{"id":62,"date":"1996-10-31T18:13:08","date_gmt":"1996-10-31T16:13:08","guid":{"rendered":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/?p=62"},"modified":"2021-04-30T15:11:45","modified_gmt":"2021-04-30T13:11:45","slug":"kulles-dissertation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/1996\/10\/kulles-dissertation\/","title":{"rendered":"Kulles Dissertation"},"content":{"rendered":"<p align=\"center\"><b>Kulles Doktorarbeit<\/b><\/p>\n<p align=\"center\"><b>\u00a0<\/b><b>De rerum tabaccorum<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><a href=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/romeo.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-36\" src=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/romeo-300x242.jpg\" alt=\"romeo\" width=\"300\" height=\"242\" srcset=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/romeo-300x242.jpg 300w, https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-content\/uploads\/romeo.jpg 354w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\" align=\"center\"><b style=\"line-height: 1.5;\">Inhalt:<\/b><\/p>\n<p>1. Vorwort<\/p>\n<p>2. Etymologische Untersuchungen<\/p>\n<p>3. Geographische Befunde<\/p>\n<p>4. Die Wahrheit &#8211; Das Paulus-Prinzip<\/p>\n<p>5. Nachwort<\/p>\n<p>6. Bibliographie<br \/>\n<!--more--><br \/>\n<b><\/b><\/p>\n<p><b>1. Vorwort<\/b><\/p>\n<p>Diese Dissertation hat erstens den Zweck, den alle Doktorarbeiten haben &#8211; n\u00e4mlich zu beweisen, da\u00df der Verfasser besser ist als alle seine Vorg\u00e4nger und sauberer gearbeitet hat. Dar\u00fcber hinaus aber verfolgt diese Arbeit ein im Wissenschaftsbetrieb durchaus ungew\u00f6hnliches Ziel: Sie will die Wahrheit ans Licht f\u00f6rdern.<\/p>\n<p align=\"center\"><b>2. Etymologische Untersuchungen<\/b><\/p>\n<p><strong>Die Aufgabe des wahren Wissenschaftlers ist es, Neues zu entdecken und Irrt\u00fcmer zu korrigieren<\/strong>.<\/p>\n<p>Umfangreiche Studien haben mich in die Lage versetzt, ein v\u00f6llig neues, erstmals korrektes Bild eines Gegenstandes zu entwerfen, der in der Geschichte der Menschheit eine viel umfangreichere Rolle gespielt hat, als die Zunft der sogenannten Historiker uns bisher glauben machen wollte. Deren Interesse hat sich niemals auf die wirklich wichtigen Dinge der Welt konzentriert, n\u00e4mlich auf die Genu\u00dfmittel. Stattdessen besch\u00e4ftigt sie sich mit l\u00e4stigen und unwichtigen Dingen wie Kriegen und sogenannten &#8222;gro\u00dfen Pers\u00f6nlichkeiten&#8220;.<\/p>\n<p>Ich dagegen, cand. phil. Kulle, pr\u00e4sentiere hiermit eine Untersuchung \u00fcber<\/p>\n<p align=\"center\"><b>Die Zigarre.<\/b><\/p>\n<p>Um sich dem Ursprung eines Gegenstandes zu n\u00e4hern, mu\u00df man die Sprache befragen, wenn andere Quellen nicht zur Verf\u00fcgung stehen. Es wird als bekannt vorausgesetzt, da\u00df die Zigarre ein verderbliches Gut ist, das dar\u00fcber hinaus nur zu seinem eigenen Verderben produziert wurde und wird: Es soll in Rauch aufgehen. Artefakte sind also nicht zu erhoffen, auch haben umfangreichste Forschungen bisher keine versteinerten Zigarren zutage gef\u00f6rdert.<\/p>\n<p><strong>Meine etymologischen Forschungen haben ergeben, da\u00df die Zigarre in Europa schon wesentlich fr\u00fcher verbreitet war, als bisher angenommen wurde.