{"id":304,"date":"1995-12-24T20:33:47","date_gmt":"1995-12-24T18:33:47","guid":{"rendered":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/?p=304"},"modified":"2017-03-07T20:35:29","modified_gmt":"2017-03-07T18:35:29","slug":"weih-nacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/1995\/12\/weih-nacht\/","title":{"rendered":"(Weih)-Nacht"},"content":{"rendered":"<p><center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/bosch.jpg\" alt=\"Bosch-Die Kreuztragung\" width=\"379\" height=\"392\" align=\"No\" \/><\/center>Es war einmal ein B\u00e4r, der liebte M\u00e4rchen \u00fcber alles. Am meisten mochte er das M\u00e4rchen von Weihnachten, das seine Gro\u00dfmutter ihm immer erz\u00e4hlt hatte, als er noch ganz klein war. Es war ein Menschenm\u00e4rchen, aber das st\u00f6rte ihn \u00fcberhaupt nicht.<\/p>\n<p>In diesem M\u00e4rchen war immer alles ganz dunkel, denn es herrschte tiefster Winter. Der Mond schien hell, und unter seinen Strahlen ergl\u00e4nzte der Schnee, der das Land mit einer dicken Decke einh\u00fcllte. Eisig kalt war es, und die wenigen Menschen, die drau\u00dfen zu tun hatten, beeilten sich, wieder ins Warme zu kommen, in die heimeligen H\u00e4user. Dort bullerten die \u00d6fen, eine Tanne stand dort mit aufgesteckten Lichtern, und die Menschen standen oder sa\u00dfen darum herum und sangen melodische Lieder. Sie freuten sich \u00fcber diesen Tag und liebten einander, und um sich das zu zeigen, machten sie einander Geschenke &#8211; selbstgestrickte Pullover oder Socken zum Beispiel, eine Stichs\u00e4gearbeit oder sonst irgendeine Bastelei.<\/p>\n<p>Der B\u00e4r hatte immer bedauert, da\u00df er das nicht miterleben konnte. Denn seine Gro\u00dfmutter hatte ihm erz\u00e4hlt, da\u00df Weihnachten eigentlich gar kein M\u00e4rchen sei, sondern Wirklichkeit &#8211; Wirklichkeit f\u00fcr die Menschen. F\u00fcr B\u00e4ren dagegen, die Winterschlaf hielten, w\u00fcrde Weihnachten immer ein M\u00e4rchen bleiben. Dachte der B\u00e4r.<\/p>\n<p>Seinen Wintereinkauf erledigte der B\u00e4r immer Ende Oktober. Ja, auch die B\u00e4ren waren modern geworden und verlie\u00dfen sich immer weniger allein auf den angefressenen Winterspeck. Eine zus\u00e4tzliche Konserve, eine Wolldecke &#8211; dadurch konnten die Schlafmonate in der kalten H\u00f6hle viel angenehmer werden. Geld mu\u00dfte man daf\u00fcr nat\u00fcrlich haben, aber das war seit einiger Zeit kein Problem mehr. Seit die Grenzen zu den \u00f6stlichen L\u00e4ndern ge\u00f6ffnet worden waren, konnte man Automaten ohne Probleme wertlose Zloty andrehen, und gef\u00e4lschte Kreditkarten gab es auch massenhaft. Nat\u00fcrlich mu\u00dfte man sich als Mensch verkleiden, aber das war leicht. Da die Menschen die B\u00e4ren seit Jahrtausenden ermordeten oder als Circusclowns mi\u00dfbrauchten, hatte der B\u00e4r bei solchen Tarn- und T\u00e4uschungsman\u00f6vern keinerlei moralische Skrupel.<\/p>\n<p>Er hatte einen ruhigen Herbsteinkaufstag erwartet, aber er hatte sich get\u00e4uscht. Zwar schien die Sonne vom strahlend blauen Himmel, nachdem die Morgennebel sich aufgel\u00f6st hatten, aber kaum hatte er das erste Kaufhaus betreten, schallten ihm ungewohnte Kl\u00e4nge entgegen. Menschliche Singstimmen waren mit sanfter Musik unterlegt, und als er genau hinh\u00f6rte, verstand er auch den Text:<\/p>\n<p>&#8222;S\u00fc\u00dfer die Kassen nie klingeln,<br \/>\nals zu der Weihnachtszeit.