{"id":494,"date":"2008-10-09T17:25:33","date_gmt":"2008-10-09T15:25:33","guid":{"rendered":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/?p=494"},"modified":"2017-03-26T17:28:49","modified_gmt":"2017-03-26T15:28:49","slug":"krise-welche-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/2008\/10\/krise-welche-krise\/","title":{"rendered":"Krise? Welche Krise?"},"content":{"rendered":"<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/kulle4.jpg\" alt=\"Kulle\" width=\"440\" height=\"330\" \/><\/div>\n<p>\u201cOnkel Kulle, Onkel Kulle! Wir haben heute die Zeitung gelesen!\u201c<\/p>\n<p>Kulle war vertieft in den dritten Band der \u201cTheorien \u00fcber den Mehrwert\u201c und wurde vom \u00dcberfall der Eisb\u00e4renkinder v\u00f6llig \u00fcberrascht.<\/p>\n<div align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.baerdel.de\/baerdel\/nanuk.jpg\" alt=\"Na und Nuk\" width=\"400\" height=\"300\" \/><\/div>\n<p>\u201cSch\u00f6n\u201c, murmelte er zerstreut. \u201cAktuelle Bildung ist immer gut. Aber der sinkende Fall der Profitrate&#8230;\u201c<\/p>\n<p>\u201cOh, Onkel Kulle, liest Du auch gerade Zeitung?\u201c erkundigte sich Na.<\/p>\n<p>\u201cUnsinn. Ich lese Karl Marx.\u201c Zum Beweis hielt Kulle ein dickes blaues Buch in die H\u00f6he. \u201cDas ist ein Standardwerk und schon etwas \u00e4lter als die Zeitung von heute.\u201c<\/p>\n<p>\u201cDann ist entweder die Zeitung von heute ziemlich veraltet, oder Dein Karl Marx war ein Hellseher\u201c, bemerkte Nuk naseweis. \u201cDenn wir haben eben erfahren, dass die Profite von vielen Banken mehr als sinken. Und das f\u00fchrt dazu, dass ihre Rate &#8211; oder ihr Rating oder so &#8211; sich verschlechtert. Wir haben das alles nicht so richtig verstanden. Deshalb sind wir hier &#8211; Du kannst uns das doch bestimmt erkl\u00e4ren, oder?\u201c<\/p>\n<p>Geschmeichelt klappte Kulle den Band 26.3 der gesammelten Werke von Marx und Engels zu. \u201cIch kann es ja mal versuchen\u201c, sagte er gespielt bescheiden. Und dann dachte er ziemlich lange nach. Denn es war gar nicht so einfach, jungen Eisb\u00e4rinnen eine Subprimekrise zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>\u201cAlso&#8230;\u201c begann er schlie\u00dflich.<\/p>\n<p>\u201cJa?\u201c<\/p>\n<p>\u201cAlso &#8230; Ihr wollt ein Haus bauen &#8230;\u201c<\/p>\n<p>\u201cWollen wir gar nicht!\u201c<\/p>\n<p>\u201cStellt Euch vor, Ihr wollt ein Haus bauen&#8230;\u201c<\/p>\n<p>\u201cWarum sollen wir uns das vorstellen?\u201c<\/p>\n<p>Kulle begriff, dass er mit Betroffenheitsp\u00e4dagogik nicht weiterkam.<\/p>\n<p>\u201cViele Menschen in den Vereinigten Staaten wollten ein Haus bauen oder kaufen, um darin zu wohnen. Menschen brauchen eine Wohnung, das wisst Ihr doch, nicht wahr?\u201c<\/p>\n<p>Nanuk nickten &#8211; endlich redete Onkel Kulle vern\u00fcnftig.<\/p>\n<p>\u201cAber die meisten hatten daf\u00fcr nicht genug Geld. Deshalb liehen sie es sich.\u201c<\/p>\n<p>\u201cWer ist denn so bl\u00f6d, Menschen Geld zu leihen, die kein Geld haben? B\u00e4ren bestimmt nicht!\u201c<\/p>\n<p>\u201cNein, B\u00e4ren bestimmt nicht. Wir B\u00e4ren haben ja auch kein Geld, und das ist gut so. Aber Menschen, die Geld haben, leihen Menschen Geld, denen Geld fehlt. Sie wollen das Geld nat\u00fcrlich zur\u00fcckhaben, und zwar in Raten. Sie leihen den geldlosen Menschen also nicht nur Geld, sondern auch Zeit. Und die Zeit lassen sie sich in Geld bezahlen. Das nennt man Ratenzahlungen.