<\/strong><\/p>\n<p>Nach g\u00e4ngiger Lesart ist der Tabak ein urspr\u00fcnglich in der &#8222;Neuen Welt&#8220; endemisches Gew\u00e4chs, das im Zuge der Entdeckungen und Eroberungen des 15. und 16. Jahrhunderts\u00a0 seinen Weg nach Europa fand. Untersuchungen der indoeurop\u00e4ischen, germanischen und althochdeutschen Sprache zeigen jedoch, da\u00df die Europ\u00e4er schon schmauchten, als Kolumbus noch nicht gezeugt war.<\/p>\n<p>Zwar stammt das deutsche Verb &#8222;schmauchen&#8220; (rauchen, qualmen, behaglich Pfeife rauchen) erst aus dem 17. Jh., das altenglische &#8222;smeocan&#8220; (rauchen, r\u00e4uchern) dagegen deutet eine wesentlich \u00e4ltere Tradition an. Interessant hier auch das russische, also au\u00dfergermanische &#8222;sm\u00fbglyj&#8220; (dunkelh\u00e4utig). Hier l\u00e4\u00dft sich bereits eine Doppelbedeutung erkennen: eine Anspielung auf dunklen Rauch und das braune Deckblatt der Zigarre.<\/p>\n<p>Zigarre &#8211; die deutsche Sprache kennt viele W\u00f6rter, die mit &#8222;Zi-&#8220; anlauten. Welche aber sind mit &#8222;Zigarre&#8220; verwandt? Betrachten wir zun\u00e4chst das Verb &#8222;ziehen&#8220;. Bereits im 8. Jh. finden wir althochdeutsch &#8222;irziohan&#8220; (ziehen), mittelhochdeutsch ist &#8222;vol(le)ziehen&#8220; nachgewiesen (vollst\u00e4ndig ziehen, befriedigen, etwas bis zum Ende, zum Ziele f\u00fchren). Schon das sind eindeutige Hinweise darauf, da\u00df die Kunst des Zigarrenziehens und -rauchens im europ\u00e4ischen Mittelalter bekannt gewesen ist. Ebenso sollte &#8222;Zitze&#8220; (Saugwarze weiblicher S\u00e4ugetiere, Euter) hier nicht vergessen werden, das bereits im 8. Jh. als &#8222;tutto&#8220; nachgewiesen ist. Ohne uns in linguistische Belange einmischen zu wollen, vermuten wir, da\u00df es hier tats\u00e4chlich eine Ber\u00fchrung mit dem neuhochdeutschen &#8222;T\u00fcte&#8220; (spitzgedrehter Paperbeh\u00e4lter) gibt, einen eindeutigen Hinweis auf die Zigarre also. Darauf, da\u00df das Rauchen zumindest in vergangenen Zeiten durchaus positiv bewertet wurde, deutet das Wort &#8222;Zier&#8220;(ahd.: &#8222;zier\u00ef&#8220;) hin: Es steht f\u00fcr Sch\u00f6nheit, Schmuck und Zierart(sic!!).<\/p>\n<p>Was aber hat es nun mit der Zigarre selbst auf sich? Wollen wir den Etymologen glauben, dann ist das Wort sehr jung &#8211; es stammt aus der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jh. und bezeichnet eine fest gewickelte, mit einem Deckblatt umh\u00fcllte Rolle aus Tabakbl\u00e4ttern.<\/p>\n<p>Eine verd\u00e4chtige Jugend, nach allem, was wir bisher wissen! Eine zweifellos interessierte Jugend! Wer hat ein Interesse daran, die Zigarre historisch so jung zu machen, und wer war es, der tats\u00e4chlich zuerst an der Zigarre nuckelte?<\/p>\n<p>Eins nach dem anderen!<\/p>\n<p>Ein altes Volk von Tabakkonsumenten verr\u00e4t sich selbst, wenn auch nicht mit den Namen, die es sich selbst gibt. Die Sinti und Roma nennt der Mitteleurop\u00e4er &#8222;Zigeuner&#8220;, und damit ist ein Volk gemeint, das im 10. Jahrhundert aus Nordindien ausgewandert ist , sich nomadisierend durch zahlreiche Lande geschlagen hat und im 15. Jh. in Deutschland angekommen ist. Um pr\u00e4zise zu sein: Im Jahre 1417 betraten Zigeuner nachweislich deutschen Boden. Und wie nannten die Deutschen die Zigeuner? &#8222;Cig\u00e4wn\u00e4r&#8220;! Was hei\u00dft das anderes als Zigarrenraucher! Und das 75 Jahre vor der Entdeckung Amerikas!