{"id":488,"date":"2007-10-30T15:57:24","date_gmt":"2007-10-30T13:57:24","guid":{"rendered":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/?p=488"},"modified":"2020-04-02T16:56:37","modified_gmt":"2020-04-02T14:56:37","slug":"was-ist-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/2007\/10\/was-ist-politik\/","title":{"rendered":"Was ist Politik?"},"content":{"rendered":"<p>Nach ihrem Unterricht in Menschenkunde und Mathematik waren Na und Nuk nicht zu bremsen: In Physik, Chemie und Biologie eigneten sie sich die wichtigsten Kenntnisse im Pfotenumdrehen an, und danach entwickelten sie sich zu Geografie-Expertinnen. Bei den Geisteswissenschaften haperte es dagegen &#8211; die kleinen Eisb\u00e4rinnen wollten nicht so recht an Literatur oder Philosophie und Geschichte heran, und selbst Kulle dr\u00e4ngte nicht darauf, sie mit seinen ureigenen Forschungsgegenst\u00e4nden zu befassen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/nanuk.jpg\" alt=\"Die Lernwilligen\" width=\"400\" height=\"300\" align=\"right\" \/><\/p>\n<p>Eines Tages aber geschah, was geschehen musste. Na und Nuk hatten sich das richtige Opfer ausgesp\u00e4ht. Sie erwischten Kulle auf seinem Morgenspaziergang und fragten: \u201cOnkel Kulle, wir m\u00f6chten gerne wissen, was Politik ist. Guten Morgen \u00fcbrigens. Guten Morgen auch Dir, Onkel B\u00e4rdel!\u201c<\/p>\n<p>\u201cGuten Morgen, Guten Morgen! Also, Politik ist&#8230;\u201c<\/p>\n<p>B\u00e4rdel und Kulle hatten gleichzeitig zu sprechen begonnen und h\u00f6rten ebenso gleichzeitig auf. Sie schauten einander unsicher an.<\/p>\n<p>\u201cAlso&#8230;\u201c machte Kulle nach einer Kunstpause einen weiteren Versuch, aber Nuk, als Erstgeborene die Mutigere, fiel ihm ins Wort.<\/p>\n<p>\u201cOnkel Kulle, wir ahnen, dass Du jetzt \u00fcberlegst, welche von den Dutzenden Definitionen von Politik, die Du kennst, also welche davon Du uns jetzt als die richtige verkaufst. Das wollen wir aber gar nicht wissen. Nachgeguckt haben wir selber. Wir wollen nicht wissen, wie man Politik definieren kann, sondern was Politik ist!\u201c<\/p>\n<p>Kulle fragte: \u201cWas meint Ihr damit?\u201c<\/p>\n<p>\u201cWir m\u00f6chten das Sein des Seins\u2019Politik\u2018 erfahren, das meinen wir damit!\u201c Es gelang Na ohne M\u00fche, ernst zu bleiben, denn sie ahnte nicht, wie fremd ihre Formulierung am Beginn des 21. Jahrhunderts klang.<\/p>\n<p>\u201cIhr m\u00f6chtet also Politik erleben &#8211; ist es das?\u201c vergewisserte sich B\u00e4rdel.<\/p>\n<p>\u201cGenau, Onkel B\u00e4rdel!\u201c jubelten die Zwillinge und sahen die alten Braunb\u00e4ren erwartungsvoll an.<\/p>\n<p>\u201cIch f\u00fcrchte\u201c, brummte Kulle so leise vor sich hin, dass ihn die Eisb\u00e4renkinder gar nicht und B\u00e4rdel nur mit M\u00fche h\u00f6ren konnte, \u201cich f\u00fcrchte, das l\u00e4uft auf ein Spiel hinaus!\u201c<\/p>\n<p>\u201cBlo\u00df das nicht!\u201c flehte B\u00e4rdel. <a href=\"markt.html\">Er hatte mit Spielen so seine Erfahrungen.<\/a><\/p>\n<p>Aber sein Entsetzen beeindruckte die Kinder \u00fcberhaupt nicht.<\/p>\n<p>\u201cToll!\u201c br\u00fcllten sie. \u201cWir spielen ein Spiel! Ein Spiiieell!