{"id":308,"date":"1996-08-29T20:45:44","date_gmt":"1996-08-29T18:45:44","guid":{"rendered":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/?p=308"},"modified":"2017-03-08T14:04:56","modified_gmt":"2017-03-08T12:04:56","slug":"markt-und-sozialstaat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/1996\/08\/markt-und-sozialstaat\/","title":{"rendered":"Markt und Sozialstaat"},"content":{"rendered":"<p><center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/markt.jpg\" alt=\"Du sollst begehren Deines N\u00e4chsten Markt\" width=\"537\" height=\"255\" \/><\/center>&#8222;Papa, ich les&#8216; da gerade ein Buch&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Sehr gut, mein Sohn!&#8220; B\u00e4rdel war hoch erfreut, da\u00df sein in der Regel nichtsnutziger Spro\u00df sich einmal einer sinnvollen T\u00e4tigkeit hingab. &#8222;Du mu\u00dft viele B\u00fccher lesen, wie jeder von uns, damit wir die Menschen besser verstehen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Das ist es ja&#8220;, seufzte Manfred, &#8222;ich versteh es nicht.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Worum geht&#8217;s denn?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Es hei\u00dft: &#8218;Markt und Sozialstaat&#8216;. Und darin steht, da\u00df der Sozialstaat am Ende ist, weil der Markt nicht behindert werden darf. Da ich aber weder wei\u00df, was &#8218;Markt&#8216; noch was &#8218;Sozialstaat&#8216; ist, kapier ich \u00fcberhaupt nichts.&#8220;<\/p>\n<p>B\u00e4rdel l\u00e4chelte nachsichtig. Da er stunden- und n\u00e4chtelang mit Kulle diskutiert hatte, wu\u00dfte er nat\u00fcrlich \u00fcber alles Bescheid, was irgendwie mit \u00d6konomie zusammenhing.<\/p>\n<p>&#8222;Das ist eigentlich ganz einfach,&#8220; erkl\u00e4rte er deshalb. &#8222;Der Markt ist definiert als Ort der Austauschbeziehungen von Waren, die ihren Wert nur dort zu realisieren verm\u00f6gen. Marktwirtschaft ist ergo immer anarchisch &#8211; was \u00fcbrigens nichts mit wahrer Anarchie zu tun hat. Da der Kapitalismus die Tendenz hat, zu einem weltumfassenden System zu werden&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Manfred unterbrach ihn. &#8222;Entschuldige, Papa, aber ich verstehe immer weniger. Vielleicht kannst Du mir das ja morgen erkl\u00e4ren. Ich suche mir jetzt erst mal ein paar Brombeeren.&#8220; Und er trollte sich.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag erkl\u00e4rte B\u00e4rdel seinem Sohn \u00fcberhaupt nichts. Auch nicht am \u00fcbern\u00e4chsten und an den Folgetagen. Er erkl\u00e4rte nichts, weil ihm bewu\u00dft geworden war, da\u00df er nichts erkl\u00e4ren konnte. Und gleichzeitig hatte er erkannt, da\u00df das, was Manfred wissen wollte, eigentlich die ganze Sippe wissen m\u00fc\u00dfte. Er sann dar\u00fcber nach, wie das zu bewerkstelligen war.<\/p>\n<p>Endlich fiel ihm eine L\u00f6sung ein, aber er f\u00fchlte sich dabei nicht wohl in seiner B\u00e4renhaut. Das Problem, um das es ging, konnte nicht einfach nur erkl\u00e4rt, es mu\u00dfte erfahren werden. Und dabei wu\u00dfte er zweierlei nicht: W\u00fcrden alle B\u00e4ren mitmachen, wie es erforderlich war? Und, viel gravierender: Wie w\u00fcrde das Experiment ausgehen?<\/p>\n<p>B\u00e4rdel verzichtete darauf, eine au\u00dferordentliche B\u00e4renversammlung einzuberufen, sondern wartete, \u00e4u\u00dferlich gelassen, das n\u00e4chste ordentliche Treffen ab. Nur nicht den Anschein erwecken, da\u00df etwas Besonderes vorging! Jede Nacht beobachtete er in langen schlaflosen Stunden den Himmel und z\u00e4hlte die Tage: bis zum Vollmond, dem traditionellen Datum aller B\u00e4renmeetings.<\/p>\n<p>Auch als es dann soweit war, lie\u00df er sich nichts anmerken. Bei dem einzigen und immer behandelten Tagesordnungspunkt &#8222;Spiele&#8220; meldete er sich als letzter.<\/p>\n<p>&#8222;Ich m\u00f6chte Euch ein Spiel vorschlagen!&#8220;<\/p>\n<p>Zufrieden brummten die Alten, und die Jungen schlugen \u00fcberm\u00fctige Purzelb\u00e4ume. Genau das war es, was sie sich gew\u00fcnscht hatten. B\u00e4ren lieben nichts mehr, als Spiele zu spielen.<\/p>\n<p>&#8222;Was ist es? Erz\u00e4hl! Endlich mal wieder! Toll! Jetzt kommt Leben in die Bude! Wir werden unseren Spa\u00df haben! Worum geht es?&#8220;<\/p>\n<p>Alle riefen durcheinander.<\/p>\n<p>&#8222;Das ist ein ganz besonderes Spiel&#8220;, erkl\u00e4rte B\u00e4rdel und f\u00fchlte, wie unter seinem Pelz eine G\u00e4nsehaut \u00fcber ihn kroch. &#8222;Ein geheinmisvolles Spiel. Seine Besonderheit besteht darin, da\u00df keiner von Euch die Spielregeln kennt. Erst am Schlu\u00df werdet Ihr sie erfahren. Macht Ihr trotzdem mit?&#8220;<\/p>\n<p>Er h\u00f6rte ein skeptisches Brummen aus der Frauenecke, aber das wurde schnell \u00fcbert\u00f6nt. Allgemein setzte sich Zustimmung, ja Begeisterung durch.<\/p>\n<p>&#8222;Wann fangen wir an?&#8220; &#8222;Ja, Wann?&#8220; wurde B\u00e4rdel von allen Seiten gefragt.<\/p>\n<p>&#8222;Morgen!&#8220;<\/p>\n<p>Die erste H\u00fcrde war genommen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen brummten alle im B\u00e4rental durcheinander. Ungeduldig wurde B\u00e4rdel erwartet. Schlie\u00dflich erschien er und wurde sofort wieder bedr\u00e4ngt:\u000b&#8220;Geht\u2018s jetzt endlich los?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Komm, fang schon an!&#8220;<\/p>\n<p>B\u00e4rdel hob die Hand, und augenblicklich breitete sich erwartungsvolle Stille aus.<\/p>\n<p>&#8222;Ich werde Euch in vier Gruppen einteilen. Wer zu welcher Gruppe geh\u00f6rt, wird das Los entscheiden, ich habe das vorbereitet. Die Mitglieder der Gruppe I werden die H\u00f6hlenbesitzer, wer in der zweiten Gruppe ist, verf\u00fcgt \u00fcber die Brombeeren. Gruppe III hat gar nichts, und Gruppe IV ist daf\u00fcr verantwortlich, da\u00df alles funktioniert.&#8220;<\/p>\n<p>Ein Sturm der Entr\u00fcstung wollte losbrechen, aber noch einmal gelang es B\u00e4rdel, mit erhobenem Arm Stille herzustellen.