{"id":477,"date":"2007-01-24T17:37:58","date_gmt":"2007-01-24T15:37:58","guid":{"rendered":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/?p=477"},"modified":"2017-03-14T17:40:39","modified_gmt":"2017-03-14T15:40:39","slug":"kunst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/2007\/01\/kunst\/","title":{"rendered":"Kunst"},"content":{"rendered":"<p>Tumu, die sich mit Vorliebe mit Kunst besch\u00e4ftigte, also mit Menschenkunst, denn die B\u00e4ren \u00fcbten die Kunst, Kunst zu produzieren, nicht, war schon seit geraumer Zeit der Meinung, dass es in B\u00e4renleben ein diesbez\u00fcgliches Defizit gab. Lange hatte sie \u00fcberlegt, wie diesem \u00dcbel abzuhelfen sei. Schlie\u00dflich hatte sie eine Idee. Am Ende einer der regelm\u00e4\u00dfigen abendlichen Versammlungen der B\u00e4renlebener machte sie den Vorschlag, verschiedene Neigungsgruppen zu gr\u00fcnden: Einen Chor, einen Malzirkel, eine Literatenvereinigung. Gerne h\u00e4tte sie mehr ins Leben gerufen, aber diese drei erschienen ihr zun\u00e4chst zentral. Da sie alle B\u00e4ren f\u00fcr talentiert hielt, lud sie alle ein mitzumachen. Die Frauen waren auch gleich begeistert, weil sie stets neugierig auf Neues waren, die M\u00e4nner dagegen zeigten ihr ohne zu \u00fcberlegen die R\u00fcckseiten ihrer Pranken &#8211; keine sehr h\u00f6fliche Geste, denn es handelt sich dabei um die b\u00e4rische Version des menschlichen Stinkefingers.<br \/>\n&#8222;Warum wollt ihr nicht dabeisein?&#8220; fragte Tumu entr\u00fcstet.<br \/>\n&#8222;Wir machen nicht mit, weil das verlorenen Zeit w\u00e4re. B\u00e4ren haben kein Potenzial f\u00fcr Kunstproduktion,&#8220; antwortete B\u00e4rdel.<br \/>\n&#8222;Das werden wir ja sehen!&#8220; erkl\u00e4rte Tumu siegessicher. &#8222;In ein paar Wochen werdet ihr die Ergebnisse unserer Arbeit bewundern d\u00fcrfen und euch wegen eures Def\u00e4tismus in Grund und Boden sch\u00e4men!&#8220;<br \/>\nIn der n\u00e4chsten Zeit waren die B\u00e4renfrauen noch bienenflei\u00dfiger als sonst. Sie sammelten und bereiteten Nahrung im Rekordtempo und nutzen die freie Zeit f\u00fcr kreative T\u00e4tigkeiten. Tumu selbst begriff sich als Koordinatorin und Beraterin und flitzte zwischen den drei Frauengruppen hin und her, um ihnen zu helfen und Tipps zu geben. Die Malgruppe mischte zun\u00e4chst alle m\u00f6glichen Farben aus Naturmaterialien zusammen und pr\u00e4parierte gro\u00dfe Borkenst\u00fccke, die als &#8222;Leinwand&#8220; dienen sollten. Die Choristinnen \u00fcberlegten sich vielstimmige Melodien. Nur die Literatengruppe kam ohne Vorarbeiten aus: Hier konnte man gleich mit dem Dichten beginnen. Deshalb erschien Tumu diese Arbeitsgemeinschaft am Anfang auch am interessantesten, und sie hielt sich am h\u00e4ufigsten dort auf.<br \/>\n&#8222;Ich bin eine gl\u00fcckliche B\u00e4rin&#8230;&#8220; h\u00f6rte sie dort zum Beispiel. &#8222;Das finde ich schon ganz gut, der Rhythmus stimmt, glaube ich. Aber woher nehme ich den n\u00e4chsten Vers? Ich dachte f\u00fcr den Anfang an einen Paarreim, das ist einfacher als alles\u00a0 andere.