{"id":351,"date":"1999-03-11T13:23:41","date_gmt":"1999-03-11T11:23:41","guid":{"rendered":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/?p=351"},"modified":"2020-05-05T18:02:07","modified_gmt":"2020-05-05T16:02:07","slug":"iwf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/1999\/03\/iwf\/","title":{"rendered":"IWF"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"536\" height=\"573\" src=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/baerdel3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-677\" srcset=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/baerdel3.jpg 536w, https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/baerdel3-281x300.jpg 281w\" sizes=\"auto, (max-width: 536px) 100vw, 536px\" \/><figcaption>B\u00e4rdel<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><span class=\"firstchar\">W<\/span>ohlig drehte B\u00e4rdel sich von der rechten auf die linke Seite. Er hatte ein paar Stunden im Schatten eines Apfelbaumes geschlafen und beschlo\u00df nun, allm\u00e4hlich aufzuwachen. Sehr allm\u00e4hlich. Sein Magen sagte ihm, da\u00df es sp\u00e4ter Nachmittag war. H\u00f6chste Zeit also, sich an ein ausgiebiges Abendmahl zu machen. Mit geschlossenen Augen malte er sich das Menu aus, auf das er Appetit hatte: Zuerst einen Apfel. Dann&#8230;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/fruit.jpg\" alt=\"Fruits\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kulle st\u00f6rte ihn in seinen genie\u00dferischen \u00dcberlegungen. Hoch erhobenen Hauptes stolzierte er durch die Gegend, ohne auf Weg und Steg zu achten. Er war vollauf damit besch\u00e4ftigt, mal die eine, mal die andere Pranke zu heben, an das rechte oder linke Band seiner Fliege zu greifen und sich an den Kopf zu schlagen. Bei dieser merkw\u00fcrdigen Besch\u00e4ftigung stolperte er \u00fcber B\u00e4rdel und fiel hin.<br \/>&#8222;Aua!&#8220; sagte B\u00e4rdel. Kulle war auf seine Nieren gepurzelt.<br \/>&#8222;Was soll denn das?&#8220;<br \/>B\u00e4rdel setzte sich auf, und auch Kulle kam wieder auf die F\u00fc\u00dfe.<br \/>&#8222;Entschuldige bitte. Ich war in Gedanken.&#8220; Geistesabwesend zupfte Kulle schon wieder an seiner Fliege herum.<br \/>B\u00e4rdel schmunzelte. Eigentlich war die Sache mit Kulle ganz einfach: Wenn er eine Idee hatte, war er nicht davon abzubringen, und er verriet sie auch nicht, bis er meinte, da\u00df er sie fertig entwickelt hatte. Wollte man vorher etwas aus ihm herausbringen, mu\u00dfte man ihn ablenken, zumindest f\u00fcr eine Weile.<br \/>B\u00e4rdel klaubte zwei rotbackige Fall\u00e4pfel auf, bot Kulle einen an und fragte dann:<br \/>&#8222;Lecker, nicht?&#8220;<br \/>Kulle bi\u00df in seinen Apfel, kaute und lie\u00df von seiner Fliege ab. B\u00e4rdel wu\u00dfte, da\u00df er gewonnen hatte.<br \/>&#8222;Was br\u00fctest du denn aus?&#8220; wollte er wissen.<br \/>Kulle schluckte s\u00fc\u00dfen Apfelsaft hinunter, schlug in gut gespielter Bescheidenheit die Augen nieder und sagte:<br \/>&#8222;Ich habe ein neues Gesellschaftsspiel entwickelt.&#8220;<br \/>&#8222;Oh Gott!&#8220; entfuhr es B\u00e4rdel. Er erinnerte sich gut an &#8218;<a href=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/1996\/08\/markt-und-sozialstaat\/\">Markt und Sozialstaat<\/a>&#8218;. Dieses sogenannte Spiel hatte B\u00e4renleben beinahe zerst\u00f6rt. Er konnte sich nichts Schlimmeres vorstellen als eine Neuauflage.<br \/>&#8222;Das verbiete ich!&#8220; sagte <a name=\"spru1\"><\/a>er energisch. &#8222;Vergi\u00df es. Erfinde stattdessen die ganz allgemeine Relativit\u00e4tstheorie oder sonstwas &#8211; aber ich will kein neues gef\u00e4hrliches Gesellschaftsspiel in B\u00e4renleben.&#8220;<br \/>&#8222;Es wird nicht gef\u00e4hrlich werden,&#8220; antwortete Kulle. &#8222;Jedenfalls hoffe ich das. Diesmal sind nicht wir die Spieler. Ich habe ein Brettspiel gebastelt, mit ganz normalen Holzkegeln und vielen Ereigniskarten.&#8220;<br \/>&#8222;Und worum geht es dabei?&#8220; erkundigte sich B\u00e4rdel.<br \/>&#8222;Um den IWF.&#8220;<br \/>&#8222;Was ist denn das f\u00fcr eine bescheuerte Idee?&#8220; Manchmal war auch B\u00e4rdel nicht charmant.<br \/>&#8222;Das ist gar keine bescheuerte Idee. Wer hat denn darauf bestanden, da\u00df wir die &#8218;Neue Z\u00fcrcher Zeitung&#8216; abonnieren? Du! Seit alle B\u00e4ren dieses Bl\u00e4ttchen lesen, werde ich t\u00e4glich mit Fragen bombardiert, die sich auf die Wirtschaft beziehen. Und seit der sogenannten Asienkrise habe ich \u00fcberhaupt keine Ruhe mehr. Alle wollen von mir wissen, was da passiert ist und was der Internationale W\u00e4hrungsfonds dabei f\u00fcr eine Rolle spielt.&#8220;<br \/>Auch Kulle klang jetzt recht ungehalten.<br \/>&#8222;Und warum erkl\u00e4rst du es ihnen nicht?&#8220;<br \/>&#8222;Das habe ich ja versucht. Immer und immer wieder. Aber sie kapieren es nicht. Deshalb habe ich mir gedacht, wir spielen das Ganze einfach.&#8220;<br \/>B\u00e4rdel bi\u00df ein zweites Mal in seinen Apfel.<br \/>&#8222;Gut&#8220;, sagte er nachdenklich. &#8222;Wahrscheinlich ist das eine gute Idee. Wenn ich&#8217;s mir genau \u00fcberlege, kann ich diese wirtschaftlichen Zusammenh\u00e4nge auch nicht erkl\u00e4ren. Und was man nicht erkl\u00e4ren kann, hat man nicht verstanden. Spielen wir also dein Spiel. Aber erst nach dem Abendessen. Was h\u00e4ltst du von ein paar Kartoffeln als Hauptgang und einer kleinen Honigwabe zum Schlu\u00df?&#8220;<br \/>Kulle hielt viel davon.