{"id":401,"date":"2000-03-11T19:49:18","date_gmt":"2000-03-11T17:49:18","guid":{"rendered":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/?p=401"},"modified":"2017-04-08T17:54:53","modified_gmt":"2017-04-08T15:54:53","slug":"exodus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/2000\/03\/exodus\/","title":{"rendered":"Exodus"},"content":{"rendered":"<p><center>EXODUS<\/center><center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/brief.jpg\" alt=\"Der Brief\" width=\"550\" height=\"270\" \/><\/center><span class=\"firstchar\">&#8222;O<\/span>h nein!&#8220;, seufzte B\u00e4rdel, als er mitten\u00a0im sch\u00f6nsten Morgenspaziergang ein wei\u00dfes\u00a0Rechteck aus Papier s\u00e4uberlich auf einen Brombeerstrauch\u00a0aufgespie\u00dft fand. Sollten die Menschen ihren\u00a0M\u00fcll lassen, wo sie wollten, aber bitte nicht\u00a0in B\u00e4renleben! Mit spitzen Fingern \u2013 soweit B\u00e4ren\u00a0spitze Finger machen k\u00f6nnen \u2013 l\u00f6ste er das\u00a0h\u00e4\u00dfliche Ding vom Busch, hielt es angeekelt\u00a0so weit wie m\u00f6glich von sich fort und \u00fcberlegte,\u00a0wo er diesen Abfall am besten lagern k\u00f6nnte. Trotz\u00a0aller Distanz aber musterte er den Gegenstand genauer\u00a0und stellte fest, da\u00df das kein M\u00fcll war.\u00a0Leider nicht. Es war ein Briefumschlag, und er trug\u00a0eine Adresse. In s\u00e4uberlicher, nicht ausgeschriebener\u00a0Schrift stand da:<br \/>\n<span class=\"hilite\"><strong>Herrn B\u00e4r<\/strong><br \/>\n<strong> B\u00e4renleben<\/strong><br \/>\n<strong> Falls unzustellbar &#8211; zur\u00fcck!<\/strong><br \/>\n<\/span><br \/>\nB\u00e4rdel wu\u00dfte nat\u00fcrlich, da\u00df die\u00a0Menschen Vornamen hatten, da\u00df sie in H\u00e4usern\u00a0mit Hausnummern wohnten und da\u00df eine Beh\u00f6rde\u00a0den Orten, in denen sie wohnten, f\u00fcnfstelligen\u00a0Nummern gegeben hatte, damit die Briefe, die sie einander\u00a0schickten, auch tats\u00e4chlich ankamen. All das fehlte\u00a0hier. Also mu\u00dfte ein besonders intelligenter\u00a0Brieftr\u00e4ger f\u00fcr den Bezirk B\u00e4renleben\u00a0zust\u00e4ndig sein, wenn er sein Ziel auch ohne diese\u00a0Hilfen gefunden hatte. Aber das war nicht das Hauptproblem.<br \/>\nUm B\u00e4renleben zu finden, mu\u00dfte der Brieftr\u00e4ger\u00a0wissen, da\u00df es B\u00e4renleben gab. Um einen\u00a0Brief nach B\u00e4renleben zu schreiben, mu\u00dfte\u00a0der Absender wissen, da\u00df B\u00e4renleben existierte.\u00a0Er mu\u00dfte ebenfalls wissen, da\u00df B\u00e4rdel\u00a0&#8211; oder andere B\u00e4ren &#8211; dort wohnten, deren Namen\u00a0er allerdings nicht kannte. Vielleicht vermutete der\u00a0Absender das alles auch nur. Warum sonst sollte auf\u00a0dem Umschlag stehen: &#8222;Falls unzustellbar &#8211; zur\u00fcck!&#8220;?<br \/>\nAber auch eine vermutete Existenz von B\u00e4renleben\u00a0war schlimm genug &#8211; bisher hatten seine Bewohner geglaubt,\u00a0sich perfekt unsichtbar gemacht zu haben.<br \/>\nEr untersuchte den Brief genauer. Neben der ordentlich\u00a0entwerteten Briefmarke war ein Stempel sichtbar, schlecht\u00a0und fl\u00fcchtig aufgedr\u00fcckt, aber mit M\u00fche\u00a0doch zu entziffern. &#8222;Finanzamt Nord-Dehland&#8220;\u00a0buchstabierte B\u00e4rdel zusammen. Finanzamt? Das\u00a0n\u00e4chste R\u00e4tsel war gegeben: Was hatten die\u00a0Bewohner von B\u00e4renleben mit Steuern zu tun?\u00a0Wie alle B\u00e4ren war nat\u00fcrlich auch B\u00e4rdel\u00a0extrem neugierig und w\u00e4re deshalb beinahe dem\u00a0Impuls gefolgt, den Briefumschlag aufzurei\u00dfen,\u00a0aber er beherrschte sich im letzen Moment. Wenn er\u00a0den Brief \u00f6ffnete, w\u00fcrde er ihn akzeptieren\u00a0&#8211; und er wu\u00dfte nicht, ob das klug w\u00e4re.<br \/>\nEr wollte das nicht allein entscheiden. Deshalb machte\u00a0er sich auf die Suche nach Kulle.<br \/>\nKulle hatte \u00e4hnliche Gewohnheiten wie er selbst.<br \/>\nW\u00e4hrend alle anderen B\u00e4ren noch gem\u00fctlich\u00a0in der H\u00f6hle pennten und erst drau\u00dfen erschienen,\u00a0nachdem die Sonne der norddehl\u00e4ndischen Tiefebene<br \/>\nwenigstens ein bi\u00dfchen W\u00e4rme spendiert hatte,\u00a0geno\u00df Kulle ebenso wie er selbst gerne die D\u00e4mmerung,\u00a0beobachtete, wie sich Farben aus dem Grau sch\u00e4lten,\u00a0wie die Tautropfen auf den Bl\u00e4ttern in allen Regenbogenfarben<br \/>\nzu funkeln begannen und wie die Mittiere des Waldes\u00a0den Tag begr\u00fc\u00dften. Bei ihren Morgenspazierg\u00e4ngen\u00a0gingen sie einander gew\u00f6hnlich aus dem Weg, weil\u00a0jeder von ihnen allein sein wollte. Wollte man einander\u00a0erfolgreich aus dem Weg gehen, dann mu\u00dfte man\u00a0wissen, wo der andere war. Selbstverst\u00e4ndlich\u00a0kannte B\u00e4rdel Kulles Route, und deshalb fand er\u00a0ihn schnell.<\/p>\n<p><center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/kulle2.jpg\" alt=\"Kulle\" width=\"663\" height=\"556\" \/><\/center>&#8222;Guten Morgen, Kulle!&#8220; gr\u00fc\u00dfte er\u00a0h\u00f6flich.\u00a0Kulle grunzte nur und tat so, als habe er ihn nicht\u00a0gesehen. B\u00e4rdel konnte das zwar gut verstehen,\u00a0aber jetzt gab es Wichtigeres, als lieb gewordene Rituale\u00a0zu praktizieren. Kurzerhand stellte er sich Kulle in\u00a0den Weg.<br \/>\n&#8222;Guten Morgen!&#8220; sagte er nochmals. &#8222;Ich\u00a0wei\u00df, da\u00df ich Dich st\u00f6re, aber Du\u00a0mu\u00dft Dir das hier unbedingt ansehen.&#8220;<br \/>\nDamit streckte er Kulle den Brief entgegen. Der blieb\u00a0unwillig stehen und starrte nicht den Brief, sondern\u00a0B\u00e4rdel b\u00f6se an.<\/p>\n<p><center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/baerdel3.JPG\" alt=\"Baerdel\" width=\"536\" height=\"573\" \/><\/center>&#8222;Ich war gerade dabei, die schwierige Frage zu\u00a0l\u00f6sen, warum wir B\u00e4ren die Vorstellung von\u00a0einem pers\u00f6nlichen Gott f\u00fcr absoluten Unsinn<br \/>\nhalten! Das liegt n\u00e4mlich daran, da\u00df&#8230;&#8220;\u00a0&#8222;Entschuldige!&#8220; unterbrach B\u00e4rdel ihn.\u00a0&#8222;Aber wenn ich diesen Brief, den ich hier in der\u00a0Hand halte, richtig bewerte, dann sind Deine \u00dcberlegungen\u00a0vielleicht bald \u00fcberfl\u00fcssig, weil es keine<br \/>\nB\u00e4ren mehr geben wird. Wir haben ein reales Problem,\u00a0kein philosophisches! Man hat uns entdeckt!&#8220;<br \/>\n&#8222;Unm\u00f6glich!&#8220; Kulle \u00e4rgerte sich\u00a0sofort \u00fcber seine von Emotionen und nicht von\u00a0Vernunft gesteuerte Reaktion und fragte schnell weiter,\u00a0um sein ungeschicktes Verhalten zu zu vertuschen: &#8222;Wer?&#8220;\u00a0&#8222;Das Finanzamt. Wahrscheinlich jedenfalls.&#8220;<br \/>\nZum zweiten Mal reichte er Kulle den Brief, und diesmal\u00a0nahm der ihn und be\u00e4ugte ihn ebenso mi\u00dftrauisch,\u00a0wie B\u00e4rdel es wenige Minuten zuvor getan hatte.<br \/>\n&#8222;Ich wollte Dich fragen, ob wir ihn aufmachen sollen&#8220;,\u00a0sagte B\u00e4rdel.<br \/>\nKulle wiegte seinen dicken Kopf und strich dabei mit\u00a0seiner rechten Pranke \u00fcber seine Fliege, bei ihm\u00a0ein Zeichen h\u00f6chster Konzentration. Es dauerte\u00a0eine Weile, bis er antwortete.