{"id":41,"date":"1996-01-28T18:55:47","date_gmt":"1996-01-28T16:55:47","guid":{"rendered":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/?p=41"},"modified":"2018-07-30T10:22:18","modified_gmt":"2018-07-30T08:22:18","slug":"der-kanzler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/1996\/01\/der-kanzler\/","title":{"rendered":"Der Kanzler"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/baum.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-42\" alt=\"baum\" src=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/baum-300x225.jpg\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/baum-300x225.jpg 300w, https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/baum.jpg 320w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Es war einmal ein Kanzler, der war der m\u00e4chtigste Mann in seinem Land. Und weil er so m\u00e4chtig war, hatte er Angst vor allen Menschen. Deshalb versuchte er, sich vor ihnen zu sch\u00fctzen: Wenn er unterwegs war, benutzte er immer ein gro\u00dfes gepanzertes Auto mit kugelsicheren Scheiben, er lie\u00df sich von Killern bewachen &#8211; die nannte man vornehm \u201eBodyguards\u201c -, und \u00fcberdies begleitete ihn stets eine Polizeieskorte. <!--more--><br \/>\nEines Tages reiste der Kanzler so durch sein Land, und dabei kam er durch einen gro\u00dfen, dunklen Wald. Nicht nur die hohen Fichten und Tannen verdunkelten den Himmel, auch dicke schwarze Wolken zogen auf. Pl\u00f6tzlich brach ein Gewitter los. Es blitzte, und ehe man bis \u201eDrei\u201c z\u00e4hlen konnte, grollte und rumpelte der Donner. (Der Kanzler konnte \u00fcbrigens nicht bis \u201eDrei\u201c z\u00e4hlen, aber das hatte er keinem verraten, und nie hatte es jemand gemerkt.) Das war aber erst der Anfang des Unwetters. Immer schneller folgte Schlag auf Blitz und Blitz auf Schlag. Schlie\u00dflich pa\u00dfte auch keine klitzekleine Sekunde mehr zwischen grelles Licht und Kanonenschu\u00df: Das Gewitter war direkt \u00fcber den Reisenden. Und sie waren direkt darunter.<br \/>\nDie meisten Menschen glauben, da\u00df Gewitter elektrische Entladungen in der Atmosph\u00e4re sind. Das ist nat\u00fcrlich v\u00f6lliger Unsinn. Gewitter sind Auff\u00fchrungen des himmlischen Blitzballetts und des Donnerchors. Sie werden sorgf\u00e4ltig einstudiert &#8211; hinter dem Mond, damit man es von der Erde aus nicht beobachten kann. Jeder Blitz wei\u00df also lange vor der Vorstellung, welche Gestalt er zu welchem Zeitpunkt anzunehmen hat, jeder Donnergroller kennt seinen Einsatz. So auch diesmal.<br \/>\nDer Blitz Nummer 25 langweilte sich ein wenig vor seinem Auftritt, und so guckte er nach, was unten auf der Erde los war, auf der er gem\u00e4\u00df den Anweisungen der Choreographie in einen Telegraphenmast einschlagen sollte. Eine langweilige Rolle, weit unter seinem Niveau, fand er. Er sah eine Karawane von Autos und Motorr\u00e4dern, die durch den Wald fuhr, und z\u00e4hlte die Menschen darin und darauf: zw\u00f6lf Motorradfahrer, acht Menschen in zwei Autos, zwei Menschen in einem Auto: zweiundzwanzig. Das nur sp\u00e4rlich besetzte Auto schaute er sich genauer an. Vorne sa\u00df jemand und schien zu arbeiten &#8211; jedenfalls drehte er an einem Rad -, im ger\u00e4umigen Hinterraum dagegen r\u00e4kelte sich ein anderer und trank dabei aus einem hohen Glas mit schlankem Stiel.<br \/>\nNummer 25 hatte in den letzten Tagen bei den Gewitterproben hinter dem Mond hart arbeiten m\u00fcssen &#8211; der Blitzballettmeister hatte ihn geh\u00f6rig getriezt. Deshalb war er nicht gut zu sprechen auf Leute, die andere f\u00fcr sich flei\u00dfig sein lassen. Aber er hatte keine Zeit mehr, lange zu \u00fcberlegen: h\u00f6chste Zeit f\u00fcr seinen Auftritt! Er startete p\u00fcnktlich, aber dann&#8230; Zum Entsetzen seines Ballettmeisters vollf\u00fchrte er nicht seine einfache einstudierte Figur, sondern spaltete sich in einundzwanzig Teilblitze und traf und t\u00f6tete einundzwanzig Menschen. Nur den einen sparte er aus, den, der auf dem R\u00fccksitz des einen Autos allein war und nichts tat. Das gab bestimmt noch \u00c4rger im Blitzhimmel!