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach Einbruch der Dunkelheit versammelte sich ganz B\u00e4renleben in der gro\u00dfen H\u00f6hle. Aber dunkel war es dort nicht &#8211; schon seit einiger Zeit hatte Manfred<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"300\" src=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/manf-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-731\" srcset=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/manf-2.jpg 400w, https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/manf-2-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption>Manfred<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">sich erlaubt, eine Fernleitung der Preu\u00dfag anzuzapfen. Die B\u00e4ren betrachteten diese &#8218;Spende&#8216;, wie sie das nannten, als gerechten Ausgleich daf\u00fcr, da\u00df die Energieerzeugungsunternehmen das Stromeinspeisungsgesetz zu torpedieren versuchten. Selbstverst\u00e4ndlich achteten sie darauf, da\u00df ihr Verbrauch nur gering war &#8211; sie benutzten ausschlie\u00dflich Energiesparlampen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kulle war ziemlich aufgeregt. Er war zwar daran gew\u00f6hnt, vor gro\u00dfem Publikum zu sprechen, aber er hatte noch keine Gelegenheit gehabt, das Spiel, das er sich ausgedacht hatte, wirklich zu erproben. Dennoch gab er sich gelassen.<br \/>&#8222;B\u00e4ren,&#8220; sagte er, &#8222;willkommen zum sch\u00f6nsten Teil des Tages. La\u00dft uns etwas spielen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"384\" height=\"256\" align=\"Left\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/kugel8.jpg\" alt=\"8 Kugel Billard\"\/> Ich habe ein Spiel gebastelt, dem Leben nachempfunden, aber ich wei\u00df nicht, ob es klappen wird. Aber auch im Leben gelingt l\u00e4ngst nicht immer alles, wie wir wissen. Habt ihr Lust?&#8220;<br \/>Ein Brummen, so tief, da\u00df es eher im Zwerchfell als in den Ohren klang, erf\u00fcllte den Raum. Oh ja sie hatten Lust.<br \/>&#8222;Gut,&#8220; sagte Kulle. &#8222;Ein kleines Problem gibt es noch. Nicht alle von euch werden bei diesem Spiel gewinnen k\u00f6nnen. Deshalb werden wir die Spieler auslosen. Seid ihr einverstanden?&#8220;<br \/>Die B\u00e4ren bekundeten Zustimmung, und Kulle holte daraufhin etliche klein gefaltete Zettelchen aus einer Nische und lie\u00df jeden B\u00e4ren einen ausw\u00e4hlen. Dabei ermahnte er sie, keinem anderen zu verraten, welche Rolle er \u00fcbernommen habe. Das werde sich erst im Spiel zeigen.<br \/>Als Kulle sah, da\u00df jeder versorgt war, zog er drei Spielbretter aus seiner Geheimnische.<br \/>&#8222;Das Spiel ist ein bi\u00dfchen kompliziert&#8220;, sagte er, w\u00e4hrend er die drei Papptafeln in drei Ecken der H\u00f6hle verteilte. Dabei justierte er jedes Spielbrett sorgf\u00e4ltig, bis es h\u00f6rbar einrastete.<br \/>&#8222;Aber f\u00fcr alle gelten die gleichen Regeln: W\u00fcrfeln und vorw\u00e4rts ziehen. Wer auf ein Ereignisfeld ger\u00e4t, mu\u00df eine Ereigniskarte nehmen und sich an deren Anweisungen halten. Jeder von euch hat auf dem Zettel, den er gezogen hat, zwei Informationen. Der erste Begriff sagt ihm, wer er ist und was er will oder tut, und der zweite, zu welcher Gruppe er geh\u00f6rt. Die Gruppenbegriffe sind &#8218;klein&#8216;, &#8218;gro\u00df&#8216; und &#8218;Multi&#8216;. Die &#8218;klein&#8216;-Gruppe geht bitte an dieses Spielfeld, die &#8218;gro\u00df&#8216;-Gruppe an das da hinten und die &#8218;Multi&#8216;-Gruppe an das dritte.&#8220;<br \/>Dabei deutete er in die entsprechenden Richtungen. Es entstand eine kurze Unruhe, danach hockten die B\u00e4ren in drei Gruppen zusammen.<br \/>&#8222;Jetzt k\u00f6nnt ihr anfangen&#8220;, sagte Kulle. &#8220; Ihr k\u00f6nnt ausw\u00fcrfeln, wer den Anfang macht, oder es bleiben lassen. Ich glaube, es spielt keine Rolle, wer beginnt.&#8220;<br \/>&#8222;Alle drei Gruppen spielen gleichzeitig?&#8220; fragte ein alter B\u00e4r, der in seinem Leben nie etwas anderes als &#8218;B\u00e4r-\u00e4rgere-dich-nicht&#8216; gespielt hatte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"954\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/Ottoalterbaer-954x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1232\" srcset=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/Ottoalterbaer-954x1024.jpg 954w, https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/Ottoalterbaer-279x300.jpg 279w, https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/Ottoalterbaer-768x825.jpg 768w, https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/Ottoalterbaer.jpg 1192w\" sizes=\"auto, (max-width: 954px) 100vw, 954px\" \/><figcaption>Ein ganz alter B\u00e4r \u2013 auch bekannt als Otto<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><br \/>&#8222;Nat\u00fcrlich. Alle drei Gruppen spielen gleichzeitig. Das ist ja das Spannende an der Sache.&#8220;<br \/>Der alte B\u00e4r war in der &#8218;Multi&#8216;-Gruppe gelandet. Ohne die anderen zu fragen, griff er sich den W\u00fcrfel und lie\u00df ihn rollen. Er zeigte eine Drei. Er zog daraufhin seine Spielfigur gehorsam auf ein Ereignisfeld und nahm die oberste Karte. Er las und grinste.<br \/>&#8222;Du mu\u00dft laut vorlesen, was auf deiner Karte steht&#8220;, sagte Kulle.<br \/>&#8222;Wir alle wollen jederzeit wissen, was der andere macht, und warum er es macht. In der Wirklichkeit ist das weniger transparent, aber wir wollen die Wirklichkeit ja transparent machen.&#8220;<br \/>&#8222;Ich bin Eigent\u00fcmer der Nippon United Bank und gew\u00e4hre der Suharto Sons Kautschukproduktion AG sechs Milliarden $ Kredit&#8220;, las der alte B\u00e4r gehorsam vor, wobei seine Lesegeschwindigkeit und sein Tonfall deutlich verrieten, da\u00df er \u00fcberhaupt nichts verstand.<br \/>Nicht nur er begriff nichts, auch alle anderen &#8211; au\u00dfer Kulle nat\u00fcrlich &#8211; waren deutlich \u00fcberfordert. Das W\u00fcrfeln dieser einen Drei, das Ziehen dieser bestimmten Karte schien Auswirkungen auf das gesamte Spiel zu haben. Ohne irgendwelches b\u00e4rische Zutun drehten sich die Spielfelder, ver\u00e4nderten zum Teil ihre Farbe, und die Karten auf den Ereignisstapeln mischten sich neu.