<\/p>\n<p>&#8222;Noch etwas: Ich habe Euch gestern gesagt, da\u00df niemand von Euch die Regeln dieses Spiels kennen wird, bevor es zu Ende ist. Das iat auch richtig. Eine einzige Regel aber m\u00fc\u00dft Ihr vorher kennen und auch unbedingt beherzigen: Keiner von Euch darf ohne Gegenleistung auf etwas verzichten, das er hat.&#8220;<\/p>\n<p>Jetzt waren die B\u00e4ren wirklich nicht mehr zu bremsen.<\/p>\n<p>&#8222;Wieso sollen einzelne Gruppen das alleinige Recht auf etwas haben?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Warum hat eine Gruppe gar nichts?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Es ist unb\u00e4risch, f\u00fcr alles eine Gegenleistung zu verlangen!&#8220;<\/p>\n<p>Wild schrien sie durcheinander, und B\u00e4rdel lie\u00df sie sich austoben. Als es etwas ruhiger geworden war, sagte er &#8211; und tat dabei, als sei er v\u00f6llig desinteressiert: &#8222;Ich dachte, Ihr wolltet spielen! Ich zwinge Euch doch zu nichts. Wenn Ihr nicht wollt, lassen wir es&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Die Taktik war klug gew\u00e4hlt. Zwar blieb ein unterschwelliges Brummen h\u00f6rbar, aber dar\u00fcber erhoben sich mehr und mehr fordernde Stimmen und Gel\u00e4chter.<\/p>\n<p>&#8222;Na klar, wir wollen spielen! La\u00dft uns losen! Wir werden schon unseren Spa\u00df haben! Und wenn nicht &#8211; aufh\u00f6ren k\u00f6nnen wir immer!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Hoffentlich&#8220;, dachte B\u00e4rdel, doch er lie\u00df sich nichts anmerken.<\/p>\n<p>&#8222;Na gut, dann zieht Eure Lose!&#8220;<\/p>\n<p>Niemand dachte sich etwas dabei, als sich herausstellte, da\u00df die alten B\u00e4ren durchweg zu H\u00f6hlenbesitzern geworden waren, w\u00e4hrend die Jungen sich als Habenichtse entpuppten. Auch Manfred geh\u00f6rte zu dieser Gruppe. B\u00e4rdel hatte Fortuna ein wenig beeinflu\u00dft. Schlie\u00dflich meinte er zu wissen, was kommen w\u00fcrde &#8211; kommen mu\u00dfte.<\/p>\n<p>&#8222;Na dann viel Spa\u00df&#8220;, w\u00fcnschte er allen, als die Rollen verteilt waren. Dabei l\u00e4chelte er freundlich und unschuldig.<\/p>\n<p>Nur Kulle sah, da\u00df er sich das L\u00e4cheln aufzwang. Na klar &#8211; Kulle war nat\u00fcrlich eingeweiht. B\u00e4rdel hatte ihn als Berater f\u00fcr seine Planungen herangezogen, und er f\u00fcrchtete auch, ihn zu brauchen, wenn sein Spiel aus dem Ruder lief &#8211; was fast zwangsl\u00e4ufig war. Offiziell aber war Kulle Mitspieler wie jeder andere &#8211; und er hatte, wen wird es \u00fcberraschen, ein Los als Mitglied der Koordinatorengruppe gezogen.<\/p>\n<p>&#8222;Vielen Dank, vielen Dank!&#8220; riefen die B\u00e4ren. &#8222;Aber &#8211; was sollen wir denn jetzt machen?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Das werdet Ihr schon merken!&#8220; sagte B\u00e4rdel.<\/p>\n<p>Diese verw\u00fcnschte G\u00e4nsehaut &#8211; er wurde sie einfach nicht mehr los.<\/p>\n<p>Die B\u00e4ren trollten sich. Nach einiger Zeit des unkontrollierten Herumtobens wurden sich zumindest einige ihrer Spielrollen bewu\u00dft: Die H\u00f6hlenbesitzer fegten ihre Wohnungen, legten frisches Gras f\u00fcr ein Lager aus und begaben sich dann zur Ruhe, und die Herren der Brombeeren schlugen sich in ihren Hecken den Wanst voll, h\u00e4uften noch einen Vorrat f\u00fcr sp\u00e4ter auf und pennten dann ebenfalls. Anders die Mitglieder der Gruppe III: Sie wu\u00dften eigentlich nicht, was sie tun sollten. Also spielten sie herum und wollten schlie\u00dflich schlafen. Vorher aber wollten sie, was alle B\u00e4ren wollen, bevor sie sich zur Nachtruhe begeben: essen.<\/p>\n<p>Also machten sie sich auf in Richtung Brombeerhecken. Gesch\u00fctzt von ihrem dicken B\u00e4renfell, lie\u00dfen sie sich von den Dornen nicht st\u00f6ren. Die Zweige zerknackten, das Laub raschelte laut, als sie in das Dickicht eindrangen. Sie machten so viel L\u00e4rm, da\u00df die Brombeerenbesitzer erwachten.<\/p>\n<p>&#8222;He, was macht Ihr denn da?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Bl\u00f6de Frage!&#8220; schmatzten die &#8222;Diebe&#8220;. &#8222;Essen!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Aber das d\u00fcrft Ihr nicht! Das sind unsere Brombeeren!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wieso das denn? Ihr spinnt ja!&#8220; grunzten und riefen die emp\u00f6rten Esser durcheinander.<\/p>\n<p>Ja, wieso eigentlich? Das wu\u00dften die Brombeerenbesitzer auch nicht so genau. Aber sie konnten sich auf Formalit\u00e4ten berufen: &#8222;Wir spielen doch B\u00e4rdels Spiel!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Bl\u00f6des Spiel!&#8220; rebellierten die andren. &#8222;Wir haben Hunger!&#8220;<\/p>\n<p>Nachdenkliches und zum Teil auch zustimmendes Brummen erhob sich unter den Herren der Brombeeren, aber schlie\u00dflich erinnerte sich einer von ihnen an die Regel, die B\u00e4rdel so bestimmt verk\u00fcndet hatte: &#8222;Keiner von euch darf ohne Gegenleistung auf etwas verzichten, das er hat!&#8220;<\/p>\n<p>Und er sagte: &#8222;Nein!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Was &#8218;Nein'&#8220;, fragten die anderen, die eben wieder zu fressen beginnen wollten.<\/p>\n<p>&#8222;\u2018Nein&#8216; ist&#8217;Nein&#8216;. Es ist mir egal, ob ihr Hunger habt oder nicht. Wenn ihr etwas von unseren Brombeeren haben wollt, m\u00fc\u00dft ihr uns etwas daf\u00fcr geben.&#8220;<\/p>\n<p>Es herrschte verbl\u00fcfftes Schweigen. Haupts\u00e4chlich deshalb, weil zum ersten Mal, seit sie denken konnten, ein B\u00e4r einem anderen erkl\u00e4rt hatte, da\u00df es ihm gleichg\u00fcltig sei, wenn es ihm schlecht gehe. Aber auch, weil die Hungrigen nicht wu\u00dften, was sie jetzt tun sollten.<\/p>\n<p>&#8222;Ja, und was sollen wir jetzt machen?&#8220; fragte schlie\u00dflich einer. &#8222;Was sollen wir denn tun, damit wir essen d\u00fcrfen?&#8220;<\/p>\n<p>Diese Frage \u00fcberforderte die Brombeerbesitzer zun\u00e4chst. Sie schwiegen und dachten nach, suchten nach L\u00f6sungen. Ja, was? Sie k\u00f6nnten die anderen Purzelb\u00e4ume schlagen lassen, sich ein Brombeersouffl\u00e9 bereiten lassen, sie zwingen, ihnen die Brombeeren zu pfl\u00fccken und ins Maul zu schaufeln&#8230;alles Unsinn. Unsinn, und doch nicht. Denn als sie diese an sich nutzlosen Gedanken w\u00e4lzten, wurde den Kl\u00fcgeren unter ihnen bewu\u00dft, da\u00df sie etwas hatten, was sie bisher nicht kannten. Weil sie es nicht kannten, fehlte ihnen der Begriff daf\u00fcr. Die Menschen nennen es Macht. Anderen etwas befehlen k\u00f6nnen, das ist Macht.