<br \/>\nNoch mehr \u00c4rger aber gab es auf der Erde, unten im Wald. Und genau das hatte Nummer 25 auch gewollt. F\u00fchrerlos rollten die Motorr\u00e4der und Autos noch k\u00fcrzere oder l\u00e4ngere Zeit weiter, bis sie in den Stra\u00dfengraben kippten oder gegen einen Baum rumsten. Unsanft schlitterte auch das Auto des Kanzlers gegen eine dicke deutsche Eiche, und erst beim Aufprall bemerkte er, da\u00df etwas nicht in Ordnung war.<br \/>\n\u201eHans, pa\u00df doch auf!\u201c sagte er \u00e4rgerlich zu seinem Chauffeur.<br \/>\nDoch die \u00fcber dem Steuer zusammengesunkene Gestalt reagierte nicht.<br \/>\n\u201eHans!!\u201c<br \/>\nNichts.<br \/>\nAllm\u00e4hlich begriff selbst der Kanzler, da\u00df in seinem Auto niemand mehr war, dem er Befehle geben konnte.<br \/>\nNat\u00fcrlich kam er zun\u00e4chst \u00fcberhaupt nicht auf die Idee, etwas zu unternehmen. Er wartete, da\u00df man ihn rettete. Aber da war niemand mehr, der das h\u00e4tte tun k\u00f6nnen. Nichts regte sich drau\u00dfen; nur der Regen, der dem Gewitter nachgefolgt war, trommelte gegen die Scheiben und auf das Blech.<br \/>\nEndlich entschlo\u00df sich der Kanzler doch auszusteigen. Er tat es nicht aus Sorge um seine Eskorte, sondern weil ihn seine Blase dr\u00fcckte &#8211; er hatte unterwegs ziemlich viel Sekt getrunken. Sofort saugten sich seine d\u00fcnnen, eleganten Lederschuhe voll Wasser, und weil er sehr dick war, sank er tief in den weichen Waldboden ein. Er pinkelte und sah sich danach endlich um. Welche Verheerung! Weit verstreut lagen \u00fcberall verbeulte Blechst\u00fccke, ein Auto brannte lichterloh, und da\u00df seine Begleiter alle mausetot waren, erkannte selbst der Kanzler auf den ersten Blick.<br \/>\n\u201eIch mu\u00df neue Leute einstellen\u201c, war sein erster Gedanke, aber dann begriff er allm\u00e4hlich, da\u00df er im Moment wirklich ganz allein war. Allein in einem gro\u00dfen, dunklen Wald. V\u00f6llig durchn\u00e4\u00dft. Ohne Schutz. Nur mit sehr, sehr viel Angst.<br \/>\n\u201eBestimmt wird man mich schon suchen\u201c, versuchte er sich zu beruhigen. \u201eMeine Polizei, mein Grenzschutz, meine Soldaten &#8211; sie werden den Wald durchk\u00e4mmen, sie werden Hubschrauber schicken und mich abholen. Ich sollte ihnen ein Zeichen geben!\u201c<br \/>\nEin Zeichen geben &#8211; aber wie? Es dauerte lange, bis der Kanzler auf den eigentlich vern\u00fcnftigen Gedanken kam, ein Signalfeuer anzuz\u00fcnden. Aber wie sollte das gehen &#8211; bei dem Regen? Streichh\u00f6lzer hatte er nat\u00fcrlich nicht, und so m\u00fchte er sich lange Zeit mit dem elektrischen Zigarettenanz\u00fcnder, eine Handvoll v\u00f6llig durchgeweichtes Reisig zum Brennen zu bringen &#8211; nat\u00fcrlich vergeblich. Endlich sah er die Unsinnigkeit seiner T\u00e4tigkeit ein, gab auf und gr\u00fcbelte erneut. Was k\u00f6nnte er denn sonst noch machen, um endlich gefunden zu werden?<br \/>\nWieder zermarterte er lange Zeit sein Gehirn, bis er eine zweite Idee hatte: Nat\u00fcrlich, er konnte rufen! Und er rief. Nein, er br\u00fcllte:<br \/>\n\u201eHallo!!! Halloho! Hier bin ich! Hierher! Ich bin der Kahanzler! Kommt hierher! Rettet mich!!\u201c<br \/>\nEr br\u00fcllte so lange, bis er stockheiser war. Niemand kam, um ihn zu retten. Es war n\u00e4mlich niemand da. Als man in der Hauptstadt des Landes bemerkt hatte, da\u00df der Funkkontakt zur Kanzlerkarawane abgebrochen war, hatte der Vizekanzler sofort erkl\u00e4rt, der Kanzler und seine Begleitung seien durch einen tragischen Unfall ums Leben gekommen. Er hatte sich selbst zum Kanzler ernannt, drei Tage Staatstrauer angeordnet und gleichzeitig verboten, nach den Verschollenen zu suchen. F\u00fcr dieses Verbot hatte er auch eine wundersch\u00f6ne Begr\u00fcndung: Er sagte, man d\u00fcrfe die Ruhe der Toten nicht st\u00f6ren.