{"id":290,"date":"1996-03-07T19:56:54","date_gmt":"1996-03-07T17:56:54","guid":{"rendered":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/?p=290"},"modified":"2018-07-30T10:25:44","modified_gmt":"2018-07-30T08:25:44","slug":"und-sein-nachfolger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/1996\/03\/und-sein-nachfolger\/","title":{"rendered":"&#8230;. und sein Nachfolger"},"content":{"rendered":"<p><center><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/baum.jpg\" \/><\/center><center>Kulles Vorlesung<\/center>Bestimmt erinnert ihr euch daran, da\u00df es einem Menschen auf der Welt gibt, der nicht nur wei\u00df, wo das Beerental genau liegt, sondern der auch erlebt hat, wie es dort zugeht. Richtig &#8211; der Kanzler. Er hatte sich nach seinem b\u00e4rigen Abenteuer nur noch gesund ern\u00e4hrt &#8211; abgesehen von dem einen oder anderen Glas Champagner, aber das ist ja, wie man in vielen anderen M\u00e4rchen lesen kann, letztlich auch Medizin -, war viel Fahrrad gefahren und so sehr alt geworden. Aber eines Tages stand Freund Hein auch auf seiner T\u00fcrschwelle, und der Kanzler lie\u00df sich friedlich davonf\u00fchren.<\/p>\n<p>War also die Kenntnis von B\u00e4renleben wieder aus der Menschenwelt verschwunden? Nicht ganz. Bei seiner B\u00fcrovorsteherin hatte der Kanzler einen Brief deponiert, in dem alles stand, was er \u00fcber die B\u00e4ren wu\u00dfte. &#8222;Nur f\u00fcr k\u00fcnftige Kanzler!&#8220; hatte er dick auf den Umschlag geschrieben. Und darunter, genauso gro\u00df: &#8222;Nur in Zeiten h\u00f6chster Not zu \u00f6ffnen!&#8220;<\/p>\n<p>Das war nat\u00fcrlich riskant. Vielleicht waren k\u00fcnftige Kanzler b\u00f6se Menschen, und dieser Brief brachte die B\u00e4ren in Gefahr. Aber der Kanzler wu\u00dfte, da\u00df er selbst einmal alles andere als ein guter Mensch gewesen war und da\u00df die B\u00e4ren ihn v\u00f6llig ver\u00e4ndert hatten. Er vertraute darauf, da\u00df das auch ein zweites Mal klappen konnte.<\/p>\n<p>Es dauerte nicht lange, bis sein Nachfolger erkannte, da\u00df die Zeiten h\u00f6chster Not angebrochen waren. Seine Situation war verzwickelt, er tanzte auf dem Vulkan und versuchte in den Aerospace zu entkommen, aber dennoch liefen alle seine Schiffe auf Grundeis. Mit markigen Spr\u00fcchen versuchte er den Anschein zu erwecken, alles im Griff zu haben, aber auch er wu\u00dfte, da\u00df niemand ihm mehr glaubte. W\u00e4re nicht gerade Karneval gewesen und h\u00e4tte er nicht seinen Arbeitsminister gehabt, auf den sich die Wut der Menschen richtete, wer wei\u00df, was ihm geschehen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Da kam Juliane Weber zu ihm. Sie war inzwischen sehr alt und auch schon ein wenig verwirrt, und so erkannte sie den neuen Kanzler nicht. Kokett zauste sie die Reste ihrer blondierten Locken und fl\u00f6tete:<\/p>\n<p>&#8222;Helmut, ich bringe die Rettung! Erinnerst du dich nicht?&#8220;<\/p>\n<p>Der neue Kanzler erinnerte sich nat\u00fcrlich an \u00fcberhaupt nichts, aber in seiner gegenw\u00e4rtigen Situation war er bereit, sich auch an einen verfaulten Strohhalm zu klammern. Er stellte sich auf die Zehenspitzen und blies seinen Bauch auf, um dem alten Kanzler ein wenig \u00e4hnlicher zu werden. Dann d\u00e4mpfte er seine Stimme zu einem rauhen Fl\u00fcstern und sagte mit schlecht gelungenem pf\u00e4lzischen Akzent:<\/p>\n<p>&#8222;Juliane, da\u00df du gekommen bist! Du warst schon immer meine Rettung! Ja, gib sie mir!