<\/p>\n<p>Endlich entdeckte einer einen praktischen Aspekt. &#8222;Besorgt uns einen Schlafplatz!&#8220; sagte er. &#8222;Wir haben die Brombeeren, aber die erste Gruppe hat die H\u00f6hlen. Platz darin werden sie uns ohne Gegenleistung nicht geben. Wenn ihr das schafft, d\u00fcrft ihr euch den Bauch vollschlagen.&#8220;<\/p>\n<p>Wider Erwarten war es leicht, mit diesem Problem fertigzuwerden, zumindest prinzipiell. Zuerst hatten die Habenichtse vor, allesamt zu den H\u00f6hlen zu ziehen, um deren Besitzern ein Brombeerabendmahl anzubieten &#8211; gegen die Bereitstellung von Schlafpl\u00e4tzen. Dann aber kam der \u00c4lteste unter ihnen auf die Idee, da\u00df die H\u00f6hlenbesitzer einen solchen massenhaften Aufmarsch als Angriff werten k\u00f6nnten &#8211; man sollte lieber eine Delegation schicken, schlug er vor. Sein entsprechender Vorschlag wurde einstimmig angenommen, und weil er den Einfall gehabt hatte, wurde er allein als Delegation bestimmt.<\/p>\n<p>Also marschierte er zu den H\u00f6hlen, entbot einen h\u00f6flichen Abendgru\u00df und unterbreitete sein Angebot: &#8222;Ihr seid doch bestimmt hungrig nach diesem langen Tag. Ich mache Euch deshalb ein Angebot: Wir bringen Euch Brombeeren zum Essen, wenn ihr&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Er stockte. Erst jetzt wurde ihm bewu\u00dft, da\u00df er sich seine Strategie nicht gut genug \u00fcberlegt hatte. (Wie sollte er auch? Bis zu diesem Zeitpunkt hatten B\u00e4ren im Umgang mit B\u00e4ren noch nie eine Strategie gebraucht.) Wenn&#8230; Wenn was? Was sollte er fordern? Schlafpl\u00e4tze f\u00fcr die Brombeerherren? Das w\u00e4re gerecht gewesen, denn sie waren diejenigen, die die Brombeeren zur Verf\u00fcgung stellten. Andererseits: Stellte nicht Tussi die Brombeeren zur Verf\u00fcgung? Und: Auch seine Spielgruppe, die Habenichtse, brauchte einen gesch\u00fctzten und warmen Schlafplatz. Aber &#8211; konnten sie ein Anrecht darauf geltend machen? Vielleicht, weil er den &#8211; das &#8211; die &#8211; vermittelt hatte?<\/p>\n<p>Die Vokabel, nach der er vergeblich suchte, hie\u00df: Handel. Den Menschen war sie v\u00f6llig gel\u00e4ufig. Die B\u00e4ren w\u00fcrden sie rasch lernen.<\/p>\n<p>&#8222;Brombeeren sind keine schlechte Idee,&#8220; brummte die H\u00f6hlen\u00e4lteste. &#8222;Aber du hast deinen Satz nicht zu Ende gef\u00fchrt. Wenn was?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wenn ihr uns Schlafpl\u00e4tze zur Verf\u00fcgung stellt!&#8220;<\/p>\n<p>Er hatte Gl\u00fcck. Die alte B\u00e4rin war gutgl\u00e4ubig und naiv und dachte nicht \u00fcber seine vage Formulierung nach. &#8222;Einverstanden &#8211; kommt ruhig!&#8220;<\/p>\n<p>Als er zufrieden zu den Brombeerhecken zur\u00fccktrottete, merkte er, da\u00df er vielleicht zu viel Erfolg gehabt hatte.<\/p>\n<p>Die Brombeerherren w\u00fcrden Brombeeren abgeben und einen Schlafplatz daf\u00fcr bekommen.<\/p>\n<p>Die H\u00f6hlenbesitzer w\u00fcrden H\u00f6hlenplatz abgeben und daf\u00fcr Brombeeren bekommen.<\/p>\n<p>Die Habenichtse w\u00fcrden nichts abgeben &#8211; logisch, sie hatten ja auch nichts -, aber daf\u00fcr sowohl einen Schlafplatz als auch Essen erhalten.<\/p>\n<p>Ob das auf die Dauer gutgehen konnte?<\/p>\n<p>Er hatte recht mit seinen Bef\u00fcrchtungen. An diesem und an drei weiteren Abenden hielten sich Brombeerherren, H\u00f6hlenbesitzer und nat\u00fcrlich die gl\u00fccklichen Habenichtse an die von ihm getroffene Vereinbarung.<\/p>\n<p>Am vierten Morgen brachte ein Gespr\u00e4ch zwischen der H\u00f6hlen\u00e4ltesten und einem Brombeerenbesitzer, der sich in der H\u00f6hle vertr\u00f6delt hatte, die Wende.<\/p>\n<p>&#8222;Ach,&#8220; st\u00f6hnte die \u00c4lteste, w\u00e4hrend sie mit geb\u00fccktem R\u00fccken den Schmutz der Nacht auskehrte, &#8222;f\u00fcr die paar Beeren jeden Abend m\u00fcssen wir ganz sch\u00f6n viele G\u00e4ste beherbergen! Ich komme gar nicht an gegen all den Dreck!&#8220;<\/p>\n<p>Stimmt! scho\u00df es dem Brombeerherren durch den Kopf. Nicht nur wir schlafen hier, sondern auch die Horde dieser an sich nutzlosen Habenichtse. Und nicht nur die H\u00f6hlenbesitzer leiden unter ihnen, sondern auch wir. Wir m\u00fcssen sie schlie\u00dflich mit unseren Beeren durchf\u00fcttern.<\/p>\n<p>&#8222;Pa\u00df auf,&#8220; sagte er langsam, w\u00e4hrend er noch \u00fcberlegte. &#8222;Ich habe eine Idee. Ab heute Abend schlafen nur noch wir, die Brombeerherren, bei euch. Du wirst also weniger Arbeit haben. Und ihr H\u00f6hlenbesitzer habt davon noch einen Vorteil: Wir werden euch mehr Brombeeren bringen als bisher.&#8220; Er hatte blitzschnell gerechnet: Es gab doppelt so viele Habenichtse wie H\u00f6hlenbesitzer, es kostete ihn also nichts, gro\u00dfz\u00fcgig zu sein. &#8222;Einverstanden?&#8220;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war die alte B\u00e4rin einverstanden. B\u00e4rdels Spiel war ihr als \u00e4u\u00dferst dumm erschienen, und sie hatte sich nicht sonderlich um die Regeln gek\u00fcmmert. So war ihr nicht klar, welche Konsequenzen diese Vereinbarung f\u00fcr die Habenichtse hatte: Sie sa\u00dfen auf der Stra\u00dfe. Ohne Nahrung, ohne Obdach.<\/p>\n<p>Als die Habenichtse am Abend zu den Brombeerhecken kamen, wurde ihnen die neue Lage mitgeteilt. Ohne zu z\u00f6gern, hatten alle Brombeerherren die neue Idee gutgehei\u00dfen. Niedergeschlagen zogen die Habenichtse von dannen. Ihr \u00c4ltester aber, ihr ehemaliger Delegierter, sch\u00e4umte vor Wut. Br\u00fcllend rannte er in den Wald und hinterlie\u00df eine Spur geknickter B\u00fcsche, abgerissener Zweige und zerquetschter Bl\u00e4tter.