<\/p>\n<p>Auch die Kunst, Zigarren vor dem Altern und Austrocknen zu bewahren, ist in Europa l\u00e4nger bekannt, als die Schulweisheit wahrhaben will. Aus dem lateinischen &#8222;cista&#8220; (Kiste, Kasten) wurde im Mittelhochdeutschen &#8222;Zisterne&#8220;, gemeinhin \u00fcbersetzt mit &#8222;Sammelbeh\u00e4lter f\u00fcr Regenwasser&#8220;. Die urspr\u00fcngliche Bedeutung (feuchtklimatisierter Raum f\u00fcr die Aufbewahrung von Zigarren) ging mit dem Untergang des r\u00f6mischen Reiches verloren und mu\u00dfte der profanen Bedeutung weichen, die nur noch die Durstbefriedigung gelten lie\u00df.<\/p>\n<p>Es soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, da\u00df nicht nur positive, sondern auch negative Zeugnisse des Rauchens schon vor Jahrhunderten nachgewiesen werden k\u00f6nnen. Tabakgenu\u00df stimuliert, aber wie bei jeder Droge bringt der Entzug Suchterscheinungen mit sich. Auf dieses Ph\u00e4nomen weist das ebenfalls vom Nomen &#8222;Zigarre&#8220; abgeleitete Verb &#8222;zittern&#8220; hin, dessen Wurzeln schon im Indogermanischen und Germanischen auszumachen sind. &#8222;Hin- und herlaufen, herumschweifen, gesch\u00fcttelt werden, gro\u00dfe Angst haben&#8220; &#8211; was beschreibt dieses Verb anderes als die Gef\u00fchle dessen, der versucht, sich dem Tabakgenu\u00df zu entw\u00f6hnen?<\/p>\n<p>Wir stellen also folgendes fest: Es gibt zahlreiche etymologische Nachweise f\u00fcr Tabakgenu\u00df in Europa, die beweisen, da\u00df Tabak bereits vor der Entdeckung Amerikas in der alten Welt bekannt war und genutzt wurde. Die g\u00e4ngige These, Tabak sei eine Pflanze der neuen Welt, hat sich somit als falsch erwiesen. Die n\u00e4chste zu beantwortende Frage lautet demzufolge: Woher kommt der Tabak?<\/p>\n<p align=\"center\"><b>3. Geographische Befunde<\/b><\/p>\n<p align=\"center\"><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p>\u00a0Geographisch ist die \u201dNeue Welt\u201c vollkommen nikotinfrei &#8211; Landschafts- wie auch Siedlungsnamen geben keinerlei Hinweis auf Tabakanbau oder dessen Genu\u00df. Eigentlich h\u00e4tte dies allein Anla\u00df genug f\u00fcr seri\u00f6se Wissenschaftler sein m\u00fcssen, nicht weiterhin sklavisch die Dogmen der selbsternannten Historiographie nachzubeten, aber&#8230;nun ja, lassen wir das.<\/p>\n<p>Ich dagegen habe nach jahrelanger Atlasarbeit &#8211; der geneigte Leser beachte die Doppeldeutigkeit! &#8211; mit wahrhaft sensationellen Befunden aufzuwarten:\u00a0 Aller Wahrscheinlichkeit nach steht die Wiege des Tabaks in Nordindien, und von dort wurde sie nach Mittelasien getragen!<\/p>\n<p>Allen h\u00f6heren Lebewesen scheint gemein zu sein, da\u00df sie ihren Siedlungspl\u00e4tzen Namen geben, die mit der urspr\u00fcnglichen Beschaffenheit der Natur, mit den Berufen ihrer Bewohner oder mit in der Region vorrangig hergestellten Produkten konnotiert sind. Als Beispiele verweise ich auf \u201dBienenh\u00fcgel\u201c, \u201dFischerort\u201c und \u201dWachstal\u201c. Wie die B\u00e4ren, so halten es auch die Menschen (was, nebenbei bemerkt, ein Indiz daf\u00fcr ist, da\u00df es sich bei ihnen tats\u00e4chlich um h\u00f6here Lebewesen handelt, wenn auch etliche andere Indikatoren dagegen sprechen).<\/p>\n<p>In unserem Zusammenhang ist nat\u00fcrlich der Tabakanbau von Interesse. Die im folgenden pr\u00e4sentierten\u00a0 Forschungsergebnisse zeigen, da\u00df Tabakgenu\u00df seine Genese im Zigarrenrauchen hat.