<br \/>\nVon alldem wu\u00dfte der Kanzler nat\u00fcrlich nichts. Er merkte nur, da\u00df niemand kam, um ihm zu helfen. Da\u00df er klitschna\u00df war. Und auf einmal schrecklich hungrig.<br \/>\nEr sah sich im Wald um: Da gab es nichts, was er h\u00e4tte essen k\u00f6nnen. Jedenfalls glaubte er das. Er ging zu seinem Auto zur\u00fcck und durchw\u00fchlte die Bar: Da lag noch eine Flasche Sekt, aber sonst auch nichts.<br \/>\n\u201eIch werde bald tot umfallen, wenn ich nichts zu essen bekomme\u201c, sagte er laut vor sich hin, w\u00e4hrend er sich gedankenlos seinen fetten Bauch rieb. \u201eHier mu\u00df es doch irgendwo eine Gastwirtschaft geben. Mein Land ist schlie\u00dflich dicht besiedelt. Und telefonieren kann ich dort bestimmt auch, da\u00df man mich abholen soll.\u201c<br \/>\nAufs Geratewohl stapfte der Kanzler los. Es ging m\u00fchsam und schon bald noch schlechter: Seine teuren ma\u00dfgefertigten Schuhe l\u00f6sten sich in Matsch und Morast schnell auf, bald hing die Sohle in Fetzen. Er glaubte geradeaus zu gehen, aber das stimmte nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt nicht. Wie die meisten orientierungslosen Menschen ging er im Kreis &#8211; allerdings in einem sehr gro\u00dfen. So kam er ins Beerental.<br \/>\n\u201eBeerental\u201c &#8211; so nennen es die Menschen. Es ist eine Gegend, in die kaum ein Mensch je kommt. M\u00fctter warnen ihre T\u00f6chter und S\u00f6hne, Gro\u00dfm\u00fctter ermahnen ihre Enkelinnen und Enkel: \u201eGehe nie ins Beerental!\u201c Es ist nicht leicht, das Verbot einzuhalten, denn im Tal gibt es alles, was die Herzen von Kindern und Erwachsenen begehren: Himbeeren, Brombeeren, Johannisbeeren, Holunderbeeren, Blaubeeren, Erdbeeren und im Winter Schneebeeren. Trotzdem wird es eingehalten. Denn im Beerental geschehen seltsame Dinge, von denen die Eltern ihren Kindern an langen Winterabenden viel zu erz\u00e4hlen wissen.<br \/>\nDorthin also ging der Kanzler, und w\u00e4hrend er sich durchs Unterholz schlug, wurde er immer hungriger. Als er gerade aufgeben und sich resigniert seinem Schicksal \u00fcberlassen wollte, blieb er in einem Gestr\u00fcpp mit zahllosen Dornen h\u00e4ngen. Schon wollte er sich fluchend losrei\u00dfen , als er entdeckte, da\u00df der Busch noch anderes zu bieten hatte als Dornen: Blauschwarze, kugelf\u00f6rmige Fr\u00fcchte hingen da, und jede einzelne Frucht war wiederum aus vielen kleinen K\u00fcgelchen zusammengesetzt. Ob man die wohl essen konnte?<br \/>\nDer Hunger war st\u00e4rker als des Kanzlers Bedenken, und so kostete er davon. Hmmm &#8211; das schmeckte gut! Sauer und doch auch s\u00fc\u00df &#8211; und er konnte alles mit der Zunge zerdr\u00fccken! Die Fr\u00fcchte l\u00f6schten den Hunger und waren auch gut gegen Durst, so saftig waren sie. Handvoll um Handvoll stopfte sich der Kanzler in den Mund, und allm\u00e4hlich lernte er dabei, den Dornen auszuweichen und auch den Brennesseln, die mitten in den Str\u00e4uchern wuchsen.<br \/>\n\u201eWie sch\u00f6n, da\u00df es Dir schmeckt\u201c sagte pl\u00f6tzlich eine tiefe Stimme neben ihm. \u201eDas sind \u00fcbrigens unsere Brombeeren. Du h\u00e4ttest uns wenigstens fragen sollen, ob Du davon essen darfst.