<\/p>\n<p>Wut ist gut, um sich abzureagieren, allein &#8211; sie f\u00fchrt nicht zu L\u00f6sungen. Das merkte auch unser Delegierter, als er ersch\u00f6pft auf einer Lichtung zusammensank, um wieder zu Puste zu kommen. Was tun? Da er einerseits b\u00e4risch sozialisiert war und andererseits Lenin nicht kannte, kam er nicht auf die Idee, die Revolution auszurufen. Wieder zu den Habenichtsen zur\u00fcckkehren? Was sollte er mit denen anderes tun, als gemeinsam zu hungern und zu frieren! Bei den Brombeerherren oder den H\u00f6hlenbesitzern betteln gehen? Das mu\u00dfte vergeblich sein, denn da gab es B\u00e4rdels Spielregel. Wen gab es denn noch?<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich scho\u00df es ihm durch den Kopf: Wo war eigentlich die Gruppe IV geblieben? Die, die alles koordinieren sollte? Dieses sogenannte Spiel lief jetzt schon seit vier Tagen, aber von dieser Gruppe hatte sich noch kein Mitglied blicken lassen. Er beschlo\u00df, sie zu suchen &#8211; f\u00fcr irgendetwas mu\u00dften sie schlie\u00dflich nutze sein.<\/p>\n<p>Aber wo sollte er suchen? In Richtung Mittag oder Mitternacht, Morgen oder Abend? Da er ersch\u00f6pft war und sich nicht entscheiden konnte, beschlo\u00df er, erst mal ein Nickerchen zu machen &#8211; vielleicht w\u00fcrde ihm ein Traum eine Idee eingeben.<\/p>\n<p>Wenn B\u00e4ren zu schlafen beschlie\u00dfen, pennen sie sofort ein. Und wenn sie tr\u00e4umen wollen, dann klappt das auch immer. Unser Delegierter tr\u00e4umte von einer kleinen Blumenwiese inmitten von gr\u00fcnen Birken und Buchen (das war die Lichtung, auf der er eingeschlafen war) und von einem Wind, der sich pl\u00f6tzlich erhob und ihn kr\u00e4ftig zauste. Der Sturm war so stark, da\u00df er davon erwachte.<\/p>\n<p>Als er sich auf den R\u00fccken w\u00e4lzte und sich die Sandm\u00e4nnchenschei\u00dfe aus den Augen rieb, merkte er, da\u00df der Sturm kein Sturm gewesen war. Noch immer hatte eine m\u00e4chtige Pranke seine Schulter gepackt und r\u00fcttelte ihn ordentlich durch.<\/p>\n<p>Die Pranke geh\u00f6rte zu Kulle.<\/p>\n<p>&#8222;Meinen br\u00fcderlichen B\u00e4rengru\u00df!&#8220; sagte er. &#8222;Gehe ich recht in der Annahme, da\u00df du Hunger und Durst hast? Da, bedien dich!&#8220; Dabei wies er auf ein nett arrangiertes Mahl aus saftigen \u00c4pfeln, Wurzeln und Pilzen. Zum Dessert gab es sogar eine halbe Honigwabe.<\/p>\n<p>Sein Gegen\u00fcber verga\u00df f\u00fcr ein paar Minuten alle eigentlich selbstverst\u00e4ndliche B\u00e4renh\u00f6flichkeit und a\u00df erst mal. Um ganz ehrlich zu sein: Er fra\u00df. In Sekundenschnelle verschwanden alle Leckereien in seinem Schlund. Erst als er sich danach die Schnauze wischte, erinnerte er sich wieder an seine Erziehung. Es kam ihm aber nicht in den Sinn, da\u00df Kulle B\u00e4rdels Spielregel verletzt hatte &#8211; sonst h\u00e4tte er n\u00e4mlich nichts zu futtern bekommen.<\/p>\n<p>&#8222;Entschuldigung. Danke. Ich hatte wirklich Hunger. Woher hast du das alles?&#8220;<\/p>\n<p>Kulle schmunzelte. &#8222;Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als eure kleine Brombeer- und H\u00f6hlenwelt sich tr\u00e4umen l\u00e4\u00dft&#8230;Aber lassen wir das. Wir haben uns nur ein bi\u00dfchen umgetan. Komm mit zu uns, dann kriegst du noch mehr!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Gerne!&#8220; sagte der Habenichts. Aber dann z\u00f6gerte er. &#8222;Die&#8230;die anderen Habenichtse haben bestimmt genausoviel Hunger wie ich. K\u00f6nntest du nicht auch sie&#8230;?&#8220;<\/p>\n<p>Kulle weigerte sich. &#8222;Zwei oder drei Tage werden sie auch allein durchhalten. Und danach ist das Spiel, so wie es jetzt l\u00e4uft, ohnehin zu Ende.&#8220;<\/p>\n<p>Obwohl er die Antwort nicht verstand, gab der Habenichts-Delegierte sich damit zufrieden. Kulles Aussagte lockte: &#8222;&#8230;dann kriegst du noch mehr!&#8220;<\/p>\n<p>Die Koordinatoren-Gruppe hatte sich unmittelbar nach Spielbeginn weit von den anderen entfernt. Sie suchte ihre eigene Nahrungsbasis- und hatte sie gefunden, wie das Menu, das Kulle auftischte, beweist. Zwei Dinge hatte sie allerdings nicht, und die B\u00e4ren vermi\u00dften sie schmerzlich: Brombeeren, ihre Lieblingsspeise, fehlten. Noch schlimmer aber war, da\u00df sie nicht \u00fcber einen warmen und trockenen Schlafplatz verf\u00fcgten. Nachts kuschelten sie sich unter dichten B\u00fcschen aneinander und versuchten sich gegenseitig W\u00e4rme zu spenden.<\/p>\n<p>Ohne Kulle h\u00e4tten sie sich vermutlich anders verhalten, wahrscheinlich \u00e4hnlich wie die Habenichtse. Als er ihnen aber klargemacht hatte, da\u00df die Brombeerherren und die H\u00f6hlenbesitzer bald meinen w\u00fcrden, ohne die Habenichtse auszukommen, waren sie seinem Vorschlag gefolgt. Sie waren zwar nicht zufrieden mit ihrem augenblicklichen Leben, aber Kulle hatte ihnen versprochen, da\u00df es nur wenige Tage andauern w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die B\u00e4ren hatten ihre Erfahrungen mit Kulle: Er konnte stundenlang reden, ohne gefragt worden zu sein. Wenn er aber nichts oder nichts Genaueres sagen wollte, dann war auch nichts aus ihm herauszuholen. Und: Meistens hatte er recht.<\/p>\n<p>Also f\u00fcgten sie sich und warteten ab.<\/p>\n<p>Auch diesmal best\u00e4tigte sich Kulles Prognose. Sieben Tage lang f\u00fchrten die B\u00e4ren der Gruppen I und II ein Leben in Brombeersaus und H\u00f6hlenschmaus, aber dann verbreitete sich Unmut. Langweilig und gleichf\u00f6rmig war ihr Leben, und ungesund dazu: Die eint\u00f6nige Kost begann sie krank zu machen, der B\u00e4rendurchfall, verursacht durch Beerendi\u00e4t, grassierte. Au\u00dferdem vermi\u00dften viele von ihen Freunde und Verwandte.<\/p>\n<p>Deshalb berief die H\u00f6hlen\u00e4lteste eine Versammlung ein.<\/p>\n<p>&#8222;Ich habe euch einen Vorschlag zu machen,&#8220; begann sie. &#8222;Am liebsten w\u00fcrde ich sagen: Wir suchen jetzt die anderen, und dann ist Schlu\u00df mit diesem d\u00e4mlichen Spiel, vor allem mit B\u00e4rdels bl\u00f6der Regel! Da wir uns aber darauf eingelassen haben, m\u00fcssen wir wohl weitermachen. Also: Wir malen jetzt gro\u00dfe Reklametafeln. Darauf schreiben wir: Wir tauschen!