<br \/>Ein Murmeln erhob sich.<br \/>&#8222;Was ist hier los?&#8220; fragte Tumu. Als ordentliche B\u00e4rin hielt sie nat\u00fcrlich viel von Frauenzauber, aber dieses merkw\u00fcrdige Schauspiel jagte ihr Angst ein.<br \/>&#8222;Keine Angst, Mama!&#8220; Das war Manfred.<br \/>&#8222;Ich habe nur Kulles neues Spiel ein bi\u00dfchen verbessert. Er will bestimmte Mechanismen zeigen, die multikausal sind. Also habe ich der Technik Dialektik beigebracht. Ver\u00e4nderte Parameter erzeugen ver\u00e4nderte Reaktionsmuster.&#8220;<br \/>&#8222;Gut, du hast also ein Programm geschrieben&#8220;, sagte Tumu. &#8222;Und soweit ich informiert bin, haben Menschen ein so adaptives Programm noch nicht zustande gebracht. Gl\u00fcckwunsch, mein Sohn. Aber warum sollen wir noch spielen, wenn sich alles selbst generiert?&#8220;<br \/>&#8222;Das Programm hat keinen Zufallsgenerator, Mama. Es pa\u00dft sich lediglich den neuen Gegebenheiten an. Wir B\u00e4ren bestimmen, welcher Zug als n\u00e4chster folgt. Deshalb ist es immer noch ein Spiel, auch wenn wir seine Regeln nicht festlegen k\u00f6nnen.&#8220;<br \/>&#8222;Ich hasse das&#8220;, murmelte Tumu vor sich hin. &#8222;Bildet der Kleine sich etwa ein, die Antinomie von Voluntarismus und Determinismus mit Hilfe intelligenter Software zu l\u00f6sen?&#8220; Aber sie entschlo\u00df sich, jetzt und hier auf eine grunds\u00e4tzliche Diskussion zu verzichten. &#8222;Ich hab&#8217;s verstanden!&#8220; sagte sie laut. &#8222;Das klingt spannend. Spielen wir weiter.&#8220;<br \/>&#8222;Wer spielt als N\u00e4chster?&#8220; wollte das Schwein wissen, das als erster und einziger politischer Asylant in B\u00e4renleben nat\u00fcrlich Ehrengast der Runde war.<br \/>&#8222;Wer will&#8220;, sagte Kulle. &#8222;Es k\u00f6nnen auch mehrere gleichzeitig ziehen. Ihr m\u00fc\u00dft euch nur darauf gefa\u00dft machen, da\u00df das Spiel lebendig wird: Vielleicht ist der eine oder andere Zug nicht m\u00f6glich, weil gerade jemand anders gew\u00fcrfelt hat.&#8220;<br \/>&#8222;Ich begreife das noch nicht&#8220;, beklagte sich eine junge B\u00e4rin. &#8222;La\u00dft uns bitte langsam spielen, nicht gleichzeitig, und jeder erkl\u00e4rt so viel wie m\u00f6glich von dem, was das Spiel mit ihm macht. Schlie\u00dflich hat Kulle doch gesagt, da\u00df es bei diesem Spiel darum geht, etwas zu verstehen, und nicht darum, zu gewinnen, oder?&#8220;<br \/>Brummende Zustimmung.<br \/>&#8222;Alle scheinen einverstanden zu sein&#8220;, stellte Tumu fest. &#8222;Dann mach du doch weiter!&#8220;<br \/>Dadurch ermutigt, w\u00fcrfelte die junge Frau. Sie geh\u00f6rte zur Gruppe der &#8218;Gro\u00dfen&#8216;. Ihre f\u00fcnf Augen f\u00fchrten sie auf ein Ereignisfeld.<br \/>&#8222;Die Suharto Sons AG baut eine neue Kautschukplantage und rodet daf\u00fcr 1000 Hektar Regenwald. Auf den neuen Besitz nimmt sie eine Hypothek auf und finanziert davon den Bau einer Fabrik f\u00fcr Fahrrad- und Autoreifen.&#8220;<br \/>&#8222;Gerecht soll es zugehen!&#8220; forderte ein B\u00e4r aus der Gruppe der &#8218;Kleinen&#8216;. &#8222;Jetzt sind wir dran!&#8220;<br \/>Er w\u00fcrfelte und erwischte ebenfalls ein Ereignisfeld.<br \/>&#8222;Ich bin Muhamad Argoto, Bauer auf Sumatra. Ich habe f\u00fcnf S\u00f6hne &#8211; vier zuviel. Mehr als eine Familie kann von meinem Land nicht leben. Der Familienrat hat beschlossen, da\u00df meine vier j\u00fcngeren S\u00f6hne mit ihren Frauen und Kindern nach Jakarta ziehen werden. Sie werden dort eine Arbeit finden &#8211; es gibt jetzt viele neue Fabriken. Sie werden gut leben k\u00f6nnen, anders als hier.&#8220;<br \/>Der B\u00e4r wollte seine Ereigniskarte an der daf\u00fcr vorgesehenen Stelle ablegen, zuckte aber erschreckt zur\u00fcck. Das Spiel machte sich selbst\u00e4ndig. Hunderte, vielleicht sogar tausende K\u00e4rtchen wieselten auf die Markierung zu, die seiner Karte zukam, und stapelten sich dort brav zu einem sauberen H\u00e4ufchen.<br \/>&#8222;Was ist denn jetzt los?&#8220; fragte er und zerknautschte seine eigene Karte vor Aufregung in seiner Pranke.<br \/>&#8222;Du bist eben nicht allein auf der Welt&#8220;, schmunzelte Kulle. &#8222;Gerade du nicht. Probier es doch einmal aus! Zieh ein paar Karten aus dem Stapel und lies sie uns vor!&#8220;<br \/>Das Ziehen klappte zwar nicht, weil der B\u00e4r warf den hohen Stapel ungeschickt umwarf, aber um so besser konnte er in dem Kartenhaufen w\u00fchlen.<br \/>&#8222;Ich habe sechs S\u00f6hne &#8230; meine Frau ist gestorben &#8230; man hat mir mein Land mit Gewalt genommen &#8230;&#8220;<br \/>Der B\u00e4r verstummte, aber er las noch eine Weile still weiter.<br \/>&#8222;Du hast recht&#8220;, sagte er dann. &#8222;Es ist irgendwie immer dasselbe. Alle k\u00f6nnen auf dem Land nicht mehr leben und ziehen in die Stadt.&#8220; Er sch\u00fcttelte den Kopf. &#8222;Ich wu\u00dfte nicht, da\u00df es so viele sind.&#8220;<br \/>&#8222;In der Wirklichkeit sind es viel mehr. Wir spielen hier n\u00e4mlich nur.&#8220;<br \/>Kulle hatte sich die Bemerkung nicht verkneifen k\u00f6nnen, aber er merkte &#8211; hier lief etwas schief. Eine Trag\u00f6die schon nach drei Spielz\u00fcgen, das war zu fr\u00fch. Nat\u00fcrlich sollten die B\u00e4ren etwas begreifen, aber erst am Ende, nicht schon am Anfang eines geselligen Abends.<br \/>Also griff er selber zu den W\u00fcrfeln, nat\u00fcrlich am Spielfeld der &#8218;Multis&#8216; &#8211; etwas anderes zu sein als ein Global Player war unter seiner W\u00fcrde, fand er.