{"id":373,"date":"1999-03-11T14:54:58","date_gmt":"1999-03-11T12:54:58","guid":{"rendered":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/?p=373"},"modified":"2017-03-11T15:02:05","modified_gmt":"2017-03-11T13:02:05","slug":"manfred-geht-zur-schule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/1999\/03\/manfred-geht-zur-schule\/","title":{"rendered":"Manfred geht zur Schule"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Aua!&#8220;<\/p>\n<p>B\u00e4rdel wischte sich die Pfote an der Hinterbacke ab, ohne nachzudenken. Von der Biene, die ihn gestochen hatte, blieb nur ein Brei aus Chitin und undefinierbaren Fl\u00fcssigkeiten \u00fcbrig. Er sah sich um.<\/p>\n<p>Im Apfelbaum hinter ihm summte ein Bienenschwarm von mindestens einem Meter Durchmesser, der sich zusehends verkleinerte. Sie lie\u00dfen sich nieder, dr\u00e4ngten sich eng an eng um ihre K\u00f6nigin, um sie zu besch\u00fctzen. Ein neuer Schwarm, ein Schwarm ohne Stock. In dieser Phase waren die Bienen immer aggressiv. B\u00e4rdel verstand jetzt, warum ihn eine gestochen hatte.<\/p>\n<p>&#8222;Manfred!&#8220;<\/p>\n<p>Manfred, der die Imkerei des B\u00e4renstammes \u00fcbernommen hatte, reagierte nicht. Er hatte ein paar leere Bienenk\u00f6rbe eingelagert, um auf Situationen wie diese vorbereitet zu sein. Er w\u00e4re jetzt n\u00fctzlich gewesen. Aber statt seiner tauchte Tumu auf.<\/p>\n<p>&#8222;Manfred ist nicht da,&#8220; erkl\u00e4rte sie schlicht.<\/p>\n<p>&#8222;Immer dasselbe,&#8220; brummte B\u00e4rdel. &#8222;Wir h\u00e4tten jetzt gut eine neue Bienenheimat f\u00fcr einen neuen Stamm und daf\u00fcr einen mutigen Imker gebrauchen k\u00f6nnen. Aber Manfred ist ja nie da, wenn es n\u00f6tig ist. Wo ist er denn?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;In der Schule,&#8220; sagte Tumu, als sei das das selbstverst\u00e4ndlichste von der Welt.<\/p>\n<p>B\u00e4rdel runzelte die Stirn. Pl\u00f6tzlich tat seine Hand von dem Insektenstich wieder weh. Aber die Ursache war nicht die Biene, das wu\u00dfte er genau.<\/p>\n<p>&#8222;In welcher Schule?&#8220; wollte er wissen.<\/p>\n<p>&#8222;Es gibt nur eine Schule, das wei\u00dft Du so gut wie ich.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Die Menschenschule? Und Du bist damit einverstanden?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ja. Er hat es sich gew\u00fcnscht. Kulle findet das \u00fcbrigens auch gut.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Kulle?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Kulle. Er mu\u00df es schlie\u00dflich wissen, er hat seine Erfahrungen gemacht.&#8220; (vergleiche: <a href=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/1996\/06\/die-lehre\/\">&#8222;Die Lehre&#8220;)<\/a>)<\/p>\n<p>&#8222;Und wenn er entdeckt wird?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Er wird nicht entdeckt, das wei\u00dft Du genau. Schlie\u00dflich hat er es schon einmal geschafft, sich als Mensch auszugeben. (vergleiche: &#8222;<a href=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/1998\/04\/jobsuche\/\">Jobsuche)<\/a>&#8222;) Und Du hat doch auch schon unter menschlicher Maske agiert, nicht wahr?&#8220; (vergleiche: &#8222;<a href=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/1996\/06\/menschenliebe\/\">Menschenliebe<\/a>&#8222;)<\/p>\n<p>&#8222;Na ja&#8220;, brummte B\u00e4rdel. &#8222;Sch\u00f6n und gut, aber wer b\u00e4ndigt jetzt die Bienen?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich nat\u00fcrlich!