{"id":341,"date":"1997-07-26T19:36:24","date_gmt":"1997-07-26T17:36:24","guid":{"rendered":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/?p=341"},"modified":"2017-03-08T19:39:50","modified_gmt":"2017-03-08T17:39:50","slug":"hamburg-und-doris","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/1997\/07\/hamburg-und-doris\/","title":{"rendered":"Hamburg und Doris"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Hamburg und Doris<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/grizzy.jpg\" alt=\"Manfred und Tumu\" width=\"320\" height=\"240\" \/><\/center>&#8222;<span class=\"firstchar\">P<\/span>apa, ich w\u00fcrde gerne mal nach Hamburg fahren. Kommst Du mit Mama mit?&#8220;<br \/>\nB\u00e4rdel verschluckte sich vor \u00dcberraschung; er kaute gerade gen\u00fc\u00dflich eine Honigwabe aus. Wieso zog es seinen Sohn in eine Menschengro\u00dfstadt? Und vor allem: Warum wollte sein halbstarker Sohn, der best\u00e4ndig nichts mehr betonte als seine Selbst\u00e4ndigkeit, auf einmal seine Eltern bei einer so aufregenden Unternehmung dabeihaben?<br \/>\nNachdem er seinen Husten besiegt hatte, schaute er Manfred nur an, und der verstand die stumme Frage. Er tat sich allerdings schwer, sie zu beantworten, und druckste herum:<br \/>\n&#8222;Na ja, ich mu\u00df die Menschen doch auch mal kennenlernen, wenn es schon so viele von ihnen gibt. Das geht in einer Stadt bestimmt am besten. Aber ein bi\u00dfchen Angst habe ich, ehrlich gesagt, doch. Deshalb sollt ihr mitkommen. Und ich m\u00f6chte etwas Bestimmtes sehen. In der Zeitung habe ich letztens gelesen, da\u00df es in Hamburg einen Zoo gibt. Da m\u00f6chte ich hin.&#8220;<br \/>\nB\u00e4rdel simulierte einen neuen Hustenanfall, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. Hamburg? Na gut. Das konnte dem Jungen nicht schaden &#8211; erst Jungfernstieg und Binnenalster zum Staunen, vielleicht sogar Blankenese, und danach St. Georg zur Ern\u00fcchterung. Falls sie nicht allzu m\u00fcde waren, auch noch die Reeperbahn. Aber Hagenbecks Tierpark? Niemals!<br \/>\n&#8222;Keine schlechte Idee, Manfred!&#8220; sagte er. &#8222;Frag mal Mama, wann sie Zeit und Lust hat.&#8220;<br \/>\nB\u00e4rdel war ein kluger Vater. Er wu\u00dfte, da\u00df sein Sohn seinen Willen durchsetzen w\u00fcrde, wenn er versuchte, ihm sein Vorhaben zu verbieten. Er mu\u00dfte also taktieren.<\/p>\n<p>Als Manfred und seine Eltern ein paar Tage sp\u00e4ter aufbrachen, war Tumu in B\u00e4rdels Plan eingeweiht. Castornixleben in der N\u00e4he von B\u00e4renleben hatte einen Bahnhof, und dort schmuggelten sie sich als blinde Passagiere in den Gep\u00e4ckwagen eines Zuges, der zum Hamburger Hauptbahnhof fuhr.<br \/>\nManfred war schrecklich aufgeregt: Er war noch nie Eisenbahn gefahren, schon gar nicht ohne zu zahlen, und verstand auch nicht den Grund f\u00fcr ihr illegales Handeln. &#8222;Papa, wir haben doch Geld, oder?&#8220;<br \/>\nB\u00e4rdel nickte und bemerkte nur: &#8222;Richtig, aber das brauchen wir f\u00fcr Wichtigeres&#8220;, was seinen Sohn auch nicht schlauer machte.<br \/>\nDie Ankunft in Hamburg Hauptbahnhof verwirrte ihn v\u00f6llig: Zahllose hastende, dr\u00e4ngelnde, schimpfende, lachende, bettelnde,weinende, immer aber r\u00fccksichtslose Menschen schubsten und stie\u00dfen einander oder gingen achtlos aneinander vorbei, und dieses Gewimmel \u00fcberlagerten scheppernde Lautsprecheransagen.<br \/>\nManfred tat, was er schon lange nicht mehr getan hatte: Er schmiegte sich schutzsuchend an Tumu. &#8222;Mama, ich will hier weg!&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich auch!&#8220; seufzte Tumu aus Herzensgrund. &#8222;Sag uns schnell, wo der Zoo ist, zu dem du willst. Dort ist es bestimmt ruhiger.&#8220;<br \/>\n&#8222;Aber ich wei\u00df doch gar nicht, wie man da hinkommt&#8230; Vielleicht sollten wir einfach loslaufen und suchen?&#8220;<br \/>\n&#8222;Keine gute Idee!&#8220; kritisierte B\u00e4rdel. &#8222;Hamburg ist riesengro\u00df; wir w\u00fcrden uns nur die F\u00fc\u00dfe wundlaufen und nichts finden. Wahrscheinlich m\u00fcssen wir sogar nochmal mit der Bahn fahren. Kommt, da vorne ist eine Srteckennetzkarte.