<\/p>\n<p>In der Ukraine, in der N\u00e4he Charkovs, liegt der Ort Zigailovka (50.38 N, 35.07 O). Acht L\u00e4ngengrade weiter \u00f6stlich finden wir im Wolgabebiet gleich zwei verr\u00e4terische Namen: Ciganski (47.57 N, 43.05 O) und Ciganak (51.47 N, 43.18 O). Schauen wir uns am Kaspischen Meer um, so finden wir Zigalgan (49.36 N, 50.46 O). Und, wie verbl\u00fcffend, auch noch weiter im Osten werden wir f\u00fcndig: Noch einmal steht Ciganak auf der Landkarte, diesmal in Mittelasien, ca. 300 km s\u00fcdlich von Karaganda (45.06 N, 73.58 O), und in der fernen Baikalregion liegt Zigalovo<\/p>\n<p>(54.48 N, 105,08 O). Einer sp\u00e4teren Forschungsarbeit sei es \u00fcberlassen zu untersuchen, inwieweit hier auch das St\u00e4dtchen Tabaco (13.23 N, 123.44 O) auf der Insel Luzon von Belang ist. Gegenw\u00e4rtig ist die Besiedelungsgeschichte der Philippinen noch kaum erforscht, und selbstverst\u00e4ndlich werde ich mich in dieser Arbeit nicht irgendwelchen Spekulationen hingeben.<\/p>\n<p>Nun, jetzt liegt doch alles auf der Hand! Welches Volk von Tabakbauern und Zigarrenrauchern kann allein f\u00fcr die Gr\u00fcndung dieser Siedlungen verantwortlich sein? Nat\u00fcrlich &#8211; die Sinti und Roma, die sogenannten \u201dCig\u00e4wn\u00e4r\u201c! Auf ihrer jahrhundertelangen Wanderung aus dem indischen Subkontinent heraus sind sie zun\u00e4chst nordw\u00e4rts, aber dann ostw\u00e4rts und westw\u00e4rts gezogen, und \u00fcberall haben sie die Kunst des Tabakbaus nicht nur praktiziert, sondern auch namentlich dokumentiert.<\/p>\n<p>Eine vorl\u00e4ufige Bilanz zeigt uns also, da\u00df sowohl die genannten linguistischen wie auch die geographischen Befunde eindeutig zeigen, da\u00df der Tabak in Europa bekannt war und in Zigarrenrauch aufging, bevor Amerika entdeckt wurde. Also gilt es jetzt die schwierigste Frage zu l\u00f6sen:<\/p>\n<p>Warum stellt die sogenannte anerkannte Wissenschaft dieses Faktum nicht korrekt dar?<\/p>\n<p align=\"center\"><b>4. Die Wahrheit &#8211; das Paulus-Prinzip<\/b><\/p>\n<p><b>Ein R\u00fcckgriff in die Geschichte ist notwendig, um die oben gestellte Frage zu beantworten<\/b><\/p>\n<p>Bekanntlich hat der italienische Abenteurer Christobal Colon die spanische K\u00f6nigin Isabella von Kastilien nur mit einer doppelten L\u00fcge dazu bewegen k\u00f6nnen, ihm drei armselige Schiffe auszur\u00fcsten: Er versprach ihr die Entdeckung des Seewegs nach Indien \u00fcber eine Westroute, und er verhie\u00df ihr gro\u00dfe Reicht\u00fcmer. F\u00fcr die erste L\u00fcge konnte er nichts, weil er der Landkarte Torricellis vertraute, aber die zweite Behauptung war nichts als Bluff &#8211; allerdings der entscheidende, denn Isabella brauchte Geld &#8211; wie alle gro\u00dfen Herren und Damen der Menschen nat\u00fcrlich zum Kriegf\u00fchren.<\/p>\n<p>Die \u201dIndianer\u201c, die dann schlie\u00dflich \u201dentdeckt\u201c wurden, h\u00e4tten Kolumbus und seine wilde Crew vermutlich lieber nicht zu Gesicht bekommen, und er sie auch nicht. Selbst aus seinen von reiner Goldgier geleiteten Tagebuchaufzeichnungen ist abzulesen, da\u00df er auf Kuba auf eine Kommune gl\u00fccklicher Menschen traf. Da sie aber just das nicht hatten, wonach es ihn gel\u00fcstete, nahm er auf die R\u00fcckreise mit, was ihm noch das attraktivste zu sein schien. Mit einem grippekranken Indianer und zwei reichlich zerzausten Papageien landete er in Spanien an &#8211; so jedenfalls lesen wir es bei Carpentier. Isabella war von der kl\u00e4glichen Pr\u00e4sentation nur wenig angetan und wahrte m\u00fchsam die h\u00f6fische Form. H\u00e4tte sie gewu\u00dft, was Kolumbus tats\u00e4chlich anschleppte, so h\u00e4tte sie ihn und seine gesamte Mannschaft mit Hilfe der Dominikaner umgehend auf den Scheiterhaufen geschickt.