&#8220; sagte Tumu. &#8222;Schlie\u00dflich habe ich Manfred die Imkerei beigebracht.&#8220;<\/p>\n<p>In der Tat hatte Manfred zun\u00e4chst keinerlei Probleme. Er trabte nach Lehrte &#8211; den Weg kannte er schlie\u00dflich gut &#8211; und fand in der kleinen Stadt schnell das Gymnasium. Im Sekretariat zog er ein gut gef\u00e4lschtes Zeugnis \u00fcber den erweiterten Sekundarabschlu\u00df I aus der Tasche &#8211; \u00fcbrigens auch mit guten Noten versehen. Er wurde freundlichst begr\u00fc\u00dft, vom Direktor, der gerade, wie die meisten Gymnasialdirektoren,\u00a0nichts zu tun hatte, zum Kaffee eingeladen, er f\u00fcllte ein Anmeldeformular aus, und schon war &#8222;Manfred B\u00e4r&#8220; Sch\u00fcler der Klasse 11 B.<\/p>\n<p>Manfred war noch in der Dunkelheit in B\u00e4renleben aufgebrochen, aber der Anmarsch und die Formalit\u00e4ten hatten Zeit gekostet. Es war jetzt sp\u00e4ter Vormittag. Er stand wieder auf dem Gang vor dem Sekretariat, als ein mi\u00dft\u00f6nender Gong erschallte. Er begann mit einem harmonischen absteigenden Dreiklang &#8211; ding &#8211; deng &#8211; dong -, endete aber auf einer unpassenden Septime. Manfred fragte einen jungen Mann, der ihm entgegenkam, was das zu bedeuten habe.<\/p>\n<p>&#8222;Eh, Alter, biste doof, eh? Das war der Gong nach der beschissenen dritten Stunde. In f\u00fcnf Minuten kannste das Gleiche noch mal h\u00f6ren &#8211; dann klingelt&#8217;s zur noch viel beschisseneren vierten Stunde. Die wird ich \u00fcbrigens abh\u00e4ngen und n K\u00f6fte einpfeifen &#8211; kein Bock auf Physik!&#8220;<\/p>\n<p>Manfred hatte M\u00fche, den nuschelnden Typen zu verstehen. Das mochte am Kaugummi liegen, den er unentwegt zwischen seinen Z\u00e4hnen zu zermalmen versuchte. Er hatte aber auch das Gef\u00fchl, da\u00df zahlreiche Laute im Schirm der Baseballkappe h\u00e4ngen blieben, die der Junge tief in die Stirn gezogen hatte. Vielleicht verschwanden sie aber auch in seinem Hosenboden, der, f\u00fcr Manfred unverst\u00e4ndlich, irgendwo zwischen den Kniekehlen hing.<\/p>\n<p>Er verzichtete auf irgendwelche Nachfragen und wollte nur noch wissen: &#8222;Kannste mir sagen, wo die 11 B ist?&#8220;<\/p>\n<p>Was zeigt, da\u00df Manfred schnell lernt.<\/p>\n<p>&#8222;Zweiter, letzte T\u00fcr. Geh\u00f6rste dazu? Viel Spa\u00df &#8211; die haben jetzt Geschichte.&#8220;<\/p>\n<p><center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/schichte.jpg\" alt=\"Geschichte\" width=\"376\" height=\"510\" \/><\/center>Manfred erg\u00e4nzte &#8218;Stock&#8216; in seinem Hinterkopf, fand die richtige T\u00fcr und traf zugleich mit der Geschichtslehrerin in der Klasse ein. Bescheiden blieb er an der T\u00fcr stehen. Lange, fand er. Es dauerte einige Minuten, bis die dreiundzwanzig oder vierundzwanzig jungen Leute in dem Raum geruhten, die Anwesenheit der Lehrerin zur Kenntnis zu nehmen. Die schien das ganz normal zu finden. Sie schickte ihren Blick immer wieder in den Raum und beugte sich zwischendurch kurz \u00fcber ein gro\u00dfes Heft, in das sie etwas eintrug.<\/p>\n<p>&#8222;Zehn fehlen!&#8220; stellte sie schlie\u00dflich fest. Dann endlich entdeckte sie Manfred. &#8222;Und wer sind Sie?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Manfred B\u00e4r. Ich geh\u00f6r jetzt dazu, kannste glauben.&#8220;<\/p>\n<p>Manfred war sehr stolz darauf, da\u00df er den Slang, den man hier offenbar sprach, so schnell gelernt hatte. Aber er mu\u00dfte etwas falsch gemacht haben, denn das Gesicht der Lehrerin verzog sich \u00e4rgerlich.