&#8220;<\/p>\n<p>Weihnachtszeit? Aber es war doch erst Ende Oktober, noch nicht einmal Zeit f\u00fcr den Winterschlaf! Irritiert ging er weiter.<\/p>\n<p>Schon nach wenigen Schritten aber kam er nicht mehr voran, denn er steckte in einem Menschengedr\u00e4nge. Alles wimmelte um Verkaufsst\u00e4nde mit Plastiktannen, Engelsp\u00fcppchen, Lametta in Wei\u00df, Gold, Rot und Blau, Glaskugeln, Plastikadventskr\u00e4nzen und Kerzen in allen denkbaren Farben.<\/p>\n<p>Er versuchte zu fl\u00fcchten, aber in der n\u00e4chsten Abteilung war es auch nicht besser: Hier schienen die Menschen die letzte Schlacht um die letzten S\u00fc\u00dfigkeiten zu schlagen. Es mu\u00dften wirklich die letzten sein, entschied der B\u00e4r, nachdem er einen Blick auf das eine oder andere Preisschild geworfen hatte.<\/p>\n<p>Ein paar Meter weiter wanderten \u00fcberwiegend \u00e4ltere Frauen durch eine Ausstellung von Puppen. Oh, wie lieb sahen die aus! Lange Kleider trugen sie und aufgesteckte Z\u00f6pfe, manche hielten auch eine kupferne Bratpfanne in der Hand. Zur Illustration und vollkommenen Illusion war der altert\u00fcmliche Herd mit den Feuerringen auf der Platte gleich nebenan aufgebaut. Verzaubert wiegten die Kundinnen die Puppen im Arm und tr\u00e4umten ein paar Sekunden, bis ein Blick auf das Preisschild sie veranla\u00dfte, die Plastikgesch\u00f6pfe wieder in ihr Regal zur\u00fcckzusetzen.<\/p>\n<p>Den B\u00e4ren schauderte es, und er fl\u00fcchtete aus dem Kaufhaus. Drau\u00dfen atmete er tief durch. Die frische Luft tat gut. Froh hob er die Augen zum Himmel.<\/p>\n<p>Hoch \u00fcber der Stra\u00dfe waren M\u00e4nner damit besch\u00e4ftigt, viele elektrische Lampen zu installieren.<\/p>\n<p>Neben sich belauschte er unfreiwillig Gespr\u00e4che:<\/p>\n<p>&#8222;Ein Diamant ist wirklich unverg\u00e4nglich&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Du kannst mir glauben, Nerze werden heutzutage artgerecht gehalten&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich wei\u00df wirklich nicht, was ich meiner Mutter schenken soll&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;H\u00f6r endlich auf zu quengeln&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Das ist zu teuer, das ist er mir nicht wert&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Beinahe w\u00e4re er \u00fcber die Beine eines Mannes gestolpert, der auf der Erde sa\u00df, auf dem kalten Betonboden, mit dem R\u00fccken an ein Schaufenster gelehnt, in dem warme M\u00e4nnerpullover ausgestellt waren. Der Mann hatte ein Schild vor sich aufgestellt. &#8222;Ich habe Hunger&#8220;, stand darauf.<\/p>\n<p>Der B\u00e4r hatte nichts, was er ihm h\u00e4tte anbieten k\u00f6nnen. Seine falschen Zlotys mochte er ihm nicht zumuten.<\/p>\n<p>Er mochte auch sich selbst nichts mehr zumuten.<\/p>\n<p>Weihnachten? Weihnachten??<\/p>\n<p>Er w\u00fcnschte, er k\u00f6nnte neun Monate lang Winterschlaf halten. Und er w\u00fcnschte, die Menschen k\u00f6nnten es auch.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall beschlo\u00df er, nicht mehr im Oktober bei den Menschen einkaufen zu gehen, sondern schon im September.<\/p>\n<p>Auf dem Heimweg scho\u00df ihm die Frage durch den Kopf, ob das auf die Dauer reichen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war einmal ein B\u00e4r, der liebte M\u00e4rchen \u00fcber alles. Am meisten mochte er das M\u00e4rchen von Weihnachten, das seine Gro\u00dfmutter ihm immer erz\u00e4hlt hatte, als er noch ganz klein war. 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