{"id":371,"date":"1999-09-11T14:49:17","date_gmt":"1999-09-11T12:49:17","guid":{"rendered":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/?p=371"},"modified":"2022-08-03T13:51:54","modified_gmt":"2022-08-03T11:51:54","slug":"kultes-kanzler-interview","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/1999\/09\/kultes-kanzler-interview\/","title":{"rendered":"Kulles Kanzler-Interview"},"content":{"rendered":"<p align=\"CENTER\"><span style=\"font-size: x-large;\"><b><a name=\"fuss1\"><\/a><\/b><\/span><\/p>\n<h1>Kulles Kanzler-Interview<\/h1>\n<p><b><sup><a href=\"#footnote1\">1<\/a><\/sup><br \/>\n<\/b><\/p>\n<p><center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/kulle3.jpg\" alt=\"Kulle\" width=\"320\" height=\"240\" \/><\/center><strong>Kulle:<\/strong><br \/>\nGuten Morgen, Herr Kanzler. Haben Sie gut geschlafen?<br \/>\n<b>Kanzler:<br \/>\n<\/b>Danke, ausgezeichnet.<br \/>\n<b>Kulle:<br \/>\n<\/b>Das wundert mich. Denn die Gewinneinkommen sind in den vergangenen sechs Jahren um netto 44 Prozent gestiegen, und die Einkommen aus abh\u00e4ngiger Besch\u00e4ftigung netto um 3 Prozent. Der hohen Staatsverschuldung auf der einen Seite steht eine ungeheure Anh\u00e4ufung der privaten Geldverm\u00f6gen gegen\u00fcber. 30 Prozent des Geldverm\u00f6gens waren 1996 auf drei Prozent der privaten Haushalte konzentriert. Und das l\u00e4\u00dft einen sozialdemokratischen Kanzler ruhig schlafen?<br \/>\n<b>Kanzler:<br \/>\n<\/b>Um Umsteuern kommen wir nicht herum. Wir werden uns auf eine andere Basis stellen m\u00fcssen. Die Idee, die dahinter steckt, die Herr Riester vorgetragen hat, die Renten anders zu finanzieren beziehungsweise anders zu gestalten, da ist ja eine ganze Menge drin: eine Art von Grundsicherung, dann die Rente, die nach der eigenen pers\u00f6nlichen Leistung gestaltet wird, und dann die private Vorsorge, die der Mensch trifft. Die ist im Prinzip aus meiner Sicht richtig!<br \/>\n<b>Kulle:<br \/>\n<\/b>Das klingt aber nicht gerade nach sozialer Korrektur!<br \/>\n<b>Kanzler:<br \/>\n<\/b>Das Problem ist, dass wir das Sparpaket durchbekommen, dass die Konturen, die sich dort abzeichnen, auch klarer werden, dass klarer wird, dass damit die Wirtschaft wieder angekurbelt wird, Arbeitspl\u00e4tze geschaffen werden und alle jetzt die \u00e4rmel hochkrempeln m\u00fcssen und etwas leisten m\u00fcssen, damit die Sachen wieder ans laufen kommen, denn der Karren steckt durch die alte Bundesregierung ganz sch\u00f6n tief im Morast, dass der wieder herauskommt und ans laufen kommt.<br \/>\n<b>Kulle:<br \/>\n<\/b>Ich verstehe. Die Sachen stecken im Morast, und wenn wir alle die \u00e4rmel hochkrempeln, dann kommen sie wieder \u201aans laufen\u2018. Eine inhaltlich wie sprachlich einleuchtende Argumentation, der zweifellos jeder leicht folgen kann.<br \/>\n<b>Kanzler:<br \/>\n<\/b>Sehen Sie, Kulle, es ist doch so: Mancher, der das Gef\u00fchl gehabt hat, f\u00fcr ihn ist manches gesagt worden im Wahlkampf und jetzt wird auf seine Sorgen eingegangen, der stellt pl\u00f6tzlich fest, auch er will gefragt sein, sich an der Sache zu beteiligen. Denn die Frage, dass die Renten nicht so erh\u00f6ht worden sind, wie sich das mancher erhofft hat, das tut nat\u00fcrlich ein bisschen weh. Man darf aber nicht vergessen &#8211; und daran sollte man immer wieder mal erinnern -, das was die alte Regierung vorgehabt h\u00e4tte, das h\u00e4tte auch weh getan. Insoweit ist das eine Diskussion, die meiner Meinung nach \u00fcberfl\u00fcssig ist. Wenn man jetzt sagt, wir h\u00e4tten irgendwie versprochen, die Renten w\u00fcrden steigen? Das kann kein Mensch versprochen haben, und das war im Wahlkampf nicht ganz klar, aber jeder hat gewusst: so geht es nicht weiter!