\u201c<br \/>\nAugenblicklich war der Kanzler zur Salzs\u00e4ule erstarrt &#8211; zumindest seine Reflexe waren in Ordnung. Sein Gehirn funktionierte deutlich langsamer: Eine Stimme? Ein Mensch! Ein unversch\u00e4mter Mensch &#8211; er hatte ihn geduzt! Noch nie hatte das jemand gewagt, dem er es nicht erlaubt hatte. Und was warf dieser Mensch ihm vor? Diebstahl! Eine Unversch\u00e4mtheit &#8211; nat\u00fcrlich konnte er bezahlen, seine Kreditkarte hatte er schlie\u00dflich immer bei sich. Und au\u00dferdem war er der Kanzler &#8211; merkte dieser freche Kerl das denn nicht? Andererseits &#8212; er hatte Angst vor Menschen&#8230;<br \/>\nEr beschlo\u00df, hoheitsvoll aufzutreten. Langsam sagte er: \u201eGuter Mann, Sie haben wohl keinen Fernseher, sonst h\u00e4tten Sie mich erkannt. Ich bin der Kanzler. Ihren Schaden werde ich Ihnen selbstverst\u00e4ndlich ersetzen &#8211; ich nehme, an, Sie akzeptieren American Express? Ich w\u00e4re Ihnen \u00fcbrigens sehr verbunden &#8211; ich kann Sie ja mal ins Kanzleramt einladen &#8211; wenn ich Ihr Telefon benutzen d\u00fcrfte&#8230;\u201c<br \/>\nBei dem letzten Satz wandte er sich \u00e4u\u00dferlich ruhig, aber im Herzen voller Furcht, zu seinem Gespr\u00e4chspartner um. Oh, wie hatte sein Herz recht! Neben ihm stand nicht ein Mensch, wie er vermutet hatte, sondern es waren vierzehn &#8211; sie mu\u00dften sich heimt\u00fcckisch lautlos angeschlichen haben. Es handelte sich offenbar um sieben Erwachsene und sieben Kinder. Die Kinder bedeuteten anscheinend keine Gefahr &#8211; sie k\u00fcmmerten sich \u00fcberhaupt nicht um ihn, sondern schlemmten in den Brombeeren, wie er es bis vor ein paar Sekunden auch noch getan hatte. Aber die Erwachsenen! Ungeschlachte Kerle, gr\u00f6\u00dfer als er selbst (und er war nicht eben klein) und dick &#8211; nein, nicht eigentlich dick &#8211; er selbst war dick -, aber muskul\u00f6s. Schrecklich muskul\u00f6s. Sie hatten jetzt einen Halbkreis um ihn gebildet. Gleich w\u00fcrden sie ihn angreifen! Haltsuchend griff der Kanzler nach hinten und piekste sich zahllose Brombeerdornen in die Hand.<br \/>\nNein, sie griffen nicht an. Sie blieben ruhig auf ihren Pl\u00e4tzen stehen. Dieselbe tiefe Stimme wie vorhin sagte: \u201eSchaden? Eigentlich gibt es keinen. In diesem Sommer tragen die Str\u00e4ucher genug f\u00fcr uns alle. Du brauchst also nicht f\u00fcr uns zu arbeiten. Es ging uns nur um die H\u00f6flichkeit &#8211; darauf legen wir n\u00e4mlich gro\u00dfen Wert. Und was ist das, wovon Du da gerade gesprochen hast: Fernseher? American Express? Telefon?\u201c<br \/>\nEin Stein fiel dem Kanzler von der Seele &#8211; diese Typen waren offensichtlich friedliche Hinterw\u00e4ldler, die von den Segnungen der Zivilisation noch nichts mitbekommen hatten. Erstaunlich, da\u00df es so etwas in seinem Land noch gab. Das n\u00e4chste regionale Entwicklungsprogramm w\u00fcrde hier ansetzen, daf\u00fcr w\u00fcrde er sorgen. Er begann, sich unendlich \u00fcberlegen zu f\u00fchlen.<br \/>\n\u201eGuter Mann\u201c, sagte er \u00fcberheblich, \u201emachen Sie sich keine Gedanken. Das wird schon. Demn\u00e4chst verlegen wir hier Breitbandkabel, dann wissen Sie, was in der Welt los ist. Eins aber sollten Sie sich jetzt schon merken: Hochstehende Pers\u00f6nlichkeiten werden nicht geduzt, sondern gesiezt. Ich bin eine hochstehende Pers\u00f6nlichkeit &#8211; ich bin der Kanzler. Ich sagte es bereits, aber vielleicht haben Sie es vergessen. Nun gut &#8211; wenn es hier bei Ihnen schon kein Telefon gibt &#8211; wo ist das n\u00e4chste Dorf? Ich meine, ein Dorf mit Postamt?\u201c<br \/>\nDie sieben Umstehenden schauten einander an. Breitbandkabel. Siezen. Dorf. Postamt. Jeder in der Gegend des Beerentales wu\u00dfte, da\u00df es hier so etwas nicht gab. Weil die Menschen einen gro\u00dfen Bogen um das Tal machten. Sie wu\u00dften nicht den Grund. Aber es war so. Der erste Mensch, den sie seit langer Zeit zu Gesicht bekommen hatten, den sie mit allen Ehren hatten empfangen wollen, mu\u00dfte ein Vollidiot sein. Schulterzuckend wandten sie sich ab, nahmen die Kinder mit sich und gingen ihrer Wege.