&#8220;<br \/>\n&#8222;&#8218;Allerdings fehlen mir die Ferien` &#8211; wie w\u00e4r&#8217;s damit?&#8220; schlug ihre beste Freundin vor.<br \/>\nDie Verfasserin des k\u00fcnftigen Meisterwerkes runzelte die Stirn: &#8222;Irgendwas stimmt da nicht!&#8220;<br \/>\nTumu sprang ein: &#8222;Wie w\u00e4r&#8217;s mit: \u2018Trotzdem fehlen mir die Ferien&#8216;?&#8220;<br \/>\n&#8222;Schon besser &#8211; aber l\u00e4ngst noch nicht gut. Der Reim gef\u00e4llt mir nicht, auf Ferien reimt sich B\u00e4rien, nicht B\u00e4rin. Und das Metrum&#8230;&#8220; Sie begann laut zu skandieren.<br \/>\n&#8222;Ihr schafft das schon!&#8220; machte Tumu sich und den anderen Mut. Weil sie auch nicht weiter wusste, fl\u00fcchtete sie und besuchte die anderen Gruppen.<br \/>\nWas sie dort zu sehen und zu h\u00f6ren bekam, war keineswegs ermutigender. Der Chor \u00fcbte ein Liedchen ein, das wie eine missgestimmte Version von &#8222;Alle meine Entchen&#8220; klang. Tumu hielt sich die Ohren zu und suchte vorerst das Weite. Musik ist eben eine schwierige Kunst, tr\u00f6stete sie sich, aber \u00dcbung macht den Meister!<br \/>\nDie Malerinnen bedeckten ihre Borkenst\u00fccke fl\u00e4chig mit jeweils einer Farbe: Wenn man es anders mache, sehe es unordentlich aus, erkl\u00e4rten sie.<br \/>\n&#8222;Ihr k\u00f6nntet wenigstens behaupten, dass ihr minimalistische Kunst produziert!&#8220; schimpfte Tumu. &#8222;Das lie\u00dfe sich mit ziemlich viel Chuzpe vielleicht verkaufen. Aber so&#8230;.&#8220;<br \/>\nSie raste los und raffte in der Bibliothek so viele Kunstb\u00e4nde zusammen, wie sie gerade noch tragen konnte.<br \/>\n&#8222;Hier!&#8220; keuchte sie, als sie wieder zur\u00fcck war, und zeigte einen Kunstdruck nach dem anderen. &#8222;Das ist Kunst! Seht euch nur an, wie Rembrandt mit den Farben spielt. Und Mir\u00f3 &#8211; ist das nicht \u00e4sthetisch?&#8220;<br \/>\nAber die Malerinnen waren anderer Meinung: &#8222;Dieser Rembrandt ist viel zu pingelig mit den Einzelheiten. Au\u00dferdem malt er nur Menschen und tote Tiere. Und um bunte Rechtecke zu zeichnen, sind wir uns zu schade.&#8220;<br \/>\nEs dauerte noch einige Wochen, in denen sie \u00e4hnliche Erfahrungen machte, bis Tumu bereit war, ihre Niederlage zuzugeben. Bei dem Eingest\u00e4ndnis half ihr, dass niemand sie an ihr leichtfertig gegebenes Versprechen, die k\u00fcnstlerischen Ergebnisse in kurzer Zeit zu pr\u00e4sentieren, erinnerte. Endlich berichtete sie B\u00e4rdel ausf\u00fchrlich und schonungslos vom kl\u00e4glichen Scheitern der B\u00e4rinnen.<br \/>\n&#8222;Du hast damals gesagt: \u2018B\u00e4ren haben kein Potenzial f\u00fcr Kunstproduktion&#8216;, das wei\u00df ich noch genau. Anscheinend hattest du recht. Aber &#8211; warum?&#8220;<br \/>\n&#8222;Zum Gl\u00fcck kommst du jetzt erst mit dieser Frage!