<br \/>Laut las er seine Ereigniskarte vor: &#8222;Ich bin ein Vertreter der Santander Investment Group. Die Suharto Daughters Ltd. erh\u00e4lt f\u00fcnf Milliarden $ Kredit f\u00fcr den Aufbau einer nationalen Autoproduktion. Es handelt sich bei dieser Summe um die erste Tranche.&#8220;<br \/>Ebensowenig wie der alte B\u00e4r vor ihm konnte Kulle seine Karte ungehindert zur\u00fccklegen. Auch ihm flogen Karten zu, allerdings deutlich weniger. Er las sie auszugsweise vor: &#8222;Kredit f\u00fcr Suharto Nephews &#8230; f\u00fcr Suharto Aunts &#8230; f\u00fcr Suharto Oncles &#8230;&#8220; Und immer handelte es sich um stolze Summen.<br \/>Jetzt wurde am Brett der &#8218;Kleinen&#8216; gespielt.<br \/>&#8222;Meine Eltern sind Bauern, ich habe noch sieben Schwestern. Ich werde in die Stadt ziehen und mir dort Arbeit suchen. Ich werde ganz bestimmt einen Job finden: Im Haushalt oder in einer Fabrik. Vielleicht werde ich mich auch selbst verkaufen, ich bin n\u00e4mlich h\u00fcbsch. Von dem Geld, das ich verdiene, werde ich so viel wie m\u00f6glich meiner Familie schicken, damit sie besser leben kann als bisher.&#8220;<br \/>Auch hier sagten die Karten, da\u00df die Spielerin mit ihrer Absicht keineswegs alleine war.<br \/>&#8222;Ich bin Zahnarzt in Dehland. Ich gebe zu, da\u00df ich nicht schlecht verdiene. Nat\u00fcrlich nur in unserem kleinen Kreise. In der \u00d6ffentlichkeit w\u00fcrde ich das selbstverst\u00e4ndlich nie sagen. Also: Ich verdiene gut, und deshalb habe ich das Problem, wie ich mein Verm\u00f6gen m\u00f6glichst gewinnbringend anlegen kann. Meine Bank hat mir zu einem gemischten s\u00fcdostasiatischen Aktienpaket geraten, mit Schwerpunkt Indonesien. Bevor ich gekauft habe, habe ich mich nat\u00fcrlich informiert &#8211; schlie\u00dflich bin ich kein Gl\u00fccksspieler! Die dortigen Unternehmen gelten international als v\u00f6llig kreditw\u00fcrdig, es gibt einen riesigen nationalen und internationalen Markt, und billige Arbeitskr\u00e4fte garantieren hohe Gewinnspannen. Da gibt es nichts zu z\u00f6gern &#8211; ich kaufe!&#8220;<br \/>Das kam von Grizzy, der am Mitteltisch gelandet war.<br \/>&#8222;Moment mal!&#8220;<br \/>Eine alte B\u00e4rin stand auf und brummte \u00e4rgerlich.<br \/>&#8222;Darfst du hier \u00fcberhaupt mitspielen? Ich meine, nat\u00fcrlich darfst du mitspielen. Aber du hast doch eine falsche Rolle! Was hat auf einmal ein Zahnarzt aus Dehland hier zu suchen?&#8220;<br \/>Grizzy hatte M\u00fche mit der Antwort, weil er zun\u00e4chst einmal vollauf damit besch\u00e4ftigt war, die Karten zu ordnen, die ihm in gro\u00dfer Zahl zuflogen. Nachdem er einen ansehnlichen Stapel aufget\u00fcrmt hatte, sagte er:<br \/>&#8222;Ich verstehe zwar auch noch nicht genau, was das soll, aber dieser Kartenhaufen scheint mir recht zu geben. Wenn so viele Menschen etwas \u00e4hnliches machen wie ich, mu\u00df ich hier am richtigen Ort sein. Pa\u00df auf, ich lese dir mal einige Karten vor.<br \/>Hier: Besitzer einer Autowerkstatt, Ohio, USA. Hat f\u00fcr seine Altersvorsorge ostasiatische Aktien gekauft. Der n\u00e4chste: Manager in Japan. Hat sein Verm\u00f6gen umorganisiert und einen Teil seiner japanischen Aktien in indonesische umgewandelt. Spanien &#8211; leitender Angestellter einer \u00d6lgesellschaft. Kauft indonesische Aktien, weil er sich lukrative Gewinne verspricht. Reicht das?&#8220;<br \/>Die Alte nickte langsam.<br \/>&#8222;Das reicht&#8220;, sagte sie. &#8222;Aber&#8230;&#8220;<br \/>Sie verstummte und dachte ziemlich lange nach, w\u00e4hrend die anderen geduldig warteten. B\u00e4ren haben Respekt vor dem Alter und lassen den Alten die Zeit, die sie brauchen.<br \/>&#8222;Aber das hei\u00dft ja, da\u00df dieses Spiel auf der ganzen Welt spielt?&#8220; fragte sie schlie\u00dflich unsicher.<br \/>Bed\u00e4chtig nickten viele B\u00e4renk\u00f6pfe und ein Schweinekopf. Ja, das hie\u00df es anscheinend.<br \/>Kulle kicherte lautlos in sich hinein und strich sich \u00fcber die Fliege. Das erste Lernziel war erreicht.<br \/>So leicht war die B\u00e4rin aber nicht zufriedenzustellen.<br \/>&#8222;Das verstehe ich nicht&#8220;, murrte sie. &#8222;Wie k\u00f6nnen sich die Menschen \u00fcberall auf der Welt so schnell miteinander verst\u00e4ndigen?&#8220;<br \/>Manfred \u00f6ffnete den Mund, aber bevor er etwas sagen konnte, kam B\u00e4rdel ihm zuvor. Er wu\u00dfte, da\u00df sein Sohn jetzt liebend gerne einen Vortrag \u00fcber moderne Kommunikationstechnik abgespult h\u00e4tte, den kaum jemand verstehen und der das Spiel st\u00f6ren w\u00fcrde.<br \/>&#8222;Es funktioniert einfach&#8220;, sagte er freundlich. &#8222;Wenn es dich interessiert, kann ich dir das bei Gelegenheit genauer erkl\u00e4ren. Aber nicht jetzt. La\u00dft uns weiterspielen!&#8220;<br \/>Um Widerworten vorzubeugen, nahm er selbst den W\u00fcrfel und lie\u00df ihn rollen. Eine Sechs. Er setzte. Zum ersten Mal geriet ein Spieler nicht auf ein Ereignisfeld. B\u00e4rdel zuckte die Schultern und gab den W\u00fcrfel weiter.<br \/>Dem n\u00e4chsten B\u00e4ren ging es genauso. Auch dem dritten. Keiner der n\u00e4chsten zwanzig Spieler kam auf ein Ereignisfeld.<br \/>Unfreundliches Brummen erhob sich hier und da:<br \/>&#8222;Das Spiel wird langweilig!&#8220;<br \/>&#8222;Wieso passiert denn nichts?&#8220;<br \/>&#8222;Ich wei\u00df gar nicht, was ihr wollt&#8220;, bemerkte Kulle betont unschuldig. &#8222;Es passiert eine Menge. Dreht euch doch mal um!&#8220;<br \/>Er zeigte zu einer H\u00f6hlenwand, und die Spieler folgten seiner Aufforderung. An der Wand hing pl\u00f6tzlich eine elektronische Anzeigetafel, auf der sich in schwindelerregender Geschwindigkeit Zahlen bewegten.<br \/>&#8222;Davon kriege ich Kopfschmerzen&#8220;, grumpfte der alte B\u00e4r, der das Spiel begonnen hatte, ungehalten. &#8222;Was ist das \u00fcberhaupt?