\u201c<\/p>\n<p>Bei der Versammlung am Abend, als B\u00e4rdel den B\u00e4renlebenern verk\u00fcndete, was ihnen bevorstand, wenn sie sich auf den Wunsch von Nanuk einlie\u00dfen, reagierten viele ablehnend, und Tumu geh\u00f6rte dazu.<\/p>\n<p>\u201cWenn Ihr Politik spielen wollt &#8211; meinen Segen habt Ihr. Wir haben seit Deinem letzten Geburtstag eine wundersch\u00f6ne Freilichtb\u00fchne neben unserer H\u00f6hle. Da k\u00f6nnt Ihr den Kindern vormachen, wie Politik funktioniert, und viele andere kommen bestimmt auch gerne zum Zugucken. Ein Realspiel lehne ich dagegen ab &#8211; das letzte liegt mir noch in den Knochen.\u201c<\/p>\n<p>So waren B\u00e4rdel und Kulle zum Theaterspielen verurteilt. Sie \u00fcberlegten sich ein Konzept, suchten sich Manfred als Helfer und begannen mit den Proben. Schon nach ein paar Tagen k\u00fcndigten sie die erste Auff\u00fchrung an und erkl\u00e4rten, es handele sich dabei um Jugendtheater. Die Erwachsenen sollten, so w\u00fcnschten sie, der Auff\u00fchrung fern bleiben.<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/profs2.jpg\" alt=\"Manfred\" width=\"400\" height=\"533\" \/><\/div>\n<p>Der Zuschauerraum war zwar nicht gut gef\u00fcllt, aber alle Jungb\u00e4ren der Gegend waren anwesend, und auch Piggy das Schwein und Ramses der Frosch waren gekommen, denn sie betrachteten sich in der B\u00e4rengemeinschaft immer noch als unwissend, also in gewisser Weise als jung. Da es keinen Theatervorhang gab, konnten alle beobachten, wie B\u00e4rdel die B\u00fchne betrat. Er trug eine Krone aus Goldpapier auf dem dicken Sch\u00e4del und lie\u00df sich schwer in einen geschm\u00fcckten Sessel plumpsen, der mitten auf der B\u00fchne stand und wohl einen Thron darstellen sollte.<\/p>\n<p>B\u00e4rdel wandte sich an sein Publikum: Guten Abend, junge B\u00e4ren!\u201c\u201d gr\u00fc\u00dfte er freundlich. \u201cIch bin Euer K\u00f6nig. Das hei\u00dft also, ich bin Euer Herrscher. Wenn ich freundlich zu Euch bin, dann bin ich nicht einfach freundlich, sondern huldvoll. Das hei\u00dft, ich bringe Euch Wohlwollen entgegen, ich will Euch wohl. Daf\u00fcr will ich von Euch Abgaben, aber die verwende ich nicht immer nur f\u00fcr mich alleine &#8211; wenn Ihr angegriffen werdet, will ich Euch gerne verteidigen, vorausgesetzt, Ihr helft mir dabei!\u201c<\/p>\n<p>Unruhe entstand im Publikum.<\/p>\n<p>\u201cHabt Ihr dazu etwa irgend welche Fragen?\u201c wollte B\u00e4rdel wissen.<\/p>\n<p>\u201cHei\u00dft das\u201c, erkundigte sich Del, \u201chei\u00dft das, dass Du als K\u00f6nig auf unsere Kosten lebst?\u201c<\/p>\n<p>\u201cNein, nat\u00fcrlich nicht. Ich lebe auf Kosten der Gnade Gottes, ich bin K\u00f6nig von Gottes Gnaden. Gott hat mich \u00fcber Euch gesetzt, damit ich hier auf Erden seinen Willen exekutiere. Daf\u00fcr geht es mir materiell ein bisschen besser als Euch, das gebe ich zu.\u201c<\/p>\n<p>Und welche Rolle spielen wir in diesem Spiel?\u201c fragte Del weiter.<\/p>\n<p>\u201cNa ja,\u201c erkl\u00e4rte B\u00e4rdel, \u201cwie ich schon sagte: Ihr zahlt und k\u00e4mpft im Krieg. Im \u00fcbrigen gehorcht Ihr und seid fromm und dankbar daf\u00fcr, dass es Euch so gut geht.\u201c<\/p>\n<p>\u201cDas gef\u00e4llt uns nicht!