<\/p>\n<p>Kolumbus brachte die Syphilis, die Lues. Die Lustseuche. Ich bedaure zutiefst, dem von mir verehrten und von den meisten Menschen verkannten Literaten Oskar Panizza hier widersprechen zu m\u00fcssen: Zwar ist es eine sch\u00f6ne Idee, den Himmel das perfide und verlogene Menschengeschlecht mit der Syphilis strafen zu lassen, um es endlich bu\u00dffertig zu machen, aber diese Krankheit ist eindeutig irdischen Ursprungs. Amerikanischen Ursprungs.<\/p>\n<p>Bei den Menschen ist begriffliche Eindeutigkeit in der Sprache oft nur schwer zu finden. Dennoch m\u00fcssen die Menschen alles benennen. Dem au\u00dfenstehenden Beobachter verr\u00e4t diese Sucht nach Bezeichnung viel. Wie nannten die Menschen im 15. und 16. Jh. die Syphilis? Die Franzosen sprachen von der englischen Krankheit, die Engl\u00e4nder von der franz\u00f6sischen, die Deutschen benutzten beide Begriffe oder redeten auch von der italienischen Krankheit.<\/p>\n<p>Was ist auff\u00e4llig an dieser Namensbildung? Jede europ\u00e4ische Nation schob offenbar einer anderen die Schuld an der damals noch unheilbaren Seuche zu. Wir haben es zu tun mit einer Art umgekehrten Sankt-Florians-Prinzip: Hier geht es nicht darum, da\u00df ein anderer selbstverschuldetes oder naturgegebenes B\u00f6ses ausbaden soll, sondern darum, da\u00df die Verantwortung f\u00fcr die Existenz von \u00dcbel auf andere abgeschoben wird. Diesen Mechanismus, der nat\u00fcrlich auch die Setzung: \u201dIch bin unschuldig und mache alles richtig\u201c beinhaltet, nennt man das Paulus-Prinzip.<\/p>\n<p>F\u00fcr die von europ\u00e4ischem Denken gepr\u00e4gten Menschen ist das Paulus-Prinzip seit zwei Jahrtausenden ein wichtiger Mechanismus der Lebensbew\u00e4ltigung. Seit zwei Jahrtausenden? Nat\u00fcrlich &#8211; (der nach Ansicht des Vatikans heilige) Paulus (ca. 10 bis 64 u. Z.) ist der &#8211; unfreiwillige &#8211; Namenspatron dieses Prinzips. Es besagt ganz simpel Folgendes: \u201d Wir selbst haben immer recht und hatten schon immer recht. Die anderen haben schon immer alles falsch gemacht und machen noch immer alles falsch; sie sind demzufolge an allem schuld.\u201c Wir haben es hier zu tun mit einer ethischen Haltung, die typisch f\u00fcr Renegaten ist &#8211; wer einmal sein Damaskus erlebt hat, kann wohl nicht anders denken, ob er nun Saulus\/Paulus hei\u00dft oder Jossip Wissarionowitsch Dschugaschwili\/Stalin.<\/p>\n<p>Was alles, so mag sich der in wissenschaftlicher Lekt\u00fcre unge\u00fcbte Leser allm\u00e4hlich fragen, hat das mit Tabak zu tun? Gemach!<\/p>\n<p>Verfolgen wir die Kulturgeschichte des Tabaks bis in die Gegenwart. Wie unsere oben dargelegten Untersuchungen gezeigt haben, gibt es vor der Renaissance kaum Zeugnisse \u00fcber Tabakgenu\u00df in Europa, und soweit diese Zeugnisse vorhanden sind, werden sie von der offiziellen Wissenschaft geleugnet.