&#8220;<\/p>\n<p>Juliane setzte ihr sch\u00f6nstes Greisinnenl\u00e4cheln auf.<\/p>\n<p>Eine Sekunde sp\u00e4ter hatte der Kanzler den geheimen Brief in den H\u00e4nden.<\/p>\n<p>Er fand ausgesprochen unsinnig, was er da zu lesen bekam. Nat\u00fcrlich konnte jemand wie er, der sich gerade gegen eine \u00d6kosteuer ausgesprochen hatte, mit \u00d6kob\u00e4ren nichts anfangen. Aber andererseits war da die Sache mit dem verfaulten Strohhalm &#8211; er wu\u00dfte wirklich nicht weiter. So beschlo\u00df er, f\u00fcr ein paar Tage zu verschwinden. In diesen hektischen Zeiten fanden so viele Runde Tische statt, da\u00df sowieso niemand mehr wu\u00dfte, wo sich der Kanzler gerade aufhielt. Und wenn die Angelegenheit l\u00e4nger dauern sollte, w\u00fcrde er einfach verlauten lassen, da\u00df er seinem russischen Pr\u00e4sidentenfreund einen Besuch abstattete. Was das Fernsehen aus dem weiten russischen Reich \u00fcbermittelte, hatte den Wahrheitsgehalt der Bilder vom Golfkrieg &#8211; damit lie\u00df sich alles und nichts beweisen.<\/p>\n<p>Zu Hause kramte er lange Zeit im Wandschrank und bef\u00f6rderte aus dem hintersten Winkel einen uralten Rucksack hervor. Seine Frau beschied er kurz, er werde eine Wanderung machen &#8211; inkognito. Sie maulte zwar, weil sie lieber mit ihm auf den Bundespresseball wollte, aber als er sie daran erinnerte, da\u00df sie sich ohne sein Kanzlersal\u00e4r als arbeitslose Gundschullehrerin w\u00fcrde durchschlagen m\u00fcssen, hielt sie gehorsam den Mund.<\/p>\n<p>Bei Anbruch der Dunkelheit brach er auf und lief die ganze Nacht durch. Am fr\u00fchen Morgen erreichte er B\u00e4renleben. Nat\u00fcrlich h\u00e4tte er gar nicht so vorsichtig sein m\u00fcssen, denn kaum jemand h\u00e4tte in dem verschwitzten Rucksacktouri den Kanzler erkannt. Aber Prominente \u00fcbersch\u00e4tzen ihren Bekanntheitsgrad notorisch, und so nutzte er jede Deckung und wich sogar jeder funzeligen Stra\u00dfenlaterne aus.<\/p>\n<p>&#8222;Tach,&#8220; sagte Tumu. &#8222;Du hast uns gerade noch gefehlt. Na ja, dann penn erst mal. Wir m\u00fcssen sowieso noch warten. Einen Schlafsack wirst du doch wenigstens haben?&#8220;<\/p>\n<p>Blitzartig hatte den Kanzler seine gewohnte Schlagfertigkeit verlassen.<\/p>\n<p>&#8222;Guten Tag,&#8220; stammelte er, &#8222;ich bin&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Bekannt, bekannt,&#8220; sagte Tumu. &#8222;Und br\u00fcll nicht so. Die Kinder schlafen noch. Und die Erwachsenen auch. Ich bin nur abgestellt als Empfangskomittee, damit du dich nicht verl\u00e4ufst. Du solltest dich jetzt wirklich ausruhen. Wenn Kulle erst mal da ist, wirst du einiges zu h\u00f6ren kriegen.&#8220;<\/p>\n<p>Sie drehte sich um und lie\u00df ihn stehen, wo er stand.<\/p>\n<p>Der Kanzler war zu stolz, um um eine Decke zu bitten. Fluchend kauerte er sich nieder und versuchte, sich mit seinem Rucksack zuzudecken.