{"id":310,"date":"1996-08-31T20:54:39","date_gmt":"1996-08-31T18:54:39","guid":{"rendered":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/?p=310"},"modified":"2017-03-07T20:57:25","modified_gmt":"2017-03-07T18:57:25","slug":"der-dicke-mann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/1996\/08\/der-dicke-mann\/","title":{"rendered":"Der dicke Mann"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"firstchar\">E<\/span>s war einmal ein dicker Mann, der rauchte mit Leidenschaft Zigarren (N.B.: Die Geschichte der Zigarre findest Du in <a href=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/?p=62\">Kulles Dissertation<\/a>). Das hatte er nicht immer tun k\u00f6nnen: Als er heranwuchs, herrschte in seinem Land Hunger, und es gab b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnliche Verh\u00e4ltnisse. M\u00e4nner mit und ohne Uniform erschossen und erschlugen einander. Man nannte das Wahlkampf. Als diese Zeit vorbei war, sorgte ein kleiner Mann mit einem Schnauzbart daf\u00fcr, da\u00df viele Menschen pl\u00f6tzlich verschwanden und die \u00fcbrigen in Ruhe leben und arbeiten konnten &#8211; weil sie das konnten, k\u00fcmmerten sie sich nicht um die Verschwundenen. Das dauerte aber nur ein paar Jahre. Danach fing der kleine Mann einen gro\u00dfen Krieg an, und an dessen Ende lag alles in Schutt und Asche.<\/p>\n<p>Der dicke Mann war damals ganz d\u00fcnn und hatte Hunger wie alle anderen auch. Aber er verbrachte seine Zeit nicht nur damit, Lebensmittel zu besorgen, sondern er dachte auch \u00fcber etwas nach. Wie konnte man erreichen, da\u00df es nie mehr zu Verh\u00e4ltnissen kommt, wie er sie erlebt hatte?<\/p>\n<p>Als er jung gewesen war, hatten zwei M\u00e4nner behauptet, eine Antwort auf diese Frage zu wissen. Ein Herr Schmidt aus England sagte, der Markt regle alles zum Besten aller, und ein Herr Marx aus Deutschland vertrat genau den entgegengesetzten Standpunkt.<\/p>\n<p>Er war mit keiner Antwort zufrieden.<\/p>\n<p>Er suchte nach einem Mittelweg.<\/p>\n<p>Und er hatte Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>Obwohl er im Morgent(h)au unterwegs war und mit nichts Gutem rechnete, fiel ihm wie dem Sterntalerm\u00e4dchen ein gro\u00dfer Geldsegen in den Scho\u00df. Diesen Schatz verstreute er \u00fcber den Schutt und die Asche der Nachkriegszeit, und siehe, neues Leben wuchs aus den Ruinen. Fabrikschornsteine begannen zu rauchen, und in den Fabriken arbeiteten entlassene Soldaten. H\u00e4user wurden wieder aufgebaut, und nach Feierabend kauften die Arbeiter Tapeten und Linoleum f\u00fcr ihre neuen Wohnungen.<\/p>\n<p>Geld heckte Geld. Die Taschen der Fabrikbesitzer und Bauherren f\u00fcllten sich. Freude herrschte unter ihnen, und sie lobten den dicken Mann, dessen Schatz die Grundlage f\u00fcr ihren neuen Reichtum war.<\/p>\n<p>&#8222;Halt!&#8220; sagte da der dicke Mann. &#8222;Es ist sch\u00f6n, da\u00df ihr gut verdient, aber ihr sollt nicht alles von eurem Gewinn behalten d\u00fcrfen. Wohlstand f\u00fcr alle! Auch eure Arbeiter, auch die Alten, auch die Arbeitsunf\u00e4higen sollen ausk\u00f6mmlich leben k\u00f6nnen. Ich will n\u00e4mlich nicht, da\u00df es noch einmal zu einem B\u00fcrgerkrieg kommt, wie ich ihn in meiner Jugend erlebt habe.