&#8220;<\/p>\n<p>Verst\u00e4ndnisloses Gemurmel antwortete ihr. Tauschen? Was sollte das denn bedeuten? Sie kannten das Wort nicht.<\/p>\n<p>Geduldig erkl\u00e4rte die Alte: &#8222;Wir d\u00fcrfen doch nicht ohne Gegenleistung auf das verzichten, was wir haben. Also werden wir f\u00fcr Brombeeren und warme Schlafpl\u00e4tze von den anderen etwas verlangen. Daf\u00fcr habe ich mir gerade das Wort &#8218;tauschen&#8216; ausgedacht.&#8220; (Wie gut, da\u00df sie gerade auf diese acht Buchstaben gekommen war, denn so haben die menschlichen Leser dieses M\u00e4rchens sofort verstanden, was sie meinte.) Jetzt begriffen auch die B\u00e4ren.<\/p>\n<p>&#8222;Gar keine schlechte Idee.&#8220; &#8222;Endlich Schlu\u00df mit dem fl\u00fcssigen B\u00e4rendreck.&#8220; &#8222;Ich habe schon lange Appetit auf Pilze.&#8220; &#8222;Und ich auf Honig!&#8220; &#8222;Hmmm, Honig!!&#8220;<\/p>\n<p>Die Zustimmung war einhellig, und alle machten sich auch gleich an die Arbeit. Die Idee mit den gro\u00dfen Reklametafeln verwarfen sie allerdings schnell, soviel Aufwand wollten sie nicht treiben. Es war doch viel einfacher, das Angebot mit ihren scharfen Klauen in die Baumrinde einzuritzen. Sie verteilten sich im gesamten B\u00e4rental, und bald stand un\u00fcbersehbar in Augenh\u00f6he an allen dicken B\u00e4umen: WIR TAUSCHEN!<\/p>\n<p>Nach dieser anstrengenden Arbeit zogen sie sich zu Brombeerhecken und H\u00f6hle zur\u00fcck und warteten. Dabei tr\u00e4umten sie von den Gen\u00fcssen, in denen sie bald schwelgen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Sie mu\u00dften lange tr\u00e4umen. Es passierte n\u00e4mlich nichts. Falsch, nat\u00fcrlich geschah etwas: Hummeln und Bienen summten und besorgten die herbstliche Honigernte, Fliegen schwirrten um die B\u00e4ren herum und kitzelten sie, Libellen zickzackten in der Sp\u00e4tseptembersonne \u00fcber den Teich, in verwelkten Bl\u00fcten wuchsen Fr\u00fcchte und bildeten Samen. Aber niemand passierte. Niemand kam vorbei und wollte tauschen.<\/p>\n<p>&#8222;Ich will Honig!&#8220; begann ein B\u00e4r schlie\u00dflich zu jammern. &#8222;Warum kommt niemand und bringt welchen zum Eintauschen, zum Beispiel gegen einen Schlafplatz?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wei\u00df ich auch nicht!&#8220; &#8222;Vielleicht sind sie woanders.&#8220; Unwilliges Gebrumm von allen Seiten. Einer probierte sogar einen m\u00fcden Scherz: &#8222;Vielleicht haben sie das Lesen verlernt.&#8220;<\/p>\n<p>Bei diesem Satz setzte sich einer der Brombeerherren kerzengerade auf und schlug sich so schallend vor die Stirn, da\u00df auch alle anderen aus ihrem D\u00e4mmerzustand erwachten.<\/p>\n<p>&#8222;Nat\u00fcrlich!&#8220; rief er. &#8222;Sie k\u00f6nnen zwar lesen, aber sie verstehen nicht. Wir haben es zuerst doch auch nicht verstanden. &#8218;T-a-u-s-c-h-e-n&#8216; &#8211; was bedeutet das denn?&#8220;<\/p>\n<p>Jetzt ging allen ein Licht auf. Sie mu\u00dften ihre Botschaft deutlicher gestalten. Seufzend erhoben sie sich &#8211; das bedeutete noch einmal Arbeit.<\/p>\n<p>Jeder B\u00e4r trottete zu den B\u00e4umen, die er bereits bearbeitet hatte, und schrieb unter die allgemeine Botschaft, was seinen M\u00f6glichkeiten und Bed\u00fcrfnissen entsprach.<\/p>\n<p>Und so war der Wald nach einiger Zeit voll von unterschiedlichen Angeboten, zum Beispiel:<\/p>\n<p><center>GEBE SCHLAFPLATZ GEGEN HONIG.<\/center><center><\/center><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0BIETE BROMBEEREN, SUCHE N\u00dcSSE<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">ICH WILL PILZE, GEBE BROMBEEREN.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">SUCHE N\u00dcSSE, BIETE SCHLAFPLATZ.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kurze Zeit sp\u00e4ter war es vorbei mit der Ruhe am Rastplatz der Brombeerherren und H\u00f6hlenbesitzer. Von allen Seiten str\u00f6mten die Habenichtse herbei, beladen mit K\u00f6stlichkeiten. Ein wildes Durcheinander begann.<\/p>\n<p>&#8222;Welcher B\u00e4r hat Brombeeren und sucht N\u00fcsse?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich suche N\u00fcsse, ich biete aber einen Schlafplatz.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Das interessiert mich im Moment nicht.&#8220;<\/p>\n<p>Ich habe Brombeeren, hat jemand N\u00fcsse?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich will Brombeeren, ich habe aber Pilze.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich m\u00f6chte aber N\u00fcsse.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Und ich m\u00f6chte keine Brombeeren, sondern einen Schlafplatz.&#8220;<\/p>\n<p>So ging es endlos weiter. Jeder B\u00e4r hatte etwas und wollte etwas, aber kaum einer fand den entsprechenden Partner.<\/p>\n<p>Wieder war es die Alte, die H\u00f6hlen\u00e4lteste, die eine L\u00f6sung fand. Energisch klatschte sie so lange in die Pranken, bis das Stimmengewirr verstummte und sie sich Geh\u00f6r verschaffen konnte.<\/p>\n<p>&#8222;B\u00e4ren,&#8220; brummte sie, &#8222;so geht es offenbar nicht. Wenn wir denn schon tauschen m\u00fcssen &#8211; sowieso eine bescheuerte Idee -, dann brauchen wir dazu Regeln, so wie es aussieht. Zum Beispiel mu\u00df jeder einen Tauschpartner finden k\u00f6nnen. Am besten w\u00e4re es, wenn jeder mit jedem tauschen k\u00f6nnte. Dazu m\u00fcssen wir irgendetwas finden, was wir gegen alles tauschen k\u00f6nnen. Das kann dann als Vermittler dienen, um das n\u00e4chste Ding einzutauschen, das wir wirklich brauchen.&#8220;<\/p>\n<p>Die B\u00e4ren waren durch diese Ausf\u00fchrungen intellektuell sichtlich \u00fcberfordert, und sogar unter ihren dichten Pelzen war zu erkennen, da\u00df sie die Stirnen krausten. Kulle aber, der sich heimlich angeschlichen hatte und die Versammlung belauschte, rieb sich erfreut die Pranken: Im Prinzip war soeben im B\u00e4rental die allgemeine Warenform erfunden woden. Er w\u00fcrde B\u00e4rdel umgehend informieren. (Seit Beginn des Spiels hatte B\u00e4rdel sich mit heftiger Migr\u00e4ne in den hintersten Winkel von B\u00e4rental verzogen.)