&#8220;<br \/>&#8222;Solche Tafeln h\u00e4ngen \u00fcberall in der Welt an Pl\u00e4tzen, an denen Aktien gekauft und verkauft werden. Sie zeigen die Preise der Aktien und deren Entwicklung. Diese Preise nennen die Menschen Kurse. Sehen wir uns doch mal die Kurse von Suharto Daughters Ltd. an. Der Name der Firma steht ganz links. Daneben seht ihr den Preis, den der K\u00e4ufer f\u00fcr eine Aktie bezahlt hat. Das ist in unserem Spiel jetzt einige Z\u00fcge her. Und ganz rechts steht, was man heute f\u00fcr dieselbe Aktie bezahlen m\u00fc\u00dfte, wenn man sie kaufen wollte.&#8220;<br \/>Aufmerksam folgten die Augen der Versammelten den Anweisungen. Tumu entdeckte den Trick als erste.<br \/>&#8222;Das kann doch nicht sein! Der Kurs der Aktie dieser Firma hat sich verzehnfacht!&#8220;<br \/>&#8222;Das kann schon sein, und das passiert auch&#8220;, erkl\u00e4rte Kulle. &#8222;Wenn viele Menschen eine begrenzte Menge von Aktien kaufen wollen, steigt deren Preis. Das funktioniert nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Der Wert der Firma spielt dabei aber merkw\u00fcrdigerweise nur eine geringe Rolle. Erh\u00f6ht sich der Wert der Firma &#8211; also ihr Kapital, ihr Gewinn &#8211; entsprechend, ist alles in Ordnung. Wenn nicht, spricht man von einer spekulativen Seifenblase. Mit Devisen funktioniert das \u00fcbrigens genauso. Die Kursentwicklung der indonesischen Rupiah ist in der untersten Spalte dargestellt.&#8220;<br \/>&#8222;Moment mal!&#8220; Jetzt mischte Tumu sich ein.<br \/>&#8222;Du willst uns doch nicht erz\u00e4hlen, da\u00df die Menschen so bl\u00f6d sind, einen hohen Preis f\u00fcr etwas zu bezahlen, dessen Wert sie nicht kennen?&#8220;<br \/>&#8222;Doch, genau das versuche ich euch zu erz\u00e4hlen. Menschen wie der Zahnarzt aus Dehland, der Kfz-Meister aus Ohio oder der Manager in Japan wissen mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit nichts von Suharto Daughters Ltd. Sie hoffen nur, da\u00df sie die Aktien dieser Firma irgendwann &#8211; in zwei Monaten oder in zwanzig Jahren &#8211; mit Gewinn verkaufen k\u00f6nnen.&#8220;<br \/>&#8222;Und wie lange geht so etwas gut?&#8220; wollte das Schwein wissen.<br \/>&#8222;Sehen wir nach!&#8220; schlug Kulle vor. &#8222;Spielen wir weiter!&#8220;<br \/>Manfred brachte den W\u00fcrfel wieder zum Rollen und erwischte, wie er es sich gew\u00fcnscht hatte, ein Ereignisfeld. Weil er wu\u00dfte, wer in diesem Spiel und im Leben der Menschen wirklich die Karten mischte, hatte er sich in die Multi-Gruppe gemogelt.<br \/>&#8222;Ich bin der Vertreter eines amerikanischen Bankenkonsortiums. Der Name spielt keine Rolle &#8211; wir m\u00f6chten anonym bleiben. Aus zuverl\u00e4ssiger Quelle haben wir erfahren, da\u00df die Suharto-Firmen in Indonesien unseri\u00f6se Gesch\u00e4fte betreiben. Kurzfristig vergebene Kredite wurden langfristig angelegt, und zwar in Gesch\u00e4ftsfeldern, deren Profitabilit\u00e4t \u00e4u\u00dferst fragw\u00fcrdig ist. Wir k\u00f6nnen allen Investoren nur raten, ihre Gelder zur\u00fcckzuziehen.&#8220;<br \/>Die Reaktion des Spiels verbl\u00fcffte den alten B\u00e4ren &#8211; alias Nippon United Bank &#8211; und beinahe auch Kulle als Repr\u00e4sentanten der Santander Investment Group. Ihre Ereigniskarten, die sie beide festhielten, flutschten ihnen aus den Pfoten und flogen Manfred zu. Dazu erhielt er Grizzys Karten und noch etliche andere, die bisher ruhig in den Stapeln auf den Spielfeldern geruht hatten.<br \/>\u00c4rgerlich brummte der alte B\u00e4r: &#8222;He, was soll das? Das ist meine Karte, die will ich behalten!&#8220;<br \/>Er stand auf und n\u00e4herte sich Manfred bedrohlich.<br \/>&#8222;Gib sofort meine Karte wieder her! Die habe ich ehrlich erspielt!&#8220;<br \/>Pr\u00fcgel lag in der Luft.<br \/>Also doch, dachte B\u00e4rdel resigniert. Kulles Spiele sind einfach zu gef\u00e4hrlich.<br \/>Aber Kulle rettete die Situation.<br \/>&#8222;Du kannst deine Karte selbstverst\u00e4ndlich gerne wiederhaben&#8220;, erkl\u00e4rte er freundlich. &#8222;Aber bevor du das tust, solltest du erstmal auf die Anzeigentafel schauen!&#8220;<br \/>Der Alte verstand zwar nichts, war aber immerhin f\u00fcr den Augenblick abgelenkt. Nicht nur er gehorchte Kulles Rat, auch alle anderen richteten ihre Augen auf das Display.<br \/>Kulle half ihnen: &#8222;Die rechte Spalte!&#8220;<br \/>In der rechten Spalte war der Teufel los. Die Fl\u00fcssigkristallanzeige ver\u00e4nderte sich so schnell, da\u00df es kaum m\u00f6glich war, ihr zu folgen. Eines aber war doch zu erkennen: Die aktuellen Kurse waren in freiem Fall.<br \/>&#8222;Na und?&#8220; fragte der alte B\u00e4r. &#8222;Was hat das mit meiner Karte zu tun?&#8220;<br \/>&#8222;Deine Karte sagt, da\u00df du Geld verleihst. Dieses Display zeigt, da\u00df deine Schuldner immer weniger Geld haben. Wenn du dein Geld zur\u00fcckhaben willst, mu\u00dft du deine Karte abgeben, also deinen Kredit zur\u00fcckziehen. Deshalb ist dir die Karte weggeflogen. Das Spiel hat das f\u00fcr dich gemacht.&#8220;<br \/>Manchmal konnte Kulle sogar geduldig sein. Aber den Alten hatte er trotzdem nicht \u00fcberzeugt.<br \/>&#8222;Was schert mich Geld!&#8220; grollte er. &#8222;Menschenkram! Ich will meine Karte!&#8220;<br \/>Tumu sah, da\u00df Kulle tief Luft holte, und griff ein. Sie hockte sich neben den Alten und kraulte ihm beruhigend den Nacken.<br \/>&#8222;Du hast ja recht&#8220;, brummte sie. &#8222;Aber wir spielen hier ein Menschenspiel. Wir wollen die Menschen verstehen. Mach einfach mit!&#8220;<br \/>Der Alte beruhigte sich, und Kulle lie\u00df die Luft aus seinen Lungen. Es konnte weitergehen.<br \/>Es ging anders weiter, als die B\u00e4ren gedacht hatten. Zu ihrer \u00dcberraschung machte sich jetzt der W\u00fcrfel selbst\u00e4ndig und flog der jungen B\u00e4rin in die Hand. Gleichzeitig segelte eine Ereigniskarte auf sie zu.