<br \/>\nEinsam blieb der Kanzler in der Dornenhecke zur\u00fcck. Eigentlich h\u00e4tte er sich wieder f\u00fcrchten sollen, aber die Begegnung mit diesen Menschen, die noch nicht einmal die grundlegenden Errungenschaften der Zivilisation kannten, hatte sein Selbstbewu\u00dftsein erheblich gest\u00e4rkt. \u201ePah, ich kann auch ohne fremde Hilfe ein Postamt finden\u201c, sagte er sich. \u201eAuf geht\u00b4s!\u201c<br \/>\nEnergisch tat er den ersten Schritt aus der Bormbeerhecke hinaus. Es war ein mutiger, gro\u00dfer Schritt &#8211; er rutschte aus, rutschte vorw\u00e4rts und landete mit seinem dicken Hintern mitten in einem gro\u00dfen feuchten Haufen. \u201eIhh\u201c, schrie er, weil er sich ekelte, \u201ewas ist denn das f\u00fcr ein Dreck?\u201c Wenn er etwas kl\u00fcger gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte er erkennen k\u00f6nnen, da\u00df es B\u00e4rendreck war &#8211; nichts Ungew\u00f6hnliches im Beerental. Aber er war eben \u00fcberhaupt nicht klug.Und er war sehr ungeschickt. Er hatte sich nicht nur den Hosenboden schmutzig gemacht, er hatte sich auch den Fu\u00df verstaucht. Adieu, Postamt &#8211; mit seinem schnell anschwellenden Kn\u00f6chel w\u00fcrde er keine zehn Meter weit kommen.<br \/>\nAlso hie\u00df es hierbleiben. Der Kanzler krabbelte zur\u00fcck in die Brombeerhecke, soweit es die Dornen zulie\u00dfen, um zumindest ein wenig Schutz vor N\u00e4sse und K\u00e4lte zu finden. Er kringelte sich in Embryohaltung zusammen, soweit sein dicker Bauch es zulie\u00df. Er schrie nach seiner Mami, soweit seine Heiserkeit es zulie\u00df. Schlie\u00dflich weinte er sich in den Schlaf. \u201eIch werde mich f\u00fcrchterlich erk\u00e4lten\u201c, war sein letzter Gedanke.<br \/>\nAusnahmsweise hatte der Kanzler einmal einen richtigen Gedanken gedacht. Als er aufwachte, schmerzten ihn alle Glieder schrecklich, und er fror und schwitzte abwechselnd. Dankbar \u00f6ffnete er den Mund und trank in kleinen Schl\u00fcckchen den hei\u00dfen, mit Honig ges\u00fc\u00dften Holunderbeersaft, der ihm an die Lippen gehalten wurde. Wie gut tat das seinem entz\u00fcndeten Hals! Zufrieden w\u00e4lzte er sich auf seinem weichen Lager auf die Seite und schlief wieder ein.<br \/>\nBeim n\u00e4chsten Erwachen war er nach Ma\u00dfgabe seiner M\u00f6glichkeiten bei vollem Bewu\u00dftsein. Alles fiel ihm wieder ein &#8211; das Unwetter, der Regen, die unheimlichen Fremden, die Brombeerhecke und sein verletzter Fu\u00df. Aber die Hecke war verschwunden. Er lag in einer H\u00f6hle auf einem dicken Lager aus weichem Heu und blickte in das freundliche Gesicht einer alten, aber noch sehr kr\u00e4ftigen Frau.<br \/>\n\u201eNa, da bist Du ja fast wieder gesund\u201c, sagte sie munter. \u201eDein Fu\u00df wird aber noch ein paar Tage brauchen, bis er wieder fit ist. Richtig laufen kannst Du jetzt noch nicht. Bis es soweit ist, darfst Du mir im Haushalt helfen.\u201c<br \/>\nAls die Alte so freundlich und bestimmt zu ihm sprach, kam der Kanzler gar nicht auf die Idee, Widerworte zu machen. Er verga\u00df sogar v\u00f6llig, da\u00df er der Kanzler war. Seine Mami sprach zu ihm! Seine geliebte, angebetete, strenge Mami, die er noch immer liebte, obwohl sie schon so lange tot war.<br \/>\n\u201eJa, Mami\u201c, sagte er folgsam. \u201eSelbstverst\u00e4ndlich helfe ich Dir gern. Soll ich den M\u00fclleimer runterbringen?\u201c<br \/>\n\u201eEinen M\u00fclleimer haben wir nicht, weil es hier keinen M\u00fcll gibt\u201c, erhielt er zur Antwort. \u201eAber Du kannst mir beim Honigschleudern helfen und dann aus dem Wachs Kerzen ziehen. Als Dochte nimmst Du gesponnene Flachsf\u00e4den, die liegen da dr\u00fcben. Und wenn Du fertig bist, kannst Du&#8230;\u201c<br \/>\nArbeit gab es genug, und der Kanzler m\u00fchte sich redlich, die Auftr\u00e4ge zu erledigen. Nat\u00fcrlich stellte er sich zun\u00e4chst ausgesprochen ungeschickt an, denn er hatte in seiner Hauptstadt andere f\u00fcr sich arbeiten lassen. Aber er lernte, und er lernte auch die Befriedigung kennen, die man