&#8220;<br \/>\nManfred hatte keine Ahnung, was eine &#8222;Streckennetzkarte&#8220; sein k\u00f6nnte, und als er davor stand, wurde er auch nicht schlau daraus. Verschiedenfarbige Linien zogen sich, von wenigen Zentren ausgehend, kurvig \u00fcber ein \u00fcberwiegend rechteckiges Grundmuster.<br \/>\n&#8222;Na, wohin m\u00fcssen wir?&#8220; fragte B\u00e4rdel. Niemand, noch nicht einmal Tumu, vermochte die gespielte Unschuld in seiner Stimme zu h\u00f6ren.<br \/>\n&#8222;Keine Ahnung&#8230;&#8220; Manfred zuckte die Schultern. &#8222;Erstens verstehe ich diesen Plan nicht. Und zweitens wei\u00df ich noch nicht einmal, wie der Zoo hei\u00dft.&#8220;<br \/>\n&#8222;ich auch nicht&#8220;, log B\u00e4rdel. &#8222;Aber la\u00df uns mal nachdenken. Ein Zoo ist was f\u00fcr\u2018s Volk. Und ein anderes Wort f\u00fcr ,Zoo\u2018 ist ,Tierpark\u2018 &#8211; ein Hoch auf den Euphemismus. Hmmm &#8211; was h\u00e4ltst du von ,Volkspark\u2018?&#8220;<br \/>\nB\u00e4rdel wu\u00dfte, wie gef\u00e4hrlich sein Spiel war &#8211; schlie\u00dflich stand auch ,Hagenbecks Tierpark\u2018 fettgedruckt auf der Karte, und dumm war Manfred wahrlich nicht. Aber Manfred lie\u00df sich zum Gl\u00fcck irref\u00fchren.<br \/>\n&#8222;Prima, Papa!&#8220; jubelte er. Da steht es ja: &#8222;\u2018Volkspark\u2018. Also steigen wir jetzt in die S 21, was immer das auch ist, und schwuppdiwupp sind wir da.&#8220;<br \/>\nDumm war Manfred wahrlich nicht.<br \/>\nNach ein paar Stationen mit der S-Bahn stand die Familie auf der Schnackenburgallee. Genauer gesagt: Sie versuchte, dort zu stehen. Tats\u00e4chlich n\u00e4mlich wurde sie herumschubst von tausenden von Menschen, die etliche Gemeinsamkeiten hatten: Sie waren jung und m\u00e4nnlich, trugen trotz der sommerlichen W\u00e4rme M\u00fctzen und Schals in Wei\u00df und Blau, gr\u00f6lten laut und unmelodisch im Chor und waren nicht mehr n\u00fcchtern, ein Zustand, den sie durch exzessive Benutzung zahlloser Bierflaschen und -dosen zu vertiefen versuchten. Alle str\u00f6mten in dieselbe Richtung, und die kleinen B\u00e4ren konnten sich ihrem Sog nicht entziehen. Sie wurden einfach mitgerissen.<br \/>\nAlle drei hatten M\u00fche, nicht in Panik zu geraten. B\u00e4ren sind nun einmal gem\u00fctliche Leute, die alles Laute verabscheuen und die Langsamkeit lieben. Zudem haben sie gelernt, den Menschen aus dem Weg zu gehen, um ihre Ruhe zu haben. Aber hier konnten sie niemandem aus dem Weg gehen, es gab einfach keinen Platz daf\u00fcr. Es gab noch nicht einmal gen\u00fcgend Platz, um zu sehen, wohin sie gedr\u00e4ngt wurden.<br \/>\nTumu griff mit der rechten Pfote nach B\u00e4rdel und suchte mit der linken nach Manfred. Gut, hier mu\u00dften sie sich wohl erst mal eine Weile mitziehen lassen, bis sich irgendwann eine Chance ergab, sich aus dem Pulk zu l\u00f6sen. W\u00e4hrenddessen aber wollten sie sich wenigstens nicht trennen lassen.<br \/>\nB\u00e4rdel dr\u00fcckte ihre Rechte beruhigend, aber ihre Linke blieb leer. Wo war Manfred?<br \/>\n&#8222;Halt!&#8220; sagte Tumu.<br \/>\n&#8222;Das geht leider gerade nicht&#8220;, versuchte B\u00e4rdel zu scherzen.<br \/>\n&#8222;Es mu\u00df aber&#8220;, meinte Tumu, und B\u00e4rdel h\u00f6rte aus ihren Tonfall, da\u00df es ernst war. &#8222;Manfred ist weg!&#8220;<br \/>\n&#8222;Heilige Tussi&#8220;, murmelte B\u00e4rdel. Ein Mensch h\u00e4tte jetzt vermutlich &#8218;Schei\u00dfe&#8216; gesagt. Und dann seufzte er: &#8222;Also los, kugeln!&#8220;<br \/>\nB\u00e4ren verf\u00fcgen \u00fcber eine wirkungsvolle Technik, die dazu geeignet ist, selbst eine Stampede zu \u00fcberleben. Sie rollen sich zusammen und spannen all ihre Muskeln an. Auf diese Weise k\u00f6nnen sie alle Tritte und P\u00fcffe \u00fcberstehen, ja, sie k\u00f6nnen sich, w\u00e4hrend die B\u00fcffelherde oder was auch immer \u00fcber sie hinwegstapft, sogar noch langsam vorw\u00e4rtsbewegen. Ganz ohne blaue Flecke geht es dabei jedoch nicht ab. (Evolutionsbiologisch ist nicht ganz klar, wozu diese seit Urzeiten vorhandene F\u00e4higkeit der B\u00e4ren dient. B\u00e4ren, B\u00fcffel und \u00fcberhaupt alle Tiere sind einander immer klug aus dem Weg gegangen. Fr\u00fch eine F\u00e4higkeit zu entwickeln, f\u00fcr die erst in einer sp\u00e4ten Phase der Evolution &#8211; n\u00e4mlich mit dem Auftauchen des Homo sapiens sapiens &#8211; Bedarf besteht, widerspricht allen Grunds\u00e4tzen des Darwinismus. Kennten Theologen das Problem, w\u00fcrden sie sich sicher damit besch\u00e4ftigen.)