{"id":95,"date":"2002-11-04T17:07:02","date_gmt":"2002-11-04T15:07:02","guid":{"rendered":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/?p=95"},"modified":"2017-03-30T17:17:13","modified_gmt":"2017-03-30T15:17:13","slug":"11-september-2001","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/2002\/11\/11-september-2001\/","title":{"rendered":"11. September 2001"},"content":{"rendered":"<blockquote class=\"alignleft\"><p>B\u00e4rdel, Kulle und Manfred sa\u00dfen mitten auf dem Burro Pass.<\/p><\/blockquote>\n<p>Manfred war stolz darauf, dass er dabei sein durfte \u2013 seit ein paar Wochen tolerierten die beiden alten B\u00e4ren seine Teilnahme an ihren Morgenspazierg\u00e4ngen, und er nutzte die Gelegenheit, wann immer er Zeit hatte. <!--more-->Es war Anfang Juli, hoch oben in den LaSals.<br \/>\nUm sie herum wuchs dichtes Gras, zwischen dem sich mutig kleine Bl\u00fcmchen hervorwagten. Dicke Hummeln brummten um sie herum, und ab und zu war auch das noch tiefere Flugsummen eines Kolibris zu h\u00f6ren. In der N\u00e4he schien alles in Ordnung zu sein. Die gewohnte Fernsicht dagegen fehlte v\u00f6llig. Im Westen h\u00e4tten sie in der Ferne die San Juan Berge in Colorado sehen sollen und im Osten\u00a0 das Tal von Moab, das von roten Felsen umrahmt war. Stattdessen gab es nur grauen Dunst.<\/p>\n<p>\u201eIch finde, das sieht aus wie kalifornischer Smog!\u201c murrte B\u00e4rdel.<\/p>\n<p>Kulle wiegte skeptisch den Kopf. Seine wissenschaftlichen Studien hatten ihn bisher nicht dazu verf\u00fchrt, sich mit dem Smog in Kalifornien zu besch\u00e4ftigen, und so hielt er sich mit einem Kommentar ausnahmsweise vorsichtig zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u201eDas hier wird hoffentlich schneller vorbeigehen als die Luftverschmutzung in Kalifornien\u201c, meinte Manfred. \u201eBeim n\u00e4chsten Regen werden die Wald- und Buschbr\u00e4nde schw\u00e4cher werden, vielleicht sogar ganz gel\u00f6scht werden. Dann haben wir hier wieder die klare W\u00fcstenluft und den weiten Blick.\u201c<\/p>\n<p>Jetzt war Kulle hellwach. \u201eBein n\u00e4chsten Regen, nat\u00fcrlich, beim n\u00e4chsten Regen! Aber wann kommt der n\u00e4chste Regen? Wir haben hier im S\u00fcdwesten der USA die schlimmste D\u00fcrre seit Jahrzehnten, falls das noch niemand bemerkt haben sollte!\u201c<\/p>\n<p>Manfreds Ohren stellten sich auf, ein untr\u00fcgliches Zeichen daf\u00fcr, dass er sehr erregt war. Ihm konnte nun wirklich niemand vorwerfen, nicht \u00fcber aktuelle Ereignisse informiert zu sein, ihm nicht! Bevor er sich drohend aufrichten und damit gegen jegliche B\u00e4renetikette versto\u00dfen konnte, legte B\u00e4rdel ihm die Pranke auf die Schulter und dr\u00fcckte ihn sanft, aber sehr bestimmt in seine sitzende Position zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u201eWir haben das bemerkt, Kulle\u201c, sagte B\u00e4rdel v\u00f6llig beil\u00e4ufig. \u201eWir wissen auch, dass die Fl\u00e4chenbr\u00e4nde zum Teil von den Menschen, die sie bek\u00e4mpfen sollen, immer wieder angefacht und neu gelegt werden. Acht Dollar Stundenlohn als Feuerwehrmann oder \u2013frau ist f\u00fcr manchen armen Ami offenbar ein sehr verf\u00fchrerischer Judaslohn. Solange das Feuer brennt, verdienen sie daran.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWelch treffende Metapher!\u201c brummte Kulle vor sich hin.<\/p>\n<p>B\u00e4rdel sah Manfred an. Manfred sah B\u00e4rdel an. Beider Augenbrauen hoben sich und bildeten ein Fragezeichen. Seit wann dr\u00fcckte Kulle sich in literarischen Kategorien aus? Sie zuckten mit den Schultern, weil ihnen keine Antwort auf ihre Frage einfiel. Wahrscheinlich war die Frage auch nicht wichtig, beschlossen sie. Sie machten die Augen zu, um ein bisschen zu d\u00f6sen.