<br \/>\n&#8222;Es gibt mehrere M\u00f6glichkeiten. Wir k\u00f6nnen\u00a0den Brief vernichten und ihn vorher lesen oder auch\u00a0nicht. Damit stellen wir uns tot, wobei wir entweder\u00a0wissen, was man von uns will, oder nicht. Wissen ist\u00a0immer gut, also sollten wir, wenn wir uns f\u00fcr\u00a0diese M\u00f6glichkeit entscheiden, den Brief aufmachen,<br \/>\nbevor wir ihn vergraben oder verbrennen. Die Gefahr\u00a0bei diesem Verfahren ist, da\u00df wir einen zweiten\u00a0Brief bekommen und dann wieder vor demselben Problem\u00a0stehen. Bei der Menschenpost gehen schon mal Briefe\u00a0verloren, aber da\u00df das zweimal hintereinander\u00a0passiert, ist wenig wahrscheinlich. Beim zweiten Brief\u00a0m\u00fc\u00dften wir also irgendwie reagieren. Wir\u00a0haben nat\u00fcrlich noch eine andere M\u00f6glichkeit:\u00a0Wir machen diesen Brief auf und reagieren darauf.&#8220;<br \/>\nWeder Kulle noch B\u00e4rdel hatten eine Ahnung, wie\u00a0eine solche Reaktion aussehen k\u00f6nnte. Momentan\u00a0war diese Frage auch zweitrangig. Sie sahen sich an\u00a0und nickten sich zu. Der Brief w\u00fcrde ge\u00f6ffnet\u00a0werden, und zwar sofort.<br \/>\nKulle zerrupfte das Kuvert und zog einen einzelnen Bogen\u00a0Papier hervor. Er begann stumm zu lesen, aber B\u00e4rdel\u00a0knuffte ihn unsanft in die Flanke.<br \/>\n&#8222;Halt den Brief gef\u00e4lligst so, da\u00df ich\u00a0mitlesen kann, oder lies vor!<\/p>\n<p><strong><em>&#8222;Sehr geehrter Herr B\u00e4r,<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em>der Steuererkl\u00e4rung des Verbandes der Chemischen\u00a0Industrie aus 1996 haben wir entnommen, da\u00df Sie\u00a0von diesem Verband Geldmittel in H\u00f6he von\u00a0<span class=\"hilite\">DM 10 000 000,00\u00a0<\/span>erhalten haben. Bisher haben Sie diese Summe unseren\u00a0Unterlagen gem\u00e4\u00df nicht versteuert. Hiermit<\/em><\/strong><br \/>\n<strong><em> werden Sie aufgefordert, die steuerliche Veranlagung<\/em><\/strong><br \/>\n<strong><em> der o. g. Eink\u00fcnfte binnen einer Frist von 30\u00a0Tagen vorzunehmen. Es gilt das Datum des Poststempels.<\/em><\/strong><br \/>\n<strong><em> Im Auftrage<\/em><\/strong><br \/>\n<strong><em> Beutler<\/em><\/strong><br \/>\n<strong><em> Finanzinspektor&#8220;<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Hm!&#8220; brummte B\u00e4rdel. &#8222;Diese Menschen!&#8220;<\/p>\n<p>W\u00e4re B\u00e4rdel ein Mensch, h\u00e4tte er sicherlich\u00a0&#8222;Diese Schweine&#8220; gesagt. Er meinte den Verband\u00a0der Chemischen Industrie. Der hatte also damals, als\u00a0die Menschen B\u00e4renleben zu nahe r\u00fcckten,\u00a0weil Dehland in einer Wirtschaftskrise steckte, und\u00a0als B\u00e4rdel mit einem Trick Geld besorgte, mit\u00a0dessen Hilfe sie auf Distanz gehalten werden konnten\u00a0<a href=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/1996\/06\/menschenliebe\/\">(vgl. &#8222;Au\u00dferordentliches Beispiel&#8230;&#8220;)<\/a>\u00a0, die zehn Millionen nicht aus irgend einer schwarzen\u00a0Kasse genommen, sondern offiziell als Ausgaben verbucht.<br \/>\nRatlos sah er Kulle an. &#8222;Und? Was machen wir jetzt?&#8220;<br \/>\nKulle zerknautschte seine Fliege, so da\u00df ihm schlie\u00dflich\u00a0nur noch ein zerrupfter Stofffetzen um den Hals hing.<br \/>\nEin besseres Zeichen daf\u00fcr, da\u00df ihm auf\u00a0diese Frage keine Antwort einfiel, konnte es nicht\u00a0geben.<br \/>\n&#8222;Also B\u00e4renrat!&#8220; sagte B\u00e4rdel energisch.<br \/>\n&#8222;Und nicht erst heute Abend, zur gewohnten Stunde,\u00a0sondern sofort!&#8220;<br \/>\nKulle nickte wortlos und ging nach links. B\u00e4rdel\u00a0wandte sich deshalb nach rechts. Die anderen B\u00e4ren\u00a0und das Schwein mu\u00dften inzwischen aufgewacht<br \/>\nund ausgeschw\u00e4rmt sein. Wenn sie in entgegengesetzten\u00a0Halbkreisen auf B\u00e4renleben zugingen, w\u00fcrden\u00a0sie sie alle treffen.<br \/>\nEine halbe Stunde sp\u00e4ter war die Versammlung vollz\u00e4hlig.<br \/>\nUnruhiges Gemurmel f\u00fcllte die gro\u00dfe H\u00f6hle.\u00a0Alle sp\u00fcrten, da\u00df etwas Au\u00dferordentliches,\u00a0etwas Bedrohliches geschehen sein mu\u00dfte, wenn<br \/>\nsie zur besten Fr\u00fchst\u00fcckszeit vom Beerensammeln\u00a0abgehalten wurden.<br \/>\nB\u00e4rdel berichtete von dem Brief des Finanzamts\u00a0und erz\u00e4hlte f\u00fcr die J\u00fcngeren dessen\u00a0Vorgeschichte.<br \/>\n&#8222;Wir sind also entdeckt,&#8220; schlo\u00df er.<br \/>\n&#8222;Ich wei\u00df zwar nicht, wie das geschehen\u00a0konnte, aber B\u00e4renleben ist enttarnt. Wir k\u00f6nnen\u00a0noch eine Weile die Augen davor verschlie\u00dfen,\u00a0uns totstellen, indem wir zum Beispiel so tun, als\u00a0h\u00e4tten wir diesen Brief nie erhalten, aber es\u00a0wird ein zweiter Brief folgen, wie ich die Menschen\u00a0kenne. Und ein dritter. Danach kommt dann die Polizei,\u00a0die Krisenreaktionskr\u00e4fte, was wei\u00df ich.<br \/>\nDanach kommt der Tod.&#8220;<br \/>\nMelodramatische Auftritte hatten bisher nie zu B\u00e4rdels\u00a0Repertoire geh\u00f6rt. Um so beeindruckter war die\u00a0Versammlung von seinen letzten Worten. Ein langes Schweigen\u00a0folgte.<br \/>\n&#8222;K\u00f6nntet ihr&#8230;&#8220; das Schwein r\u00e4usperte\u00a0sich und entfernte den Klo\u00df aus seiner Kehle.<\/p>\n<figure style=\"width: 341px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/schwein.jpg\" width=\"341\" height=\"256\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Piggy<\/figcaption><\/figure>\n<p>&#8222;K\u00f6nnten wir denn nicht einfach bezahlen\u00a0und danach wieder unsere Ruhe haben?&#8220;<br \/>\n&#8222;K\u00f6nnen wir nicht!&#8220; antwortete Manfred.<br \/>\nDa er f\u00fcr die meisten Innovationen in B\u00e4renleben\u00a0verantwortlich war, die sich nicht s\u00e4mtlich mit\u00a0Hilfe von &#8222;Anleihen&#8220; bei den Menschen realisieren\u00a0lie\u00dfen, war er zum Schatzmeister des Dorfes ernannt\u00a0worden.<br \/>\n&#8222;Von der milden Gabe der chemischen Industrie damals\u00a0haben wir f\u00fcnf Mark auf unserem Konto gelassen \u2013\u00a0f\u00fcr alle F\u00e4lle, wie wir damals dachten.\u00a0Heute zeigt sich, da\u00df wir dabei mindestens einen\u00a0Fall vergessen haben. Dar\u00fcber hinaus liegen in\u00a0meiner Kasse einhundertundsieben Mark und zweiundf\u00fcnfzig\u00a0Pfennige, \u00fcber deren Herkunft ich im Moment keine\u00a0Rechenschaft geben kann.&#8220;<br \/>\nTrotz der angespannten Situation schmunzelten die B\u00e4ren \u2013 jeder wu\u00dfte, wie leicht es war, von einem zuf\u00e4lligen\u00a0Besuch in den H\u00e4usern der Menschen ein bisschen\u00a0Kleingeld mitzubringen.<br \/>\n&#8222;Abgesehen davon,&#8220; warf Kulle ein, &#8222;\u00e4nderte\u00a0eine Zahlung unsererseits nichts an der Tatsache, da\u00df\u00a0man uns entdeckt hat.&#8220; Er hatte seine Fliege wieder\u00a0gegl\u00e4ttet und schien sich ein wenig gefa\u00dft\u00a0zu haben.<br \/>\n&#8222;Was machen wir also?&#8220; Tumu bem\u00fchte sich\u00a0um Ruhe, aber ihre Stimme zitterte bei der Frage.<br \/>\n&#8222;Patria o muerte!&#8220; br\u00fcllte einer der\u00a0jungen B\u00e4ren pl\u00f6tzlich los. Er war ein intelligenter\u00a0Bursche, was Kulle veranla\u00dft hatte, ihm in seiner\u00a0freien Zeit ein paar Lektionen in kommunistischer Theorie\u00a0zu erteilen. Jetzt zog der Lehrer indigniert die Augenbrauen\u00a0hoch.<br \/>\n&#8222;Dummer Junge!&#8220; brummte er. &#8222;Kampf ist\u00a0nicht Selbstmord &#8211; ich dachte, ich h\u00e4tte dir das\u00a0beigebracht!&#8220;<br \/>\nDer Jungb\u00e4r sank in sich zusammen, und Schweigen\u00a0breitete sich aus.<br \/>\n&#8222;Was machen wir also?&#8220; Bei der Wiederholung\u00a0ihrer Frage zitterte Tumus Stimme noch st\u00e4rker,\u00a0aber sie fuhr tapfer fort.