<br \/>\nB\u00e4rdel und Tumu kugelten. Die Menschen \u00fcber ihren angespannten K\u00f6rpern fluchten \u00fcber die Hindernisse, \u00fcber die sie stolperten, und versetzten ihnen manchen schmerzhaften Tritt mit stahlbewehrten Stiefelspitzen, aber sie kamen voran. Nach wenigen Metern lagen sie vor einem viereckigen Loch. Vorsichtig hob B\u00e4rdel den Kopf.<br \/>\nTumu tat es ihm nach.<br \/>\n&#8222;Ob Manfred da reingefallen ist?&#8220; fragte sie.<br \/>\n&#8222;M\u00f6glich. Er kann aber auch abgedr\u00e4ngt worden sein, bevor du ihn anfassen konntest.&#8220;<br \/>\n&#8222;Nein. Er ist da unten. Ich sp\u00fcre das!&#8220;<br \/>\nBevor B\u00e4rdel eine Chance hatte, etwas zu sagen oder zu tun, war Tumu in das Loch gesprungen. Er schob sich ein St\u00fcck vor und lauschte in den schwarzen Schacht hinunter. Nichts. Was sollte er tun?<br \/>\nEr holte tief Luft und sprang hinterher.<\/p>\n<p>Nur zwei oder drei Meter mu\u00dfte er in freiem Fall verbringen, dann traf sein gut gepolsterter Hintern auf Beton. Auf einer steilen schiefen Ebene sauste er abw\u00e4rts. Wo w\u00fcrde er landen? Wahrscheinlich in der Kanalisation. Vorsorglich hielt er sich die Nase zu. Einerseits war das eine scheu\u00dfliche Idee &#8211; B\u00e4ren haben einen hochentwickelten Geruchssinn, und Manfred, Tumu und er w\u00fcrden Wochen brauchen, um ihren Pelz so gr\u00fcndlich zu s\u00e4ubern, da\u00df sie sich selbst wieder riechen konnten. Andererseits w\u00fcrden sie mit Hilfe der Kanalratten auch wieder aus dem stinkenden Verdauungstrakt der Stadt herausfinden. Aber wenn seine Vermutung stimmte, m\u00fc\u00dfte er eigentlich Verwesungsgeruch wahrnehmen &#8211; und das war nicht so. Stattdessen sah er einen hellen Lichtschein.<br \/>\nBruchteile von Sekunden sp\u00e4ter landete er unsanft, aber unverletzt. Vor ihm standen Tumu und Manfred.<br \/>\n&#8222;Tussi sei Dank,&#8220; murmelte er und rappelte sich auf. &#8222;Konntest du denn nicht aufpassen?&#8220; raunzte er Manfred an. &#8222;Wo sind wir hier \u00fcberhaupt?&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich habe aufgepa\u00dft, aber jemand hat mich geschubst, und da bin ich gefallen. Wo wir sind, wei\u00df ich nicht. Gerade als ich anfangen wollte mich umzusehen, kam Mama, und direkt danach bist du runtergepurzelt.&#8220;<br \/>\nFast sch\u00e4mte B\u00e4rdel sich ein bi\u00dfchen: Die sachliche Antwort seines Sohnes war viel b\u00e4rischer als sein eigenes unbeherrschtes Verhalten. Aber auch B\u00e4renv\u00e4tern f\u00e4llt es schwer, sich zu entschuldigen, und deshalb meinte er nur: &#8222;Na, dann wollen wir mal sehen, wie wir hier wieder rauskommen!&#8220;<\/p>\n<p>Eine Untersuchung ihrer Umgebung machte die drei B\u00e4ren auch nicht schlauer. \u00dcber ihnen war die Schw\u00e4rze des Schachtes, durch den sie heruntergefallen waren. Ein k\u00fchler Luftzug wehte sie von oben an. Sie befanden sich in einem schmalen Tunnel, dessen Ende nicht zu erkennen war. Wandten sie sich nach links, k\u00fcmmte er sich nach rechts; schauten sie nach rechts, nahmen sie eine Linkskr\u00fcmmung wahr.<br \/>\n&#8222;M\u00f6glicherweise eine kreisf\u00f6rmige Anlage,&#8220; stellte Tumu fest, und ihre Begleiter nickten. Eine ,Anlage\u2018 war es zweifellos. Auf dem Boden des Gangs waren Schienen installiert. In der N\u00e4he der Wand verlief eine wenige Zentimeter dicke Leitung, die aber nur \u00fcber kurze Strecken sichtbar war. Viereckige und sechseckige Kisten in Rot, Blau und Gelb waren in kurzen Abst\u00e4nden \u00fcber die Leitung gest\u00fclpt. Auf einem Bord kurz unter der Decke gab es eine Ansammlung von Kabelstr\u00e4ngen.<br \/>\nFalls Tumus Vermutung von einer kreisf\u00f6rmigen Anlage stimmte, dann waren Leitung, Kisten und Kabel ,innen\u2018. ,Au\u00dfen\u2018 an der Wand hingen K\u00e4sten, die nichts zeigten au\u00dfer einem Schl\u00fcsselloch und einer in den Gang gest\u00fclpten kleinen Glasblase.<br \/>\n&#8222;Komische Gegend!&#8220; meinte Manfred. &#8222;Hast du so was schon mal gesehen, Papa?&#8220;<br \/>\nB\u00e4rdel h\u00e4tte gerne ,Ja\u2018 gesagt, denn er hatte viel gelesen und war durchaus eitel, obwohl er es ungern zugab. Aber hier mu\u00dfte er passen.