<br \/>Die junge Frau fischte die Karte aus der Luft und las sie vor. Die Botschaft war kurz.<br \/>&#8222;Die Suharto Sons AG meldet Konkurs an.&#8220;<br \/>W\u00fcrfel und Karten wanderten selbst\u00e4ndig weiter.<br \/>&#8222;Hier ist wieder Muhamad Argoto. Meine vier S\u00f6hne sind aus Jakarta zur\u00fcckgekommen &#8211; sie haben ihre Arbeitspl\u00e4tze verloren. Ihre Fabrik ist geschlossen. Sie haben ihre Familien mitgebracht. Ich wei\u00df nicht, wovon wir alle in Zukunft leben sollen.&#8220;<br \/>Der B\u00e4r, der durch Zufall in die Rolle eines indonesischen Kleinbauern geraten war, hielt sich sch\u00fctzend die Pranken vor die Augen. So viele Karten schossen auf ihn zu, da\u00df er sich regelrecht bedroht f\u00fchlte.<br \/>Seiner Nachbarin erging es nicht besser, W\u00fcrfel und Karte dr\u00e4ngten sich ihr auf.<br \/>&#8222;Ich bin entlassen worden. Zuerst ging alles nach Wunsch: Ich habe eine Zeitlang auf der Stra\u00dfe angeschafft, dann einen Job als Kinderm\u00e4dchen gefunden, und zuletzt habe ich in einem sweat-shop als N\u00e4herin gearbeitet. Das \u00dcbliche: zw\u00f6lf Stunden Arbeit am Tag , Akkord, und niedriger Lohn. Meiner Familie konnte ich trotzdem ein bi\u00dfchen Geld schicken. Sogar gespart habe ich f\u00fcr mich. Aber jetzt ist es aussichtslos, weiter in der Stadt zu leben: Arbeit werde ich nicht mehr finden, und die Preise f\u00fcr Lebensmittel sind stark gestiegen. Ich werde wieder nach Hause gehen, aber wie wir da \u00fcberleben sollen, wei\u00df ich einfach nicht.&#8220;<br \/>Die Karten flogen und schienen sie unter sich zu begraben.<br \/>&#8222;Das ist ja f\u00fcrchterlich!&#8220; murmelte ein spontaner B\u00e4rinnenchor. Alle Frauengesichter wandten sich Kulle zu.<br \/>&#8222;Und jetzt?&#8220; fragten sie, immer noch unisono.<br \/>&#8222;Jetzt&#8220;, erkl\u00e4rte Kulle feierlich, &#8222;kommt der Deus ex machina.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"341\" height=\"256\" src=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/schwein.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-751\" srcset=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/schwein.jpg 341w, https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/schwein-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 341px) 100vw, 341px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Energiesparlampen flackerten und erloschen danach. In der nun v\u00f6llig dunklen H\u00f6hle rumpelte es. Der Boden erzitterte ein wenig. Die B\u00e4ren atmeten hastig und schnauften unruhig. Aber sie bewahrten Disziplin. Jetzt h\u00f6rten sie das Ger\u00e4usch von Metall auf Metall, begleitet von einem leichten Quietschen. Schlie\u00dflich rastete irgend etwas ein. Etwa einen Meter \u00fcber dem Boden leuchtete ein durchsichtiger Quader auf, in dem sich aus dem Nichts ein Kopf materialisierte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-video\"><video controls src=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/Kulle.mp4\"><\/video><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die B\u00e4ren reagierten mit irritiertem Brummen und Grunzen, das Schwein mit einem erschreckten Quieken. Das zornigste Ger\u00e4usch stammte eindeutig von dem alten B\u00e4ren. Er hielt den unbekannten Kopf f\u00fcr einen Eindringling, der vertrieben werden mu\u00dfte. Zum Gl\u00fcck sa\u00df Tumu noch neben ihm, und es gelang ihr zum zweiten Mal, ihn zu beruhigen.<br \/>Als der Kopf den Mund \u00f6ffnete und zu sprechen begann, breitete sich atemlose Stille aus.<br \/>&#8222;Guten Abend, meine Damen und Herren B\u00e4ren&#8220;, sagte er. &#8222;Oh, ich sehe, ich habe jemanden vergessen. Das ist ja noch ein Schwein. Sind Sie Herr Schwein oder Frau Schwein? Ich will nicht indiskret sein, aber ich w\u00fcrde auch Sie gerne korrekt begr\u00fc\u00dfen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/schwein.jpg\" alt=\"Das Schwein\" width=\"384\" height=\"256\" align=\"No\"\/><\/center>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Ich wei\u00df gerade nicht, ob ich M\u00e4nnlein oder Weiblein bin&#8220;, nuschelte das Schwein irritiert.<br \/>&#8222;Dann also Herr Schwein&#8220;, beschlo\u00df der Kopf. &#8222;Wenn Sie eine Frau sein sollten, dann wissen Sie ja aus Erfahrung, da\u00df sich bei der m\u00e4nnlichen Anrede die Frauen immer mitgemeint f\u00fchlen d\u00fcrfen. Also guten Abend, Herr Schwein.&#8220;<br \/>Das Schwein war so perplex, da\u00df es tats\u00e4chlich &#8222;Guten Abend&#8220; sagte, anstatt dem Kopf eine ordentliche Ohrfeige zu verabreichen.<br \/>&#8222;Gestatten Sie, da\u00df ich mich vorstelle&#8220;, fuhr der Kopf fort. &#8222;Mein Name ist Camdessus. Michel Camdessus. Ich bin der Direktor des IMF. Oh Verzeihung, in Dehland sagt man wohl IWF.&#8220;<br \/>&#8222;Des was?&#8220; Das war Tumu.<br \/>Kulle \u00f6ffnete den Mund uns wollte zu einem seiner zwar am\u00fcsanten und belehrenden, aber in der Regel endlosen Vortr\u00e4ge ansetzen, jedoch zupfte Grizzy rechtzeitig an seiner Fliege. Kulle schlo\u00df die Lippen wieder und \u00e4rgerte sich \u00fcber sich selbst. Schlie\u00dflich hatte er h\u00f6chstpers\u00f6nlich daf\u00fcr gesorgt, da\u00df die Menschen in diesem Spiel sich weitgehend selbst erkl\u00e4rten, aber sein professoraler Belehrungsdrang war wieder einmal beinahe mit ihm durchgegangen.<br \/>Michel Camdessus verdrehte in gespieltem Schmerz die Augen.