{"id":360,"date":"1998-12-29T13:53:48","date_gmt":"1998-12-29T11:53:48","guid":{"rendered":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/?p=360"},"modified":"2017-03-11T14:03:10","modified_gmt":"2017-03-11T12:03:10","slug":"war-sex-and-crime","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/1998\/12\/war-sex-and-crime\/","title":{"rendered":"War, Sex and Crime"},"content":{"rendered":"<p>Manfred war in seiner Technikbegeisterung nicht zu stoppen &#8211; monatelang war er in den umliegenden Menschensiedlungen nachts unterwegs, durchst\u00f6berte M\u00fcll und Sperrm\u00fcll und sammelte das, was die Menschen f\u00fcr Schrott hielten. Er lagerte das Zeug in seiner Privath\u00f6hle und verbarrikadierte sich irgendwann f\u00fcr etliche Tage darin, so da\u00df Tumu ihn nicht zu Gesicht bekam, obwohl sie ihn mit den leckersten Honigkuchen zu locken versuchte. Als Manfred schlie\u00dflich wieder auftauchte, war er immer noch nicht ansprechbar. Stattdessen turnte er durch ganz B\u00e4renleben und installierte Kabel, Lautsprecher und Monitore. Schlie\u00dflich ert\u00f6nte ein ohrenbet\u00e4ubender unartikulierter L\u00e4rm, der alle B\u00e4ren aufgeregt aus ihren H\u00f6hlen trieb. Manfred aber winkte seinen Artgenossen spielerisch und ironisch zu.<br \/>\n&#8222;Ich habe fertig!&#8220; erkl\u00e4rte er. &#8222;B\u00e4renleben hat jetzt seinen lokalen Fernsehfunk!&#8220;<br \/>\nAuf den Monitoren flimmerte elektronischer Schnee.<br \/>\nDie meisten wandten sich kopfsch\u00fcttelnd ab. Fernsehen in einem winzigen B\u00e4rendorf, lokales Fernsehen &#8211; was sollte das denn? Und dann diese Sprache &#8211; woher hatte Manfred blo\u00df diese fehlerhafte Grammatik? B\u00e4rdel sch\u00fcttelte ebenfalls den Kopf. Tumu sch\u00fcttelte den Kopf, und w\u00e4hrend sie es tat, rief sie: &#8222;Komm essen!&#8220; Aber Manfred achtete nicht auf sie, sondern bastelte weiter an seinen Installationen.<br \/>\nDer einzige, der nicht seinen Kopf sch\u00fcttelte, war Kulle. Nicht, da\u00df sein Kopf in Ruhe geblieben w\u00e4re. Aber er sch\u00fcttelte ihn nicht, er wiegte ihn leise hin und her. Er witterte eine Chance, und er wog das damit verbundene Risiko ab.<br \/>\n&#8222;Manfred&#8220;, sagte er, so sanft er konnte, und er konnte sehr sanft sprechen, &#8222;Manfred, h\u00e4ttest Du etwas dagegen, wenn ich f\u00fcr unseren neuen lokalen Fernsehfunk einen Programmbeitrag leiste? Einen ganz kurzen?&#8220;<br \/>\nManfred hatte durchaus nichts dagegen &#8211; es w\u00fcrde der erste Programmbeitrag \u00fcberhaupt sein.<br \/>\n&#8222;Du kannst Dich ruhig l\u00e4nger fassen&#8220;, sagte er. &#8222;Wir sind 24 Stunden am Tag sendebereit.&#8220;<br \/>\n&#8222;Nicht n\u00f6tig&#8220;, wehre Kulle ab. &#8222;Ich dachte nur an eine kurze Nachrichtensendung. So etwas \u00c4hnliches wie die &#8222;Tagesschau&#8220; bei den Menschen. Neuigkeiten aus aller Welt und nat\u00fcrlich haupts\u00e4chlich aus B\u00e4renleben.