<br \/>\n&#8222;Nie,&#8220; gab er zu. &#8222;Und ich habe nicht den Schimmer einer Ahnung, wozu das hier dient. Aber eines ist klar: Menschen haben das gemacht. Manfred, unser Wochenendausflug wird erfolgreich. Wir lernen was \u00fcber den Menschen!&#8220;<br \/>\n&#8222;Super!&#8220; jubelte Manfred. &#8222;La\u00dft uns anfangen! Ein Gang ist dazu da, erforscht zu werden!&#8220;<br \/>\nEs schien v\u00f6llig egal, in welche Richtung sie gingen, und deshalb folgten Tumu und B\u00e4rdel ihren Sohn, als er sich nach links wandte. Etwa hundert Meter wanderten sie geradeaus, dann machte der Gang eine Rechtskurve. Abgesehen von der Kr\u00fcmmung \u00e4nderte sich an der Umgebung nichts.<br \/>\nPsychologisch verhalten sich B\u00e4ren in einigen Beziehungen nicht anders als Menschen, auch wenn sie grunds\u00e4tzlich vorsichtiger sind. Beide Spezies gew\u00f6hnen sich schnell an unbekannte Umgebungen und schlie\u00dfen aus der momentanen Abwesenheit von Gefahr auf deren Nichtexistenz.<br \/>\nSchon nach wenigen Minuten schlenderten die Drei durch den Tunnel, als seien sie zu Hause in B\u00e4renleben, und unterhielten sich lautstark. Manfred geno\u00df das Abenteuer, und B\u00e4rdel war sich inzwischen sicher, da\u00df sie sich in einer ringf\u00f6rmigen, also \u00fcberschaubaren Anlage befanden. Es galt nur noch, einen Ausweg zu finden &#8211; mit oder ohne Kanalratten. Tumu aber hatte sich einen Rest Skepsis bewahrt, sie lauschte nach wie vor mit aufgestellten Ohren auf ungewohnte Ger\u00e4usche. Sie tat gut daran.<br \/>\n&#8222;Pssst!&#8220; zischte sie pl\u00f6tzlich. Menschenm\u00e4nner h\u00e4tten das vermutlich als weibliche Hysterie abgetan und sich nicht darum gek\u00fcmmert, aber B\u00e4rdel und Manfred blieben sofort wie versteinert stehen. Tumu legte die Pfote auf die Schnauze, dann legte sie sich selbst auf die Schienen. Die Vibration war deutlich, und jetzt h\u00f6rten auch die M\u00e4nner ein leises Sirren.<br \/>\n&#8222;Es kommt jemand!&#8220;<br \/>\nSie konnten nicht ausmachen, in welche Richtung sich das Schienenfahrzeug bewegte, aber letztlich war das auch egal: Wenn es weiterfuhr, mu\u00dfte es in einem Ring irgendwann bei ihnen vorbeikommen. Sie schauten sich um: Die Eltern auf der Suche nach einem Fluchtweg, Manfred auf der Suche nach einer Waffe. Manfred wurde f\u00fcndig: Neben einem sechseckigen blauen Kasten lag ein Schraubenzieher. Tumu und B\u00e4rdel aber suchten vergeblich: Rechts und links waren nur t\u00fcrenlose W\u00e4nde, und auf dem weit hinter ihnen liegenden Weg, auf dem sie hereingekommen waren, konnten sie nicht zur\u00fcck.<br \/>\n&#8222;Na&#8220;, meinte Tumu ruhig, &#8222;dann bleibt uns nichts anderes \u00fcbrig. Ma\u00dfnahme Streichholz! Manfred, leg den bl\u00f6den Schraubenzieher wieder hin!&#8220;<br \/>\nB\u00e4ren k\u00f6nnen nicht nur beim Kugeln ihre K\u00f6rper vor Kn\u00fcffen und P\u00fcffen bewahren, sie k\u00f6nnen sich auch perfekt tarnen, indem sie sich lang und starr machen. Schon so mancher J\u00e4ger hat sie in dieser Pose f\u00fcr einen dicken Ast gehalten und ist achtlos auf der Pirsch an ihnen vorbeigeschlichen. Bis zu diesem Augenblick h\u00e4tten die B\u00e4ren sich allerdings nicht tr\u00e4umen lassen, da\u00df sie diese F\u00e4higkeit eines Tages brauchen w\u00fcrden, um als ein Kabel zu erscheinen.<br \/>\nManfred h\u00fcpfte m\u00fchelos auf das Bord kurz unter der Decke, B\u00e4rdel half Tumu mit der altbekannten R\u00e4uberleiter-Technik und kletterte dann selbst hinterher. Sie streckten sich und verwandelten sich in ,Streichh\u00f6lzer\u2018. Nur die Augen schienen noch zu leben.<br \/>\nHier oben auf der Kabelablage konnten sie das Vibrieren der Schienen nat\u00fcrlich nicht mehr wahrnehmen, aber das Sirren wurde deutlich lauter. Etwas n\u00e4herte sich.<br \/>\nJetzt erst bemerkten sie, da\u00df das Gef\u00e4hrt auf den Schienen nicht ununterbrochen unterwegs war, sondern zwischendurch stoppte. Nicht nur einmal, sondern h\u00e4ufiger. Als das Ger\u00e4usch n\u00e4her kam, h\u00f6rten sie auch Laute in den Pausen. Es waren immer die gleichen: Zwei dumpfe Ger\u00e4usche, ein metallisches Klicken, Scharren, dann wieder ein Klicken, und nach einer kurzen Pause abschlie\u00dfend wieder die beiden dumpfen T\u00f6ne.