<\/p>\n<p>&#8222;Wenn Sie sich weiterhin dieses Jargons bedienen, werden Sie bestimmt nicht lange dazugeh\u00f6ren, das k\u00f6nnen Sie <u>mir<\/u> glauben! Setzen Sie sich!&#8220;<\/p>\n<p>Manfred suchte sich einen freien Platz neben einer jungen Frau, die sofort demonstrativ ein St\u00fcck zur Seite r\u00fcckte. Von seinem Hintermann h\u00f6rte er ein leises &#8222;Cool!&#8220; Er hatte keine Ahnung, worauf sich dieser Kommentar bezog und was er bedeutete. K\u00fchl war es in diesem Klassenraum nicht gerade.<\/p>\n<p>Der \u00c4rger der Lehrerin war anscheinend noch nicht verraucht, denn sie nahm sich Manfred gleich noch einmal vor.<\/p>\n<p>&#8222;Wir besch\u00e4ftigen uns in dieser Phase des Unterrichts mit der griechischen Antike. Manfred, was wissen Sie dar\u00fcber?&#8220;<\/p>\n<p>Ach du liebe Tussi! Wie w\u00fcrde das wirken, wenn er jetzt erz\u00e4hlte, was er wu\u00dfte? Er wu\u00dfte n\u00e4mlich eine Menge.<\/p>\n<p>&#8222;K\u00f6nnten Sie Ihre Frage bitte pr\u00e4zisieren?&#8220;<\/p>\n<p>Immerhin, er hatte begriffen, da\u00df er mit der Lehrerin eine andere Sprache sprechen mu\u00dfte als mit seinen Mitsch\u00fclern.<\/p>\n<p>Die Klasse prustete los, und die Lehrerin wandte sich von ihm ab und der Klasse zu. Ihr Gesicht war jetzt zornrot.<\/p>\n<p>&#8222;Danke, das reicht! Kann uns vielleicht sonst jemand helfen?&#8220;<\/p>\n<p>Die Heiterkeit verschwand. Pl\u00f6tzlich hatte jeder Sch\u00fcler etwas zu tun: suchte etwas in seiner Tasche, putzte sich die Nase, schrieb &#8222;Griechische Antike&#8220; oben auf ein Blatt Papier oder schaute einfach nur auf die Tischplatte vor sich. Das Signal war eindeutig: Im Augenblick bin ich viel zu besch\u00e4ftigt, um angesprochen zu werden.<\/p>\n<p>Allm\u00e4hlich verstand Manfred. Niemand wu\u00dfte etwas von der griechischen Antike. Die Lehrerin schien das gewu\u00dft zu haben, denn sie hatte seine Bitte um Pr\u00e4zisierung offenbar als Provokation verstanden. Aber warum hatte sie ihre Frage gestellt, wenn sie gar nicht mit einer Antwort rechnete? Merkw\u00fcrdig! Aber er war ein B\u00e4r, und B\u00e4ren sind nicht nachtragend. Manfred tat die Frau leid, wie sie so verloren vor der Klasse stand, die sie zu ignorieren versuchte. Er war bereit, ihr zu helfen.<\/p>\n<p>Zaghaft hob er den Arm.<\/p>\n<p>&#8222;Ja, Manfred?&#8220;<\/p>\n<p>Trotz des drohenden Untertones in ihrer Stimme, der ihm r\u00e4tselhaft blieb, legte Manfred tapfer los.<\/p>\n<p>&#8222;In der griechischen Antike sind aus heutiger Perspektive vor allem die Aspekte Politik, Philosophie und teilweise auch Mathematik und Physik von Interesse. In den Poleis &#8211; Singular Polis &#8211; , in den Stadtstaaten also, finden wir mit Modifikationen bereits alle auch heute denkbaren Regierungsformen: Erbmonarchien, Diktaturen und Ans\u00e4tze von Demokratie. Die griechischen Philosophen legten den Grundstein f\u00fcr \u00dcberlegungen, auf die bis heute noch keine allgemein anerkannten Antworten gefunden worden sind. Vom Solipsismus bis zum Materialismus ist dort alles vertreten.&#8220;<\/p>\n<p>Manfred unterbrach sich selbst. Es war v\u00f6llig still im Raum geworden. Nur durch die d\u00fcnne Wand h\u00f6rte man aus dem Nebenraum die dr\u00f6hnende Stimme eines Mannes, der eine mathematische Formel zu erkl\u00e4ren versuchte. Sowohl die Lehrerin als auch seine Mitsch\u00fcler sahen ihn mit weit aufgerissenen Augen und zum Teil offenen M\u00fcndern an.