versp\u00fcrt, wenn man eine Aufgabe ordentlich zu Ende gef\u00fchrt hat. Am meisten aber geno\u00df er die Abende. Wenn die D\u00e4mmerung begann, trafen sich alle vierzehn in der H\u00f6hle &#8211; die sieben Gro\u00dfen und die sieben Kleinen, die er am Tag seines Unfalls zum ersten Mal gesehen hatte. Dann sa\u00df man zusammen, braute Met &#8211; in hei\u00dfem Wasser aufgel\u00f6sten vergorenen Honig -, und die Alten erz\u00e4hlten M\u00e4rchen. Der Kanzler h\u00f6rte hingerissen zu, nur manchmal kam ihm etwas komisch vor. Er hatte dann den Eindruck, da\u00df die Umrisse der anderen sich verwischten, da\u00df die K\u00f6pfe gr\u00f6\u00dfer wurden, die Nasen sich zu Schnauzen auswuchsen, die H\u00e4nde zu Pranken wurden und die K\u00f6rper sich mit einem dichten Fell \u00fcberzogen. Aber das ging immer schnell vorbei, und er wu\u00dfte auch nie, ob das, was er gesehen hatte, wirklich war oder ob er zu viel Met getrunken hatte.<br \/>\nEr lernte viel, aber er verga\u00df auch viel. Er verga\u00df v\u00f6llig, da\u00df er der Kanzler war. So kam er bald nicht mehr auf die Idee, da\u00df er anderen Befehle geben oder von ihnen bedient werden k\u00f6nnte. Er verga\u00df, da\u00df er zur\u00fcck in seine Hauptstadt wollte. Ein Tag verging wie der andere &#8211; mit Arbeit und Mu\u00dfe -, und er w\u00fcnschte, da\u00df es immer so weiterginge.<br \/>\n\u201eDein Fu\u00df ist jetzt gut ausgeheilt. Hier ist Proviant. Wenn Du zwei Tagesm\u00e4rsche gegen Mittag gehst, wirst Du ein Dorf finden. Bestimmt wird man Dir dort helfen, wieder nach Hause zu kommen. Morgen mu\u00dft Du uns verlassen.\u201c<br \/>\nEs war so ein gem\u00fctlicher Abend gewesen, mit M\u00e4rchen und Met. Die Worte trafen ihn wie ein Keulenschlag. Es war der Alte mit der tiefen Stimme, der, mit dem er zuerst gesprochen hatte, der ihn hinauswarf.<br \/>\n\u201eWa&#8230;Warum?\u201c stammelte er. \u201eBitte&#8230; bitte la\u00dft mich doch bleiben! Arbeite ich zu wenig? Ich will doppelt so viel tun! Es ist so sch\u00f6n bei Euch!\u201c<br \/>\n\u201eEs freut uns, da\u00df es Dir bei uns gef\u00e4llt. Aber Du mu\u00dft gehen. Es gibt keine Arbeit mehr. Morgen gehen wir schlafen.\u201c<br \/>\n\u201eSchlafen? Morgen? Aber wir gehen doch auch heute schlafen! Wir gehen jeden Tag schlafen!\u201c<br \/>\n\u201eWir gehen anders schlafen. Wir werden es Dir erkl\u00e4ren.\u201c<br \/>\nAber es folgte keine Erkl\u00e4rung. Alle schwiegen, selbst die Kleinen, die sonst immer miteinander schwatzten, w\u00e4hrend sie durch die H\u00f6hle tobten. Jetzt sa\u00dfen sie mucksm\u00e4uschenstill.<br \/>\nLautlos, fast unmerklich vollzog sich die Ver\u00e4nderung. Bald aber war sie so deutlich, so real, da\u00df der Kanzler sich nicht mehr selbst t\u00e4uschen konnte. Es kostete ihn riesige \u00dcberwindung, nicht Hals \u00fcber Kopf aus der H\u00f6hle zu fliehen.<br \/>\nUm ihn herum sa\u00dfen vierzehn B\u00e4ren &#8211; Braunb\u00e4ren, Schwarzb\u00e4ren, Grizzlies &#8211; er kannte sich da nicht aus. Jedenfalls waren sie gro\u00df, und sie hatten furchterregend gro\u00dfe Schnauzen und Pranken. B\u00e4ren, die ihn t\u00f6ten k\u00f6nnten. Die bestimmt schon Menschen get\u00f6tet hatten. Jedenfalls hatte er fr\u00fcher, als er noch las, gelesen, da\u00df sie das taten. Andererseits &#8211; er hatte mit diesen B\u00e4ren eine lange Zeit verbracht. Sie hatten ihn gesundgepflegt. Sie hatten ihm wundersch\u00f6ne M\u00e4rchen erz\u00e4hlt. Sie waren absolut friedlich. Und Mami hatte ihm gezeigt, wie ein sinnvolles Leben aussehen konnte, in dem man f\u00fcr andere arbeitete und von anderen etwas bekam.<br \/>\nEr entschlo\u00df sich blitzschnell. \u201eBitte, la\u00dft mich trotzdem bei Euch bleiben. Ich will nicht mehr zu den Menschen. Die Menschen sind so&#8230;\u201c<br \/>\nEs fiel ihm nicht ein, wie die Menschen waren, aber die B\u00e4ren verstanden ihn trotzdem.