\u201c sagten Na und Nuk gleichzeitig,<\/p>\n<p>\u201cMir auch nicht!\u201c rief Kulle, der jetzt auf die B\u00fchne gelaufen kam. Er trug eine gro\u00dfe bunte, mit Schellen besetzte Kappe. \u201cMit gef\u00e4llt das auch nicht, weil ich n\u00e4mlich der Hofnarr dieses K\u00f6nigs bin. Wollt Ihr wissen, was der K\u00f6nig den ganzen Tag lang macht?\u201c<\/p>\n<p>\u201cJaaa!!!\u201c rief das Publikum.<\/p>\n<p>\u201cAm Morgen steht der K\u00f6nig auf, am Abend geht der K\u00f6nig zu Bett, und tags\u00fcber langweilt er sich mit seinen Sorgen, mit seinen Dienern, seinem Gold, Silber, Samt, seiner Seide, langweilt sich mit seinen Kerzen. Sein Bett ist prunkvoll, aber man kann darin auch nicht viel anderes tun als schlafen.<\/p>\n<p>Die Diener machen am Morgen tiefe Verbeugungen, jeden Morgen gleich tief, der K\u00f6nig ist daran gew\u00f6hnt und schaut nicht einmal hin. Jemand gibt ihm die Gabel, jemand gibt ihm das Messer, jemand schiebt ihm den Stuhl zu, und die Leute, die mit ihm sprechen, sagen Majest\u00e4t und sehr viele sch\u00f6ne Worte dazu und sonst nichts.<\/p>\n<p>Nie sagt jemand zu ihm:\u2019Du Trottel, du Schafskopf\u2018, und alles, was sie ihm heute sagen, haben sie ihm gestern schon gesagt.<\/p>\n<p>So ist das.<\/p>\n<p>Und deshalb haben K\u00f6nige Hofnarren.<\/p>\n<p>Die d\u00fcrfen tun, was sie wollen, und sagen, was sie wollen, um den K\u00f6nig zum Lachen zu bringen, und wenn er \u00fcber sie nicht mehr lachen kann, bringt er sie um oder so.\u201c<\/p>\n<pre class=\"fussnoten\">(Vielen Dank an Peter Bichsel. Das Zitat stammt aus: \u201cAmerika gibt es nicht\u201c, in: Kindergeschichten)<\/pre>\n<p>Bei seinen letzten Worten schleppte Kulle eine kleine Guillotine auf die B\u00fchne, legte sich unter das Fallbeil und spielte kokett mit der Schnur.<\/p>\n<p>\u201cLass das sein, Onkel Kulle!\u201c heulten Nanuk auf. Sieh lieber zu, wie wir diesen K\u00f6nig loswerden!\u201c<\/p>\n<p>\u201c\u201cNichts leichter als das!\u201c schmunzelte Kulle, zog sich die Narrenkappe vom Kopf und setzte als Ersatz eine rote M\u00fctze auf. \u201cAuch ein K\u00f6nig kann unter der Guillotine sterben.\u201c<\/p>\n<p>B\u00e4rdel zog eine j\u00e4mmerliche Grimasse, nahm die Krone vom Kopf, heftete sich stattdessen eine blau-wei\u00df-rote Kokarde hinters Ohr und h\u00e4ngte sich ein Schild um den Hals, auf dem \u201cB\u00fcrger Capet\u201c stand.<\/p>\n<p>Kulle entrollte feierlich eine Pergamentrolle und las daraus vor: \u201cDer Nationalkonvent erkl\u00e4rt Louis Capet, den letzten K\u00f6nig, der Verschw\u00f6rung gegen die Freiheit der Nation und des Anschlags gegen die allgemeine Sicherheit des Staates f\u00fcr schuldig. Der Nationalkonvent verh\u00e4ngt die Todesstrafe \u00fcber Louis Capet.\u201c<\/p>\n<p>\u201cDarf ich noch beichten?\u201c fragte B\u00e4rdel.<\/p>\n<p>\u201cKlar!\u201c sagte Kulle. \u201cDas wird sich bestimmt lohnen &#8211; Du hast ja genug auf dem Kerbholz. Aber beeil Dich damit &#8211; der erste Akt ist gleich zu Ende!