&#8220; seufzte B\u00e4rdel. &#8222;Ich denke seit deinem Vorsto\u00df dar\u00fcber nach, dennoch halte ich meine Erkl\u00e4rung nach wie vor f\u00fcr unzul\u00e4nglich. Aber ich habe keine andere.&#8220;<br \/>\n&#8222;Versuch&#8217;s ganz einfach;&#8220; sagte Tumu und kuschelte sich an ihn. Sie war gl\u00fccklich, endlich keine schlechten Verse und misst\u00f6nenden Lieder mehr h\u00f6ren zu m\u00fcssen, sondern der beruhigenden Brummstimme ihres Mannes lauschen zu k\u00f6nnen.<br \/>\n&#8222;Ich habe mir \u00fcberlegt, welche Wurzeln die Menschenkunst hat. Literatur, Malerei und Musik entstanden aus derselben Quelle: aus Zauber und Magie, die sp\u00e4ter zu Religion mutierten. Dahinter steckt als Hauptmotiv Angst, weil die Menschen die Welt, in der sie lebten, nicht verstehen. Muss ich das erkl\u00e4ren?&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich glaube nicht. Die \u00e4ltesten Felsmalereien und Epen beweisen, dass du recht hast. Meistens spielen G\u00f6tter eine Rolle. In Bezug auf die Musik bin ich nicht sicher.&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich auch nicht, aber die \u00e4ltesten Musikst\u00fccke oder besser Fragmente, die erhalten sind, haben einen \u2018spirituellen&#8216; Inhalt, wie die Menschen sagen. Wenn meine Theorie stimmt, dann braucht man, um k\u00fcnstlerisch kreativ zu sein, als Erkl\u00e4rungsmuster f\u00fcr all das, was man sich nicht erkl\u00e4ren kann, die Vorstellung von einer \u00fcberirdischen Realit\u00e4t, der man sich nicht mit normalen, sondern besser mit \u2018kunstvollen&#8216; Mitteln ann\u00e4hern sollte. Und eine solche Vorstellung ist uns B\u00e4ren fremd.&#8220;<br \/>\n&#8222;Stimmt. Aber&#8230;&#8220; wandte Tumu ein, &#8222;aber es gibt doch zahlreiche Menschenk\u00fcnstler, die produktiv sind und in deren Schaffen Religion keine Rolle spielt. Wie erkl\u00e4rst du dir das?&#8220;<br \/>\n&#8222;Es handelt sich um ein historisch junges Ph\u00e4nomen, richtig?&#8220;<br \/>\nTumu nickte.<br \/>\n&#8222;Ihr Glaube an G\u00f6tter hat den Menschen nicht das Hauptgef\u00fchl nehmen k\u00f6nnen, das ihr Leben bestimmt: die Angst. Viele Literaten sagen selbst, dass sie sich etwas von der Seele geschrieben haben.&#8220; B\u00e4rdel machte eine Pause und schmunzelte dann. &#8222;Ich muss zugeben, dass ich eure \u2018k\u00fcnstlerische&#8216; Produktion ab und zu belauscht habe: \u2018Ich bin eine gl\u00fcckliche B\u00e4rin&#8230;'&#8220;<br \/>\n&#8222;Erinnere mich bitte nicht daran!&#8220; bat Tumu.<br \/>\n&#8222;Ich musste dich daran erinnern, um dir etwas anderes zu zeigen. H\u00f6r mal zu:<br \/>\n\u2018Nun ist der Lenz gekommen,<br \/>\nNun bl\u00fchen alle Wiesen,<br \/>\nNun herrschen Glanz und Freude<br \/>\nAuf Erden weit und breit;<br \/>\nNur meine b\u00f6se Herrin,<br \/>\nSie keift und zetert immer<br \/>\nNoch wie in der betr\u00fcbten<br \/>\nUnd kalten Winterzeit!