<br \/>\n\u201eWir werden f\u00fcnf Monate lang Winterschlaf halten, und das kannst Du nicht. Du mu\u00dft zur\u00fcck. Wir k\u00f6nnen gut verstehen, da\u00df Du Angst vor den Menschen hast. Wir haben auch Angst vor ihnen. Aber vielleicht kannst Du etwas \u00e4ndern. Du hast doch am Anfang immer gesagt, Du bist der Kanzler&#8230;\u201c<br \/>\n\u201eIch bin der Kanzler&#8230;\u201c Lange hatte er das nicht mehr gedacht, aber jetzt wurde es ihm wieder bewu\u00dft. Ja, er war der Kanzler! Er bestimmte die Richtlinien der Politik! Er w\u00fcrde etwas \u00e4ndern!<br \/>\nEr nahm sich zusammen, obwohl ihm zum Heulen zumute war. \u201eGut\u201c, sagte er, \u201eich verstehe, da\u00df ich nicht bleiben kann. Vielleicht gestattet Ihr mir, Euch im n\u00e4chsten Sommer zu besuchen. Morgen werde ich gehen, zwei Tagesm\u00e4rsche gegen Mittag, bis ins n\u00e4chste Dorf. Zu den Menschen.\u201c<br \/>\n\u201eDu wirst uns willkommen sein. Wir w\u00fcnschen eine gute Reise\u201c, sagten alle vierzehn B\u00e4ren im Chor und legten sich dann ohne ein weiteres Wort schlafen. Auch der Kanzler ging zu seinem Heulager und schlief dort tief und fest, obwohl er geglaubt hatte, kein Auge zumachen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nEr erwachte fr\u00fch und sah, da\u00df alle B\u00e4ren noch schliefen. Leise schulterte er seinen Proviantsack und verlie\u00df die H\u00f6hle &#8211; er dachte zu recht, da\u00df der Abschied gestern Abend stattgefunden hatte. Zwei Tagem\u00e4rsche ging er gegen Mittag, bis er das Dorf erreichte, von dem die B\u00e4ren gesprochen hatten.<br \/>\nSchon am Dorfrand stieg ihm ein unangenehmer Geruch in die Nase, den er kannte, an den er sich aber erst m\u00fchsam erinnern mu\u00dfte: nat\u00fcrlich, Diesel! Nat\u00fcrlich? Hmmm&#8230;\u201cSag mal, bitte, wo ist hier ein Telefon?\u201c fragte er eine B\u00e4uerin, die ihre K\u00fche nach Hause trieb. \u201eUngehobelter Kerl!\u201c sagte die Frau, gab der Leitkuh einen Klaps und sorgte so daf\u00fcr, da\u00df ein gro\u00dfer warmer Kuhfladen auf des Kanzlers F\u00fc\u00dfe platschte. Was hatte sie nur? Ach so, da gab es dieses Siezen &#8211; er erinnerte sich, da\u00df er selbst darauf einmal viel Wert gelegt hatte.<br \/>\nSchlie\u00dflich hatte er Erfolg &#8211; er entdeckte eine Telefonzelle. Er ging hinein und versuchte, die Technik zu verstehen. Mindesteinwurf 30 Pfennig. Die hatte er nicht. Au\u00dferdem w\u00fcrde das nicht reichen, denn er mu\u00dfte ein Ferngespr\u00e4ch f\u00fchren.<br \/>\n\u201eW\u00fcrden Sie mir f\u00fcnf Mark leihen?\u201c fragte er einen Mann, der gem\u00e4chlich an der Telefonzelle vorbeiradelte. \u201eSie bekommen sie sp\u00e4testens morgen zur\u00fcck.\u201c<br \/>\n\u201eN\u00f6\u201c, sagte der Mann und fuhr weiter. Als er genug Entfernung gewonnen hatte, rief er zur\u00fcck: \u201e Du kommst wohl von den Chaostagen aus Hannover, was? Mach blo\u00df, da\u00df Du wegkommst!\u201c<br \/>\nChaostage in Hannover? Da schien ja einiges drunter und dr\u00fcber zu gehen! H\u00f6chste Zeit, da\u00df er wieder regierte! Aber dazu mu\u00dfte er telefonieren &#8211; wie aber sollte er das ohne Geld bewerkstelligen? Noch einmal ging er in die Telefonzelle und las sich die dort aush\u00e4ngenden Informationen durch. Endlich entdeckte er die Rettung. Polizei: 110. Feuerwehr: 112. Er w\u00e4hlte die 110.<br \/>\n\u201eHallo, Polizei? Hier spricht der Kanzler. Sie werden mich vermi\u00dft haben. Ich bn vor einiger Zeit verlorengegangen, ich wei\u00df nicht genau, wie lange es her ist. Ich war in der Zwischenzeit im Beerental. Jetzt bin ich im Dorf zwei Tagem\u00e4rsche s\u00fcdlich davon. Bitte lassen Sie mich sofort abholen.