\u201c<\/p>\n<p>B\u00e4rdel kniete sich hin, Manfred kam als Priester verkleidet angesaust, legte f\u00fcr eine Sekunde lauschend die Hand hinter sein Ohr, nickte, schlug das Kreuz \u00fcber B\u00e4rdel und verschwand so schnell, wie er gekommen war. B\u00e4rdel legte sich ergeben unter die Guillotine. Kulle verdeckte die Szene mit einer gro\u00dfen blau-wei\u00df-roten Flagge. Im Publikum h\u00f6rte man, wie das Fallbeil herabsauste und zur Ruhe kam.<\/p>\n<p>\u201cOnkel B\u00e4rdel! B\u00e4rdel!\u201c heulten alle auf.<\/p>\n<p>Die Fahne sank in sich zusammen. Dahinter erhob sich B\u00e4rdel unverletzt. \u201cDer K\u00f6nig ist tot\u201c, erkl\u00e4rte er, \u201caber der Schauspieler lebt selbstverst\u00e4ndlich. Jetzt machen wir erst mal eine Pause, und danach d\u00fcrft Ihr Euch w\u00fcnschen, welche Art von Politik Ihr als n\u00e4chstes vorgef\u00fchrt haben m\u00f6chtet. Eben seid Ihr \u00fcbrigens mit der Monarchie bekannt gemacht worden, also mit der Herrschaft eines K\u00f6nigs, und mit der Revolution. So nennt man es, wenn eine Staatsform oder eine Regierungsform gewaltsam gest\u00fcrzt wird.\u201c<\/p>\n<p>In der Pause wurde Himbeersaft serviert wie in einem richtigen Theater f\u00fcr erwachsene B\u00e4ren, und das jugendliche Publikum diskutierte eifrig dar\u00fcber, was es im zweiten Akt geboten bekommen wollte.<\/p>\n<p>\u201cAlso, ich fand das gemein, was eben mit dem K\u00f6nig passiert ist\u201c, sagte Del. \u201cMan sollte ihn wieder in sein Amt einsetzen und ihm sagen, dass er sich in Zukunft besser benehmen soll. Er darf zum Beispiel seinen Hofnarren nicht umbringen, nur weil er sich langweilt.\u201c<\/p>\n<p>\u201cDas geht aber nicht!\u201c wandte Ramses ein. \u201cErstens ist der K\u00f6nig tot, und eine Leiche als Herrscher haben sich selbst die verr\u00fcckten Menschen bisher noch nicht ausgedacht. Und zweitens l\u00e4sst ein Alleinherrscher seine Macht nicht beschr\u00e4nken, jedenfalls nicht ohne Zwang. Au\u00dferdem w\u00e4re es f\u00fcr uns langweilig, wenn der K\u00f6nig wieder auferst\u00fcnde &#8211; die Monarchie kennen wir doch jetzt!\u201c<\/p>\n<p>\u201cAber was wollen wir dann?\u201c fragte Piggy. \u201cWir kennen sonst doch nichts!\u201c<\/p>\n<p>\u201cDas stimmt nicht ganz\u201c, widersprach Nuk. \u201cIch gebe zu, dass ich noch nicht regelm\u00e4\u00dfig in der Zeitung lese, aber ab und zu werfe ich einen Blick hinein. Daher wei\u00df ich, dass es hier in Dehland keinen K\u00f6nig gibt. Politik muss es doch aber immer geben, oder? Das ist so, weil alle intelligenten Lebewesen &#8211; na ja, ich meine jetzt auch die Menschen &#8211; Spielregeln f\u00fcr ihr Zusammenleben brauchen. Ich bin daf\u00fcr, dass wir uns im n\u00e4chsten Akt die Art von Politik w\u00fcnschen, die es in Dehland gibt.\u201c<\/p>\n<p>Na sah ihre \u00e4ltere Schwester bewundernd an. \u201cDas finde ich gut!\u201c<\/p>\n<p>Alle anderen stimmten ebenfalls zu und begaben sich erwartungsvoll wieder in den Zuschauerraum.<\/p>\n<p>Die B\u00fchne war inzwischen umdekoriert worden. An allen drei Seiten hingen gro\u00dfe Plakate, die riesige Fotos von B\u00e4rdel, Manfred und Kulle zeigten. Auf den Postern stand au\u00dferdem noch jeweils ein kurzer Text:<\/p>\n<p>\u201cB\u00e4rdel ist Zukunft. Und Zukunft bedeutet Tempolimit.\u201c<\/p>\n<p>\u201cDie Zukunft hei\u00dft Tempolimit mit Kulle.