{"id":299,"date":"1996-06-07T20:18:14","date_gmt":"1996-06-07T18:18:14","guid":{"rendered":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/?p=299"},"modified":"2017-03-07T20:21:33","modified_gmt":"2017-03-07T18:21:33","slug":"die-lehre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/1996\/06\/die-lehre\/","title":{"rendered":"Die Lehre"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/dockulle.jpg\" align=\"No\" \/><\/p>\n<p>Es war einmal ein B\u00e4r namens Kulle, der war sehr belesen. Er war nicht nur belesen, er war auch klug: Er verkn\u00fcpfte die Elemente seines Wissens miteinander und zog aus allem die richtigen Schlu\u00dffolgerungen.<\/p>\n<p>So etwas ist bei den B\u00e4ren nicht verboten. Zwar schreiben und drucken sie selbst keine B\u00fccher, das tun nur die Menschen. Aber manchmal, das wissen sie, fa\u00dft sogar ein Mensch ein paar vern\u00fcnftige Gedanken. Warum sollten sie davon nicht profitieren? Sie sch\u00e4tzen es sehr, wenn ein lesender B\u00e4r an ihren abendlichen Gespr\u00e4chsrunden teilnimmt, neue, ihnen bisher fremde Ideen einbringt und sie dar\u00fcber nachdenken und diskutieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Kulle aber war bei ihnen unbeliebt. Er beschr\u00e4nkte sich n\u00e4mlich keineswegs auf die Rolle, die sie von ihm erwarteten. Auch tags\u00fcber meinte er ihnen dauernd erz\u00e4hlen zu m\u00fcssen, was er wieder Neues gelernt hatte. Das \u00e4rgerte sie, weil sie sich deshalb nicht auf ihre Arbeit konzentrieren konnten. Und abends gab er sich nicht damit zufrieden, einfach mitzureden, sondern wollte sie st\u00e4ndig belehren und behauptete, immer recht zu haben.<\/p>\n<p>Lange erduldeten sie diesen Zustand, aber irgendwann fanden sie ihn unertr\u00e4glich. Heimlich beratschlagten sie und teilten dem \u00fcberraschten Kulle dann ihren Entschlu\u00df mit:<\/p>\n<p>&#8222;Du solltest Lehrer werden!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Oh,&#8220; sagte Kulle.<\/p>\n<p>Es war klar, da\u00df er damit nicht gerechnet haben konnte. Bei den B\u00e4ren gab es n\u00e4mlich keine Schulen &#8211; Schulen betrachteten sie als Entfremdung (\u00fcbrigens eine Vokabel, die Kulle ihnen beigebracht hatte). Alles, was Jungb\u00e4ren lernen mu\u00dften, erfuhren sie im t\u00e4glichen Leben mit der Sippe. Schulen gab es nur bei den Menschen.<\/p>\n<p>Kulle f\u00fcgte sich in sein Schicksal und machte sich auf die Wanderschaft. Er ging westw\u00e4rts und stieg dabei bald \u00fcber einen Gebirgszug, den die Menschen das Erzgebirge nannten. Auf der anderen Seite kam er in der Ebene in eine gro\u00dfe Stadt. Sie hie\u00df Chemnitz, behaupteten die Ortseingangsschilder, aber Kulle glaubte das nicht so recht: Diese Stadt entsprach den Bildern, die er von einem Ort namens Karl-Marx-Stadt aus B\u00fcchern kannte.<\/p>\n<p>Schon in einem Vorort stie\u00df er auf eine Anlage, die eine Schule sein mu\u00dfte: flache Geb\u00e4ude mit gro\u00dfen Fensterfl\u00e4chen in den W\u00e4nden, ein gro\u00dfer asphaltierter Hof, auf dem sich viele junge Menschen aufhielten. Hastig packte Kulle sein einziges Gep\u00e4ck aus &#8211; ein langes, kariertes Stoffband. Geschickt legte er es sich um den Hals und kn\u00fcpfte eine kunstvolle Schleife. Diese Krawatte mu\u00dfte als Tarnung reichen &#8211; er hoffte, da\u00df er jetzt wie ein Mensch aussah.<\/p>\n<p>Mutig betrat er das gr\u00f6\u00dfte Haus, fand schnell die Schulverwaltung und stand im Sekretariat.