<\/p>\n<p>In B\u00e4rdels Kopf wanderten die Gedanken und gingen ihre eigenen, ungesteuerten Wege. Nat\u00fcrlich \u2013 Kulle hatte schon einmal von Literatur gesprochen. Neruda hatte er erw\u00e4hnt. Das war vor fast einem Jahr.<\/p>\n<p>\u201eNichts wird mehr so sein, wie es war!\u201c murmelte er vor sich hin. Der Satz machte ihn hellwach, und er erinnerte sich. Der Satz war der wohl h\u00e4ufigste Kommentar zum 11. September des letzten Jahres.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum ersten Mal in seinem jungen Leben benutzte Manfred eine F\u00e4higkeit, \u00fcber die alle B\u00e4ren verf\u00fcgen, die sie aber nur im \u00e4u\u00dfersten Notfall aktivieren. Er sendete einen telepathischen Befehl aus:<\/p>\n<p>\u201eKommt alle her. Sofort!\u201c<\/p>\n<p>Die B\u00e4rengemeinde in den LaSals folgte der Aufforderung unverz\u00fcglich, und nat\u00fcrlich wussten alle, wohin sie zu gehen hatten. Der Subtext von Manfreds Botschaft war deutlich genug: Ich bin in der H\u00f6hle.<\/p>\n<p>Manfred sa\u00df vor seinem Laptop, und er hatte den Beamer aktiviert, den er vor wenigen Tagen \u201eakquiriert\u201c hatte, wie er formulierte. Alle, auch B\u00e4rdel, hatten es sich l\u00e4ngst abgew\u00f6hnt, Manfreds \u201aAkqusitionen\u2019 genauer nachzuforschen. Mochten die Quellen seiner Erwerbungen auch dunkel bleiben, alles, was er anschaffte, war f\u00fcr die Gemeinschaft mehr als n\u00fctzlich.<\/p>\n<p>Auf der gro\u00dfen Leinwand lief eine kurze Filmsequenz, immer und immer wieder. Ein Flugzeug steuerte direkt auf einen riesigen wei\u00dfen Hochhausturm zu und flog hinein, flog beinahe hindurch, ungef\u00e4hr 15 Stockwerke unter der Spitze. Wenig sp\u00e4ter schoss eine zweite Machine heran und nahm sich den Zwillingsturm daneben vor. Auch der verwandelte sich in Sekundenbruchteilen in ein flammendes Inferno.<\/p>\n<p>Den Ton hatte Manfred abgestellt.<\/p>\n<p>\u201eWow!\u201c sagte B\u00e4rdel beeindruckt und \u00e4rgerlich zugleich. \u201eGut gemacht, diese Szenen! Aber, mein Sohn, ein perfekt gestalteter Katastrophenfilm ist kein Grund, unsere telepathischen F\u00e4higkeiten zu missbrauchen! Ich spreche dir hiermit offiziell meine Missbilligung aus!\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas ist kein Katastrophenfilm, Papa. Das ist das World Trade Center in New York. Wir sehen eine Nachrichtensendung von CNN. Und wenn sie den Film noch einmal wiederholen, den sie gerade gezeigt haben, dann wirst du sehen, dass ein drittes Flugzeug in Washington D.C. auf das Pentagon gest\u00fcrzt ist.\u201c<\/p>\n<p>B\u00e4rdel hatte Probleme, diese Information zu verdauen, wie alle anderen B\u00e4ren auch, die inzwischen in der H\u00f6hle angekommen waren. Au\u00dferdem versp\u00fcrte er das Bed\u00fcrfnis, sich bei seinem Sohn wegen seines ungerechtfertigten Vorwurfs zu entschuldigen, aber er wusste nicht, ob eine Entschuldigung in Anbetracht der f\u00fcrchterlichen Verw\u00fcstung, deren Zeuge er gerade war, \u00fcberhaupt angebracht war und das Sterben, das er sah, nicht vielleicht relativieren w\u00fcrde. Also schwieg er\u00a0 unsicher und legte Manfred die Pranke auf die Schulter. Sein Sohn neigte den Kopf zur Pfote seines Vaters \u2013 er hatte verstanden.