<\/p>\n<p>Als er frierend aufwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Zum R\u00e4keln hatte er keinen Platz: Rechts und links von ihm sa\u00dfen B\u00e4ren, und als er sich umdrehte, stellte er fest, da\u00df sie in dicht gestaffelten Reihen auch hinter ihm hockten. Alle blickten in dieselbe Richtung. Als er sich die Situation klarmachte, kam er zu dem Schlu\u00df, da\u00df er den besten Platz in einem erwartungsvollen Auditorium einnahm. Auf dem freien Platz davor erschienen jetzt zwei B\u00e4ren: ein gro\u00dfer, rundlicher, gem\u00fctlich aussehender Braunb\u00e4r und ein kleinerer, offensichtlich von derselben Rasse, aber ein wenig heller gef\u00e4rbt. Der Kleine sah sehr pfiffig aus, was noch dadurch unterstrichen wurde, da\u00df er zu des Kanzlers \u00dcberraschung eine gro\u00dfe Fliege um den Hals gebunden hatte. Die Versammlung begr\u00fc\u00dfte die beiden mit Gebrumm.<\/p>\n<p><center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/baerdel3.JPG\" alt=\"Baerdel\" width=\"536\" height=\"573\" \/><\/center><center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/kulle2.jpg\" alt=\"Kulle\" width=\"663\" height=\"556\" \/><\/center>&#8222;Willkommen, liebe B\u00e4rinnen und B\u00e4ren,&#8220; sagte B\u00e4rdel herzlich. &#8222;Willkommen, Mensch.&#8220; Bei diesem Gru\u00df lag deutlich weniger W\u00e4rme in seiner Stimme.<\/p>\n<p>&#8222;Der fr\u00fchere Kanzler hat uns verraten, wenn auch posthum. Seinem Leichtsinn haben wir den heutigen Besuch zu verdanken. Der neue Kanzler sucht unseren Rat.&#8220;<\/p>\n<p>Der Kanzler wollte arrogant aufbegehren, beherrschte sich aber.<\/p>\n<p>&#8222;Wir werden ihm unseren Rat nicht verweigern. Das haben B\u00e4ren noch nie getan. Aber wir wollen auch von der Situation profitieren und unsere Allgemeinbildung verbessern. Kulles nun folgende Vorlesung wird dem Kanzler Rat geben und uns Informationen.&#8220;<\/p>\n<p>Die meisten B\u00e4ren schlugen die Tatzen gegeneinander, aber auch vereinzelte Buh-Rufe waren zu h\u00f6ren &#8211; manch einer erinnerte sich noch gut an Kulles unerm\u00fcdliche Besserwisserei. Danach trat schnell Ruhe ein.<\/p>\n<p>&#8222;Den meisten hier bin ich ja wohl bekannt,&#8220; begann Kulle, &#8222;und au\u00dferdem hat B\u00e4rdel mich gerade vorgestellt. Kulle, Privatgelehrter. Ich spreche heute \u00fcber das Sein und das Nichts. Das ist nicht gerade wenig, vor allem das Nichts ist ziemlich viel, wie wir merken werden. Es kann also etwas l\u00e4nger dauern. Ich hoffe, ihr habe genug zu essen mitgebracht.&#8220;<\/p>\n<p>Das Knurren aus dem Magen des Kanzlers ging im zustimmenden Brummen der Versammlung unter.<\/p>\n<p>&#8222;Was ist das Sein?&#8220; fragte Kulle und hob schnell die H\u00e4nde, als sich Unmut unter den Zuh\u00f6rern bemerkbar machte. &#8222;Nun seid doch nicht so ungeduldig! Unter uns ist ein Mensch, und dem mu\u00df man auch Selbstverst\u00e4ndlichkeiten ganz genau erkl\u00e4ren. Au\u00dfer ihm wissen wir alle, was das Sein ist: Gem\u00fctlich fressen; in der warmen Sonne oder einer trockenen H\u00f6hle schlafen; Sex haben und dabei ab und zu Kinder zeugen; die Gemeinschaft pflegen; sie und sich weiterentwickeln. Das macht Arbeit, aber die erledigen alle zusammen, und f\u00fcr Mu\u00dfe bleibt viel Zeit. Richtig?