{"id":444,"date":"2005-06-01T19:08:12","date_gmt":"2005-06-01T17:08:12","guid":{"rendered":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/?p=444"},"modified":"2017-03-13T19:12:56","modified_gmt":"2017-03-13T17:12:56","slug":"beschluss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/2005\/06\/beschluss\/","title":{"rendered":"Beschluss"},"content":{"rendered":"<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/lasals3.jpg\" alt=\"La Sals\" width=\"640\" height=\"480\" border=\"0\" \/><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Noch k\u00e4mpfte der Fr\u00fchling in den LaSals mit dem Winter, aber sein Sieg zeichnete sich bereits deutlich ab. Der Sturm wehte noch ab und zu Schneefahnen von den h\u00f6chsten Bergen wie schon seit Monaten, aber weiter unten an den H\u00e4ngen, wo die B\u00e4ren ihre H\u00f6hle hatten, taute es schon gewaltig. Im Windschatten konnte es sogar gem\u00fctlich warm sein, und wenn man dort eine kleine Erhebung fand, konnte man sich sogar niederlassen, ohne einen nassen Hintern zu bekommen.<br \/>\nGenau das hatten B\u00e4rdel und Tumu getan.<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/baerd3.jpg\" alt=\"B\u00e4rdel\" width=\"320\" height=\"240\" border=\"0\" \/><\/div>\n<p>Sie sa\u00dfen in einer kleinen, von B\u00fcschen umgebenen Lichtung, die vor sp\u00e4tem Frost und Wind recht gut gesch\u00fctzt war. Lange Zeit sagten sie gar nichts und genossen die Sonne, die ihren Pelz w\u00e4rmte, meist mit geschlossenen Augen. Nur ab und zu blinzelten sie und beobachteten die Knospen der winzigen Fr\u00fchlingsblumen, die sich tapfer in die H\u00f6he zu recken begannen. Endlich brach Tumu das Schweigen.<br \/>\n\u201cSag mal, mein lieber Mann &#8211; \u201c<br \/>\nB\u00e4rdel brummte unwillig. Es stimmte doch, dass Frauen immer reden mussten. Dabei war er gerade sicher gewesen, dass sich ein ganz fr\u00fcher Kolibri in ihre N\u00e4he verirrt hatte. Er hatte das tiefe Brummen einer riesigen fliegenden Hummel ganz deutlich geh\u00f6rt. Jetzt hatte Tumu ihn verscheucht. Aber er war ein h\u00f6flicher B\u00e4r und besann sich schnell auf seine Manieren.<br \/>\n\u201cJa? Was soll ich sagen? Dass ich dich liebe? Aber das wei\u00dft du doch!\u201c<br \/>\nTumu knuffte ihn, halb scherzhaft und halb ungehalten, in die Seite.<br \/>\n\u201cDas kannst du mir nicht oft genug sagen. Aber jetzt geht es mir um etwas anderes. Bleiben wir nun hier, oder gehen wir zur\u00fcck?\u201c<br \/>\nB\u00e4rdel brummte jetzt nicht mehr, er seufzte. Die Frage war ihm unangenehm, weil er noch immer keine Antwort darauf gefunden hatte. War es wirklich von Bedeutung, ob sie mit Tussis Hilfe nach Dehland zur\u00fcckkehrten oder ob sie in den Bergen Utahs blieben? Hier wie dort lebten sie als versteckte Gruppe, aber einen Unterschied gab es doch: In Dehland hatten sie sich immer wieder in die Politik eingemischt, w\u00e4hrend sie hier passiv geblieben waren und sich nur vor den Menschen verborgen hatten. Das erste war ihm lieber gewesen. Aber hatte nicht gerade ihre Einmischung letztlich dazu gef\u00fchrt, dass sie fliehen mussten?<br \/>\n\u201cIch wei\u00df&#8230;\u201c begann er sehr z\u00f6gernd.