<br \/>\nErst als ihr ,Besucher\u2018 in Sichtweite war, konnten sie sich einen Vers darauf machen, wenn sie auch \u00fcberhaupt nicht verstanden, was da vorging. In einem schienengef\u00fchrten Elektrokarren sa\u00df ein Mann mit einem roten Schutzhelm auf dem Kopf. Immer, wenn er auf der H\u00f6he eines Kastens an der Au\u00dfenwand war, stoppte er sein Gef\u00e4hrt. Er stieg aus, ging zu dem Kasten, steckte einen Schl\u00fcssel hinein, drehte ihn und zog ihn wieder heraus. Wenn er das getan hatte, leuchtete die Glasblase an dem Kasten gr\u00fcn auf. Anschlie\u00dfend blickte der Mann sich aufmerksam um, bevor er zu seiner Elektrodraisine zur\u00fcckging, und dann begann das Ganze von vorn.<br \/>\nDie B\u00e4ren lie\u00dfen ihn passieren und l\u00f6sten sich erst aus ihrer Streichholzpose, als er au\u00dfer Sicht- und H\u00f6rweite war.<br \/>\n&#8222;Was sollte das denn?&#8220; fragte Manfred. Aber hierauf wu\u00dften auch seine Eltern keine Antwort und zuckten nur die Schultern. Letztlich hielten sie die Ereignisse f\u00fcr harmlos. Ihre Kenntnisse der menschlichen Konventionen sagten ihnen, da\u00df gr\u00fcne L\u00e4mpchen &#8222;keine Gefahr&#8220; bedeuteten. Vielleicht h\u00e4tten sie sich gewundert und w\u00e4ren unruhig geworden, wenn sie h\u00e4tten bemerken k\u00f6nnen, was auf der anderen Seite des Ringes geschah.<br \/>\nDas Elektrovehikel war an einer Gittert\u00fcr in der Au\u00dfenwand angekommen. Der Fahrer stieg aus, ging durch die T\u00fcr nach drau\u00dfen und verschlo\u00df sie hinter sich. Er wurde erwartet. Vier M\u00e4nner in ebenfalls roten Schutzhelmen standen auf der anderen Seite. Sie hatten auch Schl\u00fcssel in der Hand. Fast zeitgleich steckten alle f\u00fcnf ihre Schl\u00fcssel in f\u00fcnf verschiedene K\u00e4sten und drehten sie. F\u00fcnf gr\u00fcne L\u00e4mpchen leuchteten auf. Die M\u00e4nner blickten einander befriedigt an und stellten ein leuchtend rotes Schild vor die T\u00fcr, bevor sie sich entfernten.<br \/>\nDoch davon wu\u00dften die B\u00e4ren nichts.<\/p>\n<p>Nach der St\u00f6rung setzten sie ihren Erkundungsgang fort. Nichts hatte sich ge\u00e4ndert, au\u00dfer da\u00df an der Au\u00dfenwand jetzt ab und zu eine Gl\u00fchbirne hinter gr\u00fcnem Glas brannte. Gespannt steuerten sie auf die n\u00e4chste Kurve zu: Ob sich dahinter wohl etwas \u00e4ndern w\u00fcrde?<br \/>\nNeugierig pirschte Manfred vorweg. B\u00e4rdel hatte ihm versprochen, da\u00df sie etwas \u00fcber die Menschen lernen w\u00fcrden, und er wollte der erste sein, der das Neue entdeckte. Das gelang ihm eher, als ihm lieb war. Etwas hob ihn pl\u00f6tzlich von den F\u00fc\u00dfen und lie\u00df ihn mit unwiderstehlicher Gewalt auf einen gelben Kasten zusausen. Unsanft rumste er dagegen und blieb daran kleben. Obwohl er ein mutiger Jungb\u00e4r war und Selbstbeherrschung gelernt hatte, konnte er nicht verhindern, da\u00df er zuerst &#8222;Schei\u00dfe&#8220; sagte und dann &#8222;Hilfe&#8220; rief.<br \/>\nTumu wollte ihm sofort nacheilen, aber B\u00e4rdel erwischte sie noch gerade rechtzeitig am Nackenpelz.<br \/>\n&#8222;Stop!&#8220; sagte er. &#8222;Manfred h\u00e4ngt fest, aber sonst scheint ihm nichts zu fehlen. Vielleicht kriegen wir ihn zusammen los. Wenn du ihm allerdings nachl\u00e4ufst und auch von diesem merkw\u00fcrdigen Kasten angezogen wirst, wei\u00df ich nicht, ob ich euch beide werde befreien k\u00f6nnen. Also la\u00df uns erstmal nachdenken.&#8220;<br \/>\n&#8218;Nachdenken&#8216; hie\u00df prim\u00e4r, Manfred zu befragen. Er berichtete das, was sie zum gro\u00dfen Teil selbst sehen konnten: Der gelbe Kasten hielt ihn am Hinterteil fest. Arme und Beine konnte er frei bewegen, aber auch mit der gr\u00f6\u00dften Anstrengung konnte er sich nicht von der Metallkonstruktion abstemmen.<br \/>\n&#8222;Manfred&#8220;, fragte Tumu, und ihre Stimme klang, als ob sie sich an etwas erinnere, &#8222;was hast du am Hintern?&#8220;<br \/>\n&#8222;Eigentlich nichts&#8220;, bekam sie zur Antwort. Die Stimme klang kleinlaut. &#8222;Nur den Schraubenzieher, den ich vorhin gefunden habe.&#8220;<br \/>\n&#8222;Wirf ihn weg!&#8220; befahl Tumu.