<br \/>\n<b>Kulle:<br \/>\n<\/b>Also geht es doch so weiter?<br \/>\n<b>Kanzler:<br \/>\n<\/b>Wie &#8211; so?<br \/>\n<b>Kulle:<br \/>\n<\/b>So wie unter der alten Regierung. Sie tun das, was Ihre Vorg\u00e4nger auch gemacht h\u00e4tten, wenn die W\u00e4hler sie gelassen h\u00e4tten. Das werden Sie der vielbeschworenen \u201eNeuen Mitte\u201c, die Sie gew\u00e4hlt hat, aber erkl\u00e4ren m\u00fcssen!<br \/>\n<b>Kanzler:<br \/>\n<\/b>Die Neue Mitte ist definiert durch Angeh\u00f6rige der wissenschaftlich-technischen Intelligenz, durch die kulturellen Eliten, aber auch durch diejenigen, die als Handwerksmeister oder als kleine und mittlere Unternehmer t\u00e4tig sind. Im \u00fcbrigen: Auch der klassische Arbeitnehmer begreift sich, wenn Sie ihn fragen, als Angeh\u00f6riger der Mitte. Und diese Neue Mitte macht nach meinem Verst\u00e4ndnis die Stabilit\u00e4t einer Gesellschaft aus. Die neue gesellschaftliche Mitte hat mir in besonderer Weise vertraut. Sie hat mich als Verk\u00f6rperung dessen begriffen, was sie f\u00fchlt, w\u00fcnscht und f\u00fcr richtig h\u00e4lt. Allerdings besteht diese Dialektik zwischen Eigenst\u00e4ndigkeit und gelegentlicher Querk\u00f6pfigkeit auf der einen Seite und Mitgliedschaft in einer gro\u00dfen Organisation wie der SPD auf der anderen Seite nicht nur bei mir.<br \/>\n<b>Kulle:<br \/>\n<\/b>Danke &#8211; jetzt wei\u00df ich endlich, was Dialektik ist. Aber wie wollen Sie Ihre Linie durchsetzen, wenn Ihr Verh\u00e4ltnis zu Ihrer Partei so ambivalent ist?<br \/>\n<b>Kanzler:<br \/>\n<\/b>Das ist vor allen Dingen der Appell an alle in der Bev\u00f6lkerung und nat\u00fcrlich auch in der eigenen Partei. Wir werden die Diskussion um die Zukunft unseres Landes gemeinsam mit den B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern unseres Landes und auch mit den gro\u00dfen Organisationen wie den Gewerkschaften, den Unternehmerverb\u00e4nden, den Kirchen und anderen f\u00fchren bis hin zur Umweltbewegung oder dem, was sich in der Gesellschaft in den letzten Jahren immer st\u00e4rker entwickelt hat.<br \/>\n<b>Kulle:<br \/>\n<\/b>Was immer das auch sein mag&#8230;<br \/>\n<b>Kanzler:<br \/>\n<\/b>Popul\u00e4re Schnellsch\u00fcsse sind das eine, wirkliche Reformen das andere. Ich bin ja gerne bereit, dar\u00fcber nachdenken zu lassen, aber das anzuk\u00fcndigen w\u00e4re nun ganz verkehrt.<br \/>\n<b>Kulle:<br \/>\n<\/b>Ich beneide Sie!<br \/>\n<b>Kanzler:<br \/>\n<\/b>Worum?<br \/>\n<b>Kulle:<br \/>\n<\/b>Sie k\u00f6nnen nachdenken lassen. Ich mu\u00df das leider immer selbst erledigen. Mitunter ist das ganz sch\u00f6n anstrengend. \u00fcbrigens denken &#8211; was, denken Sie, denkt der W\u00e4hler \u00fcber ihre Partei?<br \/>\n<b>Kanzler:<br \/>\n<\/b>Das kann ich Ihnen nicht ganz genau sagen. Ich bin f\u00fcr eine Sprachregelung, die nach drau\u00dfen klar macht, was wir wollen. Dann kann man sich ja intern immer noch dar\u00fcber unterhalten, ob man das so oder so hinkriegt. Es interessiert, glaube ich, den W\u00e4hler auch nicht, ob wir von da oder von dort kommen, sondern ihn interessiert das Ergebnis. Die W\u00e4hler interessiert das Ergebnis, und das Ergebnis ist, dass wir das, was wir versprochen haben, einhalten, n\u00e4mlich die Wirtschaft wieder ans laufen zu kriegen und die schlimmsten Sachen, die wir dort geerbt haben, zu beseitigen. Das sind vier Millionen Arbeitslose, und das muss weg!