<\/p>\n<p>Die Alte erkl\u00e4rte weiter, und allm\u00e4hlich begriff die Versammlung. Man mu\u00dfte einen Platzhalter finden, der jederzeit gegen jedes andere Gut eintauschbar war.<\/p>\n<p>&#8222;Gute Idee!&#8220; lobten sie. &#8222;Aber was nehmen wir?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich schlage das Anrecht auf einen H\u00f6hlenschlafplatz vor,&#8220; antwortete die Alte. &#8222;Jeder will n\u00e4mlich in der H\u00f6hle schlafen, man mu\u00df den Schlafplatz nicht mit sich herumschleppen, und er verdirbt nicht. Was haben wir Praktischeres?&#8220;<\/p>\n<p>Da niemandem etwas Besseres einfiel, wurde der Vorschlag angenommen.<\/p>\n<p>Sie verabredeten, da\u00df eine oder mehrere Handvoll Nahrungsmittel dem Anrecht auf einen Schlafplatz entsprechen sollte.<\/p>\n<p>Da es eine ann\u00e4hernd gleich gro\u00dfe Zahl von Brombeerherren und H\u00f6hlenbesitzern und eine doppelt so gro\u00dfe Anzahl von Habenichtsen gab, rechneten sie sich schnell aus, da\u00df jeder von ihnen satt werden und einen Schlafplatz haben w\u00fcrde, wenn Brombeerherren und Habenichtse pro Tag zwei H\u00e4nde voll Nahrungsmittel und die H\u00f6hlenbesitzer eine Handvoll sammelten und dann tauschten.<\/p>\n<p>Zufrieden gingen sie auseinander.<\/p>\n<p>Ein paar Tage lang funktionierte das Abkommen, dann aber fingen einige H\u00f6hlenbesitzer an zu maulen.<\/p>\n<p>&#8222;Schlie\u00dflich haben wir das Monopol auf die H\u00f6hlen!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Das was?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Na ja, niemand au\u00dfer uns kann das wichtigste im B\u00e4renleben zur Verf\u00fcgung stellen: einen gem\u00fctlichen, warmen Schlafplatz.<\/p>\n<p>&#8222;Und?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Daf\u00fcr sollten wir uns besser bezahlen lassen!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Was hei\u00dft: bezahlen?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wir sollten mehr daf\u00fcr verlangen!&#8220;<\/p>\n<p>Auf der n\u00e4chsten Versammlung der H\u00f6hlenbesitzer wurde hitzig \u00fcber dieses Thema diskutiert. Die H\u00f6hlen\u00e4lteste argumentierte heftig gegen eine &#8218;Preiserh\u00f6hung&#8216;, wie das neuerdings genannt wurde, aber sie unterlag. Im Laufe von B\u00e4rdels Spiel hatte sich die Mehrheitsmeinung gegen die Weisheit durchgesetzt. Nichts gegen Demokratie, aber wenn sie von egoistischen Interessen geleitet wird, kann manches schiefgehen.<\/p>\n<p>Die H\u00f6hlenbesitzeregoisten setzten sich also durch und verk\u00fcndeten: &#8222;Ab sofort hat nur Anrecht auf einen Schlafplatz, wer drei H\u00e4nde voll Nahrungsmittel abliefert.&#8220; Da\u00df die H\u00f6hlenbesitzer von dieser Regelung ausgenommen waren, ver\u00f6ffentlichten sie vorsichtshalber nicht.<\/p>\n<p>Z\u00e4hneknirschend unterwarfen sich Brombeerherren und Habenichtse ihrem Diktat. Den Brombeerherren fiel das noch vergleichsweise leicht: Sie brauchten nur ihre Hecken abzugrasen. Schaudernd aber dachten einige von ihnen an den nahenden Winter: Was sollte werden, wenn sie keine Fr\u00fcchte mehr zur Verf\u00fcgung h\u00e4tten? Schon sahen sie sich als Habenichtse, den ganzen Tag auf Achse, immer auf der Suche nach Nahrung.<\/p>\n<p>So ging es den Habenichtsen in der Tat: Sie machten sich die Pfoten schmutzig beim Durchw\u00fchlen der Erde nach Wurzeln, sie riskierten, sich beim Pilzesammeln zu vergiften, sie rissen sich die Tatzen auf beim N\u00fcsseknacken, und immer wieder mu\u00dften sie sich von w\u00fctenden Bienen und Hornissen beim Honigsammeln zerstechen lassen.<\/p>\n<p>Aber noch ertrugen sie die neuen Bedingungen.<\/p>\n<p>Noch. Denn die neuen schlechten Bedingungen galten nicht lange. Die H\u00f6hlenbesitzer, oder zumindest deren Mehrheit, schienen uners\u00e4ttlich. Pl\u00f6tzlich verk\u00fcndeten sie, f\u00fcr einen Schlafplatz seien k\u00fcnftig vier H\u00e4nde voll Nahrungsmittel erforderlich. Brombeerherren wie Habenichtse sa\u00dfen auf einmal in einem Boot: Das konnten sie nicht schaffen.<\/p>\n<p>Auch verstanden sie die H\u00f6hlenbesitzer nicht: &#8222;Was wollen die denn mit dem ganzen Zeug? Soviel kann man doch gar nicht fressen!&#8220;<\/p>\n<p>Aber sie hielten sich nicht mit der Analyse eines kranken Verstandes auf. Es galt, ihr eigenes Problem zu l\u00f6sen. Was sollten sie tun?<\/p>\n<p>Lethargisch lagen sie im B\u00e4renwald herum, knabberten an ihrem Honig, ihren Wurzeln oder Pilzen, ihren letzten Brombeeren. Schaudernd dachten sie an die bevorstehende kalte Nacht. Ihnen fiel kein Ausweg ein. Manche versuchten einzuschlummern, um der b\u00f6sen Welt zu entkommen.<\/p>\n<p>Aber alle schreckten auf, als der Wald pl\u00f6tzlich lebendig zu werden schien. Eine Horde n\u00e4herte sich und stampfte r\u00fcchsichtslos durchs Unterholz. Dazu brummte etwas, und das klang sogar melodisch. Wortfetzen lie\u00dfen sich vernehmen: &#8222;Br\u00fcder, zur Sonne, zur Freiheit&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Die Koordinatorengruppe kam!<\/p>\n<p>Sie brachte nicht nur Gesang mit, sondern auch das beste Honigsouffl\u00e9, ausreichend f\u00fcr alle, das Habenichtse und Brombeerherren jemals gegessen hatten.<\/p>\n<p>Lange schmatzte und schmauste die Gruppe, und als sich auch der letzte den allerletzten s\u00fc\u00dfen Tropfen vom Maul geleckt hatte, richteten sich aller Augen erwartungsvoll auf Kulle. Der verstand die stumme Aufforderung und lie\u00df sich nicht lange bitten.<\/p>\n<p>&#8222;Br\u00fcder B\u00e4ren,&#8220; rief er, w\u00e4hrend er seine Fliege zurechtzupfte und k\u00e4mpferisch den rechten Arm hob, &#8222;Br\u00fcder B\u00e4ren, was ist aus uns geworden? Unsere Gemeinschaft ist zerbrochen, nur der Besitz z\u00e4hlt noch. Wo ist unsere sprichw\u00f6rtliche B\u00e4rensolidarit\u00e4t geblieben? Sie ist dahin! Was hat sie zerst\u00f6rt? Ihr denkt jetzt sicher, da\u00df die H\u00f6hlenbesitzer in ihrer uners\u00e4ttlichen Gier nach unseren Pilzen, Wurzeln, Beeren und unserem Honig die Schuldigen sind.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Klar sind sie das!&#8220; &#8222;Sie beuten uns aus!