&#8220;<\/p>\n<p>Die Fabrikbesitzer und Bauherren guckten skeptisch. Da fl\u00fcsterte der dicke Mann, der sich unbeobachtet wu\u00dfte, ihnen noch zu: &#8222;Und ich will auch nicht, da\u00df sich die Ideen eines gewissen Herrn Marx durchsetzen.&#8220;<\/p>\n<p>Das \u00fcberzeugte seine Zuh\u00f6rer.<\/p>\n<p>Es fiel den reichen Herren leicht, aus ihren gef\u00fcllten Taschen ein wenig abzugeben. Jedes Jahr wurde ihr Schatz gr\u00f6\u00dfer. Immer mehr Fabrikschornsteine rauchten, und die Arbeiter kauften inzwischen nicht nur Tapeten und Linoleum, sondern auch Teppiche, K\u00fchlschr\u00e4nke und sogar Autos.<\/p>\n<p>Eines allerdings st\u00f6rte die Herren ein wenig: Der dicke Mann hatte etwas dagen, da\u00df sie untereinander ihre Fabriken und Baufirmen aufkauften. Er wollte so, wie er sagte, &#8222;Marktmacht&#8220; verhindern. Nun gut. Sie zuckten nur die Schultern und schlossen eben, solange sie den dicken Mann noch f\u00fcrchten mu\u00dften, ihre Vertr\u00e4ge heimlich ab. Wie konnte er nur so dumm sein und glauben, sich einem Gesetz des Marktes entgegenstellen zu k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Der dicke Mann hatte es nicht nur mit den gro\u00dfen Herren der Wirtschaft zu tun, sondern auch mit den kleinen Leuten. Die liebten ihn, denn sie glaubten es ihm zu verdanken, da\u00df sie in ihren Wohnungen auf Teppichen gingen und im Auto zur Schicht fuhren. Sie w\u00e4hlten ihn deshalb immer wieder an die Macht, und so hatten auch die Wirtschaftsherren &#8211; zumindest \u00f6ffentlich &#8211; Respekt vor ihm.<\/p>\n<p>Der dicke Mann war es zufrieden und blies aus seiner Zigarre formvollendete Rauchringe in die Luft.<\/p>\n<p>Die Wirtschaftsherren schlossen heimlich weiter Vertr\u00e4ge miteinander und warteten auf ihre Stunde.<\/p>\n<p>Die Stunde kam.<\/p>\n<p>Die Bilanzbuchhalter waren bereit.<\/p>\n<p>Ihr Material war perfekt: Sinkendes Wirtschaftswachstum, steigende Energiepreise, geringere Exporterfolge. Eine Hiobsbotschaft jagte die n\u00e4chste. Die Buchhalter waren gut geschult und errechneten rote Zahlen. Es gab nichts mehr zu verteilen. Sagten die Bilanzen.<\/p>\n<p>Der dicke Mann mu\u00dfte ihnen glauben. Er steckte in der Zwangsjacke. Viele Arbeiter waren entlassen worden und drohten, ihn nicht wiederzuw\u00e4hlen. Er wollte aber wiedergew\u00e4hlt werden. So erlaubte er den Wirtschaftsherren Zusammenschl\u00fcsse, weil ihm gesagt wurde, nur so seien weitere Entlassungen zu verhindern. Prompt folgten den Firmenhochzeiten weitere Entlassungen.<\/p>\n<p>&#8222;Was soll ich denn jetzt noch tun?&#8220; rief der dicke Mann verzweifelt.<\/p>\n<p>&#8222;Du mu\u00dft deine Politik \u00e4ndern!&#8220; riefen ihm die Wirtschaftsherren zu. &#8222;Wohlstand f\u00fcr alle &#8211; was f\u00fcr ein Unsinn! Vielleicht k\u00f6nnte es gehen &#8211; wenn unsere Kosten niedriger w\u00e4ren. Alles wird von uns finanziert: der Lebensstandard der Arbeitslosen, der Rentner, und so weiter. Befreie uns davon, und wir k\u00f6nnen wieder Arbeiter einstellen!&#8220;<\/p>\n<p>Der dicke Mann glaubte ihnen nicht recht, aber er hatte keine Wahl. Er tat, was sie wollten. Trotzdem w\u00e4hlten ihn die Arbeiter nicht wieder, denn es ging ihnen immer schlechter.