<br \/>\nDas ist nat\u00fcrlich nicht sch\u00f6n oder w\u00e4re nicht sch\u00f6n &#8211; noch ist das ja nicht gelaufen -, wenn jetzt Landtagswahlen verloren gingen, weil wir nicht in der Lage gewesen sind, das, was wir wollen, zu erkl\u00e4ren. Da gibt es im Osten immer die M\u00f6glichkeit &#8211; das muss man mit einsch\u00e4tzen -, dass die W\u00e4hler, die keine Bindung haben, ausflippen, zu der Partei und zu der Partei gehen. Die strafen ja jeden ab. Das ist bedauerlich.<br \/>\n<b>Kulle:<br \/>\n<\/b>Gibt es denn \u00fcberhaupt noch W\u00e4hler mit traditioneller SPD-Bindung?<br \/>\n<b>Kanzler:<br \/>\n<\/b>Es sind neue hinzugekommen, und die brechen auch wieder weg. Das ist so. Ich glaube, die Bindungen an die Parteien, wie wir sie fr\u00fcher gekannt haben, gibt es nicht mehr. Damit muss man sich auseinandersetzen. Wir wollen ja auch, dass neue hinzukommen. Die jungen Leute sollen uns w\u00e4hlen. Es sollen uns die Frauen w\u00e4hlen. Die wollen, dass wir uns darum bem\u00fchen, dass sie im Arbeitsleben einen Platz finden, auch dann, wenn sie Kinder haben, dass also diese beiden Sachen unter einen Hut kommen. Um die wollen wir uns bem\u00fchen.<br \/>\n<b>Kulle:<br \/>\n<\/b>Bem\u00fchen Sie sich nur um die W\u00e4hler oder auch um deren Anliegen?<br \/>\n<b>Kanzler:<br \/>\n<\/b>Ich frage Sie, Kulle: Was macht man eigentlich angesichts der Situation, dass jede Dienstleistung und jede Sache, die hergestellt wird, von anderen irgendwo auf dieser Welt hergestellt werden kann zu anderen Bedingungen, preiswerteren Bedingungen, und dass diese hier auf unseren Markt kommen? Da muss man sich Gedanken machen, wie man darauf reagieren m\u00f6chte. Wenn man m\u00f6chte, dass Menschen wieder in Lohn und Brot kommen, muss man auch das eine oder andere lieb gewonnene aus Zeiten, als die M\u00e4rkte noch abgeschotteter waren, aufgeben.<br \/>\n<b>Kulle:<br \/>\n<\/b>Was hei\u00dft das konkret?<br \/>\n<b>Kanzler<\/b>:<br \/>\nDas hei\u00dft nur, dass wir unter anderen Bedingungen uns die Frage stellen m\u00fcssen, wie verwirklichen wir soziale Gerechtigkeit, wie st\u00e4rken wir die Kraft unseres Landes und wie sorgen wir daf\u00fcr, dass die Menschen besser als vielleicht in der Vergangenheit in der Lage sind, mit solchen Herausforderungen fertig zu werden. Das bedeutet beispielsweise, dass Bildung, dass Weiterbildung, dass Fragen der Bew\u00e4ltigung und der Beteiligung am technischen Fortschritt dabei in den Mittelpunkt r\u00fccken. Was die Globalisierung oder die weltwirtschaftliche Verflechtung angeht: Es ist v\u00f6llig unstreitig &#8211; und da kann man sich ja auch in Europa mal ein bisschen umschauen -, dass unter diesen Umst\u00e4nden die Rolle des Sozialstaates mehr eine aktivierende, eine helfende, eine unterst\u00fctzende, n\u00e4mlich Eigeninitiative und Eigenverantwortung unterst\u00fctzende sein sollte.<br \/>\n<b>Kulle:<br \/>\n<\/b>Vielen Dank f\u00fcr die Konkretion. Mich umweht der Geist des Schr\u00f6der-Blair-Papiers.