<\/p>\n<p>&#8222;Soll ich das n\u00e4her erl\u00e4utern?&#8220; fragte er unsicher.<\/p>\n<p>&#8222;Nein, danke.&#8220; Die Lehrerin fing sich wieder und schenkte ihm ein anerkennendes Nicken. Sie griff in ihre Tasche und f\u00f6rderte einen Stapel Fotokopien zutage. &#8222;Sie haben mir ein Stichwort gegeben: Philosophie. Ich habe Ihnen einige wichtige Aussagen griechischer Philosophen zusammengestellt.&#8220;<\/p>\n<p>Sie begann ihre Bl\u00e4tter auszuteilen.<\/p>\n<p>Manfred las. Ganz oben stand der Satz: &#8218;Der Mensch ist das Ma\u00df aller Dinge.&#8216; (Protagoras)<\/p>\n<p>&#8222;Das h\u00e4tte ich mir denken k\u00f6nnen&#8220;, scho\u00df es ihm durch den Kopf.<\/p>\n<p>Was er sich nicht gedacht hatte, war, da\u00df er die n\u00e4chste Pause, die eine Viertelstunde dauerte, allein verbrachte. Zumindest fast allein. Er schien Luft f\u00fcr seine Mitsch\u00fcler zu sein. Nur einmal rempelte ihn ein Junge unsanft an und sagte dabei:<\/p>\n<p>Ey Du Arsch, wennde glaubst, dassde hier die Preise verderben kannst, denn kriegste ziemlichen \u00c4rger, das versprech ich Dir. Bei uns is easy going angesagt, capito?&#8220;<\/p>\n<p>Nein, Manfred kapierte nicht. Wie sollte ein kleiner B\u00e4r auch verstehen, da\u00df Menschenkinder in einem Gymnasium ihre Energie haupts\u00e4chlich darauf verschwendeten, m\u00f6glichst wenig zu lernen?<\/p>\n<p>In der f\u00fcnften Stunde stand Politik auf dem Lehrplan. P\u00fcnktlich mit dem Gong sa\u00df Manfred auf seinem Platz. Er blieb lange allein. Erst eine Weile sp\u00e4ter bummelten seine Mitsch\u00fcler in den Raum, und der Lehrer, ein kleiner rundlicher Mann, der wohl ungef\u00e4hr f\u00fcnfzig Jahre alt sein mochte, erschien gemessenen Schrittes als letzter. Er seufzte &#8211; wohl anstelle einer Begr\u00fc\u00dfung -, lie\u00df sich umst\u00e4ndlich auf den Stuhl hinter dem Lehrerpult sacken, schaute freundlich in die Runde und fragte: &#8222;Was gibt es neues?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Anna hat&#8217;n neuen Freund!&#8220; sagte ein Junge in der letzten Reihe.<\/p>\n<p>&#8222;Sei ruhig, Du Arsch, was geht&#8217;n Dich das an!&#8220; Das blonde M\u00e4dchen, das das sagte, war rot geworden. Vermutlich, dachte Manfred, war sie Anna.<\/p>\n<p>&#8222;Interessant, interessant. Nat\u00fcrlich geht Paul das konkret sehr wenig an, es sei denn, er war Ihr voriger Freund, Anna. Aber uns alle, Sie alle geht das Problem an, das hier angesprochen worden ist: Wie finden junge Menschen in ihrem Alter den richtigen Partner beziehungsweise die richtige Partnerin? Ich halte es f\u00fcr eine gute Idee, heute dar\u00fcber zu sprechen.&#8220; Das war der Lehrer.<\/p>\n<p>Die Klasse war nicht abgeneigt; es entwickelte sich sogar ein Gespr\u00e4ch, in dem vor allem die Jungen sich darin hervortaten, m\u00f6glichst viel Gossenjargon zu produzieren. Manfred schwieg, denn er konnte als B\u00e4r zu diesem Problem wenig sagen, und lernte viel. Auch der Lehrer sagte kaum etwas, aber er war durchaus bei der Sache. Manfred erkannte das an seinen Augen, die dann zu gl\u00e4nzen begannen, wenn ein Sch\u00fcler besonders konkret von seinen Erfahrungen berichtete. Das war ein guter Lehrer, fand er &#8211; anders als seine Kollegin in der Stunde zuvor verstand er es, seine Sch\u00fcler zu motivieren.