<\/p>\n<p>Wenn er jetzt durch die Stra\u00dfen ging, versteckte er sich, anders als fr\u00fcher, hinter einer dicken Wolke Zigarrenrauch. Er wollte nicht erkannt werden, und er wollte auch nicht so richtig sehen, was sich ihm da demonstrativ und bescheiden zugleich entgegenreckte.<\/p>\n<p>&#8222;Arbeitslos und obdachlos. Ich habe Hunger.&#8220;<\/p>\n<p>Um sich vor dem Elend zu sch\u00fctzen, das ihn umgab, kaufte sich der dicke Mann eine Zeitung und begann zu lesen.<\/p>\n<p>&#8222;Neue Produktion von Mercedes im Elsass&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Bremer Vulkan meldet Konkurs an&#8220;.<\/p>\n<p>Der dicke Mann nahm seine letzte Kraft zusammen und bat die Wirtschaftsherren des Landes zu einem Champagnerfr\u00fchst\u00fcck. Zwar war er nicht mehr Regierungschef, aber er baute darauf, da\u00df seine Bekannten kamen, und er hatte recht.<\/p>\n<p>Als Begr\u00fc\u00dfung sagte er nur: &#8222;Prost!&#8220;, was alle Anwesenden zun\u00e4chst verwirrte, dann aber erfreut zum Trinken animierte. Die meisten tranken ihr Glas auf ex, auch der dicke Mann. Da er am vorigen Tag nichts gegessen und in der darauffolgenden Nacht kaum geschlafen hatte, war er sofort ziemlich angeschickert. Auch auf viele Wirtschaftsherren wirkte der Alkohol. So waren alle ungew\u00f6hnlich ehrlich zueinander.<\/p>\n<p>&#8222;Warum macht ihr das?&#8220; fragte der dicke Mann alle, auf die er zusteuerte. Er steuerte \u00fcbrigens auf alle zu.<\/p>\n<p>&#8222;Rendite.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Gewinn.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Dividende.&#8220;<\/p>\n<p>Der dicke Mann war nicht dumm. Er wu\u00dfte, was hinter all diesen sch\u00f6nen Begriffen steckte: Geld.<\/p>\n<p>Er startete einen letzen Versuch: &#8222;Und die Sozialbindung des Eigentums?&#8220;<\/p>\n<p>Offenbar ging es seinem Gespr\u00e4chspartner gerade schlecht, denn er antwortete nicht verbal, sondern mit einer akustisch deutlichen Verdauungsst\u00f6rung.<\/p>\n<p>Der dicke Mann verstand. Er verlie\u00df die Gesellschaft und erscho\u00df sich mit seiner Zigarre.<\/p>\n<p>Null Sekunden sp\u00e4ter war er im Raum der Nichtlebenden. Er hatte das dringende Gef\u00fchl, sich erholen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&#8222;Darf man hier rauchen?&#8220; fragte er.<\/p>\n<p>&#8222;Klar!&#8220; erhielt er zur Antwort. Ein Pykniker mit wallender M\u00e4hne und Rauschebart hatte das gesagt. Der dicke Mann hielt es f\u00fcr h\u00f6flich, sich vorzustellen.<\/p>\n<p>&#8222;Ich bin&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich wei\u00df&#8220; kicherte der andere, &#8222;ich wei\u00df, wer Sie sind. Entschuldigen Sie, aber so was Komisches&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Und das Kichern wurde zu einem schollernden Gel\u00e4chter, das durch die \u00c4onen hallte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war einmal ein dicker Mann, der rauchte mit Leidenschaft Zigarren (N.B.: Die Geschichte der Zigarre findest Du in Kulles Dissertation). Das hatte er nicht immer tun k\u00f6nnen: Als er heranwuchs, herrschte in seinem Land Hunger, und es gab b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnliche Verh\u00e4ltnisse. M\u00e4nner mit und ohne Uniform erschossen und erschlugen einander. Man nannte das Wahlkampf. 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