<br \/>\nManfred begann sich zu winden. Es ist nicht leicht, einen zwanzig Zentimeter langen Gegenstand aus der Kimme zu entfernen, wenn beide Arschbacken fest an der Wand kleben. Tumu beobachtete seine vergeblich erscheinenden Bem\u00fchungen. Sie schienen aussichtslos. Sie setzte sich in Bewegung, um ihm zu helfen.<br \/>\n&#8222;Halt!&#8220; befahl B\u00e4rdel.<br \/>\nZornig blitzte Tumu ihn an. Welch herzloser Vater! Wie konnte er die Leiden seines Sohnes verl\u00e4ngern wollen! Sie beschlo\u00df, seinen Befehl zu ignorieren.<br \/>\n&#8222;Halt!&#8220; Dieses Mal klang es so energisch, da\u00df selbst Tumu einhielt. Aber sie sp\u00fcrte, da\u00df ihre angestaute Aggression sich in einer Schimpfkanonade entladen mu\u00dfte. Sie holte tief Luft, aber B\u00e4rdel kam ihr zuvor.<br \/>\n&#8222;Zum dritten Mal: Halt! Wenn es dieser Schraubenzieher ist, der Manfred an der Wand festh\u00e4lt, dann haben wir es mit Magnetismus zu tun, und wenn du ihn anfa\u00dft, dann h\u00e4ngst du vielleicht genauso fest wie er. Er mu\u00df es allein schaffen!&#8220;<br \/>\nTumu erinnerte sich an die Menschenm\u00e4rchen von Sindbad dem Seefahrer, in denen der Magnetberg eine gro\u00dfe Rolle spielte, und verstand. Sie blieb stehen.<br \/>\nManfred, der den Dialog seiner Eltern verfolgt hatte, begriff. Er mu\u00dfte seinen K\u00f6rper so bewegen, da\u00df er den Kontakt zu dem metallenen Schraubenzieher verlor. Angesichts seiner gegenw\u00e4rtigen Position hie\u00df das: Er mu\u00dfte an dem gelben Kasten senkrecht hochrobben.<br \/>\nEr versuchte es. Es war gar nicht so schwer, wie er gedacht hatte. Immer wenn ihn die Kr\u00e4fte verlie\u00dfen, konnte er sich auf ,seinem\u2018 Schraubenzieher ausruhen, den er nach jedem Klimmzug ein St\u00fcckchen tiefer sp\u00fcrte.<br \/>\nB\u00e4rdel beobachtete sein Fortkommen genau. Als er sch\u00e4tzte, da\u00df Manfred sich beim n\u00e4chsten Aufw\u00e4rtszug von dem Schraubenzieher l\u00f6sen w\u00fcrde, kommandierte er:<br \/>\n&#8222;Zieh! Und spring!&#8220;<br \/>\nManfred tat, wie ihm gehei\u00dfen, und landete sicher auf dem Boden des Ganges. Einsam klebte der Schraubenzieher an dem gelben Kasten.<br \/>\n&#8222;Puh&#8220;, sagten alle Drei wie aus einem Mund. Die Ohrfeige, die Manfred erwartet hatte, blieb ihm erspart &#8211; seine Eltern waren viel zu erleichtert, um ihn zu bestrafen. Ein neues Abenteuer ihres vorwitzigen Sohnes wollten sie allerdings nicht riskieren. Manfred bekam die strikte Anweisung, hinter seinen Eltern zu bleiben, und da ihm der Schreck noch in den Knochen steckte, hielt er sich sogar daran.<\/p>\n<p>Vorsichtig tappte jetzt B\u00e4rdel voran. Dichtauf folgten Tumu und Manfred &#8211; allerdings nicht auf Pl\u00fcschf\u00fchlung. Zwar hatte jetzt keiner von ihnen mehr etwas Metallenes an sich, aber vielleicht gab es vor ihnen noch eine unbekannte Gefahr, die alles erfa\u00dfte, was miteinander Kontakt hatte.<br \/>\nSie befanden sich in einer starken Kr\u00fcmmung des Ganges. An der Einrichtung hatte sich nichts ver\u00e4ndert. Vor ihnen allerdings schien die Sonne aufzugehen. Ein glei\u00dfender Lichtschein drang hinter der n\u00e4chsten Biegung hervor. B\u00e4rdel lie\u00df sich davon wenig irritieren: Licht, dachte er, kann mir nichts anhaben. Ungesch\u00fctzt trat er in den vollen Strahl.<br \/>\nNein, vor ihm ging nicht die Sonne auf. Vor ihm erstrahlte ein Stern, tausendmal heller und farbenpr\u00e4chtiger als die harmlose, ferne kleine Sonne. Er leuchtete nicht nur in dem Gelbwei\u00df des heimischen Gestirns, sondern in allen Farben des Regenbogens und noch in vielen mehr, f\u00fcr die B\u00e4rdel keine Namen gewu\u00dft h\u00e4tte, selbst wenn er lange Zeit gehabt h\u00e4tte, sie zu suchen.<br \/>\nAber er hatte keine Zeit. Der Lichtstrahl war nicht nur unbeschreiblich sch\u00f6n und farbenpr\u00e4chtig, er war auch unertr\u00e4glich hei\u00df. B\u00e4rdel sp\u00fcrte, da\u00df sein Pl\u00fcsch in Flammen aufgehen w\u00fcrde, wenn er hier auch nur den Bruchteil einer Sekunde zu lange verharrte. Wohin?<br \/>\nZur\u00fcck konnte er nicht. Tumu stand ihm fast auf den Hinterpranken, und ebenso dicht hinter ihr war vermutlich Manfred. Der Gang war so eng, da\u00df alle drei h\u00e4tten zur\u00fcckgehen m\u00fcssen, um ihn aus der Gefahrenzone zu bringen. Erkl\u00e4rungen, Befehle? Dauert alles viel zu lange. Umrennen? Funktioniert nicht.