<\/p>\n<p>Es war sehr still in der H\u00f6hle. Immer und immer wieder lie\u00dfen die B\u00e4ren die lautlosen Bilder einer f\u00fcrchterlichen Zerst\u00f6rung \u00fcber sich ergehen, sahen, wie sich dunkle Rauchwolken zusammenballten, wie sich Flammen entwickelten. Sahen Menschen, klein wie Voodoopuppen, in den Tod springen, weil sie ihr von Feuer bedrohtes Leben nicht mehr ertragen konnten. Sahen schlie\u00dflich zwei riesige T\u00fcrme in sich zusammensacken, als seien sie perfekt gesprengt worden.<\/p>\n<p>\u201eWer macht denn so etwas?\u201c<\/p>\n<p>Del, der junge B\u00e4r, konnte sich nicht l\u00e4nger beherrschen. Nat\u00fcrlich war es gegen den B\u00e4renkodex, dass die Jungen sprachen, bevor die erfahreneren Alten geredet hatten, aber seine Gef\u00fchle waren st\u00e4rker als seine Erziehung.<\/p>\n<p>Da ihm Schweigen antwortete, fragte er noch einmal: \u201eWer macht denn so etwas?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDumme Menschen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch habe keine Ahnung.\u201c<\/p>\n<p>\u201eKommunisten?\u201c<\/p>\n<p>\u201eVielleicht waren die Piloten besoffen.\u201c<\/p>\n<p>\u201ePazifisten?\u201c<\/p>\n<p>\u201eQuatsch!\u201c<\/p>\n<p>Auf einmal redeten alle B\u00e4ren durcheinander, und ihrer \u00c4u\u00dferungen zeigten, dass B\u00e4ren manchmal auch nicht kl\u00fcger sind als Menschen.<\/p>\n<p>\u201eDel hat eine wichtige Frage gestellt, aber vielleicht nicht die richtige Frage. Anstatt wissen zu wollen, wer so etwas macht, also eine Frage zu stellen, die wir und vermutlich auch kein anderer im Moment beantworten kann, sollten wir wissen wollen, wer\u00a0 Gr\u00fcnde h\u00e4tte, so etwas zu machen.\u201c<\/p>\n<p>Kulle \u00e4u\u00dferte sich klug wie immer, aber wie so oft lie\u00df er auch eine gewisse leninistische Schulung durchblicken. Da kein anderer das Wort ergreifen wollte, konnte er ungehindert weitersprechen.<\/p>\n<p>\u201eDas World Trade Center und das Pentagon sind angegriffen worden. Zwei symbolische Ziele. Pentagon \u2013 das ist klar. Das US-amerikanische Verteidigungsministerium, das nie etwas anderes war als ein Kriegsministerium, ist wirklich wert, zerst\u00f6rt zu werden. In trauter Zusammenarbeit mit der CIA hat das Pentagon Menschenrechte und Demokratie mit F\u00fc\u00dfen getreten, nicht nur seit Jahrzehnten, sondern sogar seit Jahrhunderten. Nun gut, die CIA gibt es erst seit gut 50 Jahren, aber seitdem arbeiten Kriegsministerium und Geheimdienst perfekt zusammen. Nicht nur Kuba und Grenada und Panama und Nicaragua, alle mittelamerikanischen und viele lateinamerikanische Staaten k\u00f6nnen davon ein Lied singen. Nein, kein Lied, eine Elegie. Wie ihr wisst, halte ich viel von theoretischer Literatur und wenig von Dichtung, aber da ich gerade bei diesem Thema bin, muss ich doch zugeben, dass mich Nerudas \u201aCanto general\u2019 sehr beeindruckt hat. Dabei f\u00e4llt mir ein \u2013 heute ist doch der 11. September, oder? Am 11. September 1973 hat Pinochet in Chile mit der Hilfe der CIA geputscht und Salvador Allende gest\u00fcrzt \u2013 vielleicht ist es kein Zufall, dass diese Attentate gerade heute ver\u00fcbt worden sind? Und das World Trade Center kann man interpretieren als das Symbol f\u00fcr die \u00dcbernahme der Weltmacht durch die kapitalistischen USA mit anderen Mitteln als milit\u00e4rischen. Freier Welthandel, angeblich freier Welthandel \u2013 das bedeutet Massenelend, Massenarbeitslosigkeit, vielleicht Zusammenbruch nationaler \u00d6konomien, auf jeden Fall das Ende des Sozialstaates. Und&#8230;\u201c<\/p>\n<p>\u201eJetzt h\u00f6r doch mal auf!\u201c unterbrach B\u00e4rdel \u00e4rgerlich. \u201eWenn wir eine \u00d6konomievorlesung von dir wollen, werden wir dir rechtzeitig Bescheid sagen. Im Moment wollten wir eigentlich nur wissen, wer denn so etwas Schreckliches&#8230;\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein! Jetzt hast du Unrecht!