<br \/>\nDie Unternehmer sind davon \u00fcbrigens begeistert &#8211; das war\u2018s doch, was Sie erreichen wollten, nicht wahr? Die neue Regierung kr\u00fcmmt der freien Wirtschaft kein Haar. Herr Pi\u00cbch hat Ihre Intention sehr wohl begriffen, und den ersten Test haben Sie bestanden &#8211; VW wird seine Profite wegen der \u00f6kologisch sinnvollen Altauto-Verwertungs-Verordnung der EU nicht zu schm\u00e4lern brauchen. Sie haben diese Verordnung n\u00e4mlich zu Fall gebracht.<br \/>\n<b>Kanzler:<br \/>\n<\/b>Ich frage mich verzweifelt, warum man sich \u00fcber solch ein Papier so aufregen kann. Das sind zum Teil schon l\u00e4ngst gegessene Kamellen, denen die ganze SPD sofort zustimmen w\u00fcrde. Da sind ein paar Reizworte drin. Die h\u00e4tte es nicht Not getan. Eine Angebotspolitik von links oder sonst etwas. Darum geht es gar nicht, um Angebots- oder Nachfragepolitik. Es geht darum, dass Menschen wieder in Lohn und Brot kommen, f\u00fcr sich selber arbeiten und sorgen k\u00f6nnen, dass junge Leute einen Ausbildungsplatz bekommen, dass wir endlich das wieder schaffen, was andere auch geschafft haben, n\u00e4mlich eine Wirtschaft zu bekommen, die l\u00e4uft. Und ob das von Angebot oder Nachfrage gesteuert wird, ist ziemlich egal, Hauptsache, alle haben das Gef\u00fchl, sie sind mit gefragt worden, dass sie mit daran teilnehmen k\u00f6nnen, und keiner hat das Gef\u00fchl, er muss die Last alleine schultern.<br \/>\n<b>Kulle:<br \/>\n<\/b>Ja, das Gef\u00fchl, gefragt worden zu sein,<b> <\/b>ist in der Tat sehr wichtig. Herr Kanzler, ich frage Sie zum Schlu\u00df: Wie gefiel Ihnen der Sommer dieses Jahres?<br \/>\n<b>Kanzler:<br \/>\n<\/b>Wenn man den zur\u00fcckliegenden Sommer politisch betrachtet, nicht meteorologisch, sondern politisch, dann war er einfach Mist f\u00fcr die Sozialdemokratie. Das ist ja jetzt auch Gott sei Dank zu Ende.<br \/>\n<b>Kulle:<br \/>\n<\/b><u>Der<\/u> Sommer, <u>die<\/u> Sozialdemokratie &#8211; <u>das<\/u> ist zu Ende.<br \/>\nHerr Kanzler, vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<b><\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: small;\"><sup><a name=\"footnote1\"><\/a>1<\/sup> Liebe Leserin, lieber Leser,<br \/>\nich Kulle, mu\u00df gestehen, da\u00df ich zum ersten Mal in meinem Leben bei diesem Interview nicht streng wissenschaftlich vorgegangen bin. Zwar stammen einige der zitierten \u00e4u\u00dferungen vom amtierenden Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Gerhard Schr\u00f6der, aber neben ihm \u00e4u\u00dfern sich auch Heide Simonis, Ministerpr\u00e4sidentin von Schleswig-Holstein, und Rudolf Scharping, Bundeskriegs &#8211; oh, Pardon! &#8211; Verteidigungsminister. Alle geh\u00f6ren der SPD an. Das Schr\u00f6der-Gespr\u00e4ch wurde in der \u201eWoche\u201c ver\u00f6ffentlicht (1. 10. 98), Simonis und Scharping sind im August 99 vom \u201eDeutschlandfunk\u201c befragt worden. Ich habe da einiges gemixt, Inhalt und Sprachduktus jedoch nicht ver\u00e4ndert.<br \/>\nIch, Kulle, habe mich bei einigen Fragen von Professor Friedhelm Hengsbach inspirieren lassen, einem klugen Menschen. Mit dem w\u00fcrde ich gerne auch einmal ein Interview machen, vielleicht unter der Fragestellung: Wie lassen sich Klugheit und Priesertum miteinander vereinbaren?<br \/>\nIch danke, wie immer, meiner Sekret\u00e4rin.<\/span><\/p>\n<p><a href=\"#fuss1\">(zur\u00fcck)<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kulles Kanzler-Interview 1 Kulle: Guten Morgen, Herr Kanzler. Haben Sie gut geschlafen? Kanzler: Danke, ausgezeichnet. Kulle: Das wundert mich. 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