&#8220;<\/p>\n<p>Die B\u00e4ren zuckten nur tr\u00e4ge mit den Schultern. Warum bedurften solche Banalit\u00e4ten ihrer Zustimmung?<\/p>\n<p>&#8222;Also richtig,&#8220; best\u00e4tigte Kulle sich selbst, weil es sonst keiner tat.<\/p>\n<p>&#8222;Sag mal, Kanzler,&#8220; fragte er unvermittelt, &#8222;was h\u00e4ltst du eigentlich davon?&#8220;<\/p>\n<p>Der Kanzler hatte durchaus Bedenken, in einer Versammlung mit wilden Tieren seine Meinung zu sagen, aber er hatte andererseits auch keine Lust, sich stundenlang unwidersprochen Dummheiten anzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>&#8222;Kinderkram! Ammenm\u00e4rchen!&#8220; knurrte er gereizt. &#8222;Steinzeitromantik! Wo bleibt denn da der Fortschritt? Mag ja sein, da\u00df ein solches Leben f\u00fcr euch B\u00e4ren m\u00f6glich ist, aber der Mensch als solcher&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Was ist denn der Mensch als solcher?&#8220; fragte Kulle. Seine Stimme hatte alle Verbindlichkeit verloren.<\/p>\n<p>Tapfer erkl\u00e4rte der Kanzler: &#8222;Der Mensch als solcher strebt st\u00e4ndig nach Erfolg. Deshalb ist es ihm nicht m\u00f6glich, sich mit dem Erreichten zufrieden zu geben. So ist er der Motor des Fortschritts, und die Grundlage daf\u00fcr ist seine \u00fcberlegene Intelligenz, die ihn von den Tieren unterscheidet. Er&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Der Kanzler hatte sich in Rage geredet und seine Umgebung dabei v\u00f6llig vergesssen. Erst das unb\u00e4ndige Gel\u00e4chter, das jetzt um ihn herum ausbrach, erinnerte ihn wieder daran, wo er sich befand. Was hatte er gerade gesagt? Pl\u00f6tzlich ging ihm siedend hei\u00df die Dummheit zumindest eines Teils seiner Aussagen auf, und ein Gef\u00fchl wallte in ihm auf, f\u00fcr das er keinen Namen kannte, denn er hatte es noch nie gesp\u00fcrt. Die B\u00e4ren h\u00e4tten ihm sagen k\u00f6nnen, da\u00df es Scham war, aber er fragte sie nicht.<\/p>\n<p>Kulle begn\u00fcgte sich mit einem Schmunzeln und verzichtete darauf, die Sache mit der &#8222;\u00fcberlegenen Intelligenz&#8220; breitzutreten.<\/p>\n<p>&#8222;So, so, Fortschritt und Erfolg,&#8220; brummelte er stattdessen und tat ganz harmlos. &#8222;Das sind f\u00fcr euch Menschen also wichtige Begriffe. F\u00fcr uns B\u00e4ren weniger, das hast du ja schon gemerkt. Deshalb kannst du uns sicher erkl\u00e4ren, was Fortschritt ist!&#8220;<\/p>\n<p>Da der Kanzler sehr eitel war, erkannte er die Falle nicht, sondern f\u00fchlte sich geschmeichelt.<\/p>\n<p>&#8222;Fortschritt, das ist Weiterentwicklung. Wir Menschen befreien uns von der Abh\u00e4ngigkeit von der Natur, wir erfinden Werkzeuge und Maschinen, wir haben Computer; und alles das erleichtert uns die Arbeit. Wir brauchen viel weniger zu arbeiten als fr\u00fcher und haben trotzdem einen viel h\u00f6heren Lebensstandard.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Demnach,&#8220; sagte Kulle und gab sich nachdenklich, &#8222;demnach sind diejenigen Menschen, die gar nicht arbeiten, die Gl\u00fccklichsten und haben den h\u00f6chsten &#8211; wie hast du es genannt? &#8211; Lebensstandard?