&#8220;<br \/>\n&#8222;Das ist eine hervorragende Idee!&#8220; Manfred strahlte begeistert. &#8222;Aber mit den Nachrichten aus B\u00e4renleben wirst Du wohl Schwierigkeiten bekommen &#8211; hier passiert doch nichts! Oder willst Du Tumus neueste Kochrezepte vorstellen?&#8220;<br \/>\nWarum eigentlich nicht?&#8220; schmunzelte Kulle. Deine Mutter kocht ganz hervorragend. Aber ich dachte an etwas anderes. La\u00df mich nur machen&#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;Klar la\u00df ich Dich machen. Brauchst Du technische Unterst\u00fctzung?&#8220;<br \/>\n&#8222;Danke, ich glaube nicht. Sag mal&#8230;&#8220; Kulle strich nicht ohne Eitelkeit \u00fcber seine Fliege. &#8222;Ist die sch\u00f6n genug f\u00fcrs Fernsehen, oder brauche ich eine neue Krawatte?&#8220;<br \/>\n&#8222;Was soll an Deiner Fliege falsch sein? Du brauchst nichts anderes. Au\u00dferdem &#8211; ohne Dein Markenzeichen w\u00fcrde Dich vermutlich niemand erkennen!&#8220;<br \/>\nDas sollte ein Scherz sein, aber Kulle fand es wert, ernsthaft \u00fcber diese Aussage nachzudenken. Sie schien ihm so wichtig zu sein, da\u00df er das Gespr\u00e4ch abrupt beendete und in Gedanken davonstapfte.<br \/>\nBevor er au\u00dfer H\u00f6rweite war, rief Manfred ihm nach: &#8222;Wann soll die Sendung denn sein?&#8220;<br \/>\n&#8222;In der D\u00e4mmerung, kurz vor der Abendversammlung&#8220;, br\u00fcllte Kulle zur\u00fcck. &#8222;Dann k\u00f6nnen hinterher alle dar\u00fcber reden!&#8220;<br \/>\nManfred leistete gute Vorarbeit. Auf seinen \u00fcberall sichtbaren Monitoren erschien am sp\u00e4ten Nachmittag eine Ank\u00fcndigung:<\/p>\n<p><em>\u00a0Erste Nachrichtensendung des B\u00e4renlebendigen Fernsehens<\/em><br \/>\n<em>heute in der D\u00e4mmerung.<\/em><br \/>\n<em>Guckt alle!<\/em><\/p>\n<p>Jeder B\u00e4r, jede B\u00e4rin bekam die Information mit, und alle waren so neugierig, da\u00df sie sich vor dem gro\u00dfen Bildschirm in der Versammlungsh\u00f6hle einfanden, als die Sonne noch recht hoch am Horizont stand. Sie machten es sich gem\u00fctlich, aber ihre Aufregung wurde durch die zahllosen Fragen deutlich, die wie ein Bienenschwarm durch die Sp\u00e4tsommernacht schwirrten: Was f\u00fcr Nachrichten? Wozu \u00fcberhaupt? Wer hatte die Sendung gemacht? Hatte Manfred Fernsehprofis angeheuert?<br \/>\nNiemand l\u00f6ste die R\u00e4tsel, bis die Abendr\u00f6te verbla\u00dft war und der Himmel sich auch im Westen allm\u00e4hlich dunkelblau f\u00e4rbte. Manfred, den viele suchten, blieb unsichtbar. Dann aber verschwand die Schrifttafel auf den Monitoren, die Bildschirme wurden f\u00fcr eine kurze Zeit grau, und danach erschien f\u00fcr ein paar Sekunden lang ein Film, der zwei spielende B\u00e4renjunge zeigte.<br \/>\n&#8222;Das sind Peter und Paul!