<br \/>&#8222;Es ist wohl das Schicksal meiner Organisation, da\u00df kaum jemand sie kennt. Dabei bewirken wir so viel Gutes. Aber h\u00e4ufig tun wir das in der Tat im Verborgenen. &#8218;IWF&#8216; hei\u00dft &#8218;Internationaler W\u00e4hrungsfonds&#8216;, und &#8218;IMF&#8216; ist lediglich die englische Variante des Begriffs: &#8218;International Monetary Fond&#8216;. . Diese Organisation gibt es seit 1945. Wir haben im Laufe der Geschichte unterschiedliche Ziele verfolgt, das mu\u00df ich, denke ich, hier nicht im einzelnen entwickeln. Heute bestehen unsere Aufgaben darin, Entwicklungsl\u00e4ndern aus wirtschaftlichen Krisen zu helfen. Also zum Beispiel aktuell Indonesien.&#8220;<br \/>Das klang gut, fanden die B\u00e4ren, und sie schlugen die Tatzen ineinander und klatschten Beifall. Auch das Schwein schlo\u00df sich an. Am begeistertsten applaudierte die B\u00e4rin, die im Spiel als junge Frau in die Stadt gezogen war und jetzt zu ihrer armen Familie auf dem Land zur\u00fcckkehren mu\u00dfte. Sie hatte sich mit ihrer Rolle identifiziert.<br \/>Sie wagte es, den Kopf im leuchtenden Quader anzusprechen.<br \/>&#8222;Ich danke Ihnen, Monsieur Camdessus. Wissen Sie, wer ich bin, oder soll ich das kurz erkl\u00e4ren?&#8220;<br \/>Der Kopf bewegte sich von links nach rechts und wieder zur\u00fcck.<br \/>&#8222;Das ist nicht n\u00f6tig. Ich wei\u00df, wer Sie sind.&#8220;<br \/>&#8222;Wie werden Sie mir helfen, Monsieur Camdessus?&#8220;<br \/>&#8222;Junge Frau, das ist nicht so einfach zu erkl\u00e4ren. Es handelt sich hier um h\u00f6chst komplizierte multilaterale finanzielle Zusammenh\u00e4nge. Vermutlich werden Sie von den Kausalit\u00e4ten \u00fcberfordert sein. K\u00f6nnen Sie lesen und schreiben?&#8220;<br \/>Kaum sp\u00fcrbar hatte sich ein Unterton in die Rede des Kopfes eingeschlichen, der Verachtung zeigte. Die sensiblen B\u00e4ren merkten das und reagierten mit leichter Unruhe.<br \/>Auch der B\u00e4rin war die atmosph\u00e4rische Ver\u00e4nderung nicht entgangen. Sie beschlo\u00df aber, ohne Aggressionen weiterzuspielen. Selbstverst\u00e4ndlich konnte sie lesen und schreiben, in ihrer Freizeit besch\u00e4ftigte sie sich mit Kant und Hegel, was sie sehr spannend fand, aber getreu ihrer Rolle sagte sie: &#8222;Nein.&#8220;<br \/>&#8222;Sehen Sie&#8220;, antwortete der Kopf befriedigt, als sei Analphabetismus sein pers\u00f6nlicher Erfolg. Er schaute in die Runde und registrierte, da\u00df alle Augenpaare ihn aufmerksam anschauten. Man schien etwas von ihm zu erwarten.<br \/>&#8222;Nun gut&#8220;, seufzte der Kopf. &#8222;Ich werde es versuchen.&#8220; Ihr Land Indonesien ist in eine schwere Wirtschaftskrise geraten. Ihre florierende Wirtschaft hat sich nicht haupts\u00e4chlich auf Eigenmittel, sondern auf internationale Kredite gest\u00fctzt. Allerdings haben Ihre Wirtschaftsunternehmen die Kredite h\u00e4ufig nicht so verwendet, wie es mit den Gl\u00e4ubigern abgesprochen war. Als das bekannt wurde, haben die Gl\u00e4ubiger ihre Kredite zur\u00fcckgezogen. Den Unternehmen Indonesiens fehlt dementsprechend jetzt Kapital, es gibt Unternehmensschlie\u00dfungen zuhauf, und Arbeiter werden arbeitslos. Damit verbunden ist ein Verfall der nationalen W\u00e4hrung. Soweit klar?&#8220;<br \/>Die B\u00e4ren nickten ungeduldig. Das wu\u00dften sie schlie\u00dflich alles schon. Nur der alte B\u00e4r schaute den Kopf staunend an: Ihm war jetzt erst alles verst\u00e4ndlich geworden.<br \/>&#8222;Alles klar&#8220;, sagte die B\u00e4rin, der ihre Rolle als Dialogpartnerin allm\u00e4hlich Spa\u00df zu machen schien. &#8222;Aber Sie haben meine Frage nicht beantwortet, Monsieur Camdessus: Wie werden Sie mir helfen?&#8220;<br \/>&#8222;Der IWF hat die Lage Indonesiens gepr\u00fcft und beschlossen, Ihrem Land Kredite zu gew\u00e4hren. Sie werden bald wieder Geld haben, denn Sie bekommen &#8211; auf etliche Tranchen verteilt &#8211; an die 60 Milliarden Dollar.&#8220;<br \/>Die B\u00e4rin staunte. &#8222;Moment mal &#8211; Indonesien hat ungef\u00e4hr 200 Millionen Einwohner, das habe ich im Lexikon gelesen.&#8220;<br \/>Als der Kopf zweifelnd die Augenbrauen runzelte, verbesserte sie sich rasch: &#8222;Nur ein kleiner Scherz. Ein kluger B\u00e4r hat mir das erz\u00e4hlt. Der hat mir \u00fcbrigens auch ein bi\u00dfchen Rechnen beigebracht. Wenn 200 Millionen Indonesier 60 Milliarden Dollar bekommen, dann kriege ich also ungef\u00e4hr 300 Dollar. Und jedes meiner Familienmitglieder auch. Ich habe eine gro\u00dfe Familie, wissen Sie! Das ist wirklich mehr als Hilfe!&#8220;<br \/>Der Kopf sch\u00fcttelte sich irritiert.<br \/>&#8222;Wieso Sie und Ihre Familie?&#8220; fragte er. &#8222;Das ist ein Mi\u00dfverst\u00e4ndnis. Nat\u00fcrlich werden die Kredite nicht fl\u00e4chendeckend verteilt, sondern gezielt eingesetzt und auch nur unter bestimmten Auflagen vergeben. Erstens verlangen wir eine Abwertung Ihrer Rupiah, um die Inflation einzud\u00e4mmen. Im Moment liegt die Inflationsrate in Ihrem Land bei \u00fcber 40 %. Au\u00dferdem ist Ihr Land hoch verschuldet. Damit das Loch im Staatshaushalt gestopft werden kann, fordern wir eine Senkung der Staatsquote. Erst wenn das gew\u00e4hrleistet ist, werden die Gelder flie\u00dfen, gezielt eingesetzt und nicht nach dem Gie\u00dfkannenprinzip. Die Leistung Ihres Bruttoinlandsprodukts ist in den letzten drei Monaten um \u00fcber acht Prozent gesunken. Notwendig ist also eine gezielte Wirtschaftsf\u00f6rderung.&#8220;<br \/>Jetzt war die B\u00e4rin tats\u00e4chlich ein wenig \u00fcberfordert. Sie wu\u00dfte viel \u00fcber das Ding an sich, den kategorischen Imperativ und den Weltgeist, aber \u00d6konomie war nicht gerade ihr Spezialgebiet.<br \/>&#8222;Schade&#8220;, sagte sie deshalb nur und blickte verstohlen hilfesuchend in die Runde, in der Hoffnung, da\u00df der Kopf das nicht bemerken w\u00fcrde.<br \/>Grizzy sprang ein.<br \/>&#8222;Das ist ja wirklich ziemlich kompliziert&#8220;, erkl\u00e4rte er und l\u00e4chelte freundlich. &#8222;Deshalb m\u00f6chte ich Ihnen gerne ein paar Fragen stellen, wenn Sie gestatten.