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ganz so ist es auch nicht,&#8220; murmelte der Kanzler verlegen, &#8222;sie sind doch arbeitslos. Deswegen bin ich gekommen: Es gibt immer mehr Arbeitslose, und meine Kassen sind leer. Ich kann ihnen immer weniger Geld bezahlen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Die Arbeitslosen sind also nicht gl\u00fccklich? Der Lebensstandard h\u00e4ngt also vom Geld ab? Und Geld gibt es bei euch Menschen nicht genug?&#8220; Kulle scho\u00df ohne Pause eine Frage nach der anderen ab.<\/p>\n<p>Die Versammlung lauschte gebannt. Die B\u00e4ren sp\u00fcrten, da\u00df der Kanzler mehr und mehr in die Ecke gedr\u00e4ngt wurde.<\/p>\n<p>&#8222;Eigentlich gibt es viel Geld,&#8220; sagte der Kanzler langsam. &#8222;An den B\u00f6rsen gibt es so viel Geld, da\u00df man dort inzwischen nicht mehr mit Waren handelt, sondern mit Versprechungern auf Waren und mit Versprechungen auf Versprechungen von Waren. Ich wei\u00df nicht, ob ihr das versteht: Es gibt Terminb\u00f6rsen&#8230;&#8220; Hilflos stockte er.<\/p>\n<p>&#8222;Ja, und an den Terminb\u00f6rsen agieren Bullen und B\u00e4ren und und schieben jeden Tag Milliarden beim Kauf und Verkauf von Fonds und Bonds, und wie die Dinger alle hei\u00dfen, hin und her,&#8220; erg\u00e4nzte Kulle ungeduldig. Die Bemerkung: ,Wir sind nicht so bl\u00f6d, wie du aussiehst`, verkniff er sich. &#8222;Danke, das wissen wir. Aber: Wenn es so viel Geld gibt, warum bekommen es nicht die Arbeitslosen?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Aber wer verschenkt denn Geld? Geld bedeutet doch Erfolg! F\u00fcr Geld kann man alles kaufen!&#8220; Der Kanzler war tats\u00e4chlich fassungslos angesichts von so viel Naivit\u00e4t.<\/p>\n<p>Kulle schaltete eine kurze Kunstpause ein.<\/p>\n<p>&#8222;Ich resumiere,&#8220; sagte er dann.<\/p>\n<p>&#8222;F\u00fcr die Menschen bedeutet Fortschritt, da\u00df immer mehr von ihnen arbeitslos werden. Arbeitslose leben im Ungl\u00fcck. Erfolg bedeutet, viel Geld zu haben und in Saus und Braus zu leben. Wenn immer mehr von euch ungl\u00fccklich werden, k\u00f6nnen immer weniger von euch gl\u00fccklich sein. Ihr nennt das Entwicklung.&#8220;<\/p>\n<p>Kulle machte eine weitere Pause.<\/p>\n<p>&#8222;Wir nennen das auch ,Entwicklung`. E-n-t-wicklung. Der Faden wird vom Kn\u00e4uel gewickelt. Das Kn\u00e4uel ist K\u00f6rper, ist Form, ist eine Einheit. Der Faden ist formlos, abgeschnitten, bindungslos. Der Faden ist das Nichts. Die E-n-t-wicklung f\u00fchrt ins Nichts.<\/p>\n<p>Die Menschen haben kein Sein.&#8220;<\/p>\n<p>Keiner der B\u00e4ren wagte zu atmen, und deshalb war im gesamten Auditorium gut zu h\u00f6ren, da\u00df der Kanzler tief Luft holte. Er hatte Kulle kaum folgen k\u00f6nnen, aber er hatte dennoch begriffen, da\u00df der kleine B\u00e4r eine grunds\u00e4tzliche Kritik an der menschlichen Lebensweise ge\u00e4u\u00dfert hatte. Das konnte er mit seinem Stolz nicht vereinbaren. Ohne lange nachzudenken, stand er auf.<\/p>\n<p>&#8222;Ich danke euch,&#8220; sagte er. &#8222;Ihr habt mir sehr geholfen!