&#8220; wurde \u00fcberall gerufen, und die B\u00e4ren hauten einander die Pranken auf die Schultern. Die beiden Br\u00fcder waren bei jedem im Dorf bekannt; sie liebten es, sich zu balgen &#8211; eigentlich war ihr Anblick also nichts Besonderes. Aber es war das erste Mal, da\u00df die B\u00e4ren von B\u00e4ren gefilmte B\u00e4ren im Fernsehen sahen. Also schauten sie mit Begeisterung zu.<br \/>\nNach dem Ende der Balgerei erschien ein Schriftzug: DER TAG. Nachdem er langsam ausgeblendet worden war, sahen die Zuschauer einen Schreibtisch mit einem Mikrofon darauf. Dahinter sa\u00df ein kleiner, gedrungener B\u00e4r, der einige Papierbl\u00e4tter in den Pfoten hielt. Er trug eine gro\u00dfe Brille mir dunklen Gl\u00e4sern, so da\u00df seine Augen nicht erkennbar waren, und eine sonnengelbe breite Krawatte mit k\u00fchn geschlungenem Knoten.<\/p>\n<p><center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/kulle3.jpg\" width=\"320\" height=\"240\" \/><\/center>Leise fl\u00fcsternd fragten sich die Zuschauer, wer das wohl sein mochte, aber sie verstummten sofort, als der B\u00e4r im Fernsehen den Kopf hob und sich r\u00e4usperte.<br \/>\n&#8222;Guten Abend, liebe B\u00e4rinnen und B\u00e4ren in B\u00e4renleben&#8220;, sagte er. &#8222;Ich begr\u00fc\u00dfe Euch zur ersten<\/p>\n<h3>DER TAG<\/h3>\n<p>&#8211; Sendung unseres Dorffernsehens. Unser Mitb\u00e4r Manfred hat viel Arbeit investiert, um uns dieses neue Kommunikationsmittel zur Verf\u00fcgung zu stellen.&#8220;<br \/>\nDie meisten B\u00e4ren brummten ihre Zustimmung, aber leise erhob sich hier und dort auch Unmut: &#8222;Manfred h\u00e4tte seine Zeit n\u00fctzlicher verbringen k\u00f6nnen.&#8220; &#8222;Wozu brauchen wir dieses Fernsehen \u00fcberhaupt?&#8220; &#8222;Was wir bis jetzt gesehen haben, kennen und wissen wir doch alles!&#8220;<br \/>\nDer unbekannte Nachrichtensprecher bemerkte von alldem nat\u00fcrlich nichts. Er fuhr unbeirrt fort:<br \/>\n&#8222;Ich komme jetzt zu den heutigen Nachrichten.&#8220;<br \/>\nEr senkte seine unsichtbaren Augen auf das erste Blatt und las:<br \/>\n&#8222;Washington. Der amerikanische Pr\u00e4sident Bill Clinton hat die Luftangriffe auf strategische Ziele im Irak als Erfolg bezeichnet. Zusammen mit der britischen Luftwaffe fliegen Einheiten der US-Airforce seit drei Tagen Angriffe mit Cruise Missiles auf zentrale Quartiere der Republikanischen Garden des Diktators Saddam Hussein und auf Industrieeinrichtungen, die zur Herstellung chemischer und biologischer Waffen dienen. Saddam sei bereits entscheidend geschw\u00e4cht worden, sagte Clinton. Anschlie\u00dfend dementierte er Pressemeldungen, die den Angriff in Zusammenhang mit dem dem Pr\u00e4sidenten drohenden Impeachment gebracht hatten. Wegen au\u00dferehelicher Beziehungen, die Clinton lange Zeit geleugnet hatte, droht ihm ein Amtsenthebungsverfahren.&#8220;<br \/>\nDer Nachrichtensprecher legte das erste Blatt beiseite.<br \/>\nDie B\u00e4ren hatten aufmerksam zugeh\u00f6rt, aber in der Pause, die jetzt entstand, wurde deutlicher Unmut laut.<br \/>\n&#8222;Das wissen wir alles schon!&#8220;<br \/>\n&#8222;Schlie\u00dflich lesen wir Zeitungen!