<br \/>\n&#8222;Ich wei\u00df jetzt, was wir alles nicht machen\u00a0k\u00f6nnen: Wir k\u00f6nnen uns nicht verstecken,\u00a0wir k\u00f6nnen nicht zahlen, und wir k\u00f6nnen nicht\u00a0k\u00e4mpfen. Was also k\u00f6nnen wir?&#8220;<br \/>\nWieder herrschte Schweigen, langes Schweigen.\u00a0Schlie\u00dflich quiekte das Schwein in die lastende\u00a0Stille: &#8222;Als die Menschen mich verfolgt haben\u00a0und mich aufessen wollten, da bin ich weggelaufen.\u00a0Bei euch habe ich Schutz gefunden. K\u00f6nnten wir\u00a0nicht alle zusammen weglaufen und bei irgend jemandem\u00a0Schutz finden?&#8220;<br \/>\nBrummen erf\u00fcllte die H\u00f6hle. Es war ein Brummen\u00a0der Nachdenklichkeit. Viele B\u00e4ren hatten dem Schwein,\u00a0dem politischen Asylanten, bisher lediglich h\u00f6fliche\u00a0Neutralit\u00e4t entgegengebracht. Aber das Schwein\u00a0schien gar nicht dumm zu sein. Vielleicht bedeutete\u00a0seine Idee die Rettung.<br \/>\n&#8222;Wohin denn weglaufen?&#8220; wollte ein alter griesgr\u00e4miger\u00a0B\u00e4r schlie\u00dflich wissen. Er konnte sich nicht\u00a0vorstellen, woanders als in B\u00e4renleben zu leben.<br \/>\nDie Frage schien einen Damm einzurei\u00dfen. Viele\u00a0B\u00e4ren unternehmen in ihren Tagtr\u00e4umen gerne\u00a0Fantasiereisen, und seit die B\u00e4renlebener Kontakt<br \/>\nzu den Menschen hatten, lasen sie mit Genu\u00df Reiseprospekte.\u00a0An attraktiven Zielen mangelte es also nicht.<br \/>\n&#8222;Auf die Malediven&#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;Nach Kanada&#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich wollte schon immer mal in die Namib&#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;Outback Australia, da findet uns niemand&#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;Lieber Neuseeland, das ist gleich nebenan&#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;Also ich&#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;Stop!&#8220;<br \/>\nDer Ruf kam gleichzeitig von Tumu, Manfred, Kulle und\u00a0B\u00e4rdel, und nur weil sie gleichzeitig schrien,\u00a0konnten sie sich gegen das Stimmenwirrwar durchsetzen.<br \/>\n&#8222;Stop!&#8220; sagte Kulle nochmals und sah seine\u00a0drei Mitrufer an, um die Stimmung zu testen. Tumu schaute\u00a0hoffnungslos, Manfred abenteuerlustig, B\u00e4rdel\u00a0resigniert.<br \/>\nKulle lie\u00df sich nichts anmerken, als er fortfuhr:<br \/>\n&#8222;In Outback Australia findet uns jeder, weil dort\u00a0keine B\u00e4ren leben. Ebensowenig in der Namib, in\u00a0Neuseeland oder auf den Malediven. Kanada ist schon\u00a0besser. Als erstes ist es also wichtig, uns ein Ziel\u00a0auszusuchen, und zwar ein realistisches. Also Kanada,\u00a0die USA, vielleicht die Karpaten. Ich nehme nicht an,\u00a0da\u00df wir noch einmal unser Gl\u00fcck in so enger\u00a0Tuchf\u00fchlung mit den Menschen versuchen wollen\u00a0wie hier. Das sind also die m\u00f6glichen Ziele. Damit\u00a0verbunden ist ein weiteres Problem, n\u00e4mlich das\u00a0des Transports. Wir m\u00fcssen \u00fcberlegen, wie\u00a0wir ein m\u00f6gliches Zielgebiet erreichen k\u00f6nnen.\u00a0Ich schlage deshalb vor, drei Arbeitsgruppen einzurichten,\u00a0und jeder B\u00e4r nimmt an einer teil:<\/p>\n<ul>\n<li>Nahrungssuche<\/li>\n<li>m\u00f6gliche Zielgebiete<\/li>\n<li>m\u00f6gliche Wege dorthin.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Gibt es andere Vorschl\u00e4ge?&#8220;<br \/>\nEs gab keine anderen Vorschl\u00e4ge, wohl aber zwei\u00a0Fragen.<br \/>\nDas Schwein wollte wissen, bei welcher Arbeitsgruppe\u00a0es mitarbeiten solle, und erhielt die Antwort, es k\u00f6nne\u00a0sich eine aussuchen.<br \/>\nTumu fragte besorgt, ob sie denn f\u00fcr ein solch\u00a0sorgf\u00e4ltiges Vorgehen gen\u00fcgend Zeit h\u00e4tten,\u00a0und B\u00e4rdel antwortete: &#8222;Sankt B\u00fcrokratius\u00a0arbeitet manchmal sorgf\u00e4ltig, aber immer langsam.&#8220;<br \/>\nTumu verstand die Antwort zwar nicht recht, aber weil\u00a0sie ihrem Mann vertraute, beruhigte sie sich.\u00a0Zwei Tage sp\u00e4ter traf sich die Sippe wieder in<br \/>\nder H\u00f6hle. Alle waren hungrig. Zwar hatte die\u00a0Arbeitsgruppe &#8222;Nahrungssuche&#8220; bis zur Ersch\u00f6pfung\u00a0gearbeitet, aber das Futter reicht einfach nicht aus,\u00a0wenn ein B\u00e4r zwei andere ern\u00e4hren mu\u00df.<br \/>\nDennoch beklagte sich niemand. Alle wu\u00dften, da\u00df\u00a0jetzt geistige Anstrengungen Vorrang hatten, wenn sie\u00a0es schaffen wollten, aus ihrer gef\u00e4hrlichen Lage\u00a0herauszufinden.<br \/>\nTumus beste Freundin, Dina, erstattete Bericht f\u00fcr\u00a0die AG &#8222;Zielgebiete&#8220;:<br \/>\n&#8222;Als Braunb\u00e4ren kommen f\u00fcr uns weder\u00a0extreme H\u00f6henlagen noch tropische Gebiete in Frage.\u00a0Ebenfalls sollte unser k\u00fcnftiges Siedlungsgebiet<br \/>\neine kleine Menschenpopulation aufweisen, um Problemen\u00a0wie denen, mit denen wir in B\u00e4renleben konfrontiert\u00a0sind, aus dem Weg zu gehen. Entsprechend diesen Kriterien\u00a0hat unsere Arbeitsgruppe sich n\u00e4her mit den Zielgebieten\u00a0Kanada, USA, Karpaten, Alpen und Pyren\u00e4en befa\u00dft.<\/p>\n<p>Kanada ist zweifellos das menschenleerste Territorium,\u00a0aber es gibt zunehmend ein Nahrungsproblem. Neben der\u00a0\u00fcblichen pflanzlichen Kost, die aufgrund der kurzen\u00a0Sommer recht beschr\u00e4nkt ist, mu\u00df man sich\u00a0als B\u00e4r \u00fcberwiegend von Lachsen ern\u00e4hren,&#8230;&#8220;&#8220;Igitt!&#8220; murmelte jemand aus dem Hintergrund,\u00a0&#8222;&#8230;aber aufgrund des menschlichen Raubbaus an\u00a0der Natur haben die Lachse extrem abgenommen. Wir w\u00fcrden\u00a0also in ein Hungerland ziehen.<br \/>\nIn den Alpen und den Pyren\u00e4en versuchen die Menschen\u00a0gerade ein Wiederansiedelungsprogramm f\u00fcr B\u00e4ren\u00a0und auch W\u00f6lfe &#8211; eigentlich also ideale Bedingungen.<br \/>\nLeider aber sind diese Gebirge in der Mitte Europas\u00a0zu dicht besiedelt. Es kommt immer wieder zu Auseinandersetzungen\u00a0mit Bauern, die sich nicht scheuen, ihr Gewehr zu gebrauchen.\u00a0Deshalb k\u00f6nnen wir diesen Siedlungsraum nicht\u00a0empfehlen.<br \/>\nDie Karpaten sind zwar recht menschenleer, es handelt\u00a0sich bei ihnen aber um ein politisch instabiles Gebiet.\u00a0Wir rechnen damit, da\u00df es dort in K\u00fcrze\u00a0zu kriegerischen Handlungen kommen wird.<br \/>\nBleiben die USA. Dort sind B\u00e4ren eine gesch\u00fctzte\u00a0Spezies &#8211; in den Nationalparks, aber auch in anderen\u00a0ausgewiesenen Gebieten. Das sind zwar begrenzte, aber\u00a0zum Teil riesige Territorien &#8211; die gesamten Rocky Mountains\u00a0zum Beispiel. Es gibt eine F\u00fclle einzelner gro\u00dfer\u00a0Gebirgsst\u00f6cke, an die 3000 Meter hoch und menschenleer,\u00a0in denen B\u00e4ren sich je nach Jahreszeit in unterschiedlicher\u00a0H\u00f6he aufhalten und ihre Bed\u00fcrfnisse befriedigen\u00a0k\u00f6nnen. Wenn man als B\u00e4r nicht gerade eine\u00a0M\u00fclltonne leert &#8211; was in Anbetracht der dortigen\u00a0b\u00e4rengesch\u00fctzten M\u00fclltonnen fast unm\u00f6glich\u00a0ist &#8211; oder ein Touristenzelt aufschlitzt, ist man dort\u00a0v\u00f6llig sicher und satt. Wir empfehlen die USA!&#8220;<br \/>\nDie Versammlung bedankte sich mit lautem Grunzen und\u00a0Brummen f\u00fcr die positive Nachricht. Nur B\u00e4rdel\u00a0schwieg skeptisch &#8211; er erinnerte sich nochgut an seine\u00a0USA-Reise <a href=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/1996\/07\/baerdel-meets-smokey\/\">(vgl. &#8222;B\u00e4rdel meetes Smokey the\u00a0Bear&#8220;).<\/a><br \/>\n&#8222;Tja!