\u201c<\/p>\n<p>\u201cDas verstehen wir. Menschen, die jetzt kein Geld haben, haben sp\u00e4ter ein bisschen Geld. Und noch ein bisschen. Und von dem bisschen zahlen sie das geliehene Geld zur\u00fcck. Und die Zinsen.\u201c<\/p>\n<p>Kulle schmunzelte. \u201cNa, Ihr habt\u2018s begriffen. Alles v\u00f6llig unproblematisch!\u201c<\/p>\n<p>\u201cFalsch, Onkel Kulle!\u201c Nuk h\u00fcpfte aufgeregt auf und ab. \u201cWas ist, wenn die geldlosen Menschen auch sp\u00e4ter geldlose Menschen bleiben? Dann haben die Menschen, die ihr Geld verliehen haben, auch kein Geld mehr. Alle haben dann kein Geld mehr!\u201c<\/p>\n<p>\u201cGanz einfach!\u201c Kulle gab sich gelassen. \u201cDagegen sichern sich die Geldverleiher ab. Die Geldlosen mussten nat\u00fcrlich Schuldscheine unterschreiben. Diese Schuldscheine verkauften die Geldverleiher weiter. So&#8230;\u201c<\/p>\n<p>\u201cEntschuldigung, Onkel Kulle!\u201c Es war offensichtlich, dass Na versuchte, h\u00f6flich zu bleiben, obwohl es ihr schwerfiel. \u201cOnkel Kulle, solche Schuldscheine kauft doch keiner!\u201c<\/p>\n<p>\u201cDoch!\u201c sagte Kulle und klappte sein Buch endg\u00fcltig zu. Er begriff, dass er noch viel w\u00fcrde erkl\u00e4ren m\u00fcssen. \u201cDoch! Denn die Verk\u00e4ufer sagten den K\u00e4ufern, dass nur einige der geldlosen Menschen bezahlen werden, aber nicht alle. Sie sagten aber nicht, wie viele. Deshalb machten sie f\u00fcr die Schuldscheine einen Sonderpreis. Aber wenn dann keiner der geldlosen Menschen Geld h\u00e4tte, w\u00e4re auch dieser Sonderpreis zu hoch. Und jetzt h\u00e4tte auf einmal der K\u00e4ufer der Schuldscheine kein Geld mehr. Und wenn der K\u00e4ufer eine Bank w\u00e4re, dann h\u00e4tten deren Kunden auf einmal kein Geld mehr, denn das Geld einer Bank ist das Geld ihrer Kunden. Dann w\u00e4re die Bank pleite. Aber eigentlich w\u00e4ren deren Kunden pleite.\u201c<\/p>\n<p>\u201cGemein!\u201c sagten Nanuk im Chor und mussten danach erstmal nachdenken.<\/p>\n<p>\u201cEtwas verstehe ich noch nicht, Onkel Kulle\u201c, sagte Nuk nach einer Weile. \u201cWarum haben die Banken geglaubt, dass die geldlosen Menschen nicht geldlos bleiben? Warum haben sie angenommen, dass sie ihre Kredite zur\u00fcckzahlen k\u00f6nnen?\u201c<\/p>\n<p>\u201cEine sehr gute Frage!\u201c lobte Kulle. \u201cDazu braucht man eine Blase. Besser noch sind mehrere Blasen.\u201c<\/p>\n<p>Nanuk sagten nichts und fragten nichts, stattdessen wurden sie rot. \u00dcber K\u00f6rperfunktionen redete man in B\u00e4renleben gew\u00f6hnlich nicht, und f\u00fcr Sexualit\u00e4t, darin waren sich die Erwachsenen bisher einig gewesen, waren die Zwillinge zu jung. Kulle aber merkte nichts, sondern redete einfach weiter.<\/p>\n<p>\u201cVon einer Blase, besser einer Spekulationsblase spricht man dann, wenn alle Beteiligten davon ausgehen, dass die Preise in die H\u00f6he gehen. In unserem Fall sollten die Preise f\u00fcr Immobilien in den USA weiter steigen, und das taten sie wirklich. Ein geldloser Eigenheimbesitzer, der in einem 40.000-Dollar-Haus wohnte, fand sich ein paar Jahre sp\u00e4ter in einem 80.000-Dollar-Domizil wieder. Er war also um 40.000 Dollar reicher, zumindest auf dem Papier. So l\u00f6ste er seine alte Hypothek aus und nahm eine neue auf. Die bekam er locker, denn sein Haus war ja viel wert. Und mit dem neuen Geld konnte unser Eigenheimbesitzer viel konsumieren: Autos kaufen, reisen &#8230; was Menschen eben so machen, wenn sie zu viel Geld haben.