<br \/>\nTumu r\u00e4usperte sich und brachte ihn so dazu, sie anzuschauen. Ohne den Kopf zu bewegen, gab sie ihm mit den Augen einen Wink. Er folgte der angedeuteten Blickrichtung und ersp\u00e4hte zwischen den zwar immergr\u00fcnen, aber jetzt nur sp\u00e4rlich belaubten Eichenb\u00fcschen eine bekannte Schnauze. Das war ja wohl die H\u00f6he! Kulle belauschte sie! B\u00e4rdel war wirklich nicht rachs\u00fcchtig, aber er fand, dass sein bester Freund jetzt eine geh\u00f6rige Lektion verdient hatte.<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/kulle5.jpg\" alt=\"Kulle\" width=\"440\" height=\"330\" border=\"0\" \/><\/div>\n<p>Alte Ehepaare, und Tumu und B\u00e4rdel waren ein altes Ehepaar, entwickeln oft eine \u00fcberraschende geistige Symbiose. B\u00e4rdel brauchte nur zu l\u00e4cheln, und Tumu verstand sofort, dass er etwas vorhatte. Sie wusste allerdings noch nicht, was.<br \/>\nAls w\u00e4re nichts geschehen, fing B\u00e4rdel seinen Satz von neuem an.<br \/>\n\u201cIch wei\u00df nicht. Es ist doch letztlich egal, was wir machen. Die Welt funktioniert heutzutage nach dem Gesetz der Globalisierung. Die gro\u00dfen Konzerne bestimmen, wo es lang geht, und dagegen ist die Politik machtlos. Demokratie und Selbstbestimmung &#8211; alles Ideen von gestern. Die Wirtschaft ist unser Schicksal, und dagegen k\u00f6nnen weder Menschen noch B\u00e4ren etwas tun.\u201c<br \/>\nEs raschelte in den B\u00fcschen. B\u00e4rdel schmunzelte. Der erste Schuss hatte getroffen. Auch Tumu hatte das Ger\u00e4usch geh\u00f6rt, aber noch war ihr nicht nach Lachen zumute. Sie wusste nicht, welche Rolle ihr B\u00e4rdel in diesem Disput zugewiesen hatte.<br \/>\n\u201cUnd?\u201c fragte sie deshalb.<br \/>\n\u201cMan muss die Welt nehmen, wie sie ist. Das ist eben Schicksal. Gegen das Schicksal kann man nichts machen, au\u00dfer sich heroisch anzupassen. Heroisch, verstehst du? Aber Heroismus kennt ihr Frauen ja nicht!\u201c<br \/>\nJetzt hatte Tumu begriffen.<br \/>\n\u201cMit dem Schicksal hast du sicher Recht. Aber was soll die Sache mit der Anpassung? Warum passen sich die Menschen denn heutzutage an? Sie arbeiten sich tot und haben doch keine Perspektive. Sie steigern den Umsatz, aber sie selbst sind voller Angst. \u00dcberhaupt &#8211; der ganze Fortschritt ist Unsinn!\u201c<br \/>\n\u201cWieso?\u201c fragte B\u00e4rdel mit gespielter Unschuld.<br \/>\n\u201c Weil der Fortschritt nur Schaden anrichtet, deshalb! Was haben die Menschen denn zum Beispiel von der sogenannten Mobilit\u00e4t? Sie wohnen entfernt von ihrem Arbeitsplatz, wenn sie noch einen haben, und auf dem Weg dahin stehen sie im Stau!\u201c<br \/>\nB\u00e4rdel l\u00e4chelte milde.<br \/>\n\u201cEben hast du noch zugegeben, dass die Welt sich schicksalhaft entwickelt. Zum Schicksal gibt es keine Alternative. Wieso kannst du eine alternativlose Entwicklung kritisieren?\u201c<br \/>\nTumu fand es nicht fair, dass B\u00e4rdel sie in einem Schaukampf in die Enge trieb, aber sicher wollte er, dass ihr Scheingefecht m\u00f6glichst echt aussah. Das sah sie auch ein &#8211; Kulle war alles andere als dumm. Sie wehrte sich tapfer.<br \/>\n\u201cIch versuche eben zu retten, was zu retten ist. Literatur und Kunst zum Beispiel. Traditionelle Literatur, nicht etwa diese Machwerke von der Streeruwitz. Und traditionelle Kunst, bei der im Theater Hamlet noch Prinz von D\u00e4nemark ist und nicht irgendein verzweifelter Jungmanager. Bei Jungmanagern geht es doch nur um Geld, bei Hamlet geht es um H\u00f6heres.\u201c<br \/>\nB\u00e4rdel ahnte, dass er Tumu jetzt in heillose Verstrickungen treiben w\u00fcrde, wenn er nachfragte. Nach welchem \u201cH\u00f6heren\u201c strebte Hamlet denn? Nach der Liebe? Der Familienehre? Der Macht? Der gekr\u00e4nkten Eitelkeit? Er lie\u00df das Thema lieber fallen.