{"id":356,"date":"1998-05-16T13:44:27","date_gmt":"1998-05-16T11:44:27","guid":{"rendered":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/?p=356"},"modified":"2017-03-11T13:53:32","modified_gmt":"2017-03-11T11:53:32","slug":"geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/1998\/05\/geschichte\/","title":{"rendered":"Geschichte"},"content":{"rendered":"<p><center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/schichte.jpg\" width=\"376\" height=\"510\" \/><\/center>Wenn die Erdbeeren im Fr\u00fchsommer satt und rot auf der fetten Erde liegen, wenn die Himbeeren rosarot an den Trieben h\u00e4ngen, wenn die Kirschen den Attacken der Stare nicht standhalten k\u00f6nnen und zu Boden fallen, dann sind die B\u00e4ren im Schlaraffenland. Schon kurz nach Mittag liegen sie anscheinend faul im weichen Gras herum, aber sie sind durchaus t\u00e4tig. Sie denken n\u00e4mlich. Zumindest die jungen unter ihnen tun das, diejenigen, die noch etwas lernen m\u00fcssen. Das Erstaunliche daran ist: Sie machen das freiwillig. Die Alten helfen ihnen dabei, manchmal allerdings widerstrebend. Die meisten von ihnen sind der Meinung, ein B\u00e4r sei intelligent genug, die Welt ohne fremde Hilfe zu begreifen.<br \/>\nB\u00e4rdel lag auf dem Bauch und tr\u00e4umte von Tumu. Das wu\u00dfte nur er. Er schnarchte leise. Das wu\u00dfte er nicht, aber Manfred lauschte dem regelm\u00e4\u00dfigen Schnarchen. Er war geduldig, mehr als eine halbe Stunde lang. Dann hatte er genug. Schlie\u00dflich war jetzt die Stunde des Denkens, da konnte sein Vater doch nicht einfach pennen!<br \/>\n&#8222;Papa!&#8220;<br \/>\nB\u00e4rdels Brummen klang wie ein sehr uncharmantes Grunzen, aber Manfred lie\u00df sich nicht irritieren. Ganz im Gegenteil.<br \/>\n&#8222;Papa!&#8220;<br \/>\nDas klang schon wesentlich energischer, aber Manfred hatte kein schlechtes Gewissen. Ein junger B\u00e4r kannte sein Recht auf Bildung und nahm es wahr. Der Erfolg gab ihm Recht: B\u00e4rdel wurde allm\u00e4hlich wach.<br \/>\n&#8222;Hmmm,&#8220; machte er. Zwar klang das noch \u00e4u\u00dferst unverbindlich, dennoch glaubte Manfred gewonnen zu haben. Also setzte er zum dritten Mal an.<br \/>\n&#8222;Papa, woher kommen wir eigentlich?&#8220;<br \/>\n&#8222;Was f\u00fcr eine bescheuerte Frage!&#8220;<br \/>\nB\u00e4rdel schickte sich an, sich tiefer in die gem\u00fctliche Grasmulde zu kuscheln, die er sich f\u00fcr sein Nickerchen zurechtgew\u00fchlt hatte. Dennoch f\u00fchlte er sich bem\u00fc\u00dfigt, seinem Sohn ein Minimum an Antwort zuteil werden zu lassen.<br \/>\n&#8222;Vielleicht aus den Karpaten oder den Alpen. M\u00f6glicherweise auch aus den Pyren\u00e4en. H\u00f6chstwahrscheinlich nicht aus Skandinavien. Ich friere n\u00e4mlich ziemlich leicht.&#8220;<br \/>\n\u00dcberlegen sch\u00fcttelte Manfred den Kopf, was B\u00e4rdel zum Gl\u00fcck nicht sah, weil er sein Gesicht wieder im Gras begraben hatte. Die Wanderungsbewegungen des europ\u00e4ischen Braunb\u00e4ren in den letzten Jahrhunderten konnte man in jedem Biologiebuch nachlesen. Diese Werke waren ziemlich korrekt, soweit er das beurteilen konnte. Allerdings wu\u00dften sie nicht, da\u00df die bedrohte Spezies, von der einige Exemplare soeben in den Pyren\u00e4en versuchsweise ausgewildert wurden, mitten in Dehland ein verstecktes Refugium gefunden hatte.<br \/>\n&#8222;Ich meine die Frage nicht geographisch. Ich meine sie geschichtlich.&#8220;<br \/>\nDas wirkte offensichtlich, denn B\u00e4rdel setzte sich ruckartig auf.<br \/>\n&#8222;Wie meinst du die Frage?&#8220; wollte er wissen.