<\/p>\n<p>Unser Eigenheimbesitzer hei\u00dft Joe Sixpack, in Deutschland hie\u00dfe er Michel, in England John Bull&#8230;\u201c<\/p>\n<p>\u201cOnkel Kulle!\u201c Nanuk klangen wirklich emp\u00f6rt. \u201cOnkel Kulle, was sind das denn f\u00fcr Leute?\u201c<\/p>\n<p>Kulle schlug sich vor die Stirn. \u201cEntschuldigung, Symbolik haben wir euch ja noch nicht beigebracht. Also, in der politischen Rhetorik..\u201c<\/p>\n<p>\u201cIn der politischen was?\u201c<\/p>\n<p>\u201cIch h\u00e4tte besser sagen sollen in der politischen Symbolik..\u201c<\/p>\n<p>\u201cIn was?\u201c<\/p>\n<p>Kulle gab vorerst auf. Zu den Abstrakta kommen wir besser sp\u00e4ter\u2018, murmelte er vor sich hin und sagte dann laut: \u201cDas sind nur Namen f\u00fcr den Durchschnittsb\u00fcrger. So was wie Eisb\u00e4r Mustertier\u2018.\u201c<\/p>\n<p>Na und Nuk sahen Kulle schweigend an, ihre Mienen zwei gro\u00dfe, geschwungene Fragezeichen.<\/p>\n<p>Kulle riss sich zusammen. \u201cZur\u00fcck zum Thema!\u201c verk\u00fcndete er. \u201cDie Eigenheimbesitzer haben Geld ausgegeben, das ihnen nicht geh\u00f6rte, das freute die Konsumg\u00fcterindustrie; h\u00e4userlose Menschen wollten ebenfalls ein Eigenheim besitzen und nahmen daf\u00fcr Hypotheken auf, und Baufirmen haben Eigenheime gebaut, denn die Nachfrage danach war offensichtlich da, und schiefgehen konnte dabei nichts, dachte man, denn H\u00e4user wurden immer wertvoller. Dr\u00fccke ich mich jetzt verst\u00e4ndlich aus?\u201c<\/p>\n<p>Nanuk nickten begeistert.<\/p>\n<p>\u201cGanz hervorragend, Onkel Kulle!\u201c lobte Nuk. \u201cUnd Du wei\u00dft bestimmt auch schon, dass wir jetzt wissen, was dabei nicht klappen kann!\u201c<\/p>\n<p>Kulle erwartete mitnichten, dass ein anderer als er komplizierte \u00f6konomische Zusammenh\u00e4nge bereits in diesem Stadium der Problemdarstellung durchschauen k\u00f6nnte, aber er lie\u00df sich nichts anmerken. Schlie\u00dflich war er P\u00e4dagoge genug, um die Kleinen nicht zu entt\u00e4uschen.<\/p>\n<p>\u201cIch ahne da etwas,\u201c l\u00e4chelte er. Ihm w\u00fcrde schon etwas einfallen, um die zwangsl\u00e4ufig falsche Analyse der Kleinen gleichzeitig zu loben und zurechtzur\u00fccken.<\/p>\n<p>Na sah Nuk, die Erstgeborene, auffordernd an, und Nuk erkl\u00e4rte nur allzu gerne.<\/p>\n<p>\u201cIrgendwann gab es vermutlich mehr neu gebaute H\u00e4user als nachfragende Menschen. Da Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen&#8230;\u201c<\/p>\n<p>\u201cKulle wand sich und hielt demonstrativ sein blaues Buch in die H\u00f6he.<\/p>\n<p>\u201c&#8230;jedenfalls in bestimmten Grenzen&#8230;\u201c<\/p>\n<p>Kulle lie\u00df das Buch wieder sinken.