<br \/>\n\u201cDas ist doch Schnee von vorgestern. Wen interessiert das heute noch? Du musst auch das Positive sehen. Was war denn gestern und nicht vorgestern? Nicht dein Hamlet, sondern Hedonismus. Spa\u00dfgesellschaft nannte sich das und war doch nichts anderes als Oberfl\u00e4chlichkeit. Garantiert wurde alles durch den Sozialstaat. \u00dcbrigens, ich finde diesen sogenannten \u201cRheinischen Kapitalismus\u201c widerlich. Aller berechtigte Streit wurde \u201ceinvernehmlich\u201c beigelegt. Welcher Schwindel! Unvereinbare Widerspr\u00fcche sind nicht \u201ceinvernehmlich\u201c l\u00f6sbar. Und erst die soziale H\u00e4ngematte! Die Sozialschmarotzer haben sich darin gesuhlt, anstatt die nat\u00fcrliche H\u00e4rte des Daseins zu sp\u00fcren zu bekommen. Du musst vern\u00fcnftig denken, Tumu!\u201c<br \/>\nIn den B\u00fcschen ert\u00f6nte ein lauter Seufzer, aber sowohl B\u00e4rdel als auch Tumu gaben vor, ihn zu ignorieren.<br \/>\n\u201cWillst du etwa an die Vernunft appellieren? Die Vernunft des Kapitalismus? Die m\u00e4nnliche Vernunft? Aufkl\u00e4rung und Vernunft &#8211; das sind doch nur Chim\u00e4ren. Technische \u201cVernunft\u201c hat 1912 erkl\u00e4rt, dass die Titanic unsinkbar sei. Eure sogenannte Vernunft hat das Schiff mit dem Eisberg kollidieren lassen. Vernunft ist der falsche Weg. Gef\u00fchl, B\u00e4rdel, ist alles, und alles andere ist Schall und Rauch!\u201c<br \/>\nTumu hatte M\u00fche, sich ein Grinsen zu verkneifen, aber es gelang ihr. B\u00e4rdel verzog leicht die Mundwinkel &#8211; seine Frau war wirklich \u00fcberzeugend, gerade als Frau, wie es dem Klischee entsprach, fand er. In den B\u00fcschen war deutlich ein verhaltenes Z\u00e4hneknirschen zu h\u00f6ren.<br \/>\nB\u00e4rdel nahm sich zusammen. Jetzt war er wieder dran.<br \/>\n\u201cWie melancholisch, wie anachronistisch! Weibliches Sentiment! Das Leben, meine Liebe, ist Kampf, und jetzt gerade erlebt die Menschheit das wahre, wirkliche Leben, tragisch wie in der Antike. Du lebst doch jetzt schon lange genug in den USA, um zu wissen, wie das aussieht. Wie das aussehen muss! Keine Kranken-, keine Sozialversicherung, Dumpingl\u00f6hne &#8211; so ist es richtig. Menschliches Leben ist Kampf ums Dasein! Und da es Schicksal ist, kann niemand etwas daran \u00e4ndern!\u201c<br \/>\n\u201cNat\u00fcrlich muss das sein, aber es muss nicht so sein. In der globalisierten Zukunft droht allen nur Zwang und Unfreiheit, daran k\u00f6nnen wir nichts andern. Aber&#8230;\u201c<br \/>\nIn den B\u00fcschen raschelte es, rauschte es, Zweige knackten, und Kulle brach ungest\u00fcm hervor. Er erkl\u00e4rte weder sein Erscheinen, noch entschuldigte er es. Er schien sich zur rechten Zeit am rechten Platz zu f\u00fchlen.<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/kulle6.jpg\" alt=\"Kulle\" width=\"440\" height=\"330\" border=\"0\" \/><\/div>\n<p>\u201cUnsinn, die Globalisierung ist kein Schicksal. Sie ist von Menschen gemacht.