<br \/>\n&#8222;Geschichtlich. Ich will wissen, was f\u00fcr eine Geschichte wir B\u00e4ren haben. Davon ist in den Menschenb\u00fcchern nichts zu lesen.&#8220;<br \/>\nJetzt sa\u00df B\u00e4rdel so kerzengerade, wie ein denkender B\u00e4r nur sitzen kann. Lange Zeit schwieg er, und Manfred wartete geduldig. Endlich sagte er:<br \/>\n&#8222;Ich glaube, wir haben keine Geschichte.&#8220;<br \/>\nManfred erschrak: &#8222;Das ist ja furchtbar!&#8220;<br \/>\nEr war so aufgebracht, da\u00df er aufstand und wahllos ein paar Brombeerbl\u00fcten von ihren Zweigen ri\u00df, ohne daran zu denken, da\u00df ihm die Fr\u00fcchte in ein paar Wochen fehlen w\u00fcrden.<br \/>\nB\u00e4rdel dagegen blieb ganz ruhig.<br \/>\n&#8222;Warum ist das furchtbar?&#8220;<br \/>\n&#8222;Weil ich in allen Geschichtsb\u00fcchern der Menschen gelesen habe, da\u00df man aus der Geschichte lernen soll. Aber wenn du Recht hast und wir keine Geschichte haben, dann k\u00f6nnen wir ja nichts lernen!&#8220;<br \/>\nWie h\u00e4ufig bei schwierigen Diskussionen w\u00fcnschte B\u00e4rdel sich Kulle herbei, aber der war nun mal nicht da, und er sagte sich: Selbst ist der B\u00e4r!<br \/>\nEr griff sich zwei Fallkirschen, die die Stare nur leicht maltr\u00e4tiert hatten, bot Manfred eine an und fragte scheinbar leichthin: &#8222;Was ist eigentlich Geschichte?&#8220;<br \/>\nSo einfach lie\u00df Manfred sich nicht einsch\u00fcchtern.<br \/>\n&#8222;Geschichte&#8220;, sagte er so selbstverst\u00e4ndlich, als h\u00e4tte er die Definition selbst gefunden, &#8222;Geschichte ist das, was in Raum und Zeit geschehen ist, beziehungsweise die Erinnerung daran in m\u00fcndlicher oder schriftlicher Form. Geschichte bezieht sich auf Gesellschaften, benennt ihre wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und geistigen Ver\u00e4nderungen.&#8220;<br \/>\n&#8222;Eine hervorragende Definition!&#8220;<br \/>\nB\u00e4rdel war mit seinem Sohn zufrieden und bot ihm eine weitere Kirsche an.<br \/>\n&#8222;Aber du hast mir Recht gegeben. Die B\u00e4rengesellschaft hat keine Ver\u00e4nderungen erlebt, soweit wir uns erinnern k\u00f6nnen. Unsere Vorfahren in den Karpaten oder den Pyren\u00e4en hatten ihre Sippe genau wie wir, ern\u00e4hrten sich \u00e4hnlich, trafen sich abends, um zu spielen oder sich M\u00e4rchen zu erz\u00e4hlen, in der H\u00f6hle, und hielten Winterschlaf. Insofern haben wir aus der Geschichte gelernt, ohne eine Geschichte zu haben &#8211; wir machen alles genau wie unsere Vorfahren.&#8220;<br \/>\nUnzufrieden sch\u00fcttelte Manfred den Kopf.<br \/>\n&#8222;Aber was meinen dann die Menschen damit, wenn sie dauernd fordern, aus der Geschichte zu lernen?&#8220;<br \/>\nWeitere Kirschen waren nicht in Sicht, also beschlo\u00df B\u00e4rdel, da\u00df sein Sohn die n\u00e4chste Lektion ohne Vers\u00fc\u00dfung schlucken mu\u00dfte. Es tat ihm leid, denn das, was er zu sagen hatte, war besonders bitter.<br \/>\n&#8222;Worin besteht die Geschichte der Menschen?&#8220; Er lie\u00df Manfred keine Zeit zur Antwort, sondern sprach sofort weiter. &#8222;Aus gewonnener oder verlorener Macht, nichts weiter. Wenn Menschen also aus der Geschichte lernen wollen&#8220; &#8211; er betonte jetzt jedes Wort &#8211; &#8222;dann wollen sie nichts anderes, als sich mit Hilfe historischer positiver oder negativer Vorbilder gute Vorbedingungen f\u00fcr ihre eigene Machtstellung schaffen.