\u201c Tumu dr\u00e4ngelte sich energisch aus dem Hintergrund nach vorne und nahm Kulle in den Arm. \u201eWenn wir wissen wollen, wer etwas gemacht hat oder h\u00e4tte machen k\u00f6nnen, sollten wir zuerst wissen, wer oder was das war bzw. ist, gegen das sich die Angriffe richten. Und in dieser Beziehung haben mir Kulles Aussagen eben geholfen. In den letzten Wochen habe ich ein bisschen soziologische Literatur gelesen, und ich denke, der Begriff \u201aModernisierungsverlierer\u2019, den ich da gelernt habe, trifft auf das zu, was Kulle meint. Wenn Modernisierung bedeutet, dass die Welt sich amerikanisiert, strukturell amerikanisch wird, dann ist jeder, der sich da nicht anpasst, ein Verlierer.\u201c<\/p>\n<p>\u201eGenau!\u201c Das war Kulle.<\/p>\n<p>\u201eDas verstehe ich nicht!\u201c Das war Del.<\/p>\n<p>\u201eIch auch nicht\u201c, murmelte B\u00e4rdel, aber so leise, dass es au\u00dfer ihm selbst niemand h\u00f6ren konnte.<\/p>\n<p>\u201eDu wei\u00dft doch, wie es hier rund um uns herum aussieht!\u201c sagte Tumu zu Del. \u201eDu warst doch heimlich in Moab und in Grand Junction, wie wir alle. Die Menschen m\u00fcssen arbeiten gehen, wie sie das nennen, sonst haben sie kein Geld und k\u00f6nnen sich nichts zu essen kaufen. Wenn sie also nichts gelernt haben oder in ihrem erlernten Beruf keinen Job finden, dann&#8230;\u201c<\/p>\n<blockquote class=\"alignleft\"><p>\u201e&#8230;dann verdienen sie ein bisschen Geld bei Mcdoof oder Burgerking, KFC oder Wendy\u2019s.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>unterbrach sie Del. Sein Verhalten war zwar sehr unerzogen, aber sachlich stimmte seine Aussage. Tumu merkte, dass sie den Faden verloren hatte, und verzichtete verunsichert darauf, Del wegen seines Benehmens zu r\u00fcgen. Kulle nutzte die Gespr\u00e4chspause nur zu gerne.<\/p>\n<p>\u201eDiese Welt ist in Unordnung, ziemlich sogar, und wenn ihr verstehen wollt, warum das so ist, dann m\u00fcsst ihr schon bereit sein, mir ein paar Minuten lang zuzuh\u00f6ren. Ganz ohne historischen Hintergrund geht das n\u00e4mlich nicht. Wollt ihr, oder wollt ihr nicht?\u201c<\/p>\n<p>Wortlos rutschten alle B\u00e4ren auf ihren herbstfetten \u00c4rschen in eine bequemere Position als bisher und sahen danach Kulle erwartungsvoll an.<\/p>\n<p>\u201eGut. Also, vor elf, zw\u00f6lf Jahren hat sich die politische Gro\u00dfwetterlage auf der Welt entscheidend ver\u00e4ndert. Vorher gab es jahrzehntelang den sogenannten Ost-West-Konflikt: Zwei Superm\u00e4chte, die USA und die Sowjetunion, waren miteinander verfeindet und bedrohten sich gegenseitig mit einem t\u00f6dlichen Arsenal von Atomwaffen. Und weil jede Supermacht wusste, dass sie einen Angriff der anderen nicht \u00fcberleben w\u00fcrde, nicht nur, weil die Menschen get\u00f6tet w\u00fcrden, sondern auch, weil dann alles kaputt und verseucht w\u00e4re, weil beide das wussten, haben sie gro\u00dfe Anstrengungen unternommen, keinen Krieg zu f\u00fchren. Sie haben sogar ihre Armeen darauf ausgerichtet, keinen Angriffskrieg zu f\u00fchren, sondern einen eventuellen Angriff abzuwehren. Sie haben\u2019s auch geschafft. Dass sie alles andere nicht geschafft haben, haben sie immer mit dieser Konfrontation begr\u00fcndet. Alles andere: Das sind der Hunger auf der Welt, die Armut, die Umweltverschmutzung, die Klimaver\u00e4nderung. Wenn erst mal der sogenannte Kalte Krieg vorbei sei, hie\u00df es damals, werde man diese wichtigen Probleme erfolgreich in Angriff nehmen.