch nicht in einem Zeitalter der Aufkl\u00e4rung, wie er postuliert. Das wird es vermutlich nicht geben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Fu\u00dfnoten:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><ul class=\"modern-footnotes-list \"><li><span>1<\/span><div>\u201aSich verstehen als\u2018 ist hier gleichzusetzen mit: \u201aSich darstellen als\u2018. Ob die \u00e4gyptischen K\u00f6nige tats\u00e4chlich von ihrer G\u00f6ttlichkeit ausgingen oder sich nur so inszenierten, wird ebenso unbeantwortet bleiben m\u00fcssen wie die Frage, ob der Papst an Gott glaubt.<\/div><\/li><li><span>2<\/span><div>Die letztgenannte Gleichsetzung bezieht sich auf die Regierungszeit der G\u00f6tter, die nach alt\u00e4gyptischer Mythologie zuvor auf der Erde herrschten.<\/div><\/li><li><span>3<\/span><div>1792 bis 1750 v.u.Z.<\/div><\/li><li><span>4<\/span><div>Thai: barami<\/div><\/li><li><span>5<\/span><div>der nichts anderes ist als eine asiatische Halbinsel<\/div><\/li><li><span>6<\/span><div>Die attische Demokratie schloss Frauen und Sklaven von der politischen Partizipation v\u00f6llig aus und wandte f\u00fcr die freien M\u00e4nner ein Zensussystem an.<\/div><\/li><li><span>7<\/span><div>Nat\u00fcrlich ist es ein Vers\u00e4umnis, dass hier \u00fcberwiegend europazentriert argumentiert wurde. Asien, insbesondere China, verdiente viel mehr Aufmerksamkeit. Qin Shi Huang Di \u2013&nbsp;\u201eErster erhabener Gottkaiser von Qin\u201c, eigentlich Ying Zheng; * 259 v. Chr. in Handan; \u2020 10. September 210 v. Chr. in Shaqiu) war der Gr\u00fcnder des chinesischen Kaiserreiches (Einigung: 221 v. Chr.) und der chinesischen Qin-Dynastie (221\u2013207 v. Chr.). Er war der Herr mit der Terrakottaarmee. Die Besch\u00e4ftigung mit seiner Regierung ist \u00e4u\u00dferst bildend.<\/div><\/li><li><span>8<\/span><div>Frankreich 1793 &#8211; 95<\/div><\/li><li><span>9<\/span><div>&nbsp;In einer direkten Demokratie trifft das stimmberechtigte Volk politische Entscheidungen unmittelbar. Wir beziehen uns im Folgenden auf die repr\u00e4sentative Demokratie als das deutlich h\u00e4ufiger praktizierte Modell.<\/div><\/li><li><span>10<\/span><div>Nach Leibniz\u2019 Lehre w\u00e4re Gott nicht das vollkommene Wesen, wenn er etwas anderes als die \u201ebeste aller m\u00f6glichen Welten\u201c f\u00fcr die Menschen erschaffen h\u00e4tte. Man sieht, Leibniz funktioniert in einer politischen Welt, in der die Herrschenden auf das Gottesgnadentum setzen, perfekt.<\/div><\/li><li><span>11<\/span><div>leider immer weniger<\/div><\/li><li><span>12<\/span><div>leider immer mehr<\/div><\/li><li><span>13<\/span><div>B\u00e4renm\u00fctter w\u00fcrden ihre Jungen niemals so schnell aus den Klauen lassen.<\/div><\/li><li><span>14<\/span><div>&nbsp;F\u00fcr viele Nordkoreaner d\u00fcrfte das der Fall sein.<\/div><\/li><li><span>15<\/span><div>&nbsp;vgl. Immanuel Kant, Was ist Aufkl\u00e4rung?<\/div><\/li><li><span>16<\/span><div>&nbsp;Aktuelle weitere deutsche Beispiele f\u00fcr erh\u00f6hte Diskussionsbedarf sind zum Beispiel der Streit um die Unterst\u00fctzung der Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen Russland. Oder der Verzicht auf Atomenergie. Oder der Ausbau alternativer Energien. Oder der Krieg der Hamas gegen Israel und umgekehrt. Oder oder oder\u2026<\/div><\/li><\/ul>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mai 2024<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>P. D. Kulle mit Bedauern: Zum 300. Geburtstag von Immanuel Kant Vorwort Legitimit\u00e4t von Herrschaft: Gesellschaftliche Sozialisation Conclusio Vorwort Wir B\u00e4ren sind keine Freunde institutionalisierter Hierarchien. Nat\u00fcrlich gibt es situationsbedingte Dominanzen: Wenn ein Mann feststellt, dass ein von ihm gezeugtes Kind seinen Interessen im Weg stehen k\u00f6nnte, mag er es in seine Nahrungskette aufnehmen \u2013 [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_crdt_document":"","footnotes":""},"categories":[9,16],"tags":[],"class_list":["post-1707","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kulle3-2","category-philosophisches"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1707","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1707"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1707\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1727,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1707\/revisions\/1727"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1707"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1707"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1707"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}