&#8220; sagte Tumu und nickte ihrer Freundin\u00a0zu. Bei der aktuellen Arbeitsteilung hatten haupts\u00e4chlich\u00a0die Frauen die Kopfarbeit \u00fcbernommen, in der Hoffnung,\u00a0da\u00df die kr\u00e4ftigeren M\u00e4nner hinreichend\u00a0Nahrung herbeischaffen w\u00fcrden. Nur Kulle hatte\u00a0sich dieser Arbeitsteilung verweigert, er war Mitglied\u00a0der AG &#8222;m\u00f6gliche Wege&#8220;. Aber Tumu legte\u00a0wert darauf, da\u00df sie diese Arbeitsgruppe leitete.<br \/>\n&#8222;Tja. Leider pa\u00dft unser Bericht nicht so\u00a0recht zu dem, was wir eben geh\u00f6rt haben. Ihr k\u00f6nnt\u00a0euch sicher denken, da\u00df wir uns Wanderrouten<br \/>\nin die Alpen, die Pyren\u00e4en und sogar die Karpaten\u00a0\u00fcberlegt haben. Realistische Routen, meiner Meinung\u00a0nach, auf denen wir nicht entdeckt worden w\u00e4ren\u00a0und genug zu fressen gefunden h\u00e4tten. Aber da\u00a0wollen wir ja nicht hin. Kanada, USA &#8211; f\u00fcr unsere\u00a0\u00dcberlegungen waren beide Ziele gleichwertig. Zwischen\u00a0uns und beiden L\u00e4ndern liegt Wasser, viel Wasser,<br \/>\nso viel Wasser, da\u00df wir es nicht durchschwimmen\u00a0k\u00f6nnen. Wir brauchten ein Schiff oder ein Flugzeug,\u00a0um dorthin zu kommen. Beides kostet Geld, und das haben\u00a0wir nicht.&#8220;<br \/>\nTumu holte tief Atem.<br \/>\n&#8222;Mir pers\u00f6nlich, und vielleicht auch vielen\u00a0oder allen anderen, erscheint die Empfehlung, in die\u00a0USA umzuziehen, plausibel. Aber ich wei\u00df nicht,\u00a0wie wir das bewerkstelligen sollten.&#8220;<br \/>\n&#8222;Es gab da mal einen Menschen namens Thor Heyerdahl,\u00a0der ist noch gar nicht so lange tot. Der hat ein Flo\u00df\u00a0aus Balsaholz gebaut und ist nach Westen gesegelt,\u00a0um zu beweisen&#8230;&#8220;<br \/>\nUnwillig unterbrach B\u00e4rdel seinen Sohn.<br \/>\n&#8222;Ja, Heyerdahl wollte beweisen, da\u00df eine\u00a0Schiffspassage \u00fcber den Atlantik mit bestimmten\u00a0einfachen Mitteln zu bew\u00e4ltigen ist. Er wollte\u00a0und er konnte nicht beweisen, da\u00df eine solche\u00a0Reise immer klappt. Das aber sollte uns wichtig sein \u2013\u00a0wir wollen schlie\u00dflich alle ankommen. Deshalb\u00a0ist die Methode Heyerdahl f\u00fcr uns indiskutabel.&#8220;<br \/>\nManfred f\u00fchlte zwar die mentale Ohrfeige, gab aber\u00a0nicht auf.<br \/>\n&#8222;Hijacking?&#8220;<br \/>\n&#8222;Death sentence?&#8220; hackte B\u00e4rdel.<br \/>\n&#8222;Was hei\u00dft das denn?&#8220;<br \/>\n&#8222;Wenn man mit illegalen beziehungsweise \u00e4u\u00dferst\u00a0fragw\u00fcrdigen Methoden in die USA einreisen will,\u00a0sollte man zumindest wissen, was &#8218;Todesstrafe&#8216; hei\u00dft,&#8220;\u00a0knurrte B\u00e4rdel.<br \/>\n&#8222;Schlu\u00df jetzt!&#8220; mischte Tumu sich energisch\u00a0ein. &#8222;Ein Familienkrach ist wohl das letzte, was\u00a0wir jetzt gebrauchen k\u00f6nnen. Aber B\u00e4rdel\u00a0hat Recht, abenteuerliche, risikoreiche Methoden sind\u00a0f\u00fcr uns garantiert ungeeignet.&#8220; Nach einer\u00a0Denkpause fuhr sie fort: &#8222;Wenn uns alleine keine\u00a0L\u00f6sung einf\u00e4llt, sollten wir \u00fcberlegen,\u00a0ob wir jemanden kennen, der uns vielleicht helfen kann!&#8220;<br \/>\n&#8222;Zum Beispiel dieser alte Kotzbrocken!&#8220; schimpfte\u00a0eine alte B\u00e4rin vor sich hin.<br \/>\nZuerst wu\u00dfte niemand, wen sie meinte. Aber dann\u00a0kam die Erinnerung &#8211; die Alte hatte damals bis zur\u00a0Ersch\u00f6pfung gearbeitet, gekocht, gebacken, gefegt,\u00a0ein luxuri\u00f6ses Bett aufgeschlagen &#8211; alles umsonst.<br \/>\nDamals, als Grizzy B\u00e4renleben besuchte (<a href=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/1998\/09\/baerenbesuch\/\">vgl. &#8222;B\u00e4renbesuch&#8220;<\/a>).<br \/>\nGrizzy, der Grizzly, der einen Plan zur Vernichtung\u00a0der Menschen verfolgte und sich stoisch gab, der aber\u00a0Tumus unb\u00e4ndigem Lebenswillen unterlag und seine\u00a0Aktivit\u00e4ten einstellte. Grizzy, der seit seinem\u00a0Besuch bei ihnen verschwunden war, obwohl sie ihn\u00a0eingeladen hatten, bei ihnen zu bleiben.<br \/>\n&#8222;Wei\u00df eigentlich jemand, wo der Klugschei\u00dfer\u00a0ist?&#8220; brummte die Alte.<br \/>\n&#8222;Nein!&#8220; sagten Kulle und Manfred im Chor.<br \/>\nWenn jemand wissen k\u00f6nnte, wo sich Grizzy aufhielt,\u00a0dann sie. Sie hatten genau recherchiert, aber Grizzy\u00a0hatte keine Web-Adresse mehr, gab keine Interviews,\u00a0nahm nicht mehr an internationalen Konferenzen teil.<br \/>\nEr schien wie vom Erdboden verschluckt. Nur Dina hatte\u00a0eine Vision, sah kurz ein Bild vor Augen: Grizzy sa\u00df\u00a0in der Abendd\u00e4mmerung auf der Dritten Mesa und\u00a0malte ein Sandbild. Mitten unter den Hopi war er nach\u00a0Navajoart in <i>hozro<\/i>, in Einklang mit sich und der Natur.<br \/>\nSie behielt die Erscheinung f\u00fcr sich &#8211; dieser\u00a0meditierende B\u00e4r war wohl gl\u00fccklich, aber\u00a0keine Hilfe f\u00fcr B\u00e4renleben.<br \/>\nSchweigen breitete sich aus. Wenn Hilflosigkeit einen\u00a0Geruch hatte, dann war die H\u00f6hle erf\u00fcllt\u00a0von ihrem Gestank.<\/p>\n<p><center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/schwein.jpg\" alt=\"Das Schwein\" width=\"384\" height=\"256\" \/><\/center>&#8222;Quiek!&#8220; sagte das Schwein endlich. Ihm war\u00a0unbehaglich zumute \u2013 Schweine sind schrecklich sensibel.<br \/>\nDie Steckdosenschnauze zuckte aufgeregt, die wenigen\u00a0Haare waren gestr\u00e4ubt, der Ringelschwanz hatte\u00a0sich ganz eng zusammengezogen. Es konnte die resignative\u00a0Stille nicht l\u00e4nger ertragen. Seiner Meinung nach<br \/>\nwar es Zeit f\u00fcr ein bisschen Entspannung, vielleicht\u00a0auch Hilfe.<br \/>\n&#8222;Wi\u00dft ihr, ich f\u00fchle mich wohl hier\u00a0in B\u00e4renleben, unter B\u00e4ren. Ich will immer\u00a0bei Euch bleiben!&#8220;<br \/>\nDie Aussage wurde mit vereinzeltem zustimmendem Gebrumm<br \/>\nkommentiert, das dem Schwein Mut machte. B\u00e4ren\u00a0lassen sich gerne schmeicheln.<br \/>\n&#8222;Ihr seid so \u2013 gem\u00fctlich. Viel gem\u00fctlicher\u00a0als andere. Glaubt mir, ich kann das beurteilen. Ich\u00a0kenne n\u00e4mlich viele Tiere, haupts\u00e4chlich\u00a0nat\u00fcrlich Schweine. Aber auch andere. In meiner\u00a0Jugend war ich in einem Streichelzoo. Wi\u00dft Ihr,<br \/>\nwas ein Streichelzoo ist?&#8220;<br \/>\nDie meisten B\u00e4ren wu\u00dften es nicht und verlangten\u00a0nach einer Erkl\u00e4rung. Das Schwein schien ein M\u00e4rchen\u00a0erz\u00e4hlen zu wollen, und sie lie\u00dfen sich<br \/>\nnur zu gerne f\u00fcr eine Weile von den unangenehmen\u00a0Problemen der Wirklichkeit ablenken. Nur Kulle runzelte\u00a0\u00e4rgerlich die Stirn und \u00f6ffnete schon den\u00a0Mund, um zu unterbrechen, aber im letzten Moment fing\u00a0er einen Blick von B\u00e4rdel auf und schlo\u00df\u00a0ihn wieder.<br \/>\n&#8222;Ein Streichelzoo ist eine Abteilung in einem Zoo,\u00a0in der viele verschiedene junge Tiere leben. Tags\u00fcber\u00a0werden die Tiere auf eine Wiese geschickt, und die\u00a0Kinder der Menschen kommen, um die Tiere zu streicheln \u2013\u00a0oder das zu machen, was sie unter Streicheln verstehen.\u00a0Dabei gibt es so manchen blauen Fleck!&#8220;<br \/>\nDie B\u00e4ren knurrten zornig, aber das Schwein winkte\u00a0ab.<br \/>\n&#8222;Wir wollen jetzt nicht schon wieder \u00fcber\u00a0Menschen reden \u2013 sie sind eben entweder dumm oder grausam!<br \/>\nDer Vorteil dieses Streichelzoos war, da\u00df ich\u00a0viele verschiedene Tiere kennenlernen konnte \u2013 Ziegen,\u00a0Hasen, H\u00fchner und sogar einen Gorilla!