<\/p>\n<p>&#8222;Guten Tag,&#8220; sagte er, &#8222;ich bin Lehrer und suche eine Stelle.&#8220;<\/p>\n<p>Mi\u00dftrauisch betrachtete ihn die Sekret\u00e4rin.<\/p>\n<p>&#8222;Russisch?&#8220; fragte sie.<\/p>\n<p>Kulle wu\u00dfte nicht so recht, was sie meinte, da er aber sicher war, da\u00df er kein russischer B\u00e4r war, antwortete er: &#8222;Nein.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Na, dann will ich&#8217;s mal wagen,&#8220; sagte die Frau. &#8222;Ich melde Sie der Direktorin.&#8220;<\/p>\n<p>Kulle durfte durch eine weitere T\u00fcr treten, wurde begr\u00fc\u00dft und sollte sich setzen. Im letzten Moment reagierte er richtig: Er hockte sich nicht wie gewohnt auf den Boden, sondern brachte sich vorsichtig auf einem wacklig wirkenden Stuhl unter &#8211; ihm war schlie\u00dflich klar, da\u00df er nicht ganz leicht war.<\/p>\n<p>&#8222;Sie suchen eine Stelle?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ja, eine Stelle als Lehrer.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Welches Fach oder welche F\u00e4cher unterrichten Sie?&#8220;<\/p>\n<p>Mit dieser Frage hatte er nicht gerechnet. Was konnte damit gemeint sein? In welcher Schublade er unterrichtete? Oder: Welche Schublade er unterrichtete? Das konnte es nicht sein. Er beschlo\u00df, &#8222;Fach&#8220; mit &#8222;Gegenstand&#8220; zu \u00fcbersetzen. Welche Dummheit: Wu\u00dften die Menschen denn nicht, da\u00df es keine &#8222;Gegenst\u00e4nde&#8220; gab, sondern da\u00df auf der Welt alles mit allem zusammenhing? Aber jetzt war keine Zeit f\u00fcr solche grunds\u00e4tzlichen \u00dcberlegungen. Er wollte schlie\u00dflich hier angestellt werden.<\/p>\n<p>Was konnte er am besten? Was war sein &#8222;Fach&#8220;? Eigentlich war alles Naturwissenschaft oder Politik &#8211; aber auch das lie\u00df sich nicht so richtig trennen. Er spielte Vabanque &#8211; etwas anderes blieb ihm auch gar nicht \u00fcbrig.<\/p>\n<p>&#8222;Politik,&#8220; murmelte er.<\/p>\n<p>&#8222;Politik?&#8220; Die Direktorin schien ihm nicht zu glauben. Also hatte er bestimmt etwas falsch gemacht. Aber nun mu\u00dfte er bei seiner Aussage bleiben.<\/p>\n<p>&#8222;Ja, Politik,&#8220; best\u00e4tigte er.<\/p>\n<p>&#8222;Wundervoll!&#8220; jubelte die Direktorin. &#8222;Wissen Sie, da\u00df Sie der erste Politiklehrer in diesem Bezirk sind? Und das an meiner Schule! Sie k\u00f6nnen sofort anfangen &#8211; am besten gleich morgen!&#8220;<\/p>\n<p>Kulle fiel ein Stein vom Herzen. Er wu\u00dfte nicht warum, aber er hatte offenbar einen Volltreffer gelandet. Er bedankte sich und verabschiedete sich h\u00f6flich, holte sich seinen &#8222;Stundenplan&#8220; ab (Was das wohl wieder war?) und verschwand f\u00fcr eine Beerenmahlzeit in den W\u00e4ldern.<\/p>\n<p>Die Direktorin war nicht minder erleichtert. Es kam ihr gar nicht in den Sinn, da\u00df sie vor lauter Begeisterung nicht nach den Zeugnissen des neuen Kollegen gefragt hatte.<\/p>\n<p>&#8222;Wir werden als einzige den Plan erf\u00fcllen,&#8220; murmelte sie vor sich hin. Als ihr bewu\u00dft wurde, was sie gesagt hatte, korrigierte sie sich:<\/p>\n<p>&#8222;Wir werden als einzige die Unterrichtsverpflichtung im Fach Politik abdecken!