<\/p>\n<p>Die Zeit bis zum Gong verging wie im Flug. Nachdem der Lehrer etwas in das gro\u00dfe Heft auf dem Pult geschrieben hatte, verlie\u00df er das Zimmer. Erst jetzt merkte Manfred, da\u00df er noch nicht einmal eine Tasche bei sich trug. Er ging zum Lehrertisch und betrachtete die neuesten Eintragungen. Erst jetzt erinnerte er sich, da\u00df sie soeben Politik gehabt hatten. H\u00e4tten haben sollen. Neben die F\u00e4cherbezeichnung hatte der Lehrer geschrieben: Einf\u00fchrung des Euro. Aha.<\/p>\n<p>Manfred f\u00fchlte sich ein wenig taumelig. Nicht nur die Sch\u00fcler wollten nicht lernen, auch die Lehrer wollten also nicht lehren. Das hatte er sich alles ganz anders vorgestellt. Sollte er gleich wieder nach B\u00e4renleben laufen oder noch die letzte, die sechste Stunde mitmachen? Morgen w\u00fcrde er bestimmt nicht mehr wiederkommen, soviel stand fest. Er beschlo\u00df zu bleiben, nachdem er einen Blick auf den Stundenplan geworfen hatte. &#8218;Biologie&#8216; stand dort. Das ging ihn als B\u00e4ren einiges an.<\/p>\n<p>Die alte wei\u00dfhaarige Dame machte tats\u00e4chlich Biologieunterricht. Sie schaffte es sogar, einige Sch\u00fcler mit ihrer Begeisterung anzustecken. Die Klasse mikroskopierte Pflanzenzellen, und die Sch\u00fcler versuchten, das, was sie sahen, in einer Zeichnung festzuhalten. Die Lehrerin korrigierte die Ergebnisse freundlich, nannte die Namen der einzelnen Zellbestandteile &#8211; was die Klasse zum St\u00f6hnen brachte &#8211; und erkl\u00e4rte dann, wie ein solches winziges Kraftwerk funktionierte. Sie sprach von Bewunderung f\u00fcr dieses Ergebnis der Evolution, das alle menschliche Technik weit in den Schatten stellte, ja sogar von Ehrfurcht.<\/p>\n<p>Eine Biene hatte sich in den Fachraum verirrt. Sie schien das wei\u00dfe Haar der Lehrerin mit einer Bl\u00fcte zu verwechseln und steuerte darauf zu. Die Biologin gestattete ihr nur zwei Versuche, dann traf sie das Insekt gezielt mit dem dicken Lehrbuch, das sie in der Hand hielt. Zufrieden betrachtete sie ihr Zerst\u00f6rungswerk und machte schon wieder den Mund auf, um weiter von der Faszination des Lebens zu schw\u00e4rmen. In diesem Moment erklang der mi\u00dft\u00f6nende Gong.<\/p>\n<p>Zusammen mit den anderen verlie\u00df Manfred fluchtartig den Raum und machte sich auf den Weg nach B\u00e4renleben. Unterwegs versuchte er, seine Eindr\u00fccke zu sortieren, aber alles wirbelte kunterbunt in seinem Kopf herum. Zu Hause sch\u00fcttelte er als Reaktion auf B\u00e4rdels, Kulles und Tumus Fragen nach seinen Erlebnissen nur den Kopf und machte sich daran, einen unbehausten Bienenschwarm einzufangen &#8211; den zweiten des Tages. Allm\u00e4hlich wurde er dabei ruhiger, aber es dauerte noch Tage, bis er in der Lage war, der abendlichen B\u00e4renversammlung alles zu erz\u00e4hlen. Nur mit Kulles Unterst\u00fctzung glaubten ihm die anderen, da\u00df er die Wahrheit sagte. H\u00e4tte Kulle nicht immer wieder versichert, da\u00df er \u00e4hnliches erlebt hatte, die Dorfgemeinschaft h\u00e4tte Manfreds Erz\u00e4hlung als B\u00e4renm\u00e4rchen abgetan.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/grizzy2.jpg\" alt=\"Manfred\" width=\"320\" height=\"240\" \/><\/center><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Aua!&#8220; B\u00e4rdel wischte sich die Pfote an der Hinterbacke ab, ohne nachzudenken. Von der Biene, die ihn gestochen hatte, blieb nur ein Brei aus Chitin und undefinierbaren Fl\u00fcssigkeiten \u00fcbrig. Er sah sich um. Im Apfelbaum hinter ihm summte ein Bienenschwarm von mindestens einem Meter Durchmesser, der sich zusehends verkleinerte. 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