<br \/>\nB\u00e4rdel spurtete los &#8211; und war verschwunden.<\/p>\n<p>Tumu erstarrte. Eben waren sie noch vorsichtig, aber gleichm\u00e4\u00dfig langsam vorw\u00e4rtsgetrottet, und pl\u00f6tzlich war B\u00e4rdel weg. Manfred, der nichts sehen konnte, stupste sie ungeduldig in den R\u00fccken.<br \/>\n&#8222;Was ist los?&#8220;<br \/>\n&#8222;Papa ist weg!&#8220;<br \/>\nManfred schossen Gedanken \u00fcber hysterische Frauen durch den Kopf, die er aber wohlweislich f\u00fcr sich behielt.<br \/>\n&#8222;Das kann doch gar nicht sein! La\u00df mich mal sehen.&#8220;<br \/>\nIn ihrer Verwirrtheit unternahm Tumu nichts dagegen, da\u00df Manfred sich an ihr vorbeidr\u00e4ngelte. Tats\u00e4chlich &#8211; kein B\u00e4rdel, nur ein sehr heller Lichtschein hinter der n\u00e4chsten Kurve. Vorsichtig lie\u00df er sich nach Art der B\u00e4renvorfahren auf alle Viere nieder, schob sich langsam vorw\u00e4rts und steckte den Kopf um die Ecke. Blitzschnell zog er ihn wieder zur\u00fcck.<br \/>\n&#8222;Was ist da?&#8220; wollte Tumu wissen.<br \/>\n&#8222;Licht. Und viel Hitze.&#8220; Manfred hielt seinen hei\u00dfen Kopf in den Tatzen. Wenn sein Vater da vorne war, war er entweder verbrannt, oder er hatte einen Ausweg gefunden. Aber es gab doch keinen Ausweg aus diesem Gang&#8230; Also mu\u00dfte B\u00e4rdel in Flammen aufgegangen sein.<br \/>\nHaltlos begann Manfred zu weinen: &#8222;Mama, Papa ist tot! Und wir sind hier gefangen!!&#8220;<br \/>\nTumu nahm ihn in den Arm. Zwar hatte auch sie Angst, aber die war nicht stark genug, zwei ihrer wesentlichen F\u00e4higkeiten zu zerst\u00f6ren: Intuition und Denkf\u00e4higkeit. Sie ahnte, was ihrem Sohn durch den Kopf scho\u00df.<br \/>\n&#8222;Der Gang mu\u00df einen Ausgang haben. Woher sollte sonst vorher der Mann gekommen sein, der mit dem Schienenfahrzeug unterwegs war? Glaubst du, der f\u00e4hrt hier immer im Kreis? Und wenn Papa verbrannt w\u00e4re, w\u00fcrden wir es riechen &#8211; verbrannter Pl\u00fcsch stinkt entsetzlich!&#8220;<br \/>\nManfred sch\u00e4mte sich &#8211; er hatte die Nerven verloren, und das vor einer Frau! Aber insgeheim war er stolz auf seine Mutter. Er wischte sich die Augen trocken und nickte.<br \/>\nTumu sah, da\u00df er wieder imstande war zu denken.<br \/>\n&#8222;Was genau hast du gesehen?&#8220; wollte sie wissen.<br \/>\n&#8222;Der Gang da vorne kr\u00fcmmt sich immer weiter nach rechts. Irgendwo da vorne ist eine Lichtquelle, die strahlt st\u00e4rker als zehntausend Sonnen. Und sie ist so hei\u00df, da\u00df&#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;Stop!&#8220; sagte Tumu. &#8222;Wenn die Lichtquelle rechts ist und Papa nicht verbrannt ist &#8211; was er nicht ist &#8211; dann mu\u00df er nach links gelaufen und ihr ausgewichen sein. Nach links oder vielleicht auch geradeaus &#8211; jedenfalls immer an der linken Wand lang. Da mu\u00df ein Ausgang sein!&#8220;<br \/>\nManfred nickte. In wortlosem Einverst\u00e4ndnis machten beide kehrt und gingen zehn Schritte zur\u00fcck. Dann drehten sie sich wieder um. Tumu fa\u00dfte Manfreds rechte Hand und stellte sich schr\u00e4g vor ihn. Gleichzeitig spurteten sie los.<br \/>\nDer Lichtstrahl machte sie blind, sobald sie in ihn eintauchten, aber Manfred hatte in dem jetzt etwas breiteren Gang zu seiner Mutter aufgeschlossen und leitete sie, indem er seine linke Pfote an der Wand entlanggleiten lie\u00df. Blitzschnell durchquerten sie so die gef\u00e4hrliche Strahlung. Da Tumu ihn mit ihrem K\u00f6rper abschirmte, bemerkte Manfred kaum etwas davon, Tumu dagegen hatte das Gef\u00fchl, halbseitig gegrillt worden zu sein.<\/p>\n<p>&#8222;Da seid ihr ja endlich!&#8220; Die Worte waren d\u00fcrr, aber aus B\u00e4rdels Ton sprach unendliche Erleichterung. Z\u00e4rtlich breitete er die Arme aus, aber Tumu wehrte ab.<br \/>\n&#8222;Sp\u00e4ter! Jetzt m\u00fcssen wir erstmal sehen, wo wir gelandet sind!&#8220;<br \/>\nDie B\u00e4ren standen in einer Art geradem Stichkanal, in dem es unnat\u00fcrlich, aber nicht unertr\u00e4glich warm war. Das t\u00f6dliche Licht hinter ihnen drang hier nicht hinein. Vor ihnen war der Gang verschlossen, aber das war nur eine Art Fliegengitter ohne Schlo\u00df, einseitig an einem Scharnier befestigt.