&#8220;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich meinte er das nicht ehrlich, und die B\u00e4ren wu\u00dften es sehr wohl. Schweigend sahen sie zu, wie er seinen Rucksack schulterte, sich nochmals formell verbeugte &#8211; H\u00e4ndesch\u00fctteln mit B\u00e4ren erschien ihm nicht angebracht &#8211; und dann mit raschen Schritten im Wald verschwand.<\/p>\n<p>Die B\u00e4renversammlung l\u00f6ste sich langsam auf. Bevor sich alle ein stilles Pl\u00e4tzchen f\u00fcr den Mittagsschlaf suchten, klopften viele Kulle anerkennend auf die Schulter &#8211; er hatte zwar keinen Erfolg gehabt, aber er hatte getan, was b\u00e4renm\u00f6glich war.<\/p>\n<p>&#8222;F\u00fcr diese Kackwurst habe ich mir nun eine Nacht um die Ohren geschlagen,&#8220; klagte Tumu. &#8222;Und was hat es gebracht?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Reg dich nicht auf,&#8220; sagte B\u00e4rdel. &#8222;Kulle ist wieder einer von uns, und das wurde h\u00f6chste Zeit. Au\u00dferdem haben wir wohl gelernt, da\u00df wir in unseren Mu\u00dfestunden noch mehr B\u00fccher lesen m\u00fcssen. B\u00fccher von klugen Menschen, die gibt es ja auch. Wie es aussieht, werden die Menschen nicht vern\u00fcnftig, jedenfalls nicht unter diesem Kanzler, also m\u00fcssen wir es sein. Und wir haben best\u00e4tigt bekommen, was wir schon immer wu\u00dften, n\u00e4mlich, da\u00df wir keine E-n-t-wicklung brauchen. Das ist doch was!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Stimmt!&#8220; sagte Tumu, gab B\u00e4rdel einen Ku\u00df und nahm Kulle in den Arm.<\/p>\n<p>Nach etlichen Stunden strammen Marschierens kam der Kanzler wieder zu Hause an.<\/p>\n<p>&#8222;Da bist du ja endlich,&#8220; begr\u00fc\u00dfte ihn seine Frau. Sie fragte nicht nach seinen Erlebnissen. Sein Hunger, seine M\u00fcdigkeit interessierten sie nicht.<\/p>\n<p>&#8222;Hier, probier mal! Ich habe dir f\u00fcr den Wiener Opernball einen Frack anfertigen lassen! Pa\u00dft? Pa\u00dft! Dann komm endlich! Unsere Maschine startet in 45 Minuten!&#8220;<\/p>\n<p>Seufzend folgte er ihr. Schlie\u00dflich wollte er Erfolg haben. Sie wu\u00dfte eben immer, was wichtig war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kulles VorlesungBestimmt erinnert ihr euch daran, da\u00df es einem Menschen auf der Welt gibt, der nicht nur wei\u00df, wo das Beerental genau liegt, sondern der auch erlebt hat, wie es dort zugeht. Richtig &#8211; der Kanzler. Er hatte sich nach seinem b\u00e4rigen Abenteuer nur noch gesund ern\u00e4hrt &#8211; abgesehen von dem einen oder anderen Glas [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_crdt_document":"","footnotes":""},"categories":[10,3,21],"tags":[],"class_list":["post-290","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-baerdel","category-baerdel1","category-kanzlermaerchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/290","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=290"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/290\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":292,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/290\/revisions\/292"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=290"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=290"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=290"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}