&#8220;<br \/>\nAls der Sprecher wieder den Mund \u00f6ffnete, wurde es still.<br \/>\n&#8222;B\u00e4renleben. Der Dorfpr\u00e4sident hat die Vergeltungsma\u00dfnahmen gegen die Nachbarorte Bienenleben und Mauseleben verteidigt. Bienen und M\u00e4use h\u00e4tten zwei Grundnahrungsmittel der B\u00e4ren, n\u00e4mlich Honig und Beeren, f\u00fcr sich reklamiert und m\u00fc\u00dften deshalb in ihre Schranken verwiesen werden. Es sei folglich gerechtfertigt, M\u00e4usen den Zugang zu den Beerenstr\u00e4uchern zu verwehren, was mit Hilfe von Mausefallen geschehe, die sehr effektvoll arbeiteten. Wegen der Artunterschiede sei das Vorgehen gegen die r\u00e4uberischen Bienen zwangsl\u00e4ufig anderer Natur; ihnen werde der in den St\u00f6cken zusamengetragene Honig weggenommen und durch Zuckerwasser ersetzt. Es sei nicht klug, die Kuh, die man melken wolle, zu schlachten. Anschlie\u00dfend dementierte der Dorfpr\u00e4sident Ger\u00fcchte, denen zufolge er sexuelle Beziehungen zu seinem Sohn unterhalte. Er sei Zeit seines Lebens heterosexuell und monogam gewesen.&#8220;<br \/>\nDer Sprecher legte auch das zweite Blatt zur Seite und begann unverz\u00fcglich, die dritte Seite vorzulesen.<br \/>\n&#8222;Es folgt der Wetterbericht. Ein Hoch \u00fcber Norddehland sorgt f\u00fcr&#8230;&#8220;<br \/>\nDas Folgende ging im Tumult der Zuschauer unter. Alle redeten durcheinander.<br \/>\n&#8222;Ungeheuerlich!&#8220;<br \/>\n&#8222;Wer soll denn dieser Dorfpr\u00e4sident sein?&#8220;<br \/>\n&#8222;Was f\u00fcr ein Quatsch &#8211; ein Pr\u00e4sident in einer libert\u00e4ren Gemeinschaft!&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich kann das gar nicht glauben &#8211; Krieg gegen Mauseleben und Bienenleben&#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;Bestimmt eine Falschmeldung!&#8220;<br \/>\n&#8222;Wer ist eigentlich dieser Nachrichtensprecher?&#8220;<br \/>\n&#8222;F\u00fcrchterlich &#8211; die armen M\u00e4use und Bienen&#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;Da\u00df ein B\u00e4r inzestu\u00f6se Beziehungen abstreitet, kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen!&#8220;<br \/>\n&#8222;Woher kommt blo\u00df diese Meldung?&#8220;<br \/>\nIn der kurzen Pause, die nach der ersten Aufregung entstand, wiederholte eine alte B\u00e4rin die Frage, die sie schon einmal gestellt hatte:<br \/>\n&#8222;Wer soll denn dieser Dorfpr\u00e4sident sein?&#8220;<br \/>\nJetzt hatten alle B\u00e4ren zugeh\u00f6rt und schauten einander an. Ja, wer k\u00e4me in Frage, wenn an dieser ungeheuerlichen Meldung auch nur ein Quentchen Wahrheit w\u00e4re?<br \/>\n&#8222;Gibt es eigentlich jemanden von uns, der nicht hier ist?&#8220; fragte schlie\u00dflich ein junger B\u00e4r. Er war in Manfreds Alter und wu\u00dfte nicht so recht, warum er diese Frage gestellt hatte. Um so \u00fcberraschter war er von der Reaktion, die erfolgte.