<br \/>\nWenn ich am fr\u00fchen Morgen<br \/>\nMit aufgewachtem Herzen<br \/>\nIm Garten grab&#8216; und singe,<br \/>\nDie Welt mir freundlich blickt.<br \/>\nWirft sie mir aus dem Fenster<br \/>\nDie ungef\u00fcgen Worte,<br \/>\nDass rasch in meiner Kehle<br \/>\nDas kleine Lied erstickt.&#8216;<br \/>\nDie letzte Strophe lautet:<br \/>\n\u2018Mag selber sie nur beten,<br \/>\nDass ihre eignen Kinder<br \/>\nNicht einmal dienen m\u00fcssen,<br \/>\nWenn ihr das Gl\u00fcck entschwand<br \/>\nUnd sie als arme Mutter<br \/>\nWird um die H\u00e4user schleichen,<br \/>\nWo jene sind geschlagen<br \/>\nVon b\u00f6ser Herrenhand!&#8216;<br \/>\nDas Gedicht lebt vom Dualismus von Harmonie und Bosheit und der Angst vor dem menschlichen B\u00f6sen, dem das lyrische Ich ausgeliefert ist. In ihrer Verzweiflung w\u00fcnscht die Magd indirekt ihrer Herrin selbst B\u00f6ses und macht deutlich, dass das Schicksal der Menschen von Gott abh\u00e4ngt. In B\u00e4renleben kann man solche Gef\u00fchle einfach nicht versp\u00fcren.&#8220;<br \/>\nNach einer nachdenklichen Pause fragte Tumu unvermittelt: &#8222;Kennst du Rodins Skulptur \u2018Der Kuss&#8216;?&#8220;<br \/>\n&#8222;Ich war noch nicht in Paris, aber ich kenne Abbildungen. Zwei wundersch\u00f6ne nackte Menschen umschlingen einander in einer perfekten Umarmung. Die Darstellung gef\u00e4llt mir sehr gut.&#8220;<br \/>\n&#8222;Meinst du, diese Plastik ist durch religi\u00f6se Vorstellungen oder Angst motiviert?&#8220;<br \/>\nErst jetzt merkte B\u00e4rdel, dass er in der Falle sa\u00df. &#8222;Nat\u00fcrlich nicht!&#8220; brummelte er. &#8222;Rodin zeigt wahre Liebe oder wahre Leidenschaft und sonst gar nichts&#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;Und die gibt es bei B\u00e4ren nicht?&#8220;<br \/>\n&#8222;Bei Tussi, Tumu, du musst auch immer das letzte Wort haben! Nat\u00fcrlich gibt es die.&#8220; Er langte mit allen seinen Extremit\u00e4ten nach seiner Frau und knuffte sie herzlich nach B\u00e4renart, dass ihr die Luft wegblieb. Zwischen zwei K\u00fcssen sagte er: &#8222;Und weil es bei den B\u00e4ren Liebe und Leidenschaft gibt, gibt es ja vielleicht sogar einen aktiven Kunstsinn, aber das probierst du bitte erst in ein paar Jahren noch einmal aus, falls \u00fcberhaupt, und jetzt lass uns erst mal Liebe machen, denn wer liebt, ist gl\u00fccklich, und wer gl\u00fccklich ist, produziert keine Kunst, sondern genie\u00dft sie&#8230;&#8220;<br \/>\n&#8222;Und wer hat jetzt das letzte Wort gehabt?&#8220; schmunzelte Tumu.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/baerdel3.JPG\" width=\"536\" height=\"573\" border=\"0\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tumu, die sich mit Vorliebe mit Kunst besch\u00e4ftigte, also mit Menschenkunst, denn die B\u00e4ren \u00fcbten die Kunst, Kunst zu produzieren, nicht, war schon seit geraumer Zeit der Meinung, dass es in B\u00e4renleben ein diesbez\u00fcgliches Defizit gab. 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