&#8220; &#8222;Schau dir meine kaputten Pfoten an!&#8220; &#8222;Nieder mit den H\u00f6hlenbesitzern!&#8220;<\/p>\n<p>Die Zurufe kamen von allen Seiten. Kulle hatte M\u00fche, wieder Ruhe herzustellen.<\/p>\n<p>&#8222;Ich kann euren Zorn gut verstehen, Br\u00fcder, aber die H\u00f6hlenbesitzer sind nicht schuld.&#8220;<\/p>\n<p>Um einem neuen Sturm der Entr\u00fcstung vorzubeugen, sprach Kulle schnell weiter: &#8222;Was ist wirklich schuld? Ich will es euch sagen. Eigentlich ist es auch ganz klar. Schuld sind nicht die H\u00f6hlenbesitzer, schuld ist B\u00e4rdels Spielregel.&#8220;<\/p>\n<p>Er erntete verbl\u00fcfftes Schweigen. Aber er wu\u00dfte, sie w\u00fcrden ihm recht geben. Der Redestil Stalins, gespickt mit rhetorischen Fragen, auf die der Redner immer selbst gleich die Antwort gab, war erprobt und wirkungsvoll. Au\u00dferdem stimmte der Inhalt seiner Aussagen.<\/p>\n<p>Es gab noch nicht einmal eine Diskussion. Irgendwo hinten brummte jemand: &#8222;Schei\u00df Regel.&#8220;<\/p>\n<p>Aus einer anderen Ecke wurde ihm geantwortet: &#8222;Schei\u00df B\u00e4rdel!&#8220; Und zuerst murmelnd, dann laut und immer lauter bildete sich ein Sprechchor:<\/p>\n<p><b>NIEDER MIT B\u00c4RDEL! NIEDER MIT B\u00c4RDEL! NIEDER MIT B\u00c4RDEL<\/b>!<\/p>\n<p>Schreck durchzuckte Manfred, aber er wu\u00dfte, jetzt hatte es keinen Zweck, sich zu wehren, Er konnte nur hoffen, da\u00df Kulle alles in den Griff bekam.<\/p>\n<p>Dieses war der gef\u00e4hrlichste Moment des ganzen Spiels, vor dem auch Kulle gewaltige Angst gehabt hatte. Es gelang ihm jedoch, seine Unsicherheit zu \u00fcberspielen. Er wartete einfach ab, bis sich die Versammlung gen\u00fcgend heiser gebr\u00fcllt hatte.<\/p>\n<p>Scheinbar beil\u00e4ufig sagte er: &#8222;Br\u00fcder B\u00e4ren, ihr verwechselt da etwas. Nicht B\u00e4rdel ist schuld, sondern die Regel, die er uns gegeben hat. Und, genaugenommen sind wir alle schuld, weil wir diese Regel akzeptiert haben. Das Ergebnis ist, da\u00df wir jetzt in der Tinte sitzen und die H\u00f6hlenbesitzer im Warmen.&#8220;<\/p>\n<p>Sofort schlug die Stimmung um.<\/p>\n<p><b>NIEDER MIT DEN H\u00d6HLENBESITZERN!<\/b> schallte es jetzt. Und schnell pflanzte sich ein Ruf fort, den Manfred gefunden hatte:<\/p>\n<p><b>VERTREIBEN WIR SIE! VERTREIBEN WIR SIE!<\/b><\/p>\n<p>Wieder wartete Kulle ab, bis der B\u00e4renzorn sich ausgetobt hatte. Genau im richtigen Moment aber, als die Versammlung gerade aufbrechen wollte, um ihre Forderung in die Tat umzusetzen, hielt er sie zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&#8222;Halt! Wollt ihr Gleiches mit Gleichem vergelten?&#8220; Er ha\u00dfte diese Jesus-Christus-Attit\u00fcde, und w\u00e4re das hier kein Spiel gewesen, wenn auch ein sehr riskantes, h\u00e4tte er anders gesprochen. Aber man durfte die Dinge nicht so weit auf die Spitze treiben, da\u00df ein b\u00e4risches Leben im B\u00e4rental hinterher nicht mehr m\u00f6glich sein w\u00fcrde. Au\u00dferdem war jetzt nach B\u00e4rdels Anliegen der zweite Teil des Spiels an der Reihe: der Sozialstaat. Ihre Lektion in Sachen Freier Markt\u2018 konnte als abgeschlossen betrachtet werden. Aber es tat ihm in der Seele weh, da\u00df er eine revolution\u00e4re Situation nicht ausnutzen konnte.<\/p>\n<p>Die B\u00e4ren waren stehengeblieben.<\/p>\n<p>Kulle wiederholte seine Frage: &#8222;Wollt ihr Gleiches mit Gleichem vergelten? Wollt ihr die H\u00f6hlenbesitzer in die K\u00e4lte hinaustreiben, unter der ihr seit Tagen gelitten habt? Nein, sie sollen ihren warmen Schlafplatz behalten k\u00f6nnen. Aber wir wollen auch einen Platz in der H\u00f6hle!&#8220;<\/p>\n<p>Die B\u00e4ren murrten, weniger, weil sie rachs\u00fcchtig waren, sondern weil sie nicht wu\u00dften, wie das erreicht werden k\u00f6nnte. Sie bombardierten Kulle mit Fragen.<\/p>\n<p>&#8222;Wir gehen zu den H\u00f6hlen und belagern sie,&#8220; erkl\u00e4rte Kulle. &#8222;Kein H\u00f6hlenbesitzer darf rein oder raus. Und zu essen bekommen sie nat\u00fcrlich auch nichts. Jedenfalls solange nicht, wie sie unsere Forderungen nicht erf\u00fcllen.&#8220;<\/p>\n<p>Jubel brach los. Ohne weitere Diskussion trotteten die B\u00e4ren davon, Richtung H\u00f6hle. Aber am Anfang des Demonstrationszuges gab es einen Tumult, der Zug stockte. Manfred war die Ursache, er stand wie ein Fels in der Brandung mitten im Weg. Kn\u00fcffe und P\u00fcffe der anderen st\u00f6rten ihn nicht.<\/p>\n<p>&#8222;Wartet doch mal!&#8220; sagte er. &#8222;Wir belagern die H\u00f6hlen, bis unsere Forderungen erf\u00fcllt sind. Sch\u00f6n. Aber &#8211; was sind denn unsere Forderungen?&#8220;<\/p>\n<p>Seufzend kehrten die B\u00e4ren wieder um. Schade, sie hatten sich so darauf gefreut, den B\u00e4ren loszumachen. Aber Manfred hatte recht &#8211; vorher mu\u00dften sie kl\u00e4ren, was sie eigentlich wollten.<\/p>\n<p>Ein langes Palaver begann. Habenichtse, Brombeerherren und auch die meisten Mitglieder der Korrdinatorengruppe sp\u00fcrten, da\u00df sich das Machtgleichgewicht in den letzten Stunden zu ihren Gunsten verschoben hatte, und das wollten viele von ihnen ausnutzen. Sollten doch k\u00fcnftig die H\u00f6hlenbesitzer t\u00e4glich vier Handvoll Nahrung beschaffen! Deshalb mu\u00dfte Kulle immer wieder geduldig seine Jesusfrage stellen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich einigten sie sich auf Folgendes:<\/p>\n<p>Alle sammeln Nahrung. Die H\u00f6hlenbesitzer brauchen aber nur halb so viel zu arbeiten wie die anderen und bekommen dennoch doppelte Rationen. Daf\u00fcr werden die H\u00f6hlenbesitzer verpflichtet, Kranke und Alte mit durchzuf\u00fcttern und ihnen nat\u00fcrlich auch einen Schlafplatz zu gew\u00e4hren.<\/p>\n<p>Mit diesen Forderungen zogen sie schlie\u00dflich davon und begannen ihre Belagerung.<\/p>\n<p>F\u00fcr sie war die Besetzung des Eingangs ein fr\u00f6hliches Fest, das drei Tage dauerte. Die N\u00e4chte allerdings wurden immer unangenehmer &#8211; der Winter nahte. Aber sie lie\u00dfen sich gegen\u00fcber den H\u00f6hlenbesitzern nichts anmerken und fra\u00dfen in Sicht der H\u00f6hleneing\u00e4nge ununterbrochen die herrlichsten B\u00e4renleckereien. Wenn drinnen ein Knurren ert\u00f6nte, lachten sie einfach nur. Das Knurren wurde immer lauter &#8211; es kam aus den leeren M\u00e4gen der H\u00f6hlenbesitzer.