&#8220;<\/p>\n<p>Seinem &#8222;Stundenplan&#8220; hatte Kulle entnommen, da\u00df er um 8.00 Uhr mit dem Unterricht anfangen sollte. Solche Zeitangaben scherten ihn wenig &#8211; B\u00e4ren werden mit dem Aufgang der Sonne aktiv und ziehen sich sp\u00e4testens bei Sonnenuntergang zum Plaudern zur\u00fcck. Nat\u00fcrlich hatte er keine Uhr. Da es Sommer war, kam er zwei Stunden zu fr\u00fch zur Schule. Um sich zu besch\u00e4ftigen, las er obskure Dinge, die im Lehrerzimmer herumlagen &#8211; &#8222;Schulverwaltungsblatt&#8220;, &#8222;Terminplan&#8220;, &#8222;Mitteilungsbuch&#8220; und dergleichen mehr. Er gewann den Eindruck, da\u00df die Menschen perfekt darin waren, sich Korsetts anzulegen, ohne es zu bemerken.<\/p>\n<p>Endlich war es soweit. Er fand seine &#8222;Klasse&#8220; und sah sich zwanzig ungef\u00e4hr achtzehnj\u00e4hrigen Menschen gegen\u00fcber. Er betrachtete sie, und sie sch\u00e4tzten ihn ab. An ihm konnten sie als hervorstechendes Merkmal nur seine Schleife registrieren, er aber sah viel mehr: Markenjeans, Markenschuhe, teure Jacken, die l\u00e4ssig \u00fcber Stuhllehnen baumelten, T-Shirts, Sweatshirts und Pullover mit aufdringlich schreienden Markennamen. Hier lag ein Taschenrechner, dort wollte ein Walkmann wieder in Betrieb gesetzt werden.<\/p>\n<p>Statt einer Begr\u00fc\u00dfung sagte er: &#8222;Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ungeheure Warensammlung'&#8220;.<\/p>\n<p>Er erntete verbl\u00fcfftes Schweigen.<\/p>\n<p>&#8222;Stimmt!&#8220; sagte schlie\u00dflich eine kleine Dicke.<\/p>\n<p>&#8222;Wieso?&#8220; fragte ein langer D\u00fcnner.<\/p>\n<p>&#8222;Na, ist doch klar!&#8220; antwortete die Dicke. &#8222;Seit wir hier den Kapitalismus haben, gibt es jede Menge Waren. Und jeder, der viel von dem Zeug hat, das man kaufen kann, gilt als reich. Alles andere z\u00e4hlt nicht. Capito?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Aber das ist doch ungerecht!&#8220; rief eine Dritte.<\/p>\n<p>&#8222;Wieso?&#8220; fragte ein Vierter.<\/p>\n<p>&#8222;Ist doch klar!&#8220; sagte die Dritte. &#8222;Mein Vater ist arbeitslos, meine Mutter schon lange, wovon sollen wir uns also all die Waren kaufen k\u00f6nnen, die uns reich machen?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Das verstehe ich,&#8220; meinte der Vierte. &#8222;Warum k\u00f6nnen denn nicht alle reich sein?&#8220;<\/p>\n<p>Ich wag&#8217;s,&#8216; sagte sich Kulle.Das scheinen ganz intelligente Menschen zu sein.&#8216;<\/p>\n<p>Und er zitierte aus dem Kopf:<\/p>\n<p>&#8222;Je gr\u00f6\u00dfer der gesellschaftliche Reichtum, das funktionierende Kapital, Umfang und Energie seines Wachstums, also auch die absolute Gr\u00f6\u00dfe des Proletariats und die Produktivkraft seiner Arbeit, desto gr\u00f6\u00dfer die industrielle Reservearmee. Die disponible Arbeitskraft wird durch dieselben Ursachen entwickelt, wie die Expansivkraft des Kapitals. Die verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige Gr\u00f6\u00dfe der industriellen Reservearmee w\u00e4chst also mit den Potenzen des Reichtums. Je gr\u00f6\u00dfer also diese Reservearmeee im Verh\u00e4ltnis zur aktiven Arbeiterarmee, desto massenhafter die konsolidierte \u00dcberv\u00f6lkerung, deren Elend im umgekehrten Verh\u00e4ltnis zu ihrer Arbeitsqual steht. Je gr\u00f6\u00dfer endlich die Lazarusschicht der Arbeiterklasse und die industrielle Reservearmee, desto gr\u00f6\u00dfer der offizille Pauperismus. Dies ist das absolute, allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Was soll das denn hei\u00dfen?&#8220; fragte der D\u00fcnne.