<br \/>\n&#8222;Das ist wahrhaft b\u00e4rische Intelligenz&#8220;, brummte ein Alter. &#8222;Nat\u00fcrlich ist der Schuldige nicht anwesend, wenn seine Schandtat \u00f6ffentlich bekannt wird. Falls es einen Schuldigen gibt &#8211; in dubio pro reo urso. Aber trotzdem: Wer fehlt?&#8220;<br \/>\nEs war nicht leicht, in der Dunkelheit alle Gesichter auszumachen, aber dennoch hatten sie nach kurzer Zeit die L\u00f6sung. Nur einer fehlte &#8211; B\u00e4rdel.<br \/>\n&#8222;B\u00e4rdel!!&#8220; Kaum einer konnte es sich verkneifen, den Namen vor sich hinzufl\u00fcstern. Trotz der stimmlosen Artikulation war der Unglaube h\u00f6rbar. B\u00e4rdel, ausgerechnet B\u00e4rdel sollte solche Untaten begangen haben?<br \/>\n&#8222;Alles Quatsch!&#8220; Tumu meldete sich zu Wort. &#8222;Ich wei\u00df nicht, warum B\u00e4rdel jetzt nicht hier ist, bei dieser sogenannten Premiere, die mir eher eine Schmierenkom\u00f6die zu sein scheint. Vielleicht hat er das geahnt und ist deshalb zu Hause geblieben. Mir f\u00e4llt ein guter Weg ein, um herauszubekommen, warum er nicht hier ist und was es mit den Anschuldigungen auf sich hat: Gehen wir hin und fragen ihn!&#8220;<br \/>\nDie Versammlung brummte Zustimmung. Die H\u00f6hle leerte sich, und der Bildschirm, auf dem die Nachrichtensendung inzwischen zu Ende gegangen war, blieb verwaist zur\u00fcck. Alle waren auf dem Weg zu B\u00e4rdels Privatquartier.<br \/>\nAls sie die Brombeerb\u00fcsche passierten, die mitten im Dorf wuchsen, schrie ein junger B\u00e4r pl\u00f6tzlich auf und rannte anschlie\u00dfend hinkend umher, wobei er erb\u00e4rmlich quiekte &#8211; bei B\u00e4ren der Ausdruck h\u00f6chsten Schmerzes. Seine Mutter setzte ihm mit tr\u00f6stenden Brummt\u00f6nen nach, alle anderen gerieten in h\u00f6chste Unruhe, weil sie sich auch in Gefahr w\u00e4hnten. Nur Tumu behielt die Nerven.<br \/>\n&#8222;Licht!&#8220; rief sie.<br \/>\nWie von Geisterhand erleuchtete wenige Sekunden sp\u00e4ter eine helle Gl\u00fchbirne die Szenen genau an der richtigen Stelle &#8211; Manfred hatte die Beleuchtung von B\u00e4renleben, die er ganz nebenbei installiert hatte, partiell aktiviert.<br \/>\nDer Fu\u00df des jungen B\u00e4ren, das konnten alle sehen, steckte in einer Mausefalle und wurde grausam gequetscht.<br \/>\nSofort schlug die Stimmung um.<br \/>\n&#8222;Es ist also doch wahr,&#8220; kreischte eine junge Frau hysterisch, &#8222;B\u00e4rdel f\u00fchrt Krieg gegen Mauseleben! Er hat sich zum Diktator gemacht! Richten wir ihn!&#8220;<br \/>\nOhne zu \u00fcberlegen folgten die B\u00e4ren ihr, als sie entschlossen weiter in Richtung auf B\u00e4rdels H\u00f6hle zustapfte. Nur Tumu und der junge verletzte B\u00e4r blieben zur\u00fcck. Mit gro\u00dfer Kraftanstrengung gelang es ihr, die Falle zu \u00f6ffnen und den Fu\u00df des Jungen zu befreien.<br \/>\n&#8222;So, Kleiner&#8220;, sagte sie danach und wischte ihm \u00fcber das Gesicht, um die Schmerz- und Schrecktr\u00e4nen abzutrocknen, &#8222;jetzt ist es wieder gut. Dein Fu\u00df ist heil &#8211; er ist deutlich stabiler als eine Maus. Geht\u2018s wieder?