<\/p>\n<p>Seit 1989\/90 ist nur noch eine der beiden Superm\u00e4chte \u00fcbrig: die USA. Der Kalte Krieg ist vorbei. Und was hat sich ge\u00e4ndert? Viel.<\/p>\n<p>Leider viel.<\/p>\n<p>Die Armeen der USA und der mit ihr verb\u00fcndeten Staaten wie Dehland verfolgen als Ziel nicht mehr die Verteidigung des Landes und seiner Bev\u00f6lkerung, sondern die Verteidigung sogenannter \u201enationaler strategischer Interessen\u201c. Das hei\u00dft Angriffskrieg. Also darf man zum Beispiel den Irak angreifen, weil der kuwaitisches \u00d6l f\u00fcr sich beansprucht. Man darf ihn bis zum heutigen Tage so am Boden halten, dass die Bev\u00f6lkerung hungert, dass Kinder sterben.<\/p>\n<p>Wann heutzutage milit\u00e4risch eingegriffen wird, entscheiden die USA als F\u00fchrungsmacht der NATO. Vereinte Nationen? Organisation f\u00fcr Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa? Welche Rolle spielen die denn heute noch? Die USA versuchen ziemlich erfolgreich, diese internationalen Organisationen systematisch auszuhebeln.<\/p>\n<p>Die Seychellen und die Malediven fallen demn\u00e4chst als Urlaubsziele aus, weil sie vom Meer \u00fcbersp\u00fclt sind, und vielleicht wachsen bald bei uns zu Hause in Norddehland tats\u00e4chlich Palmen. Die Klimaver\u00e4nderung geht weiter, nicht zuletzt deshalb, weil die selbstherrlichen USA nicht geneigt sind, Vertr\u00e4ge abzuschlie\u00dfen, die sie in ihrer falsch verstandenen Freiheit einschr\u00e4nken k\u00f6nnten. Das gilt nicht nur f\u00fcr den Ausstieg aus dem Kyoto-Protokoll, sondern auch f\u00fcr andere Bereiche: Die USA sind nicht gegen die \u00c4chtung von Landminen, sie verzichten nicht auf biologische Waffen, sie sind nicht bereit zu Teststop-Vereinbarungen f\u00fcr Atomwaffen. Sie entwickeln sogar gerade eine neue Milit\u00e4rdoktrin, die den Ersteinsatz von Atomwaffen vorsieht. Und damit das nicht so auff\u00e4llt, haben sie neuerdings Mini-Nukes, niedliche kleine Atomb\u00f6mbchen, die angeblich gar nicht so schlimm sind. Die Liste ist verl\u00e4ngerbar.\u201c<\/p>\n<p>Kulle wischte sich die Augen. \u201eHat jemand dazu eine Frage?\u201c<\/p>\n<p>Niemand meldete sich. Manfred hatte Kulle w\u00e4hrend seines improvisierten Vortrages n\u00e4mlich unterst\u00fctzt, darin war er inzwischen perfekt. Er entlockte dem Laptop auf seinem Scho\u00df, \u00fcbrigens immer noch demselben, den im letzten Jahr der radfahrende Tourist in Moab so ungl\u00fccklich verloren hatte<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><a name=\"_ftnref1\"><\/a>, Bilder und andere Informationen, die Kulles Aussagen unterf\u00fctterten.<\/p>\n<p>\u201eIch habe keine Frage\u201c, sagte Del. \u201eAber nach dem, was du jetzt erz\u00e4hlt hast, habe ich eine Vermutung. Eine Vermutung, wer Gr\u00fcnde gehabt h\u00e4tte, diese Anschl\u00e4ge zu ver\u00fcben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eVorlaute Jugend! Unversch\u00e4mte Jugend!\u201c emp\u00f6rte sich ein alter B\u00e4r. \u201eNat\u00fcrlich haben wir alle eine Vermutung, nach dem, was Kulle gesagt hat. Die Modernisierungsverlierer, wie Tumu sie genannt hat, haben Gr\u00fcnde, die USA anzugreifen. Sie nutzen die Tatsache, dass moderne Gesellschaften sehr verwundbar sind.\u201c<\/p>\n<p>Dels Schnauze verf\u00e4rbte sich, das dunkle Braun verwandelte sich in Schwarz. Er sch\u00e4mte sich.<\/p>\n<p>\u201eNa ja&#8230;\u201c B\u00e4rdel wiegte nachdenklich den Kopf. \u201eImmerhin d\u00fcrfte dieses Unternehmen nicht ganz billig gewesen sein. Es ist doch logisch, dass die Terroristen und nicht die eigentlichen Piloten die Maschinen in die Ziele hineingesteuert haben, oder? Dazu mussten sie ausgebildet sein. In dem Unternehmen stecken viel Zeit und viel Logistik. Also viel Geld.