&#8220;<\/p>\n<p><center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/bobbo.jpg\" alt=\"Bobbo\" width=\"373\" height=\"269\" \/><\/center>&#8222;Der wohnt doch in Afrika!&#8220; brummte eine junge\u00a0B\u00e4rin ungl\u00e4ubig.<br \/>\n&#8222;Stimmt, der lebt eigentlich in Afrika. Aber die\u00a0Menschen, die Zoos einrichten, nehmen auf so etwas\u00a0keine R\u00fccksicht. Jedenfalls, die Ziegen waren\u00a0zickig und wollten mich immer auf die H\u00f6rner nehmen,\u00a0die Hasen liefen st\u00e4ndig vor mir weg, und die\u00a0H\u00fchner hackten nach mir. Keiner war gem\u00fctlich,\u00a0so wie ihr, auch nicht der Gorilla. Der wollte dauernd\u00a0mit mir boxen. Trotzdem habe ich mich mit ihm angefreundet.<br \/>\nWir haben neben den Boxk\u00e4mpfen \u00fcber meine\u00a0Zukunft als Koteletts geredet, und er hat mir Gorillam\u00e4rchen\u00a0erz\u00e4hlt (<a href=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/1993\/03\/grimmis-buch-vom-gorillasee\/\">(vgl. &#8222;Grimmis Buch vom Gorillasee&#8220;)<\/a>).<br \/>\nEs hat einmal eine Zeit gegeben, in der die Gorillas\u00a0von den Menschen bedroht wurden. Alles sah so aus,\u00a0als w\u00fcrden sie ausgerottet. Aber eine sagenhafte\u00a0riesige Fr\u00f6schin hat sie gerettet, die Menschen\u00a0vernichtet und schlie\u00dflich eine neue Welt geschaffen.&#8220;<br \/>\nJetzt platzte Kulle endg\u00fcltig der Kragen.\u00a0&#8222;Welch ein Unsinn! M\u00e4rchen, sch\u00f6n und\u00a0gut! Aber die Welt ist wissenschaftlich beherrschbar,\u00a0nur wissenschaftlich, das erz\u00e4hle ich Euch seit\u00a0Jahren! Riesige Fr\u00f6schinnen, die eine neue Welt\u00a0schaffen! Pah! Der fl\u00fcchtige Rauch einer Zigarre<br \/>\n<a href=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/1996\/10\/kulles-dissertation\/\">(vgl. &#8222;De rerum tabbaccorum&#8220;)<\/a> ist realistischer\u00a0als das! Schlu\u00df mit dem Unsinn! La\u00dft uns\u00a0lieber \u00fcberlegen, wie wir Geld besorgen \u2013 in der\u00a0Welt der Derivate, der sogenannten Wertsch\u00f6pfung\u00a0aus dem Nichts, der Welt des Computerhandels und der\u00a0Fakes d\u00fcrfte das doch keine un\u00fcberwindliche<br \/>\nSchwierigkeit darstellen! Manfred kann bestimmt&#8230;&#8220;<br \/>\nJeder Satz ein Ausrufezeichen, aber trotzdem wurde Kulle\u00a0gebremst, und zwar ausgerechnet durch Manfred. B\u00e4rdel\u00a0hatte schon tief Luft geholt, aber er brauchte gar\u00a0nichts zu sagen.<br \/>\n&#8222;Moment mal!&#8220; meinte Manfred nachdenklich.<br \/>\n&#8222;Ich kenne die Story, die das Schwein erz\u00e4hlt.\u00a0Das mu\u00df ein alter Gorillamythos sein. Ich habe\u00a0ihn im Internet gefunden, herausgegeben von einem w\u00fcrdigen\u00a0Silberr\u00fccken namens Grimmi Gorilla. Ich glaube\u00a0nicht, da\u00df der alte Herr schwindelt. Wollt Ihr\u00a0die Geschichte lesen?&#8220;<br \/>\nNat\u00fcrlich wollten sie. Zwar war es inzwischen sp\u00e4ter\u00a0Abend, und sie hatten nichts gegessen, aber kein B\u00e4r\u00a0kann einer Geschichte widerstehen, schon gar nicht\u00a0einer guten. Also installierte Manfred flugs seinen\u00a0gr\u00f6\u00dften Monitor, lud die Geschichte, und\u00a0dann lasen, sahen und h\u00f6rten sie. Stundenlang,<br \/>\nbis helles Sonnenlicht in die H\u00f6hle sickerte.<br \/>\nDennoch schien kein B\u00e4r m\u00fcde zu sein, und\u00a0auch das Schwein hielt seine \u00c4uglein tapfer weit\u00a0offen.<br \/>\n&#8222;Und das soll stimmen?&#8220; fragte Tumu endlich\u00a0skeptisch.<br \/>\n&#8222;Ob es stimmt oder nicht, kann uns egal sein,&#8220;\u00a0sagte Manfred. &#8222;Diese Tussi hat zur L\u00f6sung\u00a0aller Probleme eine neue Welt geschaffen, eine Welt\u00a0ohne Menschen, aber voll von Schlampanski \u2013 was immer\u00a0das auch ist. Wir leben jedoch leider in einer Welt\u00a0mit Menschen. Also lebt Tussi in einer anderen Dimension\u00a0als wir, also kann sie uns nicht helfen.&#8220;<br \/>\n&#8222;<span class=\"hilite\">Ach ja, Stinker?<\/span>&#8220;<br \/>\nDirekt vor dem Monitor, den sie v\u00f6llig verdeckte,\u00a0sa\u00df pl\u00f6tzlich eine riesige Fr\u00f6schin,\u00a0deren Farben st\u00e4ndig zu wechseln schienen \u2013 bald\u00a0hatte sie einen gr\u00fcnen R\u00fccken mit gelbem\u00a0Bauch, einen Moment sp\u00e4ter schien sie schwarz<br \/>\nund wei\u00df gefleckt zu sein. Unver\u00e4ndert starr\u00a0aber sah sie Manfred aus dreieckig geschlitzten Pupillen\u00a0an.<br \/>\nNoch starrer als der Blick waren die B\u00e4ren.<br \/>\n&#8222;Puh!&#8220; sagte die Fr\u00f6schin. &#8222;Ich\u00a0bin von den Gorillas zwar einiges gewohnt, aber Ihr\u00a0stinkt noch besser, das mu\u00df ich zugeben. Ich\u00a0schick Euch demn\u00e4chst mal einige meiner Kinder\u00a0zur Darmreinigung vorbei, die k\u00f6nnen das hervorragend \u2013\u00a0habt ihr ja gerade gelesen. Im \u00dcbrigen seid\u00a0Ihr ziemlich kleinkariert \u2013 glaubt Ihr ernsthaft, da\u00df\u00a0jemand, der den guten alten Christengott nach Strich\u00a0und Faden fertigmacht, nur in einer Welt zu Hause ist?<br \/>\nUnd Du&#8220; \u2013 jetzt fixierte sie Kulle \u2013 &#8222;Dir\u00a0will ich mal speziell was sagen. Die Antiquiertheit\u00a0des Menschen \u2013 und auch des B\u00e4ren, hihi \u2013 l\u00e4\u00dft\u00a0eine rein rationale Erfassung der Welt nicht zu. Punktum.\u00a0Abgesehen davon, da\u00df ich meinerseits eine rein\u00a0rationale Erfassung der Welt nicht zulassen will. Will,\u00a0verstehst Du? Die Welt als Wille und Vorstellung&#8230;\u00a0So, genug der Grundsatzerkl\u00e4rungen. Die Menschen\u00a0haben Euch entdeckt, Ihr m\u00fc\u00dft hier weg.\u00a0Ich helfe Euch. Wollt Ihr in die Neue Welt, oder wollt\u00a0Ihr blo\u00df einen Lift?&#8220;<br \/>\nUnter dem Worthagel kr\u00fcmmten sich die B\u00e4ren\u00a0zusammen. Kulle hatte sich zu einer vollkommenen Kugel\u00a0gerollt, B\u00e4rdel streckte lediglich den Kopf hervor\u00a0und kam sich dabei ungeheuer mutig vor, Manfred hielt\u00a0die Augen geschlossen und tastete blind nach irgendeinem\u00a0Knopf zum Ausschalten. Alte und junge B\u00e4rinnen\u00a0und B\u00e4ren bildeten im Hintergrund der H\u00f6hle<br \/>\nzwei schwer entwirrbare Kn\u00e4uel. Nur Tumu und Dina\u00a0wagten es, in die dreieckigen Pupillen zu blicken.<br \/>\n&#8222;Du bist&#8230;?&#8220;<br \/>\n&#8222;Tussi, wer sonst?&#8220;<br \/>\n&#8222;Du bist wirklich?&#8220;<br \/>\nDie riesige Fr\u00f6schin wurde ungeduldig.\u00a0&#8222;Wenn ihr wollt, k\u00f6nnt Ihr mich ja kneifen.\u00a0Ich hab nicht ewig Zeit. Drau\u00dfen, da, wo ich\u00a0jetzt sein sollte, vergeht gerade eine Ewigkeit. Also\u00a0beeilt Euch. Ich brauche eine Entscheidung. Neue oder\u00a0alte Welt?&#8220;<br \/>\nTumu tastete nach Dinas Hand und f\u00fchlte einen Druck.<br \/>\nSie wu\u00dfte nicht genau, was der bedeuten sollte,\u00a0aber mit einer Sicherheit, die sie selbst \u00fcberraschte,\u00a0sagte sie: &#8222;Alte Welt.&#8220;<br \/>\n&#8222;Na gut!&#8220; sagte Tussi. &#8222;Des B\u00e4ren\u00a0Wille ist sein Himmelreich. Wann soll ich Euch abholen?\u00a0Ich sch\u00e4tze, zwei Wochen Zeit habt Ihr bestimmt.&#8220;<br \/>\nTumu fragte nicht nach, was &#8218;abholen&#8216; hie\u00df. Auch\u00a0wollte sie kein Risiko eingehen.<br \/>\n&#8222;In drei Tagen,&#8220; antwortete sie.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/tussi1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-39\" src=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/tussi1-300x216.