<\/p>\n<p>\u201c&#8230;d\u00fcrften die H\u00e4userpreise gesunken sein. Niemand hat mehr die neuen H\u00e4user gekauft, und die Besitzer der \u00e4lteren H\u00e4user konnten sich kein neues Geld durch neue h\u00f6here Hypotheken beschaffen. Also haben sie ihre Schulden nicht getilgt &#8211; das haben sie vermutlich sowieso nicht getan -, aber jetzt haben sie auch keine Zinsen mehr gezahlt. Und damit sa\u00dfen nicht nur die Baufirmen in der Tinte, sondern auch die Hypothekenbanken. Und alle, die die schlechten Schuldscheine der Hypothekenbanken gekauft haben.\u201c<\/p>\n<p>Jetzt hielt Na es doch nicht mehr aus, dass Nuk alle Lorbeeren allein einsammelte.<\/p>\n<p>\u201cWir haben gelesen, wie die Hausbesitzer ohne Geld hei\u00dfen, Onkel Kulle: Ninjas!\u201c<\/p>\n<p>Kulle atmete tief durch. Nuks Vortrag hatte ihn beeindruckt, aber Nas Bemerkung gab ihm Gelegenheit dazu, sich das nicht anmerken lassen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>\u201cKleine Na!\u201c r\u00fcgte er sanft. \u201cHarmlose amerikanische Hausbesitzer sind doch keine japanischen Partisanenk\u00e4mpfer!\u201c<\/p>\n<p>\u201cDas habe ich auch nicht behauptet, Onkel Kulle,\u201c widersprach Na. \u201cAmis lieben Abk\u00fcrzungen, das wei\u00dft Du doch. Zum Beispiel &#8218;Dinks\u2018: double income, no kids\u2018. Und &#8218;Ninja\u201c steht f\u00fcr &#8217;no income, no job or assets\u2018.\u201c Na dachte einen Moment lang nach: \u201cWas machen die denn jetzt, die Ninjas, wenn sie ihre Zinsen nicht zahlen k\u00f6nnen? Die Bank droht ihnen doch bestimmt, sie vor die T\u00fcr zu setzen, oder?\u201c<\/p>\n<p>\u201cNat\u00fcrlich tut die Bank das, kleine zweitgeborene Na.\u201c Nuk nutzte wie immer jede Gelegenheit, um ihre paar Sekunden mehr Lebenszeit als gr\u00f6\u00dfere Intelligenz zu behaupten. \u201cAber viele Ninjas kommen der Bank zuvor: Sie ziehen einfach aus und schicken der Bank den Hausschl\u00fcssel. Damit geh\u00f6rt das Haus nach amerikanischem Recht der Bank &#8211; und die hat ein Problem. Was soll sie mit einem Haus, mit vielen H\u00e4usern, die niemand haben will? Was ihr dagegen fehlt, ist Geld. Pleite ist sie!\u201c<\/p>\n<p>\u201cIhr seid wirklich kluge Kinder!\u201c lobte Kulle aufrichtig. \u201cDie Bank ist pleite, die anderen Banken, die die schlechten Kredite gekauft haben, sind es auch. Sie brauchen Geld &#8211; aber wer leiht ihnen schon was? Jeder bef\u00fcrchtet, dass sie ihre Kredite ebenso wenig zur\u00fcckzahlen k\u00f6nnen wie die Ninjas\u2018. Ihre Profitrate ist gesunken, und ihr Rating ist im Keller. Da jeder mit jedem gezockt hat, ist das inzwischen weltweit zu beobachten.\u201c<\/p>\n<p>\u201cUnd was passiert jetzt, Onkel Kulle?\u201c<\/p>\n<p>\u201cUns passiert gar nichts. Aber den Menschen &#8211; ich sage nur pffffft\u2018!! Das sage ich \u00fcbrigens oft als Fazit meiner wissenschaftlichen Werke &#8211; bei Gelegenheit d\u00fcrft ihr sie mal lesen!\u201c<\/p>\n<p>\u201cMachen wir, Onkel Kulle!\u201c<\/p>\n<p>\u201cDanke, Onkel Kulle!\u201c<\/p>\n<p>Die beiden tobten davon, und Kulle griff schmunzelnd zu seiner unerwartet aktuellen Lekt\u00fcre.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cOnkel Kulle, Onkel Kulle! Wir haben heute die Zeitung gelesen!\u201c Kulle war vertieft in den dritten Band der \u201cTheorien \u00fcber den Mehrwert\u201c und wurde vom \u00dcberfall der Eisb\u00e4renkinder v\u00f6llig \u00fcberrascht. \u201cSch\u00f6n\u201c, murmelte er zerstreut. \u201cAktuelle Bildung ist immer gut. 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