<\/p>\n<p>&#8222;Diesmal hab ich&#8217;s kapiert, glaube ich,&#8220; sagte die Vierte. &#8222;Das Kapital will Profit, sonst nichts. Folglich steigert es die Arbeitsproduktivit\u00e4t, ersetzt also Menschen durch Maschinen. Die noch gebrauchten Menschen m\u00fcssen immer mehr malochen, und alle anderen werden arbeitslos. Im Kapitalismus geht das gar nicht anders.&#8220;<\/p>\n<p>Zum ersten (und auch zum letzten) Mal in seiner Lehrerrolle verhielt Kulle sich angemessen: Er gab der Vierten im Kopf eine &#8222;Eins&#8220;. Und nebenbei fragte er sich, warum der Autor, den er gerade zitiert hatte, sich nicht genau so einfach hatte ausdr\u00fccken k\u00f6nnen wie seine Sch\u00fclerin.<\/p>\n<p>&#8222;Und? Was k\u00f6nnen wir dagegen tun?&#8220; wollte die Dicke wissen.<\/p>\n<p>Kulle wartete und hoffte, da\u00df jemand aus der Klasse die naheliegende L\u00f6sung fand. Aber es herrschte Schweigen.<\/p>\n<p>Also mu\u00dfte er ihnen helfen.<\/p>\n<p>&#8222;Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkr\u00e4fte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverh\u00e4ltnissen. Aus Entwicklungsformen der Produktivkr\u00e4fte schlagen diese Verh\u00e4ltnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Bei dem Wort &#8222;Revolution&#8220; runzelten viele Sch\u00fcler die Stirn. Verunsichert brach er ab. In der letzten Reihe meldete sich eine junge Frau.<\/p>\n<p>&#8222;Ja?&#8220; fragte Kulle.<\/p>\n<p>&#8222;Sagen Sie mal, Herr&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Oh, Entschuldigung,&#8220; sagte Kulle. &#8222;Kulle.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Sagen Sie mal, Herr Kulle, wen zitieren Sie da eigentlich dauernd?&#8220;<\/p>\n<p>Kulle war verdattert. Diese Frage hatte er in dieser Stadt nicht erwartet. Tats\u00e4chlich schien es niemand zu wissen, alle Sch\u00fcler schauten ihn neugierig an.<\/p>\n<p>&#8222;Karl Marx nat\u00fcrlich,&#8220; sagte er also schulterzuckend.<\/p>\n<p>Einen Augenblick lang herrschte verbl\u00fcfftes Schweigen. Dann brach ein Tumult los. Alle schrien durcheinander.<\/p>\n<p>&#8222;Raus hier!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wohl von der Stasi \u00fcbriggeblieben, was?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Du liebst uns wohl alle?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Kommunistensau!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Hau ab!&#8220;<\/p>\n<p>Kulle folgte der Aufforderung. Ihm war nicht ganz klar, was da schiefgelaufen war, aber hier war seines Bleibens nicht l\u00e4nger. Kopfsch\u00fcttelnd lief er durch Karl-Chemnitz-Marx-Stadt und strandete an einem riesigen Marmorsockel. Als er den Kopf hob, sah er, da\u00df der Kopf ihn ansah.<\/p>\n<p>&#8222;Wieso sind die Menschen hier so bl\u00f6d?&#8220; fragte Kulle den Kopf.<\/p>\n<p>Der Kopf antwortete nicht und starrte finster in vision\u00e4re Fernen.<\/p>\n<p>Da machte Kulle sich auf die Wanderschaft. Er ging auf die Suche nach Menschen, die klug waren und verstanden, was in ihrer Welt vor sich ging.<\/p>\n<p>Wir wollen hoffen, da\u00df er noch lebt und inzwischen se\u00dfhaft werden konnte. Aber wahrscheinlich zieht er noch immer umher.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es war einmal ein B\u00e4r namens Kulle, der war sehr belesen. Er war nicht nur belesen, er war auch klug: Er verkn\u00fcpfte die Elemente seines Wissens miteinander und zog aus allem die richtigen Schlu\u00dffolgerungen. So etwas ist bei den B\u00e4ren nicht verboten. 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