&#8220;<br \/>\nDar\u00fcber mu\u00dfte Manfred eine Weile nachdenken. Er kannte sich relativ gut in der Menschengeschichte aus. C\u00e4sar st\u00fcrzt die r\u00f6mische res publica, Chlodwig schwingt sich zum fr\u00e4nkischen K\u00f6nig auf, Henri IV. findet, da\u00df Paris eine Messe wert ist, Ludwig XVI. wird gek\u00f6pft, das Direktorium k\u00f6pft Robespierre, Napoleon Bonaparte entmachtet das Direktorium &#8230; und so weiter, und so fort. Sein Vater schien Recht zu haben, aber er wehrte sich.<br \/>\n&#8222;Politisch &#8211; na gut. Aber was ist mit der Entwicklung der Schrift, der Literatur, der Malerei?<br \/>\nJetzt w\u00fcnschte sich B\u00e4rdel brennend weitere Kirschen herbei, um Manfred das Folgende wenigstens etwas zu vers\u00fc\u00dfen. Aber es gab nun mal keine.<br \/>\n&#8222;Die Schrift war nach der Religion das zweite effektive Herrschaftsinstrument der Menschen &#8211; genutzt f\u00fcr Verwaltung und Kontrolle. Literatur &#8211; na ja. Entweder haben die gerade Herrschenden sie in ihren Dienst gestellt, oder die Schriftsteller wurden toleriert, eben weil sie Schriftsteller waren. Wer schreibt, wirft keine Bomben. Aufs\u00e4ssige Dichter haben au\u00dferdem aus Sicht der Herrschenden angenehme Eigenschaften: Sie sterben fr\u00fch, begehen Selbstmord oder werden, wenn das nicht klappt, verr\u00fcckt &#8211; denk an B\u00fcchner, Kleist oder H\u00f6lderlin. Was wolltest du noch? Malerei? Die Kunst geht nach Brot &#8211; Malerei in der Menschheitsgeschichte ist \u00fcberwiegend schmeichelnde Hofmalerei. Und wenn das jemand nicht mitgemacht hat, wie zum Beispiel Vincent van Gogh, dann konnte er sich halt ein Ohr abschneiden, ohne da\u00df ein Hahn danach gekr\u00e4ht hat.&#8220;<br \/>\nDas reichte erstmal, fand B\u00e4rdel.<br \/>\n&#8222;Gut&#8220;, sagte Manfred. &#8222;Oder auch nicht gut. Die Menschen lernen nichts aus ihrer Geschichte, weil sie nur Schlechtes lernen, wenn \u00fcberhaupt etwas, und wir B\u00e4ren k\u00f6nnen nichts aus unserer Geschichte lernen, weil wir im Sinn der Geschichtsdefinition keine haben. Folgerichtig ist meine Ausgangsfrage unsinnig. Richtig?&#8220;<br \/>\n&#8222;Richtig!&#8220; best\u00e4tigte B\u00e4rdel. Er hoffte, jetzt weiterd\u00f6sen zu k\u00f6nnen, aber da er seinen Sohn kannte, fragte er vorsichtshalber noch einmal nach.<br \/>\n&#8222;Hast du sonst noch Fragen?&#8220;<br \/>\nManfred nickte.<br \/>\n&#8222;Ja, Papa. Wohin gehen wir?&#8220;<br \/>\nIrritiert sch\u00fcttelte B\u00e4rdel den Kopf.<br \/>\n&#8222;Was soll das denn nun?&#8220;<br \/>\n&#8222;Papa&#8220;, erkl\u00e4rte Manfred geduldig, &#8222;seit ich denken kann, sind wir in B\u00e4renleben nicht allein. Wir haben mit den Menschen zu tun. Wir lernen von ihnen, wir tricksen sie aus. Wir benutzen ihr Wissen, ihre B\u00fccher. All das tun wir, um weiter in B\u00e4renleben existieren zu k\u00f6nnen. In gewisser Weise k\u00e4mpfen wir also auch um die Macht. Wir sind in die Geschichte eingetreten. Ist es nicht so?&#8220;<br \/>\n&#8222;Oh Gott&#8220;, sagte B\u00e4rdel, aber er verbesserte sich sofort: &#8222;Oh Tussi!&#8220;<br \/>\nDann vergrub er sich in sein Grasbett. Ein mitleidiger Star, der keine Ahnung von Geschichte hatte, lie\u00df eine Kirsche neben\u00a0 seinem Kopf niederpurzeln, und B\u00e4rdel griff dankbar blind danach und a\u00df sie auf.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn die Erdbeeren im Fr\u00fchsommer satt und rot auf der fetten Erde liegen, wenn die Himbeeren rosarot an den Trieben h\u00e4ngen, wenn die Kirschen den Attacken der Stare nicht standhalten k\u00f6nnen und zu Boden fallen, dann sind die B\u00e4ren im Schlaraffenland. 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