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"216\" srcset=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/tussi1-300x216.jpg 300w, https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/tussi1.jpg 365w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><center><\/center>Tussi nickte wortlos und verschwand.<br \/>\nAllm\u00e4hlich erwachten die B\u00e4ren aus ihrer Starre.<br \/>\nDie meisten kamen aber nicht zu Bewu\u00dftsein, sondern\u00a0grunzten nur und verfielen sofort in den wohl verdienten\u00a0Schlaf.<br \/>\nAm dritten Tag hatten alle ihre Habseligkeiten gepackt.<br \/>\nAls sie am Morgen aus der H\u00f6hle trotteten, betrachteten\u00a0sie staunend das gl\u00e4nzende Tussimobil, das davor\u00a0parkte.<br \/>\nTussi sa\u00df hinter der Steuerkonsole.<br \/>\n&#8222;Where to?&#8220; fragte sie und spielte mit den\u00a0Hebeln.<br \/>\n&#8222;In die USA&#8220;, sagte Tumu und wagte sich entschlossen\u00a0als erste in das unbekannte Gef\u00e4hrt. Zun\u00e4chst\u00a0z\u00f6gernd, dann aber immer weniger zur\u00fcckhaltend\u00a0folgten ihr die anderen B\u00e4renlebener. B\u00e4rdel\u00a0vergewisserte sich, da\u00df alle in dem glitzernden\u00a0Ding verschwunden waren, und stieg als letzter ein.\u00a0Innen war Tussis Gef\u00e4hrt viel ger\u00e4umiger,\u00a0als es von au\u00dfen aussah \u2013 es bot Platz f\u00fcr\u00a0eine gem\u00fctliche H\u00f6hle, neben der ein Bach<br \/>\npl\u00e4tscherte. Alles, was B\u00e4renm\u00e4gen begehren\u00a0konnten, wuchs in ungewohnter F\u00fclle auf engem\u00a0Raum. Selbst ein extra Eichelberg f\u00fcr das Schwein\u00a0war liebevoll in einer Ecke aufgeh\u00e4ufelt worden.<br \/>\nAlle B\u00e4ren brummten begeistert und machten es\u00a0sich gem\u00fctlich, ohne der Angelegenheit auf den\u00a0Grund gehen zu wollen. Manfred konnte seine Neugierde\u00a0jedoch nicht bez\u00e4hmen.<br \/>\n&#8222;Tussi&#8220;, sagte er, &#8222;entschuldige bitte,\u00a0aber mir ist aufgefallen, da\u00df dieses Ding hier\u00a0innen viel gr\u00f6\u00dfer ist als au\u00dfen. Das\u00a0widerspricht physikalischen Gesetzen. Du mu\u00dft\u00a0wissen, da\u00df ich mich sehr f\u00fcr Naturwissenschaften&#8230;&#8220;<br \/>\nTussi sagte nur: &#8222;Sp\u00e4ter!&#8220;, ohne den\u00a0Kopf zu wenden, w\u00e4hrend sie sich auf andere Probleme\u00a0konzentrierte. &#8222;H\u00e4tte Dich beinahe weggedacht,<br \/>\nhihi! Wollte ich gar nicht. Habe jetzt aber keine Zeit\u00a0f\u00fcr ABC-Sch\u00fctzen-Fragen. Was meint deine\u00a0Mutter \u00fcbrigens, wenn sie USA sagt? New Jack?&#8220;<br \/>\nWas oder wo, verflixt, war &#8222;New Jack&#8220;? Manfred\u00a0hatte keine Ahnung.<br \/>\n&#8222;Ich denke, meine Mutter m\u00f6chte dahin, wo\u00a0wir B\u00e4ren leben k\u00f6nnen&#8220;, sagte er schlicht.<br \/>\n&#8222;Na gut, New Jack lassen wir ausfallen, hihi. Rockies?\u00a0Darauf spekuliert ihr wohl, was? Nee, machen wir auch\u00a0nicht. Zu voll. Da leben schon zu viele andere B\u00e4ren,\u00a0nette Kerle \u00fcbrigens, und abgesehen davon seid\u00a0ihr f\u00fcr diese Gegend zu verweichlicht. Bei f\u00fcnf\u00a0Meter Schnee innerhalb von zwei Tagen kommt ihr doch\u00a0vermutlich zu dem Schlu\u00df, der j\u00fcngste Tag\u00a0sei gekommen, oder?&#8220;<br \/>\nManfred mu\u00dfte gegen seinen Willen nicken, und\u00a0Tussi fuhr befriedigt fort.<br \/>\n&#8222;Sag ich doch. Wir lassen die Sache also ein bi\u00dfchen\u00a0niedriger angehen, und ein bi\u00dfchen leerer. Ich\u00a0dachte an Utah. D\u00fcnn besiedelter Staat mit hohem\u00a0Bev\u00f6lkerungswachstum, aber trotzdem genau das\u00a0richtige f\u00fcr euch. Derzeit cirka 1,8 Millionen\u00a0Menschen auf 212.000 Quadratkilometern, wenn Du&#8217;s genau\u00a0wissen willst. Jede Menge Nationalparks, National Monuments,<br \/>\nWilderness Areas, Primitive Areas, Wildlife Reserves.<br \/>\nTendenz eher steigend. Alles so zwischen 700 und gut\u00a03000 Metern hoch. Arides Klima: kalte Winter, hei\u00dfe\u00a0Sommer. Wasser ist manchmal ein Problem, aber nicht\u00a0in den Bergen, und die Berge sind einsam. Einverstanden?&#8220;<br \/>\nManfred sah sich um. Kein B\u00e4renlebener k\u00fcmmerte\u00a0sich um ihn oder Tussi. Hinter seinem R\u00fccken fand\u00a0ein Festmahl statt, von dem er bisher nichts bemerkt\u00a0hatte. Jetzt allerdings stiegen auch ihm verf\u00fchrerische\u00a0D\u00fcfte in die Nase &#8211; hei\u00dfe Brombeeren mit\u00a0Honigso\u00dfe, der Vanille zugesetzt worden war,\u00a0konnten jeden B\u00e4ren um den Verstand bringen, beinahe\u00a0auch ihn selbst. Aber er nahm sich zusammen.<br \/>\n&#8222;In B\u00e4renleben treffen wir alle wichtigen\u00a0Beschl\u00fcsse gemeinsam, das habe ich von meinem\u00a0Vater gelernt!&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich wei\u00df!&#8220; sagte Tussi. &#8222;Aber\u00a0ihr seid nicht mehr und noch nicht wieder in B\u00e4renleben.\u00a0Du mu\u00dft jetzt entscheiden, du allein. Genau so\u00a0allein, wie ich immer entscheide.&#8220;<br \/>\n&#8222;Einverstanden!&#8220; Manfred wu\u00dfte, da\u00df\u00a0er nichts entschieden, sondern sich einem vorgefa\u00dften\u00a0Entschlu\u00df Tussis gebeugt hatte. Er bemerkte,\u00a0da\u00df das Tussimobil das wei\u00dfe Licht verlie\u00df,\u00a0in dem es w\u00e4hrend ihrer Unterhaltung verharrt\u00a0hatte. Blauer Himmel \u00fcber vereinzelten wei\u00dfen\u00a0Wolken wurde sichtbar. Das Gef\u00e4hrt sank schnell\u00a0tiefer, tauchte durch Kumuli und steuerte auf einen\u00a0imposanten Gebirgsstock zu. Als es inmitten eines Birkenhaines<br \/>\nzum Stillstand kam, sp\u00fcrte Manfred keinen Bodenkontakt,\u00a0aber er wu\u00dfte, da\u00df sie gelandet waren.<br \/>\n&#8222;Das sind \u00fcbrigens keine Birken, sondern Aspen&#8220;,\u00a0sagte Tussi, die m\u00fchelos seine Gedanken las. &#8222;Macht\u00a0nichts \u2013 auf den ersten Blick ist manches hier genauso\u00a0oder aber ganz anders als in Dehland. Das meiste ist\u00a0\u00e4hnlich, das wirst du merken. Aber ihr wolltet\u00a0es ja so haben. Keine New World, sondern nur einen\u00a0Lift.&#8220;<br \/>\nTussi \u00f6ffnete die Luke \u2013 oder wie sonst nannte\u00a0man die T\u00fcr\u00f6ffnung eines Tussimobils? \u2013 und\u00a0h\u00fcpfte auf eine sattgr\u00fcne Waldwiese. Ihre\u00a0Passagiere taten es ihr nach und purzelten in die neue\u00a0Heimat, die meisten \u00e4u\u00dferst ungeschickt,\u00a0weil sie sich \u00fcberfressen hatten. B\u00e4rdel\u00a0gab sich M\u00fche, gemessenen Schrittes auszusteigen,\u00a0aber irgendwie verhedderte auch er sich und stolperte.<br \/>\nTussi beobachtete das alles schmunzelnd.<br \/>\n&#8222;Okay, here we are. Die Sprache werdet ihr hoffentlich\u00a0ohne mich lernen. Manches andere ist ein bi\u00dfchen\u00a0komplizierter. Er wird euch helfen. Ich lasse ihn da.\u00a0Das meiste, was ihr braucht, kann er euch beibringen.&#8220;<br \/>\nTussi griff sich an die H\u00fcfte. B\u00e4rdel hatte\u00a0den Eindruck, da\u00df sie einen Rei\u00dfverschlu\u00df\u00a0an ihrem K\u00f6rper aufzog, aber das konnte nat\u00fcrlich<br \/>\nnicht sein. Das Ger\u00e4usch jedenfalls war \u00e4hnlich,\u00a0und als es verklungen war, hockte ein ziemlich kleiner\u00a0Frosch, der aus einer blauen Blase zu kommen schien,\u00a0vor ihm und l\u00e4chelte ihn sch\u00fcchtern an. Abgesehen\u00a0von einem gelben Bauch war er leuchtend gr\u00fcn.<\/p>\n<div style=\"width: 640px;\" class=\"wp-video\"><video class=\"wp-video-shortcode\" id=\"video-401-1\" width=\"640\" height=\"360\" preload=\"metadata\" controls=\"controls\"><source type=\"video\/mp4\" src=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/Frosch.mp4?