&#8220;<br \/>\nEr nickte.<br \/>\n&#8222;Gut &#8211; ich mu\u00df mich jetzt n\u00e4mlich beeilen. Die haben gerade geklungen, als wollten sie meinen Mann vierteilen. Und das h\u00e4tte ich ungern, zumal er ganz sicher unschuldig ist.&#8220;<br \/>\nSie eilte davon und geriet vor ihrer Wohnh\u00f6hle in eben die Szene, die sie bef\u00fcrchtet hatte. B\u00e4rdel stand im Eingang und erwehrte sich verbaler Angriffe, aber nach jeder seiner Antworten r\u00fcckten die B\u00e4ren drohend einen Schritt weiter vor.<br \/>\n&#8222;Warum hast Du unsere Gemeinschaft zerst\u00f6rt?&#8220; &#8211; &#8222;Was soll ich gemacht haben?&#8220;<br \/>\n&#8222;Kriegstreiber!&#8220; &#8211; &#8222;Ich f\u00fchre keinen Krieg, gegen niemanden!&#8220;<br \/>\n&#8222;Und was ist mit der Mausefalle?&#8220; &#8211; &#8222;Von welcher Mausefalle redest Du?&#8220;<br \/>\n&#8222;Hast Du mit Manfred geschlafen?&#8220; &#8211; &#8222;Soweit ich wei\u00df, ist Sex auch bei B\u00e4ren Privatsache!&#8220;<br \/>\nDie junge Frau, die sich eben schon hervorgetan hatte, erhob ihre kreischende Stimme \u00fcber die aller anderen und brachte sie zum Schweigen.<br \/>\n&#8222;Er leugnet das Richtige und dementiert das Falsche!&#8220; heulte sie. &#8222;Oder umgekehrt. Jedenfalls l\u00fcgt er. Ich finde, da\u00df er bei uns in B\u00e4renleben nichts mehr zu suchen hat!&#8220;<br \/>\nZustimmung wurde laut, aber bevor die B\u00e4ren handgreiflich werden konnten, was sie am liebsten getan h\u00e4tten, hob eine Alte die Pranke.<br \/>\n&#8222;Alles mu\u00df seine Richtigkeit haben&#8220;, sagte sie. &#8222;Lynchjustiz wird es in B\u00e4renleben nicht geben, wohl aber demokratische Rechtsprechung. Wer der Meinung ist, da\u00df B\u00e4rdel unser Dorf wegen Verletzung der politischen Regeln unserer Gemeinschaft und wegen grober Verst\u00f6\u00dfe gegen die Tierrechte verlassen mu\u00df, der hebe die Tatze!&#8220;<br \/>\nSelbst in der nur vom Licht der Sterne erhellten Nacht war deutlich sichtbar, da\u00df eine gro\u00dfe Zahl von Armen in die Luft gereckt wurde.<br \/>\n&#8222;Gut&#8220;, stellte die Sprecherin fest. &#8222;Machen wir die Gegenprobe!&#8220;<br \/>\nZwei H\u00e4nde zeigten sich. Eine geh\u00f6rte Tumu und die andere dem jungen B\u00e4ren, der in die Falle geraten war. Sein Arm schwankte, denn er atmete schwer. Er war gerade rechtzeitig zur Abstimmung atemlos vor B\u00e4rdels H\u00f6hle angekommen.<br \/>\n&#8222;Zwei Gegenstimmen also.&#8220; Die alte B\u00e4rin z\u00f6gerte nur wenige Sekunden, bevor sie fortfuhr. &#8222;Aber die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit hat sich f\u00fcr B\u00e4rdels Verbannung ausgesprochen. Er mu\u00df B\u00e4renleben verlassen!&#8220;<br \/>\n&#8222;Und seine Frau auch!&#8220; kreischte jemand, der anonym in der Menge verborgen blieb.<br \/>\n&#8222;NEIN!