<\/p>\n<p>Belegt ist dagegen, da\u00df der Tabakkonsum schon im 16. Jh. gro\u00dfe Ausma\u00dfe annimmt und vermutlich den vorherigen Genu\u00df um ein Vielfaches \u00fcbersteigt &#8211; f\u00fcr den Anbau klimatisch g\u00fcnstige Gegebenheiten in Amerika und die Nutzung von billigen Arbeitskr\u00e4ften &#8211; auch damals gab es schon Aspekte der Globalisierung, wenn auch noch unter Bedingungen der Sklavenhaltung &#8211; machten das m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Europa schwelgte im Tabak! Der Tabak befl\u00fcgelte den Fortschritt! W\u00e4re der Aufstieg Preu\u00dfens zu einer ernstzunehmenden europ\u00e4ischen Macht denkbar gewesen ohne das Tabakkollegium des Soldatenk\u00f6nigs? Freilich spielte in dieser Denkfabrik auch der Alkohol keine ganz geringe Rolle, aber das ist schon wieder ein Thema f\u00fcr eine andere Dissertation.<\/p>\n<p>Allerdings f\u00fchrte der Tabak auch zu \u00f6konomischen Krisen: Aus Gr\u00fcnden einer ausgewogenen Au\u00dfenhandelsbilanz verbot Friedrich II. von Preu\u00dfen seinen Untertanen entgegen landl\u00e4ufiger Meinung nicht nur den Kaffeekonsum, sondern auch den Tabakgenu\u00df.<\/p>\n<p>Andererseits konnte der Tabak auch kriegs- und souver\u00e4nit\u00e4tsentscheidend sein: Ohne die Einnahmen aus dem Tabakexport h\u00e4tten die Waffen, die f\u00fcr die Erringung der amerikanischen Unabh\u00e4ngigkeit gekauft werden mu\u00dften, wohl nicht finanziert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der Tabak befl\u00fcgelte den Fortschritt, aber vielen war der Fortschritt ein Dorn im Auge. Welcher paulinisch gepr\u00e4gte Mann wollte eine in ihrem Salon klug parlierende Dame erleben, die ihn wegen seiner Langweiligkeit ignorierte und ihr Vergn\u00fcgen stattdessen aus ihrem Intellekt bezog, beim Denken unterst\u00fctzt von einer Zigarre oder Zigarette? Welcher anst\u00e4ndige Ehemann konnte den Anblick eines Dandys ertragen, im kaum das Geschlechtsteil verh\u00fcllenden Beinkleid des 18. und 19. Jahrhunderts, mit allen Frauen flirtend und mit der Zigarre im Mundwinkel, die das deutlich machte, was seine Hose, die damals noch unaussprechliche, nur andeuten konnte?<\/p>\n<p>Und dann kamen die Mediziner. Kaum dem Status des Kurpfuschers entronnen, machten sie sich anheischig, die Welt &#8211; sie meinten nat\u00fcrlich die Menschheit &#8211; von allen \u00dcbeln zu kurieren. Schnell entdeckten sie den Tabak und schoben ihm alle m\u00f6glichen Ursachen f\u00fcr alle nur denkbaren Krankheiten in die Schuhe: Herzversagen, Kreislaufbeschwerden, absterbende Gliedma\u00dfen, atmungsunf\u00e4hige, krebsende Lungen: An allem waren angeblich Nikotin, Teer und Kondensat schuld.<\/p>\n<p>Die m\u00e4nnliche moralische und wissenschaftliche Elite Europas war sich also einig. Sie hatte den wahrhaft Schuldigen am Verfall des Abendlandes gefunden : den Tabak. (Wir abstrahieren hier davon, da\u00df zwischenzeitlich von dieser Elite immer mal wieder andere \u201dSchuldige\u201c gefunden worden sind, z. B. \u201ddie j\u00fcdische Rasse\u201c. Derartige Versuche haben sich aus Gr\u00fcnden, die hier nicht zu er\u00f6rtern sind, als kurzlebig erwiesen.)<\/p>\n<p>Wenn aber der Tabak das Grund\u00fcbel der &#8211; in den Augen der Menschen &#8211; zivilisierten Welt darstellt, dann darf er nat\u00fcrlich kein wesensm\u00e4\u00dfiger Bestandteil dieser zivilisierten Welt sein. Gem\u00e4\u00df dem Paulus-Prinzip mu\u00df er von au\u00dferhalb kommen. Wie praktisch, da\u00df es da die von Kolumbus entdeckten \u201dWilden\u201c gibt, die ihn angeblich schon vor seiner Ankunft kultiviert haben! Wen schert es da, da\u00df diese arme Pflanze in Amerika erst dann in gro\u00dfem Stil unter europ\u00e4ischer Regie von afrikanischen Sklaven angebaut wurde, als die urspr\u00fcnglichen Einwohner Amerikas schon erfolgreich ausgerottet waren? Meine wissenschaftlichen Kollegen anscheinend nicht&#8230;<\/p>\n<p>Eine letzte Frage bleibt. Tabak, im \u00dcberma\u00df konsumiert, zeitigt gesundheitliche Sch\u00e4den. Warum wird daraus nur die Folgerung gezogen, die Herkunft des Tabaks in einen fremden Weltteil zu verlegen? Warum wird Tabak nicht einfach verboten?