\u201c<\/p>\n<p>\u201cZukunft? Tempolimit? Manfred!\u201c<\/p>\n<p>B\u00e4rdel erschien und schmunzelte.<\/p>\n<p>\u201cIhr seht, dass wir euch bespitzelt haben. Auch das geh\u00f6rt bei den Menschen zur Politik &#8211; Berufspolitiker wollen immer wissen, was das Volk denkt und w\u00fcnscht. So k\u00f6nnen sie es am besten besch&#8230; &#8211; ich meine, am besten manipulieren. Ihr wollt die Politik in Dehland erleben, haben wir geh\u00f6rt. Das ist technisch ein bisschen schwierig, denn die Art von Politik, die in Dehland gemacht wird, nennt sich Demokratie, und daran sind viele Menschen beteiligt, jedenfalls ab und zu. Wir hier auf und hinter der B\u00fchne sind aber nur zu dritt. Aber Ihr kennt ja Manfreds Tricks &#8211; er wird das schon schaffen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/manf.jpg\" alt=\"Manfred\" width=\"400\" height=\"300\" align=\"right\" \/><\/p>\n<p>Hinter mir seht Ihr Wahlkampfplakate &#8211; in Dehland werden Abgeordnete, die Gesetze beschlie\u00dfen, n\u00e4mlich vom Volk gew\u00e4hlt. In dem Wahlkampf, den Ihr gleich sehen werdet, spielt ein Tempolimit auf Autobahnen eine gro\u00dfe Rolle. Lasst euch \u00fcberraschen!\u201c<\/p>\n<p>B\u00e4rdel ging ab, und die B\u00fchne wurde dunkel. Nach wenigen Sekunden aber wurden drei Filme abgespielt, die \u00e4hnliche Situationen zeigten: Unter freiem Himmel sprachen drei Redner, n\u00e4mlich B\u00e4rdel, Kulle und Manfred, zu einem interessiert zuh\u00f6renden menschlichen Publikum. Die Pr\u00e4sentation begann als Stummfilm, aber allm\u00e4hlich wurde der Ton hochgefahren, und zwar so, dass man in st\u00e4ndigem zuf\u00e4lligem Wechsel einen Redner laut und die beiden anderen nur ganz leise h\u00f6rte.<\/p>\n<p>\u201c&#8230;wichtig f\u00fcr die Menschen\u201c&#8230; \u201ceine wichtige Entscheidung\u201c&#8230; \u201cmehr als wichtig, eine wahre Richtungsentscheidung\u201c&#8230; \u201cdenn die Zukunft\u201c&#8230; \u201cdenn unsere Zukunft\u201c&#8230; \u201cunsere und vor allem die Zukunft unserer Kinder\u201c&#8230; \u201cverantwortungsvolles Handeln\u201c&#8230; \u201cHandeln aus dem Bewusstsein der Verantwortung\u201c&#8230; \u201cHandeln und Verantwortung \u00fcbernehmen\u201c&#8230; \u201cGrenzen erkennen und akzeptieren\u201c&#8230; \u201cwir haben eine Grenze erreicht, und wir m\u00fcssen akzeptieren\u201c&#8230; \u201cauch wenn es schwerf\u00e4llt: Wir m\u00fcssen erkennen\u201c&#8230; \u201cund deshalb fordern wir\u201c&#8230; \u201cund deshalb werden wir\u201c&#8230; \u201cund so werden wir mit aller Kraft\u201c&#8230; \u201cein Tempolimit einf\u00fchren\u201c&#8230; \u201cdas \u00fcberf\u00e4llige Tempolimit auch in diesem unseren Land durchsetzen\u201c&#8230; \u201cendlich auch hier so fahren wie unsere europ\u00e4ischen Nachbarn: mit Tempolimit\u201c.<\/p>\n<p>Die Filme verblassten, und die Zuschauer applaudierten h\u00f6flich wegen Manfreds technischer Meisterleistung, sahen einander danach aber verunsichert an.<\/p>\n<p>\u201cIch bin mir nicht sicher\u201c, brach Na als erste tapfer das Schweigen, \u201caber &#8211; haben die nicht alle dasselbe gesagt?