<br \/>\n&#8222;Na, dann wollen wir uns mal britisch verhalten&#8220;, meinte B\u00e4rdel.<br \/>\n&#8222;H\u00e4?&#8220; machte Manfred.<br \/>\n&#8222;Forward ever, backward never!&#8220; schmunzelte sein Vater, ging voran und \u00f6ffnete das Gitter.<\/p>\n<p>Unbehelligt gelangten die Drei hindurch und kamen in eine gro\u00dfe, mit h\u00e4\u00dflichen Dingen vollgestellte Halle. Kisten, K\u00e4sten, Apparaturen mit Skalen, Monitore und Schreibtische waren auf viele containerartige Geh\u00e4use verteilt. Der Platz f\u00fcr all diese Ger\u00e4te schien nicht auszureichen, so da\u00df manche auf Emporen installiert waren, zu denen Treppen f\u00fchrten. Das sagte ihnen ein erster Orientierungsblick, dann aber fiel ihr Augenmerk auf das, was sie unmittelbar vor sich fanden.<br \/>\nEin Mensch sa\u00df in seinem Geh\u00e4use an seinem Schreibtisch und manipulierte die Schalter und Drehkn\u00f6pfe etlicher Ger\u00e4te.<br \/>\n&#8222;Oh!&#8220; sagte Tumu. Sie war \u00fcberrascht, so pl\u00f6tzlich vor einem Menschen zu stehen, und hatte den Laut nicht unterdr\u00fccken k\u00f6nnen.<br \/>\n&#8222;Ja, ja, da staunen Sie!&#8220; antwortete der Mensch, ohne sich umzudrehen. &#8222;Ist schon phantastisch, was wir hier machen. &#8218;Zu wissen, was die Welt im Innersten zusammenh\u00e4lt.&#8216; Bald wissen wir&#8217;s. Glauben Sie blo\u00df nicht, da\u00df meine Forschung im Infrarotbereich dabei unwichtig ist. Alles ist wichtig. Ich meine festgestellt zu haben, da\u00df Viren gerade bei diesen Wellenl\u00e4ngen&#8230;Moment mal!&#8220; Er starrte auf seine Skalen, drehte wild an seinen Kn\u00f6pfen. &#8222;Schade, doch nicht! Und ich dachte gerade&#8230;&#8220; Er seufzte. &#8222;Meistens wollen die Teilchen anders als ich. Die Theorie ist gut, aber die Praxis funktioniert nicht. Haben Sie irgendwelche Fragen?&#8220;<br \/>\nEr wandte sich seinen Besuchern zu. Sein Blick traf auf eine Gruppe von drei vor Furcht erstarrten Pl\u00fcschb\u00e4ren. Er strich sich \u00fcber die Stirn, dann blickte er auf die Uhr.<br \/>\n&#8222;Sechs,&#8220; murmelte er. &#8222;Jetzt kommen doch gar keine Besucher. Ich sollte doch mal eine Pause machen &#8211; wenn man anf\u00e4ngt, Pl\u00fcschb\u00e4ren zu sehen, ist es h\u00f6chste Zeit daf\u00fcr.&#8220;<br \/>\nSprach\u2018s, stand auf und ging.<\/p>\n<p>&#8222;Und jetzt?&#8220; fragte Manfred.<br \/>\n&#8222;Gehen wir&#8220;, antwortete B\u00e4rdel. &#8222;Ich kann mich den Worten dieses Herrn nur anschlie\u00dfen: Es ist h\u00f6chste Zeit daf\u00fcr.&#8220;<br \/>\nUnbehelligt spazierten die B\u00e4ren durch die Halle und fanden den Ausgang. Unbehelligt gingen sie weiter \u00fcber eine gro\u00dfe Freifl\u00e4che und fanden ein Tor. Als sie es passiert hatten, drehten sie sich um und lasen das Schild, das am Eingang prangte: <a href=\"http:\/\/www.desy.de\/\">Deutsches Elektronen Synchroton (DESY<\/a>).<\/p>\n<p>&#8222;Was war das denn nun?&#8220; fragte Manfred, als sie nach kurzer U-Bahnfahrt wieder im Zug nach B\u00e4renleben sa\u00dfen und darauf hofften, da\u00df niemand kam, um ihre nicht vorhandenen Fahrkarten zu kontrollieren.<br \/>\n&#8222;Hast du doch gelesen: Das war Daisy!&#8220; scherzte Tumu.<br \/>\n&#8222;Danke! Wir waren also beim G\u00e4nsebl\u00fcmchen auf der Wiese, und vermutlich hat da auch noch ein Hasi gehockt, und ein M\u00e4dchen namens Petra oder Doris hat die G\u00e4nsebl\u00fcmchen gepfl\u00fcckt. Verarschen kann ich mich selber!&#8220;<br \/>\n&#8222;Dr\u00fcck ich nicht so vulg\u00e4r aus!&#8220; r\u00fcgte B\u00e4rdel. &#8222;Wir wissen auch nicht, was das war. Aber wir haben bestimmt wieder etwas \u00fcber den Menschen gelernt. Wir wissen nur noch nicht, was. Kommst du morgen mit in die Bibliothek?&#8220;<br \/>\n&#8222;Klar!&#8220; Manfred stimmte begeistert zu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Hamburg und Doris &nbsp; &#8222;Papa, ich w\u00fcrde gerne mal nach Hamburg fahren. Kommst Du mit Mama mit?&#8220; B\u00e4rdel verschluckte sich vor \u00dcberraschung; er kaute gerade gen\u00fc\u00dflich eine Honigwabe aus. Wieso zog es seinen Sohn in eine Menschengro\u00dfstadt? 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