<\/p>\n<p>Diese Frage h\u00e4ngt zusammen mit dem allen Philosophen wohlbekannten Dualismus von Erkenntnis und Interesse. Die Erkenntnislage scheint klar zu sein. Wie aber steht es mit den Interessen?<\/p>\n<p>In der heutigen Welt der heutigen Menschen gibt es f\u00fcr Interesse ein four-letter-word-Synonym: Geld. Wer also verdient an der Produktion, Verarbeitung und am Konsum von Tabak?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich Castros Cuba. Aber auch hier verweise ich auf ein m\u00f6gliches Thema einer interessanten k\u00fcnftigen Dissertation. Gegenstand dieser Arbeit ist nicht eine spezielle National\u00f6konomie, von Bedeutung sind hier internationale Konstellationen.<\/p>\n<p>Den banalen Hinweis auf die in allen mir bekannten L\u00e4ndern erhobene Tabaksteuer erspare ich mir und meinen Lesern.<\/p>\n<p>Wichtiger dagegen sind aus den Kellern des Vatikans stammende Forschungsergebnisse, die mir manche Beule (resultierend aus kleinen Scharm\u00fctzeln mit der Schweizer Garde und schlecht beleuchteten Kasematten) eingetragen haben. Ich fasse mich hier kurz, um Mittelsm\u00e4nner und Vertraute nicht zu gef\u00e4hrden. Soviel aber sei gesagt: Ich habe den Namen des Hauptaktion\u00e4rs aller gro\u00dfen internationalen Tabakkonzerne enth\u00fcllt! Auch wenn er sich gr\u00f6\u00dftenteils hinter Strohm\u00e4nnern verbirgt: Es ist die Bank des Vatikan!<\/p>\n<p>Falls mein Doktorvater und andrere geneigte Leser es nicht bemerkt haben sollten: Dieses ist die Kr\u00f6nung meiner Dissertation! Ich habe das Paulus-Prinzip am Beispiel des Tabaks bis zum Ende bewiesen, denn, anders als oben nur vorl\u00e4ufig vorgestellt, lautet dieses Prinzip vollst\u00e4ndig:<\/p>\n<p>\u201dWir sind unschuldig, die anderen sind an allem schuld, aber wir verdienen daran\u201c.<\/p>\n<p align=\"center\"><b>5. Nachwort<\/b><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p>1. Mehr ist dazu nicht zu sagen.<\/p>\n<p>2. Ich danke meiner Sekret\u00e4rin.<\/p>\n<p>3. Man bewerte meine Dissertation mit \u201dsumma cum laude\u201c.<\/p>\n<p>4. Zwei W\u00fcnsche habe ich noch:<\/p>\n<p>4.1. Ich h\u00e4tte gerne eine Assistentenstelle an der University of Seattle. Die dortige Umgebung k\u00f6nnte mir einen optimalen Lebensstil gew\u00e4hrleisten: morgens J\u00e4ger, nachmittags Honigsammler, und abends kritischer Kritiker.<\/p>\n<p>4. 2. Zur Vorbereitung meiner Habilitation mit dem Arbeitstitel \u201dDie ultimate, ganz allgemeine Relativit\u00e4tstheorie\u201c w\u00fcrde ich gerne an einem von Tussis n\u00e4chtlichen galaktischen Ausfl\u00fcgen teilnehmen.<\/p>\n<p align=\"center\"><b>6. Bibliographie<\/b><\/p>\n<p align=\"center\"><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Quellen 1 &#8211; 2001:<\/p>\n<p>Autopoiesis<b><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kulles Doktorarbeit \u00a0De rerum tabaccorum Inhalt: 1. Vorwort 2. Etymologische Untersuchungen 3. Geographische Befunde 4. Die Wahrheit &#8211; Das Paulus-Prinzip 5. Nachwort 6. 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