\u201c knurrte er. Und feierlich fuhr er fort:<br \/>\n\u201c In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabh\u00e4ngige Verh\u00e4ltnisse ein, Produktionsverh\u00e4ltnisse&#8230;\u201c<br \/>\nB\u00e4rdel und Tumu fielen ein:<br \/>\n\u201c&#8230;die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer materiellen Produktivkr\u00e4fte entsprechen. Die Gesamtheit dieser Produktionsverh\u00e4ltnisse bildet die \u00f6konomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer \u00dcberbau erhebt, und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewusstseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess \u00fcberhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt&#8230;\u201c<br \/>\nKulle hatte den Chor mit einem Finger dirigiert und signalisierte jetzt den Abbruch.<br \/>\n\u201cIm Text wird jetzt weiter erkl\u00e4rt, wann und warum die Revolution f\u00e4llig ist, aber wem sage ich das. Ich gebe zu: Ihr habt mich ertappt. Eigentlich wollte ich euch nicht belauschen, aber ich war doch versucht herauszufinden, welche Tendenz ihr in Sachen R\u00fcckkehr oder Bleiben verfolgt. Dar\u00fcber habe ich leider nichts erfahren. Euer Gespr\u00e4ch hat mich \u00fcbrigens heftig auf die B\u00e4renpalme gebracht. Das kann doch nicht euer Ernst sein&#8230;\u201c<br \/>\n\u201cNein?\u201c fragte Tumu.<br \/>\n\u201cWirklich nicht?\u201c wollte B\u00e4rdel wissen.<br \/>\n\u201cNein, denn ich wei\u00df doch, dass ihr B\u00e4ren seid, die&#8230;\u201c<br \/>\n\u201c..dass wir B\u00e4ren sind, die wenigstens wichtige Teile des Vorworts zur politischen \u00d6konomie von Karl Marx auswendig k\u00f6nnen, und das nicht, weil wir gerne auswendig lernen, sondern weil wir diese Aussagen f\u00fcr wichtig und richtig halten &#8211; richtig?\u201c<br \/>\n\u201cJa.\u201c<br \/>\n\u201cAlso &#8211; war das unser Ernst?\u201c<br \/>\n\u201cNein. \u201c <span class=\"datum\"> (Die skizzierten Positionen sind wirklich nicht die von B\u00e4rdel und Tumu, wohl aber die mancher europ\u00e4ischer Philosophen (und solcher, die es gern sein m\u00f6chten))<\/span><br \/>\nAlso &#8211; gehen wir zur\u00fcck?\u201c<br \/>\nKulle dachte eine Moment lang nach. Dann sagte er:<br \/>\n\u201cSelbstverst\u00e4ndlich. Wir gehen dahin, wo wir uns einmischen k\u00f6nnen. Als selbstbewusste B\u00e4ren k\u00f6nnen wir gar nicht anders. Ich gehe schon mal meine rote Fahne suchen.\u201c<br \/>\nKulle stapfte davon. Im Gehen murmelte er vor sich hin:<br \/>\n\u201cAuf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkr\u00e4fte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverh\u00e4ltnissen. Aus Entwicklungsformen der Produktivkr\u00e4fte schlagen diese Verh\u00e4ltnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein.\u201c<br \/>\nTumu und B\u00e4rdel l\u00e4chelten einander an.<br \/>\n\u201cDas war jetzt aber kein Scherz mehr, oder?\u201c fragte Tumu sicherheitshalber.<br \/>\n\u201cNein, meine Position ist klar. Ich gehe und berufe die B\u00e4renversammlung ein. Ich denke, alle werden sich f\u00fcr die R\u00fcckreise aussprechen.\u201c<br \/>\nTumu blieb allein auf der Lichtung zur\u00fcck und schaute wehm\u00fctig in die Ferne. Es war Zeit, Abschied zu nehmen.<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/lasalls2.jpg\" alt=\"LaSals\" width=\"440\" height=\"330\" border=\"0\" \/><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Noch k\u00e4mpfte der Fr\u00fchling in den LaSals mit dem Winter, aber sein Sieg zeichnete sich bereits deutlich ab. Der Sturm wehte noch ab und zu Schneefahnen von den h\u00f6chsten Bergen wie schon seit Monaten, aber weiter unten an den H\u00e4ngen, wo die B\u00e4ren ihre H\u00f6hle hatten, taute es schon gewaltig. 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