<\/p>\n<p>Am Morgen des vierten Tages wankte die Alte heraus. Sie \u00fcberbrachte die Kapitulation. Alle Bedingungen wurden angenommen.<\/p>\n<p>Sie beschr\u00e4nkte sich auf das N\u00f6tigste. Da\u00df die H\u00f6hlenbesitzeregoisten zu feige gewesen waren, selbst mit den Besatzern zu verhandeln, verschwieg sie. Sie war eine anst\u00e4ndige B\u00e4rin. Aber Kulle dachte sich sein Teil und nahm sie schweigend in den Arm.<\/p>\n<p>Obwohl die anderen den Grund daf\u00fcr nicht kannten, war das das Signal f\u00fcr eine allgemeine Vers\u00f6hnung.<\/p>\n<p>Sie lebten jetzt friedlich zusammen. Aber eines st\u00f6rte sie doch erheblich: Immer noch mu\u00dften sie dieses f\u00fcrchterlich umst\u00e4ndliche Tauschritual vollziehen. Manchmal hatten sie das Gef\u00fchl, da\u00df ihnen kein anderer B\u00e4r gegen\u00fcberstand, sondern da\u00df sie es mit einer Handvoll N\u00fcsse oder Pilze zu tun hatten.<\/p>\n<p>Kulle, der den Ausweg aus dem gro\u00dfen Streit gewiesen hatte, geno\u00df bei ihnen hohen Respekt. Sie fragten ihn, was sie tun k\u00f6nnten, um diese Regel loszuwerden.<\/p>\n<p>Kulle zuckte die Schultern: &#8222;Schafft sie doch einfach ab! Es ist genug Nahrung und genug Schlafplatz f\u00fcr alle da. Warum also tauschen?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Aber B\u00e4rdel hat doch&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;B\u00e4rdel hin, B\u00e4rdel her. An sinnlose Regeln sollte man sich nicht halten. Wir sollten auf unserer n\u00e4chsten Versammlung beschlie\u00dfen, das Spiel zu beenden.&#8220;<\/p>\n<p>Und so geschah es. Alle waren damit zufrieden, am meisten aber die ehemaligen H\u00f6hlenbesitzer &#8211; sie hatten soviel Nahrungsmittel bekommen, da\u00df manche von ihnen vor lauter Fett schon richtig kurzatmig geworden waren.<\/p>\n<p>Als der Beschlu\u00df gefa\u00dft war, erhob sich die alte B\u00e4rin.<\/p>\n<p>&#8222;B\u00e4ren,&#8220; rief sie, &#8222;ihr wi\u00dft, da\u00df Reden nicht meine St\u00e4rke ist. Aber jetzt mu\u00df ich etwas sagen. Ihr habt alle geh\u00f6rt, wie ich w\u00e4hrend dieses Spiels immer wieder auf B\u00e4rdel und seine bescheuerte Regel geschimpft habe. Und das aus vollem Herzen. Dazu stehe ich auch heute noch. Aber ich habe aus dieser Regel viel gelernt. Ihr bestimmt auch. Da\u00df man n\u00e4mlich nicht b\u00e4risch miteinander umgehen kann, wenn einigen etwas geh\u00f6rt, was andere nicht haben. Da\u00df dann Habsucht und Gier entstehen. Und Ha\u00df und Neid. Und Gleichg\u00fcltigkeit. Dann sieht man nicht mehr den B\u00e4ren im anderen, sondern sieht nur noch auf das, was er in der Pranke h\u00e4lt. Auch, wenn verhindert wird, da\u00df manche B\u00e4ren zu stark ausgenutzt werden.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Vielleicht sollten wir das ja lernen&#8230;&#8220; murmelte Manfred vor sich hin. Pl\u00f6tzlich kam ihm die Erleuchtung. Nat\u00fcrlich!<\/p>\n<p>Unter den erstaunten Blicken aller Anwesenden st\u00fcrmte er los, hinaus in den dunklen, schwigenden Nachtwald.<\/p>\n<p>&#8222;Papa!&#8220; br\u00fcllte er, so laut, da\u00df die K\u00e4uzchen und Eulen glaubten, taub werden zu m\u00fcssen. &#8222;Papa!!!&#8220;<\/p>\n<p>B\u00e4rdel hatte nach wie vor Migr\u00e4ne, und so zersprang ihm fast der Kopf von dem Geschrei. Sich zu stellen war immer noch besser, als diesen L\u00e4rm l\u00e4nger auszuhalten, und so kam er aus seinem Versteck.<\/p>\n<p>Ungest\u00fcm umarmte ihn Manfred und keuchte, v\u00f6llig au\u00dfer Atem: &#8222;Papa, komm nach Hause. Ich glaube, keiner ist dir mehr b\u00f6se. Alle haben viel gelernt. Ich auch: Ich glaube, ich wei\u00df jetzt, was mit Marktwirtschaft\u2018 und mit Sozialstaat\u2018 gemeint ist. Aber warum der Sozialstaat angeblich am Ende ist und die freie Marktwirtschaft wieder eingef\u00fchrt werden mu\u00df, wei\u00df ich noch nicht. Spielen wir das im n\u00e4chsten Spiel?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Um Tussis Willen, nein!&#8220; st\u00f6hnte B\u00e4rdel und hielt sich seinen schmerzenden Kopf. &#8222;Dieses Spiel hat mir v\u00f6llig gen\u00fcgt. La\u00df dir das alles in einer stillen Stunde von Kulle erkl\u00e4ren. Aber ich komme jetzt nach Hause. Tumu hat sicher ein paar Aspirin f\u00fcr mich und kann mir den R\u00fccken kraulen. Ich habe ihr viel zu erz\u00e4hlen&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Bevor Vater und Sohn eintr\u00e4chtig nach B\u00e4renleben zur\u00fcckwanderten, holte B\u00e4rdel noch schnell eine besonders leckere Honigwabe aus einem Versteck. Die war f\u00fcr Kulle.<\/p>\n<p>Nicht als Tauschobjekt, sondern als Dank.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Papa, ich les&#8216; da gerade ein Buch&#8230;&#8220; &#8222;Sehr gut, mein Sohn!&#8220; B\u00e4rdel war hoch erfreut, da\u00df sein in der Regel nichtsnutziger Spro\u00df sich einmal einer sinnvollen T\u00e4tigkeit hingab. &#8222;Du mu\u00dft viele B\u00fccher lesen, wie jeder von uns, damit wir die Menschen besser verstehen.&#8220; &#8222;Das ist es ja&#8220;, seufzte Manfred, &#8222;ich versteh es nicht.&#8220; &#8222;Worum geht&#8217;s [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_crdt_document":"","footnotes":""},"categories":[10,3,7],"tags":[],"class_list":["post-308","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-baerdel","category-baerdel1","category-kulle2"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/308","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=308"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/308\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":309,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/308\/revisions\/309"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=308"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=308"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=308"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}