\u201c<\/p>\n<p>Bevor jemand antworten konnte, ert\u00f6nte ein Gong, und dazu erklang eine Stimme aus dem Off. \u201cHier ist das erste dehl\u00e4ndische Fernsehen mit der Tagesschau.\u201c Eine h\u00fcbsche junge Frau wurde sichtbar und verlas eine Meldung: \u201cAm Vorabend der Wahlen zum dehl\u00e4ndischen Bundestag haben die Spitzenkandidaten der drei gro\u00dfen Volksparteien auf Kundgebungen f\u00fcr ihre Programme geworben. Da unterschiedliche Positionen dabei nicht zu erkennen waren, rechnen Experten f\u00fcr den morgigen Sonntag mit einer nur geringen Wahlbeteiligung.\u201c<\/p>\n<p>\u201cAlso\u201c, sagte Piggy und kringelte das Schw\u00e4nzchen ganz eng zusammen, was ein untr\u00fcgliches Zeichen von Emp\u00f6rung war. \u201cAlso, ich w\u00fcrde mich an dieser Veranstaltung auch nicht beteiligen. Was ist das denn f\u00fcr eine Wahl, wenn man keine Wahl hat?\u201c<\/p>\n<p>Die Tagesschau-Sprecherin wurde f\u00fcr kurze Zeit unscharf und und verlas gleich darauf die n\u00e4chste Meldung. \u201cNach den ersten Hochrechnungen liefern sich die drei gro\u00dfen Volksparteien ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Insgesamt entfielen 90 Prozent der abgegebenen g\u00fcltigen Stimmen auf sie. Die Wahlbeteiligung war noch niedriger als erwartet: Nur 45 Prozent der Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab.\u201c<\/p>\n<p>Die Tagesschau-Sprecherin verschwand, und an ihrer Stelle tauchte jemand auf, mit dem wirklich niemand gerechnet hatte: Athabasca. Sie war als Professorin verkleidet und wandte sich an Na und Nuk. \u201cHallo, Ihr Beiden, ich wollte mich nur kurz als Eure Mathelehrerin in Erinnerung bringen. Zwei Parteien, die zusammen 60% der Stimmen erhalten haben, werden sich in ein paar Tagen zusammenschlie\u00dfen, um die Regierung zu bilden. So etwas nennt man Koalition. Gew\u00e4hlt haben nur 45% der Wahlberechtigten. Auf wie viel Prozent der wahlberechtigten Bev\u00f6lkerung wird sich die k\u00fcnftige Regierung st\u00fctzen k\u00f6nnen?\u201c\u00a0\u201cDas ist doch pipileicht, Tante Atti! Auf 27 Prozent!\u201c<a href=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/attigras.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-13 size-large aligncenter\" src=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/attigras-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"580\" height=\"435\" srcset=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/attigras-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/attigras-300x225.jpg 300w, https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/attigras.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a>\u201cAber das ist ja entsetzlich!\u201c rief Ramses.<\/p>\n<p>\u201c\u201cN\u00f6, Onkel Ramses, das ist nicht entsetzlich, das ist richtig!\u201c protestierten Nanuk.<\/p>\n<p>\u201cJa, nat\u00fcrlich ist das richtig, aber das ist ja das Entsetzliche. In einer Demokratie wie in Dehland leiten die Politiker ihr Recht, Gesetze zu machen und zu regieren, davon ab, dass das Volk sie damit beauftragt hat. Aber sind 27% das Volk? Welchen R\u00fcckhalt hat eine Regierung, die sich auf eine so kleine Minderheit st\u00fctzt?