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/Frosch.mp4\">https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/Frosch.mp4<\/a><\/video><\/div>\n<p><center><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/ramses1.jpg\" width=\"480\" height=\"360\" \/><\/center>Au\u00dfer den B\u00e4ren, dem Schwein und dem kleinen\u00a0Frosch war pl\u00f6tzlich nichts mehr auf der Wiese.<br \/>\nTussi und ihr Tussimobil waren verschwunden. B\u00e4rdel\u00a0hatte es aufgegeben, sich \u00fcber irgend etwas zu\u00a0wundern. Er besah sich den kleinen Kerl genauer und\u00a0begr\u00fc\u00dfte ihn zwar distanziert, aber mit\u00a0freundlichem Brummen.<br \/>\n&#8222;Guten Tag&#8220;, sagte er.<br \/>\n&#8222;Guten Tag!&#8220; antwortete der kleine Frosch.<br \/>\nSein L\u00e4cheln wurde breiter. &#8222;Guten Tag! Ich\u00a0hei\u00dfe Ramses.&#8220;<br \/>\nBevor B\u00e4rdel antworten konnte, sp\u00fcrte und\u00a0h\u00f6rte er hinter sich eine Bewegung. Etwas n\u00e4herte\u00a0sich, tastend, stolpernd, aber beharrlich. Anscheinend\u00a0war einer von Tussis Passagieren aus seiner postgourmandisen\u00a0Lethargie erwacht und schickte sich jetzt an, seine\u00a0neue Heimat zu begr\u00fc\u00dfen. Oder sich zu \u00fcbergeben.\u00a0B\u00e4rdel wunderte sich \u00fcber sich selbst. Sarkastische\u00a0Gedanken waren sonst nicht seine Sache. Sie waren ein\u00a0Zeichen daf\u00fcr, da\u00df er sich \u00fcberfordert\u00a0f\u00fchlte. Mit der rechten Tatze strich er sich \u2013\u00a0konsequent im Gegenuhrzeigersinn \u2013 \u00fcber den Solarplexus\u00a0und dachte dabei im Uhrzeigersinn an gar nichts. Das\u00a0seit Urzeiten tradierte B\u00e4renberuhigungsmittel\u00a0half \u2013 als er sich nach der Quelle der Bewegung umsah,\u00a0war er v\u00f6llig entspannt und keineswegs \u00fcberrascht,\u00a0Kulle zu sehen.<br \/>\n&#8222;Ramses!&#8220; Kulle war vollgefressen und aus\u00a0dem Gleichgewicht geraten, deshalb klang seine Stimme\u00a0heiser und schrill. &#8222;Ramses!&#8220; Kulle wollte<br \/>\nkichern, produzierte aber nur ein ersticktes Kieksen.<br \/>\n&#8222;Ramses! Welcher denn?&#8220; Kulle mu\u00dfte\u00a0husten und schluckte angestrengt, weil es ihm offenbar\u00a0ein Bed\u00fcrfnis war weiterzusprechen.<br \/>\n&#8222;Welcher denn? Ramses I., 1292 &#8211; 90 vuZ., Begr\u00fcnder\u00a0der 19. Dynastie, General und Wesir des kinderlosen\u00a0Horemheb? Oder Ramses II., manchmal genannt der Gro\u00dfe,\u00a01279 &#8211; 13, \u00fcbrigens die zweitl\u00e4ngste Regierungszeit<br \/>\n\u00e4gyptischer Pharaos \u00fcberhaupt? Falls du das\u00a0bist, kannst du mir bestimmt einiges \u00fcber deine\u00a0Kriege gegen die Hethiter und Libyer erz\u00e4hlen \u2013 die Geschichtsb\u00fccher sind da sehr z\u00fcr\u00fcckhaltend.\u00a0Vielleicht bist du aber auch Ramses III., der&#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;Schlu\u00df!&#8220; sagte B\u00e4rdel. &#8222;Schlu\u00df.<br \/>\nSchlu\u00df. Schlu\u00df. Ich bezweifle nicht, und\u00a0unser junger neuer Freund wird bald meiner Meinung\u00a0sein, da\u00df du uns auch noch etwas \u00fcber die\u00a0Ramsesse Nummer Vier-bis-ich-wei\u00df-nicht-wieviel\u00a0erz\u00e4hlen kannst, aber erstens wollen wir das in\u00a0diesem Moment nicht wissen, und zweitens finde ich,\u00a0da\u00df jetzt nicht die Zeit f\u00fcr eine deiner\u00a0ich-bin-ein-wissenschaftlich-gebildeter-B\u00e4r Einsch\u00fcchterungsshows\u00a0ist. Wir sind gerade auf einem uns unbekannten Kontinent\u00a0gelandet und sollten uns vern\u00fcnftiger benehmen\u00a0als Kolumbus. Wie w\u00e4re es, wenn du das neue Mitglied\u00a0unserer Gemeinschaft einfach mal ganz schlicht begr\u00fc\u00dftest?&#8220;<br \/>\nKulle schaute verwirrt drein, aber der Frosch blickte\u00a0heiter in die Gegend. Er strahlte Kulle geradezu an.<br \/>\n&#8222;Ich bin Ramses&#8220;, sagte er. &#8222;Einfach\u00a0nur Ramses. Und du mu\u00dft Kulle sein. Ich erkenne\u00a0dich an der Fliege. Tussi hat mich vor dir gewarnt.\u00a0Bestimmt hat sie Grund dazu, aber ich finde dich nett.\u00a0\u00dcber diesen Horemheb zum Beispiel m\u00fcssen\u00a0wir noch mal ausf\u00fchrlich diskutieren \u2013 schlie\u00dflich\u00a0hat er den alten Kult der Naturgottheiten wieder eingef\u00fchrt,\u00a0und Fr\u00f6sche haben&#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;Schluuuusss!&#8220; B\u00e4rdel sp\u00fcrte, wie\u00a0die beruhigende Wirkung seiner Solarplexusmassage sich\u00a0in Nichts aufl\u00f6ste. Aus den Augenwinkeln beobachtete\u00a0er, da\u00df sich inzwischen ganz B\u00e4renleben\u00a0um Kulle und Ramses versammelt hatte. Die meisten hatten\u00a0staunend den Mund ge\u00f6ffnet, denn sie wu\u00dften\u00a0nicht, da\u00df es neben Tussi noch einen Frosch gab,\u00a0der sprechen konnte.<br \/>\n&#8222;Schlu\u00df!&#8220; sagte er energisch zum f\u00fcnften\u00a0Mal. &#8222;Zumindest vorerst: Schlu\u00df. \u00dcber\u00a0diesen Haremskerl k\u00f6nnt Ihr Euch sp\u00e4ter streiten.\u00a0Jetzt ist Zeit f\u00fcr eine offizielle Vorstellung.&#8220;<br \/>\nEr trat zwei Schritte zur\u00fcck. &#8222;Das ist Ramses,\u00a0den Tussi uns dagelassen hat, um uns zu beraten, wenn\u00a0wir Probleme haben. Ramses, wir danken Dir alle, da\u00df\u00a0Du zu uns gekommen bist!&#8220;<br \/>\nDie B\u00e4ren klopften die Pfoten gegeneinander und\u00a0brummten, das Schwein quiekte im Takt dazu genau eine\u00a0Oktave h\u00f6her, und Ramses gelber Bauch lief sanft\u00a0rot an. &#8222;Danke!&#8220; sagte er erkennbar verlegen.<br \/>\n&#8222;Ich hoffe, ich kann Euch helfen, wann immer es\u00a0n\u00f6tig ist!&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich f\u00fcrchte, Deine Hilfe habe ich gerade\u00a0sehr n\u00f6tig!&#8220; japste das Schwein. Seit wir\u00a0hier sind, habe ich das Gef\u00fchl, da\u00df ich\u00a0ersticke. Ist hier etwa die Luft vergiftet?&#8220;<br \/>\nDas Schwein war nicht allein mit seinem Problem. Auch\u00a0viele B\u00e4ren griffen sich an die Kehle oder an\u00a0den Kopf und machten einen ungl\u00fccklichen Eindruck.<br \/>\nRamses sch\u00fcttelte den Kopf. &#8222;Nein, die Luft\u00a0ist hier bestimmt sauberer als da, wo ihr herkommt.\u00a0Aber sie ist d\u00fcnner. Wir sind hier ungef\u00e4hrt\u00a09500 Fu\u00df hoch.&#8220;<br \/>\n&#8222;Aber dann m\u00fcssen wir alle ersticken!&#8220;<br \/>\n&#8222;Die Luft ist doch im Himalaya schon viel zu d\u00fcnn!&#8220;<br \/>\n&#8222;Tussi will uns umbringen!&#8220;<br \/>\n&#8222;Hat jemand Sauerstoffmasken mitgebracht?&#8220;<br \/>\nEinige B\u00e4ren kreischten hysterisch durcheinander.\u00a0Andere lie\u00dfen sich von ihrer Unruhe anstecken,\u00a0und auch B\u00e4rdel und Kulle \u00a0sahen sich verunsichert\u00a0an. Tumu und Dina hielten einander fest an den H\u00e4nden.\u00a0Manfred dagegen war die Ruhe selbst. Als naturwissenschaftlich\u00a0denkender B\u00e4r war er daran gew\u00f6hnt, auf die\u00a0Einheiten zu achten.<br \/>\nRamses war \u00fcber die Reaktion, die er hervorgerufen\u00a0hatte, sehr erschrocken und schien davonh\u00fcpfen\u00a0zu wollen, aber Manfred hielt ihn fest und klopfte\u00a0ihm beruhigend auf die Schulter. &#8222;Keine Panik!&#8220;\u00a0sagte er. &#8222;Wir B\u00e4ren sind nun mal Feuerk\u00f6pfe,immer gleich aufgeregt, daran wirst du dich gew\u00f6hnen\u00a0m\u00fcssen. Am besten ist es zu warten, bis alle sich\u00a0beruhigt haben, und die Sache dann zu erkl\u00e4ren.