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNat\u00fcrlich. Aber es gibt Modernisierungsverlierer, die Geld haben. Manche von ihnen geben ihr Geld aus f\u00fcr den Kampf gegen die USA oder f\u00fcr den Kampf gegen den Feind irgend einer Religion, was letztlich auf das Gleiche hinausl\u00e4uft.\u201c Tumu machte eine Pause, um nachzudenken. Schlie\u00dflich sagte sie leise: \u201eIrgend einer von beiden, die USA\u00a0 oder die Terroristen, k\u00f6nnte es schaffen, den Dritten und letzten Weltkrieg loszutreten.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kulle und Manfred hatten B\u00e4rdels Satz wohl geh\u00f6rt und waren ebenso wach wie er.<\/p>\n<p>\u201eMan k\u00f6nnte\u00a0 auch sagen, dass sich nichts ge\u00e4ndert hat\u201c, sp\u00f6ttelte Kulle. \u201eDie internationalen B\u00f6rsen funktionieren wieder, sogar besser als in den Jahren zuvor, weil viele Spekulationsblasen geplatzt sind. Und die Menschen sind so bl\u00f6d wie eh und je.\u201c<\/p>\n<p>\u201eMan k\u00f6nnte auch sagen, dass sich viel ge\u00e4ndert hat\u201c, erwiderte Manfred.<\/p>\n<p>B\u00e4rdel nickte seinem Sohn anerkennend zu \u2013 Manfred fing augenscheinlich an, sich rhetorische F\u00e4higkeiten anzueignen.<\/p>\n<p>\u201eDas, was Kulle uns am 11. September im letzten Jahr erz\u00e4hlt hat, ist viel konkreter geworden. Die USA sind auf dem Weg, zu einer imperialistischen Weltmacht zu werden. Man braucht doch nur die Nachrichten zu verfolgen, um das zu begreifen.\u201c<\/p>\n<p>B\u00e4rdel schaute skeptisch drein \u2013 er versuchte seit Monaten mit bewundernswerter Z\u00e4higkeit, sich durch Kants \u201aKritik der reinen Vernunft\u2019 zu bei\u00dfen, und dabei hatte er so manches aktuelle Ereignis vers\u00e4umt. Kulle dagegen nickte begeistert, und so redete Manfred weiter.<\/p>\n<p>\u201eErstmal haben die USA in Afghanistan die Taliban und AlQuaeda plattgemacht \u2013 zumindest glauben sie das oder behaupten, das zu glauben. In Bonn hat danach die Petersberger Konferenz stattgefunden: Exotisch gewandete Warlords aus Afghanistan haben sich in Bonn getroffen und einen Pr\u00e4sidenten ausgeguckt, der keiner der ihren ist \u2013 clever von ihnen, denn einer, der kein Warlord ist, hat auch keine Macht. Richtig \u201edemokratisch\u201c haben sie, n\u00e4mlich dieselben und einige ihrer Vasallen, dann den politisch machtlosen, aber offensichtlich \u00fcber Geld verf\u00fcgenden Hamid Karsai in einer traditionellen Loya Jirga in Kabul best\u00e4tigt. Apropos Geld: Die Anz\u00fcge des Herrn Pr\u00e4sidenten sind wirklich Spitze!\u201c<\/p>\n<p>Manfred sah B\u00e4rdel und Kulle unsicher an. Es war das erste Mal, dass er sich an einer politischen Analyse versuchte, und er wusste sehr wohl, dass er einer j\u00fcngeren Generation angeh\u00f6rte als sie und dadurch in der b\u00e4rischen Denkweise unterlegen war. Aber er konnte beruhigt weiterreden \u2013 sein Vater wiegte neutral den Kopf, und Kulle nickte immer noch begeistert.<\/p>\n<p>\u201eHamid Karsai \u201aregiert\u2019 also in Kabul, und die Amerikaner kontrollieren das Land? Kaum: Als Reaktion darauf, dass US-Einheiten beschossen wurden, schickte\u00a0 die US-Army vor ein paar Tagen<a title=\"\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a><a name=\"_ftnref2\"><\/a> eine sogenannte\u00a0 intelligente Bombe los, die so \u201aintelligent\u2019 war, als Ziel eine Hochzeitsgesellschaft zu finden und 200 Zivilisten zu killen. Die eigentlichen Herrscher in Afghanistan sind nach wie vor die Kriegsherren, und die brauchen Geld. Am schnellsten Geld machen k\u00f6nnen sie durch den Anbau von Mohn. Aufbau einer funktionsf\u00e4higen Infrastruktur? Fehlanzeige!