\u201c<\/p>\n<p>\u201cHervorragende Frage\u201c, lobte B\u00e4rdel, der wieder leibhaftig auf der B\u00fchne erschienen war. \u201cEine solche Regierung hat in Wahrheit gar keinen R\u00fcckhalt. Aber wir wollen mal sehen, ob es den Politikern darauf \u00fcberhaupt ankommt. Nach einer Bundestagswahl tritt irgendwann der neue Bundestag zusammen, das hei\u00dft, dass sich gut 600 gew\u00e4hlte Abgeordnete in einem Saal treffen und einen Regierungschef w\u00e4hlen, den Kanzler. Die Partei, die das macht, ist die Regierungspartei. Wenn eine Partei nicht ausreicht, schlie\u00dfen sich mehrere zusammen und bilden eine Koalition. Nachdem das passiert ist, fangen sie an, Gesetze zu machen. Dabei sind sie jetzt gerade. Sie debattieren \u00fcber ein Tempolimit auf dehl\u00e4ndischen Autobahnen. Ihr d\u00fcrft zuh\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<p>Wieder wurde ein Film eingespielt, der suggerierte, dass sich das Theaterpublikum auf der Besuchertrib\u00fcne des Bundestages befand. Man sah von weit oben auf das Rednerpult herab, hinter dem Manfred stand.<\/p>\n<p>\u201cAls Kanzler der Bundesrepublik Dehland ist es meine Pflicht, meine Damen und Herren Abgeordneten, meine Pflicht als Regierungschef, das Wohl der Allgemeinheit im Blickfeld zu behalten. Es w\u00e4re vollkommen kurzsichtig, nur der sogenannten Umwelt zuliebe ein Tempolimit auf Autobahnen zu verh\u00e4ngen. Freie Fahrt dem freien B\u00fcrger! \u2013 Das ist das Motto des AD&#8230;.\u201c Manfred verschluckte sich und trank einen Schluck Wasser aus dem frisch gef\u00fcllten Glas vor ihm. \u201cDas Motto des adulten, also des erwachsenen Dehl\u00e4nders. Nat\u00fcrlich, meine Damen und Herren, wollen wir gute Europ\u00e4er sein, und wir sind es auch. Aber wir setzen uns ein f\u00fcr ein Europa der Vielfalt, nicht f\u00fcr ein Europa der Konformit\u00e4t. Mit mir, und das sage ich in aller Deutlichkeit, wird es ein Tempolimit nicht geben!\u201c<\/p>\n<p>B\u00e4rdel als Sprecher der Opposition war als n\u00e4chster dran.<\/p>\n<p>\u201cIch bin betr\u00fcbt\u201c, sagte er. \u201cDas geh\u00f6rt sich nicht, ich wei\u00df. Politiker sind immer optimistisch oder geben sich zumindest so, als k\u00f6nnten sie das Ruder noch herumrei\u00dfen, obwohl klar ist, dass sie hoffnungslos in der Minderzahl sind. Ich spiele dieses Spiel jetzt mal nicht mit, denn wir sind in einem anderen Spiel, und zudem in einem didaktischen.<\/p>\n<p>Also: Ich bin betr\u00fcbt. Denn meine Partei wollte &#8211; und will &#8211; ein Tempolimit, weil das n\u00e4mlich aus verschiedenen Gr\u00fcnden vern\u00fcnftig ist. Aber die Lobbies aus Autobauern und Energiekonzernen, die \u00fcbrigens h\u00e4ufig identisch sind und sich popul\u00e4rer Sprachrohre wie des ADAC bedienen, die Gelder f\u00fcr Parteien spenden und f\u00fcr abgehalfterte Politiker lukrative Jobs bereit halten, diese Lobbies haben offenbar die besseren\u2019Argumente\u2018. So werden wir weiterhin mehr CO<sub>2<\/sub> als n\u00f6tig in die Umwelt pusten und mehr Tote und Verletzte in Kauf nehmen, als n\u00f6tig und vern\u00fcnftig w\u00e4re.\u201c<\/p>\n<p>Der letzte Redner war Kulle.