&#8220;<br \/>\nRamses folgte seinem Rat und sah sich wenig sp\u00e4ter\u00a0von skeptischen und fragenden Blicken durchbohrt. &#8222;Also&#8220;,\u00a0sagte er und schluckte, &#8222;also, das sind doch 9500\u00a0Fu\u00df! Fu\u00df, nicht Meter! Ein Fu\u00df entspricht gut 30 Zentimetern. Wir sind hier ungef\u00e4hr 3000\u00a0Meter hoch. Daran werdet ihr euch schnell gew\u00f6hnen,\u00a0auch wenn ihr jetzt erstmal Atemnot und Kopfschmerzen<br \/>\nhabt. Vielleicht ist einigen auch \u00fcbel. Aber in\u00a0einer halben Stunde ist das vorbei.&#8220; Er nickte\u00a0bekr\u00e4ftigend und h\u00fcpfte genau 30,48 cm hoch<br \/>\nin die Luft, um seine Worte zu unterstreichen. In dieser\u00a0H\u00f6he blieb er l\u00e4nger, als er eigentlich vorgehabt\u00a0hatte, denn das Luftpolster, das die erleichtert prustenden\u00a0B\u00e4ren unter ihm bildeten, trug ihn tats\u00e4chlich\u00a0drei\u00dfigeinhalb Sekunden lang.<br \/>\n&#8222;Was ist das denn f\u00fcr eine bescheuerte Idee, in F\u00fc\u00dfen zu messen?&#8220; Ein alter B\u00e4r,\u00a0den seine Kopfschmerzen noch granteliger machten, als\u00a0er ohnehin schon war, betrachtete skeptisch seine hinteren\u00a0Extremit\u00e4ten. &#8222;Mein Fu\u00df ist ungef\u00e4hr\u00a021 cm lang, sch\u00e4tze ich, und der von meiner Frau\u00a017. Alles krumme Zahlen, alles unterschiedliche F\u00fc\u00dfe.\u00a0Kann mir das mal jemand erkl\u00e4ren?&#8220;<br \/>\n&#8222;Selbstverst\u00e4ndlich!&#8220; Kulle dr\u00e4ngelte\u00a0sich in den Vordergrund, r\u00fcckte seine Fliege zurecht\u00a0und schien vollkommen vergessen zu haben, da\u00df\u00a0er vor wenigen Sekunden noch unter starkem Schwindelgef\u00fchl\u00a0gelitten hatte. &#8222;Selbstverst\u00e4ndlich! Die\u00a0Entwicklung der Ma\u00dfeinheiten in der Geschichte\u00a0des sogenannten Homo sapiens sapiens entspringt dem\u00a0objektiven Bed\u00fcrfnis von sozial lebenden und zumindest\u00a0teilintelligenten Individuen, sich&#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;Kulle!&#8220; Obwohl B\u00e4rdel nur fl\u00fcsterte,h\u00f6rte Kulle sofort auf zu sprechen. Diesen Ton\u00a0kannte er: B\u00e4rdel stand kurz vor einer Eruption,wenn er ihn benutzte.<br \/>\n&#8222;Entschuldigung&#8220;, murmelte Kulle. &#8222;Ich\u00a0wollte doch nur&#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;Ja, ich wei\u00df&#8220;, sagte B\u00e4rdel m\u00fcde\u00a0und rieb sich seine schmerzende Stirn. &#8222;Aber \u00fcberla\u00df\u00a0das doch erst mal Ramses. Tussi hat ihn genau deswegen\u00a0hier gelassen, denke ich.&#8220;<br \/>\n&#8222;Das metrische System, an das ihr von Europa her\u00a0gewohnt seid und das heute fast \u00fcberall auf der\u00a0Welt gilt, ist noch nicht sehr alt. Bevor es entwickelt\u00a0wurde, haben die Menschen alle m\u00f6glichen Ma\u00dfe\u00a0benutzt, auf die sie sich irgendwie geeinigt haben.\u00a0Solche alten Ma\u00dfeinheiten gelten noch hier in\u00a0den USA und au\u00dferdem in Burma und Brunei. 1975\u00a0wollte man auch hier zum metrischen System \u00fcbergehen,\u00a0aber dann wurde ein konservativer Pr\u00e4sident namens\u00a0Reagan gew\u00e4hlt, und der hat 1981 daf\u00fcr gesorgt,\u00a0da\u00df alles beim alten blieb.&#8220;<br \/>\nRamses sprach sachlich und bescheiden, und Kulle zog\u00a0sich lautlos in den Hintergrund zur\u00fcck. B\u00e4rdel\u00a0hatte den Eindruck, da\u00df sein Fell eine Schattierung\u00a0dunkler war als gew\u00f6hnlich, aber er war sich nicht\u00a0ganz sicher.<br \/>\n&#8222;Na sch\u00f6n&#8220;, meinte Tumu. &#8222;Ungewohnte\u00a0H\u00f6henlage, andere Ma\u00dfe und Gewichte &#8211; da\u00a0habe ich uns ja was eingebrockt. Und das ist doch bestimmt<br \/>\nnoch nicht alles, oder?&#8220;<br \/>\n&#8222;Bestimmt nicht!&#8220; Ramses schmunzelte. &#8222;Manches\u00a0ist sicher viel sch\u00f6ner, als ihr es gewohnt seid.<br \/>\nSchaut euch doch nur mal um!&#8220;<br \/>\nErst jetzt bemerkten die Neuank\u00f6mmlinge, da\u00df\u00a0noch keiner von ihnen auf die Idee gekommen war, die\u00a0weitere Umgebung in Augenschein zu nehmen. Die Wiese,\u00a0auf der sie standen, wurde von Laubb\u00e4umen mit\u00a0hellen St\u00e4mmen &#8211; &#8222;Aspen&#8220;, erkl\u00e4rte\u00a0Ramses &#8211; und Tannen und Fichten begrenzt. Von ihrem\u00a0Standort aus waren drei hohe Gipfel erkennbar, kahle,\u00a0graue steinige Kegel, auf denen noch Schneereste lagen.\u00a0Der Himmel dar\u00fcber war makellos blau, die Kumuli\u00a0darin ebenso makellos wei\u00df. An einer Seite \u00f6ffnete\u00a0sich der Blick in die Ebene, die wei\u00dflich und\u00a0r\u00f6tlich in der Hitze flimmerte.<br \/>\nTumu suchte B\u00e4rdels Hand und fand sie. Staunend\u00a0stand sie da, und auch die anderen blinzelten \u00fcberw\u00e4ltigt\u00a0in die Landschaft. Selbst Kulle war beeindruckt von\u00a0all der Sch\u00f6nheit, die sie umgab, und merkte,\u00a0da\u00df ihm Tr\u00e4nen in die Augen treten wollte.\u00a0Sentimentalit\u00e4t, fand er, pa\u00dfte aber ganz\u00a0und gar nicht zu einem wissenschaftlich denkenden B\u00e4ren.<br \/>\n&#8222;Der B\u00e4r definiert sich durch Arbeit&#8220;,\u00a0brummte er deshalb und wandte sich Ramses zu. &#8222;Du\u00a0hast doch bestimmt schon eine H\u00f6hle f\u00fcr uns<br \/>\nentdeckt, oder? Also, B\u00e4rinnen und B\u00e4ren,\u00a0Schwein und Frosch: Fegen, Betten bauen, Beeren etc.\u00a0sammeln! Statt Gutenachtgeschichte veranstalte ich\u00a0heute Abend einen Einf\u00fchrungskurs: Basic Facts\u00a0above the USA.&#8220;<br \/>\n&#8222;Eine gute Idee!&#8220; lobte Ramses. &#8222;Vor\u00a0allem der Einf\u00fchrungskurs: Basic Facts about the\u00a0USA. Kommt, ich zeige euch die H\u00f6hle!&#8220;<br \/>\nErst auf dem Weg zur H\u00f6hle merkte Kulle, da\u00df\u00a0Ramses ihn korrigiert hatte, aber er lie\u00df sich\u00a0seine gute Laune dadurch ebensowenig verderben wie\u00a0alle anderen. Niemand hatte mehr Kopfschmerzen. Alle\u00a0freuten sich auf ein neues Leben. Nur das Schwein runzelte\u00a0noch einmal kurz die Stirn.<br \/>\n&#8222;Sag mal, Ramses, wie hei\u00dft die Gegend hier\u00a0eigentlich?&#8220;<br \/>\n&#8222;Ihr seid in den La Sal Mountains, und das hier\u00a0ist eure H\u00f6hle. Herzlich willkommen!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>EXODUS&#8222;Oh nein!&#8220;, seufzte B\u00e4rdel, als er mitten\u00a0im sch\u00f6nsten Morgenspaziergang ein wei\u00dfes\u00a0Rechteck aus Papier s\u00e4uberlich auf einen Brombeerstrauch\u00a0aufgespie\u00dft fand. Sollten die Menschen ihren\u00a0M\u00fcll lassen, wo sie wollten, aber bitte nicht\u00a0in B\u00e4renleben! Mit spitzen Fingern \u2013 soweit B\u00e4ren\u00a0spitze Finger machen k\u00f6nnen \u2013 l\u00f6ste er das\u00a0h\u00e4\u00dfliche Ding vom Busch, hielt es angeekelt\u00a0so weit wie m\u00f6glich von sich fort [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":411,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_crdt_document":"","footnotes":""},"categories":[10,4],"tags":[],"class_list":["post-401","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-baerdel","category-baerdel2"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/401","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=401"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/401\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":567,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/401\/revisions\/567"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/media\/411"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=401"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=401"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=401"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}