<\/p>\n<p>Und was machen die USA\u00a0 mit denjenigen, die sie f\u00fcr Terroristen halten und die sie lebendig erwischen? Man bringt sie gefesselt nach Guantanamo und h\u00e4lt sie gefesselt auf Guantanamo in K\u00e4figen fest wie Tiere, und man verweigert ihnen einen Prozess nach strafrechtlichen Kriterien. Stattdessen offeriert man ein Milit\u00e4rtribunal. \u00dcbrigens Prozess: Es gibt jetzt einen Internationalen Strafgerichtshof, eingerichtet und beschlossen von den UN, der\u00a0 Kriegsverbrechen ahnden soll. Die USA fordern definitiv, dass Angeh\u00f6rige der US-Army nicht vor dieses Gericht gestellt werden d\u00fcrfen. Falls das doch geschehe, drohen sie mit dem R\u00fcckzug aus UN-Missionen wie denen in Serbien und Mazedonien.\u201c<\/p>\n<p>Kulle sah aus, als k\u00f6nnte ihm gleich der Kopf abfallen, so begeistert nickte er unverdrossen immer noch. \u201eDas war eine sehr gelungene Analyse. Aber: Die Philosophen haben die Welt immer nur verschieden interpretiert, es k\u00f6mmt drauf an, sie zu ver\u00e4ndern! Was folgt aus alledem?\u201c<\/p>\n<p>Manfred z\u00f6gerte, aber dann wagte er doch zu antworten. Er hatte individuell gehandelt, also unb\u00e4risch. Aber er hatte dem Drang zu handeln nicht widerstehen k\u00f6nnen. Die Bemerkung seiner Mutter am 11. September des letzten Jahres hatte viel dazu beigetragen: \u201aIrgend einer von beiden, die USA\u00a0 oder die Terroristen, k\u00f6nnte es schaffen, den Dritten und letzten Weltkrieg loszutreten.\u2019<\/p>\n<p>\u201eAus alledem folgt, dass diese Welt Bewohner braucht, die sie ver\u00e4ndern. 30000 Menschen in \u00fcber 80 L\u00e4ndern der Welt haben sich dazu bisher zusammengeschlossen. Seit ein paar Tagen geh\u00f6rt auch ein B\u00e4r dazu \u2013 aber das wissen die Menschen nicht. Ich bin Mitglied von Attac.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a><a name=\"_ftn1\"><\/a> Siehe: <a href=\"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/2000\/04\/mountainbiking-in-moab\/\">Mountainbiking in Moab<\/a><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a><a name=\"_ftn2\"><\/a> am 1.7. 2002<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>B\u00e4rdel, Kulle und Manfred sa\u00dfen mitten auf dem Burro Pass. Manfred war stolz darauf, dass er dabei sein durfte \u2013 seit ein paar Wochen tolerierten die beiden alten B\u00e4ren seine Teilnahme an ihren Morgenspazierg\u00e4ngen, und er nutzte die Gelegenheit, wann immer er Zeit hatte.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":97,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_crdt_document":"","footnotes":""},"categories":[10,4],"tags":[],"class_list":["post-95","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-baerdel","category-baerdel2"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/95","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=95"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/95\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":538,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/95\/revisions\/538"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=95"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=95"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kayalbert.de\/baerdel\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=95"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}