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/kulle7.jpg\" alt=\"Kulle\" width=\"480\" height=\"360\" align=\"left\" \/><\/p>\n<p>\u201cDie Kulle-Partei, meine Damen und Herren, ist, wie Sie alle wissen, nicht irgendeine Partei. Wir sind die Vertreter der kleinen Leute. Wir wissen, wo das Herz des Dehl\u00e4nders schl\u00e4gt. Wir kennen seine Sorgen, seine N\u00f6te. Viele von uns teilen seine Biografie des Nicht-Erfolgs.<\/p>\n<p>Was bleibt dem kleinen Dehl\u00e4nder? Er gewinnt nicht im Lotto, obwohl er das jede Woche hofft, und er kann sich das Traumhaus, in dem er gerne lebte, nicht leisten. Was er sich aber leisten kann, ist sein Auto. Nein, keinen Porsche Carrerra, noch nicht mal einen VW Touareg, aber einen kleinen Suzuki oder Skoda, vielleicht auch einen Golf. Dar\u00fcber freut er sich. Das ist sein Shangri-La. Damit f\u00e4hrt er auf die Autobahn.\u2019180\u2018 sagt der Tachodisplay, vielleicht ein bisschen weniger oder ein bisschen mehr. Und die Schilder am Stra\u00dfenrand? Die sollen\u2019130\u2018 sagen oder vielleicht nur\u2019120\u2018? Das, meine Damen und Herren, w\u00e4re Kastration, w\u00e4re Vergewaltigung, w\u00e4re Verhinderung eines Lebensgef\u00fchls, auf das der kleine Mann in Dehland angewiesen ist wie auf das t\u00e4gliche Brot &#8211; ja, vielleicht noch mehr. Ein Tempolimit auf Autobahnen ist dem Dehl\u00e4nder nicht zuzumuten, das ist eine schlichte, unumst\u00f6\u00dfliche Wahrheit. Und deshalb, meine Damen und Herren, wird es keines geben. Mit uns nicht!\u201c<\/p>\n<p>Damit endete der Film, und die drei Schauspieler erschienen pers\u00f6nlich auf der B\u00fchne und verbeugten sich. Nur B\u00e4rdel erhielt Applaus, w\u00e4hrend Kulle und Manfred kr\u00e4ftig ausgebuht und beschimpft wurden.<\/p>\n<p>\u201cIhr l\u00fcgt ja, wenn Ihr den Mund aufmacht!\u201c<\/p>\n<p>\u201cVolksvertreter wollt ihr sein? Ihr vertretet doch nur Euch selber!\u201c<\/p>\n<p>\u201cUnd das gro\u00dfe Geld!\u201c<\/p>\n<p>\u201cEure Demokratie gef\u00e4llt uns nicht!\u201c<\/p>\n<p>B\u00e4rdel hob beschwichtigend die Pranken, und allm\u00e4hlich gelang es ihm, den Tumult zu beenden.<\/p>\n<p>\u201cUns gef\u00e4llt diese Demokratie auch nicht, das d\u00fcrft Ihr uns glauben. Immerhin: Gegen\u00fcber der Monarchie, die wir Euch im ersten Akt gezeigt haben, hat sie einen gro\u00dfen Vorteil: Das Volk kann seine \u201cVertreter\u201c bei den n\u00e4chsten Wahlen loswerden, wenn es das m\u00f6chte, und zwar ohne Gewalt.\u201c<\/p>\n<p>Das leuchtete dem Publikum ein, aber zufrieden waren die Zuschauer dennoch nicht.<\/p>\n<p>\u201cK\u00f6nnt Ihr uns denn nicht zum Schluss eine richtig gute Politik zeigen?\u201c fragte Del.<\/p>\n<p>\u201cNein, denn Schluss ist jetzt. Beim n\u00e4chsten Mal vielleicht. Wir werden dann n\u00e4mlich das spielen, was Eurer Meinung nach richtig gute Politik ergibt. Wir sind sehr gespannt darauf, was Euch einfallen wird.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach ihrem Unterricht in Menschenkunde und Mathematik waren Na und Nuk nicht zu bremsen: In Physik, Chemie und Biologie eigneten sie sich die wichtigsten Kenntnisse im Pfotenumdrehen an, und danach entwickelten sie sich zu Geografie-Expertinnen. 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