&#8220;<br \/>Der Kopf nickte gro\u00dfz\u00fcgig.<br \/>&#8222;Wenn wir unsere W\u00e4hrung abwerten, dann bedeutet das, da\u00df alle Waren, die wir aus dem Ausland beziehen m\u00fcssen, teurer werden, nicht wahr?&#8220;<br \/>Nicken.<br \/>&#8222;Also werden sich die Menschen noch weniger kaufen k\u00f6nnen als bisher, und die Armen werden \u00fcberhaupt nicht mehr zurechtkommen!&#8220;<br \/>Der Kopf wiegte sich zweifelnd und versuchte ein leichtes Sch\u00fctteln.<br \/>&#8222;Sie fordern eine Senkung der Staatsquote. Das bedeutet, da\u00df der Staat weniger Geld ausgeben soll. Wof\u00fcr gibt ein Staat Geld aus? Neben so sinnlosen Sachen wie der R\u00fcstung &#8230;&#8220; &#8211; bei diesen Worten sch\u00fcttelte der Kopf sich wahrhaft angeekelt &#8211; &#8222;&#8230;haupts\u00e4chlich f\u00fcr seine B\u00fcrger: Bildung, Gesundheit, soziale Sicherung, Stra\u00dfenbau und so weiter. Mit anderen Worten: Eine Senkung der Staatsquote bedeutet eine drastische Verschlechterung der Lebensverh\u00e4ltnisse vor allem der \u00e4rmeren Bev\u00f6lkerung!&#8220;<br \/>Allm\u00e4hlich begriffen die B\u00e4ren und r\u00fcckten dem Kopf n\u00e4her. Der aber l\u00e4chelte \u00fcberlegen.<br \/>&#8222;Herr B\u00e4r&#8230;&#8220;<br \/>&#8222;Grizzy&#8220;, sagte Grizzy.<br \/>&#8222;Herr Grizzy, verzeihen Sie, aber das ist doch alles Propaganda, was Sie da von sich geben. Sehen Sie, der Mensch ist frei. Ich bin der letzte, der sich gegen Chancengerechtigkeit ausspricht. Staatliche \u00dcbervorsorge aber zerst\u00f6rt dieses Prinzip. Wo ist noch Chancengerechtigkeit, wenn ein arbeitsscheuer Zeitgenosse geruhsam auf Kosten eines flei\u00dfigen Steuerzahlers leben darf? Ist es gerecht, wenn Besserverdienende indirekt Zahlungen f\u00fcr ein staatliches Schulsystem leisten, in dem nicht leistungsbereite, aggressive Kinder von asozialen Eltern entweder durch Absentismus gl\u00e4nzen oder ihre Lehrer t\u00e4tlich angreifen? Jeder ist seines Gl\u00fcckes Schmied &#8211; und wer will, kann sich privat gegen pers\u00f6nliche Lebensrisiken absichern.&#8220;<br \/>Die B\u00e4ren r\u00fcckten ein weiteres St\u00fcck n\u00e4her. Grizzy aber nickte nur leichthin.<br \/>&#8222;Dann habe ich noch eine letzte Frage. Sie sprachen von gezielter Wirtschaftsf\u00f6rderung. Wie sieht das konkret aus?&#8220;<br \/>Der Kopf l\u00e4chelte selbstgef\u00e4llig. &#8222;Wir haben da bew\u00e4hrte Rezepte. Nat\u00fcrlich m\u00fcssen wir mit den Wirtschaftsunternehmen arbeiten, die existieren. Wir beraten sie und wirken darauf hin, da\u00df sie ihr Management effektiver gestalten. Das hei\u00dft also Rationalisierung, Qutsourcing, lean Production &#8211; falls Ihnen das etwas sagt.&#8220;<br \/>Einige B\u00e4ren guckten irritiert, aber Grizzy sagte das sehr viel.<br \/>&#8222;Mit anderen Worten: Sie wollen mit mehr Maschinen schneller produzieren, also Personal entlassen, und unprofitable Betriebsteile machen Sie zu sogenannten Tochterfirmen, in denen die Besch\u00e4ftigten unter deutlich schlechteren Bedingungen und dazu mit niedrigeren L\u00f6hnen arbeiten als in der Stammfirma.&#8220;<br \/>Der Kopf wand sich.<br \/>&#8222;So k\u00f6nnen Sie das nicht sagen&#8230;&#8220;<br \/>&#8222;Ich kann schon, das haben Sie ja gerade geh\u00f6rt&#8220;, fuhr Grizzy ihm in die Parade. &#8222;Und ich habe recht.&#8220;<br \/>Der B\u00e4renkreis war jetzt ganz eng und sehr unruhig. Als erstes verlor das Schwein seine Beherrschung.<br \/>&#8222;Du Schwein!&#8220; quiekte es. Es hatte sich wirklich v\u00f6llig vergessen. Dennoch gelang es ihm, sich elegant auf einen Hinterhuf zu stellen und den leuchtenden Quader mit dem Kopf zu attackieren. Es fand aber keinen Widerstand. Die umsitzenden B\u00e4ren sahen einen Schweinekopf, auf dem sich Teile des Gesichts von Michel Camdessus abzeichneten. Verwirrt hielt das Schwein inne.<br \/>Manfred l\u00f6ste das R\u00e4tsel.<br \/>&#8222;Das ist nur ein Hologramm&#8220;, erkl\u00e4rte er. &#8222;Eine dreidimensionale Projektion. Die kann man nicht verletzen. Aber alles, was das Ding eben gesagt hat, ist echt. Ich habe alle Aussagen von Camdessus, die ich kriegen konnte, gesammelt. Und dann brauchte ich nur noch ein kleines Programm, das die Aussagen, die auf eure Fragen pa\u00dften, ausgew\u00e4hlt hat. Ich schalte den Kerl jetzt besser aus.&#8220;<br \/>Der Quader erlosch, die Lampen gingen an. Die B\u00e4ren blinzelten und schauten einander an.<br \/>&#8222;Und jetzt?&#8220; fragte die B\u00e4rin, die immer noch nicht von ihrer Rolle losgekommen zu sein schien.<br \/>&#8222;Jetzt ist es sp\u00e4t, und wir gehen ins Bett&#8220;, entschied B\u00e4rdel. &#8222;Vorher aber sollten wir uns noch bei Kulle und Manfred bedanken. Ich denke, da\u00df wir mit ihrer Hilfe viel \u00fcber die Wirtschaft der Menschen gelernt haben.&#8220;<br \/>Die B\u00e4ren bekundeten Zustimmung. Der Alte erhob sich als erster.<br \/>&#8222;Das war ein sch\u00f6nes Spiel!&#8220; grunzte er und rammte Kulle seine Pranke auf die Schulter. Der kleine B\u00e4r knickte beinahe zusammen, fand aber auch, da\u00df das das sch\u00f6nste Lob war, da\u00df er einheimsen konnte.<br \/>&#8222;Gute Nacht!&#8220; g\u00e4hnte das Schwein. &#8222;Und wenn ihr mich fragt: Die spinnen, die Menschen!&#8220;<br \/>Niemand erhob Widerspruch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wohlig drehte B\u00e4rdel sich von der rechten auf die linke Seite. Er hatte ein paar Stunden im Schatten eines Apfelbaumes geschlafen und beschlo\u00df nun, allm\u00e4hlich aufzuwachen. Sehr allm\u00e4hlich. Sein Magen sagte ihm, da\u00df es sp\u00e4ter Nachmittag war. H\u00f6chste Zeit also, sich an ein ausgiebiges Abendmahl zu machen. 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