\u201c<br \/>\n\u201eSelbstverst\u00e4ndlich, Herr Kanzler\u201c, sagte der Polizeibeamte am Telefon und legte den H\u00f6rer auf, bevor er losprustete. Da\u00df jemand wochenlang im Beerental \u00fcberlebte, mochte ja mit Gl\u00fcck noch angehen. Da\u00df dieser Jemand behauptete, der ehemalige Kanzler zu sein, machte seine Aussage \u00e4u\u00dferst unglaubw\u00fcrdig. Und da\u00df der ehemalige Kanzler jemals \u201eBitte\u201c gesagt h\u00e4tte, war vollends unm\u00f6glich. Es handelte sich bei dem Anrufer also um einen Spinner, m\u00f6glicherweise um einen gef\u00e4hrlichen.<br \/>\nDie Streifenwagenbesatzung, die den Kanzler abholte, war entsprechend vorsichtig. Die zwei Beamten begr\u00fc\u00dften ihn scheinbar h\u00f6flich und komplimentierten ihn auf den R\u00fccksitz des Autos, einer setzte sich neben ihn. Weil er einen friedlichen Eindruck machte, verzichteten sie darauf, ihm Handschellen anzulegen. Seine Frage: \u201eWarum gehen wir nicht zu Fu\u00df oder fahren umweltvertr\u00e4glich mit dem Fahrrad?\u201c ignorierten sie. Sie brachten ihn zur erkennungsdienstlichen Behandlung zur n\u00e4chsten Polizeistation.<br \/>\nWillig lie\u00df der Kanzler die Prozedur \u00fcber sich ergehen: Er tauchte seine Fingerkuppen in eine schwarzblaue Masse und dr\u00fcckte seine Finger auf ein Blatt Papier, er lie\u00df sich frontal und im Profil von rechts und von links fotografieren. Er wu\u00dfte, was als n\u00e4chstes passieren w\u00fcrde: Alle Daten wurden in den Zentralcomputer eingegeben&#8230; Ruhig lie\u00df er sich in eine Zelle abf\u00fchren.<br \/>\nDort blieb er nur eine halbe Stunde allein. Die T\u00fcr \u00f6ffnete sich, und sein Vizekanzler trat ein. Sein ehemaliger Vizekanzler. Wer regierte jetzt eigentlich? Aber er stellte keine Fragen, Er wartete.<br \/>\n\u201eHerr Kanzler&#8230;\u201c<br \/>\n\u201eJa?\u201c<br \/>\n\u201eIch bin so gl\u00fccklich&#8230;\u201c<br \/>\n\u201eJa?<br \/>\n\u201eDa\u00df Sie wieder da sind&#8230;\u201c<br \/>\nDer Kanzler wu\u00dfte, da\u00df er log. Es war sein Gesichtsausdruck. Er sah so anders aus als die Mienen der B\u00e4ren, mit denen er die letzten Wochen verbracht hatte, und die &#8211; das wurde ihm jetzt bewu\u00dft &#8211; hatten nie gelogen. Aber er lie\u00df sich nichts anmerken.<br \/>\n\u201eIch bin auch froh, wieder hier zu sein. Schade, da\u00df Sie mich nicht eher gefunden haben. Bestimmt haben Sie sich bei der Suche viel M\u00fche gegeben. (Er \u00fcberh\u00f6rte das verlegene \u201e\u00c4hem\u201c des Vizekanzlers.) Aber jetzt bin ich ja da. Es gibt viel zu tun. Ich plane folgende Gesetzesvorhaben:<\/p>\n<ol>\n<li>&#8211; Autos werden verboten<\/li>\n<li>&#8211; Gewitter werden verboten<\/li>\n<li>&#8211; Beeren werden zum Volksnahrungsmittel Nr. 1 erhoben<\/li>\n<li>&#8211; Met wird von der Alkoholsteuer ausgenommen<\/li>\n<li>&#8211; B\u00e4ren werden als Menschen anerkannt<\/li>\n<li>&#8211; abendliches M\u00e4rchenerz\u00e4hlen wird gesellschaftliche Pflicht<\/li>\n<li>&#8211; die Produktion von M\u00fcll wird verboten.\u201c<\/li>\n<\/ol>\n<p>Z\u00e4hneknischend machte sich der Vizekanzler Notizen und brachte den verschollenen Kanzler unter dem Jubel der Bev\u00f6lkerung (Warum jubelte die eigentlich? Sie wu\u00dfte doch noch gar nichts von der Ver\u00e4nderung!) in die Hauptstadt. Allm\u00e4hlich wurden die sinnvollen Gesetzesvorhaben umgesetzt, die unsinnigen verschwanden in tiefen Schubladen. Der Kanzler lernte, klug zu sein. Er lernte zu genie\u00dfen. Manchmal, wenn er im August bei einer Wanderung oder einem Fahrradausflug eine Brombeerhecke pl\u00fcnderte, meinte er neben sich eine Stimme zu h\u00f6ren: \u201eWie sch\u00f6n, da\u00df es Dir schmeckt&#8230;\u201c<br \/>\nUnd er schmunzelte und begann zu tr\u00e4umen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war einmal ein Kanzler, der war der m\u00e4chtigste Mann in seinem Land. Und weil er so m\u00e4chtig war, hatte er Angst vor allen Menschen. 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