&#8220; sagte da eine Stimme aus dem Off. Sie klang gebieterisch, und einen Moment lang glaubten einige B\u00e4ren, sie geh\u00f6re Tussi. Aber dann besannen sie sich: Hier sprach keine Frau, sondern ein Mann.<br \/>\n&#8222;NEIN!&#8220; ert\u00f6nte die Stimme nochmals. &#8222;H\u00d6RT MIR ZU!&#8220;<br \/>\nEs wurde so still, da\u00df das Sirren der M\u00fccken in den Ohren der B\u00e4ren laut wie das Heulen von Sirenen dr\u00f6hnte.<br \/>\nDie herrische Stimme wurde zur Stimme des anonymen Nachrichtensprechers.<br \/>\n&#8222;B\u00e4renleben. Die Bewohner des idyllischen Dorfes haben heute eine schwere Niederlage erlitten. Sie haben dem Zorn gehorcht und nicht der Vernunft und dabei Prinzipien verletzt, die seit Jahr und Tag bew\u00e4hrte Regeln der Gemeinschaft dargestellt haben.&#8220;<br \/>\nIn der Dunkelheit suchten die B\u00e4ren die Augen ihrer Nachbarn. War das wahr? Zuerst konnten sie einander kaum erkennen, dann aber hoben sich die Gesichter aus der Schw\u00e4rze. Das Fernsehen war wieder zum Leben erwacht und tauchte die versammelte Gemeinde in ein graues Licht. Auf dem vor B\u00e4rdels H\u00f6hle installierten Bildschirm tauchte das Gesicht des Nachrichtensprechers auf.<br \/>\n&#8222;Ja, das ist wahr&#8220;, sagte er, als k\u00f6nnte er ihre Gedanken lesen. &#8222;Ihr habt eine Mehrheitsentscheidung gef\u00e4llt und damit das Konsensprinzip ignoriert. Ihr habt einen Mitb\u00fcrger verurteilt, ohne ihn angemessen geh\u00f6rt zu haben. Ihr habt &#8211; mit einer Ausnahme, n\u00e4mlich Tumu &#8211; einem verletzten Mitb\u00e4ren Hilfe verweigert. Ihr habt Indizien so bewertet, da\u00df sie in Eure unbewiesenen Theorien pa\u00dften &#8211; ich meine die Mausefalle. Menschenkinder haben die Falle vor ein paar Stunden in unserem Dorf aufgestellt, w\u00e4hrend wir alle Mittagsschlaf gehalten haben. Und schlie\u00dflich &#8211; und das ist das Geringste und das Schlimmste zugleich, weil es eigentlich harmlos sein k\u00f6nnte und doch der Ausl\u00f6ser f\u00fcr all Eure Fehlhandlungen war &#8211; Ihr habt Nachrichten geglaubt, die L\u00fcgen waren. Ihr habt ihnen geglaubt, weil sie von einer scheinbar h\u00f6heren Instanz kamen &#8211; dem Fernsehen. Ich fasse zusammen: Ihr habt Euch also benommen wie Menschen!&#8220;<br \/>\nDer Sprecher schwieg, und auch unter den B\u00e4ren war es still. Erst nach einer Weile wurde das Ger\u00e4usch von vorsichtig auftretenden Pfoten ahnbar, wenn man ganz genau hinh\u00f6rte &#8211; die B\u00e4ren begannen, sich wortlos davonzustehlen, weil sie sich sch\u00e4mten. Deshalb sahen l\u00e4ngst nicht mehr alle, da\u00df der B\u00e4r im Fernsehen die dunkle Brille absetzte und die Krawatte vom Hals zog. An der Stelle, an der die Krawatte gesessen hatte, kam eine bunte Fliege zum Vorschein. Aber B\u00e4rdel sah es, Tumu sah es, und Manfred sah es. Sie sahen Kulle.<br \/>\n&#8222;Du&#8230;&#8220; sagten alle drei gleichzeitig, und sechs B\u00e4renf\u00e4uste ballten sich.<br \/>\n&#8222;Schon gut&#8220;, meinte Kulle, als w\u00fcrde er mitbekommen, was au\u00dferhalb des Studios vor sich ging. &#8222;Ich habe Euch beschissen, vor allem Dich, B\u00e4rdel. Aber ich hatte die Situation immer voll im Griff, das kannst Du mir glauben. H\u00e4tte ich Dich eingeweiht, h\u00e4ttest Du Deine Rolle wohl kaum so \u00fcberzeugend gespielt wie eben. Den B\u00e4ren wollte ich zeigen, wie Fernsehen wirkt &#8211; das d\u00fcrfte mir gelungen sein. B\u00e4ren sind eben auch nur Menschen.&#8220;<br \/>\n&#8222;Falsch!&#8220; schimpfte Tumu. &#8222;Immerhin haben die B\u00e4ren die angebliche Kriegf\u00fchrung ihres angeblichen Pr\u00e4sidenten verurteilt und nicht gutgehei\u00dfen, und die angeblichen sexuellen Verfehlungen ihres angeblichen Pr\u00e4sidenten haben sie vermi\u00dft, weil sie sie begr\u00fc\u00dft h\u00e4tten &#8211; das macht doch wohl einen deutlichen Unterschied!&#8220;<br \/>\n&#8222;Mama&#8220;, sagte Manfred. Er redete mit seiner Mutter, weil er f\u00fchlte, da\u00df sein Vater momentan nicht ansprechbar war. &#8222;Mama, ich werde das Dorffernsehen wieder abbauen. Denn&#8230;&#8220;<br \/>\nIhm fiel keine griffige Begr\u00fcndung ein, aber seine Mutter wollte gar keine h\u00f6ren.<br \/>\n&#8222;Gut.&#8220; sagte sie nur.<br \/>\nKulle schien gewartet zu haben, bis der Dialog zu Ende war. Seine braunen Knopfaugen suchten die Kamera, und er blickte seine Zuschauer direkt an.<br \/>\n&#8222;B\u00e4rdel, bist Du mir noch b\u00f6se?&#8220; fragte er.<br \/>\n&#8222;Ja.&#8220;<br \/>\nMehr sagte B\u00e4rdel nicht, und Kulle schien mit dieser kurzen Antwort gerechnet zu haben.<br \/>\n&#8222;Ich wu\u00dfte es&#8220;, t\u00f6nte es aus den Lautsprechern. B\u00e4rdel sah kurz auf den Bildschirm und registrierte, da\u00df Kulle nerv\u00f6s zwinkerte und an seiner Fliege nestelte.<br \/>\n&#8222;Ich m\u00f6chte Dir noch eine Frage stellen, wenn ich darf.&#8220; Kulles Stimme klang gepre\u00dft. Nat\u00fcrlich konnte er B\u00e4rdels Reaktion nicht erkennen.<br \/>\nUnabh\u00e4ngig von einer Erlaubnis fuhr er also fort: &#8222;H\u00e4ttest Du Dich korrekt verhalten, wenn Du heute abend unter den Fernsehzuschauern in B\u00e4renleben gewesen w\u00e4rest?&#8220;<br \/>\nVor B\u00e4rdels H\u00f6hle herrschte Stille. Hand in Hand sa\u00dfen er und Tumu da. Nach einer Weile h\u00f6rte man ein hartes, kurzes Zischen.<br \/>\nMitten in das Ger\u00e4usch hinein fl\u00fcsterte B\u00e4rdel: &#8222;Ich wei\u00df es nicht.&#8220;<br \/>\nDer Bildschirm vor B\u00e4rdels H\u00f6hle und alle anderen Bildschirme in B\u00e4renleben wurden dunkel. Manfred hatte das Fernsehen abgeschaltet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manfred war in seiner Technikbegeisterung nicht zu stoppen &#8211; monatelang war er in den umliegenden Menschensiedlungen nachts unterwegs, durchst\u00f6berte M\u00fcll und Sperrm\u00fcll und sammelte das, was die Menschen f\u00fcr Schrott hielten. 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